Baccara Collection Band 483

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FLITTERWOCHEN MIT VERSPÄTUNG von J. MARGOT CRITCH

Die spontane Hochzeit mit Daisy in Las Vegas war ein Fehler! Aber bis heute hat Tech-Tycoon Wes Hardwell sie nicht annulliert. Als er die schöne Tierärztin jetzt wiedersieht, hat er zwei Möglichkeiten: die Scheidung zu verlangen – oder den vermeintlichen Fehler auszukosten …

UNSTERBLICH WIE UNSERE LIEBE von TERI WILSON

„Hallo, Darling.“ Bei den Worten des attraktiven Mannes ist Tabitha einer Ohnmacht nah! Denn vor ihr steht West Fortune, den sie für tot hielt. Wie kann das sein? Er schneit in ihr Leben, als sei nichts gewesen. Und in das Leben ihrer Zwillinge, von denen er noch nichts weiß …

ZWISCHEN VERLANGEN UND GEFAHR von JANICE KAY JOHNSON

Irgendwer im Police Department ist bestechlich: Reporterin Alexa wittert eine große Story. Nur einem der Cops traut sie bedingungslos: Lieutenant Matthew Reinert. Beschützt er sie während ihrer Nachforschungen, weil es sein Job ist? Oder hat er einen viel persönlicheren Grund?


  • Erscheinungstag 19.04.2025
  • Bandnummer 483
  • ISBN / Artikelnummer 0855250483
  • Seitenanzahl 384

Leseprobe

J. Margot Critch

1. KAPITEL

„Ich habe es dir doch schon gesagt, Bryant. Die nächsten sechs Monate bin ich nicht im Büro“, erklärte Wes Hardwell und bedauerte ein wenig den ungeduldigen Tonfall, den er gegenüber seinem Geschäftspartner am Telefon anschlug. Während des Gesprächs bahnte er sich einen Weg durch die Menschenmenge in der Lobby des Las Vegas Boulevard Hotels, in dem er die Woche verbracht hatte.

Bryant, der sich augenblicklich auf der anderen Seite der Erdkugel befand, schien Wes’ Temperamentsausbruch nicht sonderlich zu bekümmern. „Dann hast du es also ernst gemeint?“

„Habe ich jemals was getan, was ich nicht ernst gemeint habe?“

„Na ja, normalerweise fliegst du nur nach Texas, wenn du unbedingt musst. Wie zum Beispiel für die Verlobungsfeier deines Großvaters.“

Bryant konnte nicht wissen, dass das, was auf dieser Feier passiert war, nur einer der Gründe dafür war, das Wes für längere Zeit in seiner Heimatstadt Applewood in Texas blieb. Im kleinen Städtchen Applewood betrieb die Familie Hardwell eine der größten und profitabelsten Ranches des Landes.

Alle Hardwells hatten sich anlässlich der Verlobung von Wes’ Großvater Elias mit seiner zukünftigen zweiten Ehefrau Cathy versammelt, als der alte Herr mit einem Löffel gegen sein Champagnerglas gestoßen hatte.

„Aus diesem Grund werde ich die Hardwell Ranch in Zukunft den fähigen Händen meiner Enkel anvertrauen“, hatte sein Großvater Elias verkündet. „Allerdings müssen sie zuvor eine Bedingung erfüllen“, fuhr er fort. „Jeder von ihnen muss für einen Zeitraum von sechs Monaten nach Applewood zurückkehren, auf dem Land arbeiten und beweisen, dass er es wert ist, von dieser Ranch und ihren Erträgen zu profitieren.“ Seinem Großvater war es stets ein Dorn im Auge gewesen, dass seine eigenen Kinder sich nicht dem Familienbetrieb zugewandt, sondern ihre berufliche Erfüllung in anderen Bereichen gefunden hatten. Nachdem er sich ihren Segen geholt hatte, hatte Elias beschlossen, seine Enkel für die traditionsreiche Farm begeistern zu können, damit sie weiterhin von den Hardwells betrieben wurde. Wes wusste, dass sein Großvater auf diese Weise zwei Fliegen mit einer Klappe schlug: Auf der einen Seite konnte er seine neue Ehefrau glücklich machen, die sich nach dem gemeinsamen Ruhestand mit ihm sehnte, und auf der anderen würde er weiterhin das Sagen in Geschäftsangelegenheiten haben.

Nachdem sowohl sein Bruder, sein Vater als auch sein Großvater angezweifelt hatten, dass Wes zur Ranch zurückkehrte, war es sozusagen zu einer Art Ehrensache für ihn geworden. Er stand seiner Familie nicht besonders nah und bereute die Fehler, die er als Teenager begangen hatte. Zu gern wollte er dafür bei der Ranch, seiner Familie und seiner Vergangenheit Wiedergutmachung leisten.

Laut lachte Bryant los. „Du willst also wirklich dorthin zurück? Willst du einen Gehaltsscheck abholen, weil du beim Würfelspiel in Las Vegas so viel Geld verloren hast?“

Zwar musste Wes auch lachen, doch es war ihm nicht wohl dabei. Seine Ausflüge in das Casino des Hotels waren nicht besonders ertragreich gewesen. „Es geht nicht ums Geld, aber ich habe mir Gedanken gemacht. Schließlich bin ich ein Hardwell, und die Ranch ist mehr als nur ein Teil meines Namens.“

Wes und seine Brüder waren in High Pine, der Nachbarstadt von Applewood aufgewachsen, wo ihr Vater ein Krankenhaus leitete. Damals hatten alle große Hoffnungen in Wes’ kleinen Bruder Garrett gesetzt, der sowohl bei Elias auf der Ranch als auch in der Gemeinde geholfen hatte, wo er konnte. Wes hingegen hatte das alles angeödet, und er hatte das getan, was die meisten gelangweilten Teenager taten – er hatte rebelliert. Er hatte die Schule geschwänzt und Partys veranstaltet, auf denen der Alkohol in Strömen floss. Gemeinsam mit einem Freund hatten sie sogar das Auto ihres Mathelehrers gestohlen und damit eine Spritztour auf der Landstraße unternommen.

Als er es zu bunt getrieben hatte, hatte sein Vater ihn schließlich auf die Ranch geschickt, wo er bei Elias leben sollte. Er hoffte, dass sein Sohn inmitten von harter Arbeit und der Schönheit der Natur wieder Boden unter die Füße bekam. Leider ging der Plan nicht auf, obwohl er zumindest in der Schule weiterhin gute Noten hatte. Doch auch Applewood hatte ihn nicht bändigen können. Für die Arbeit auf der Farm interessierte er sich nicht im Geringsten und wurde stattdessen wie eine Motte von dem Licht einer Gruppe junger Unruhestifter angezogen. Zu allem Überfluss hatte ein von ihm unüberlegt fortgeworfener Zigarettenstummel einige Heuballen entzündet, die um ein Haar die Ranch ein Opfer der Flammen hätten werden lassen können.

Das war der Wendepunkt in seinem Leben gewesen. Mit dem Ärger seiner Familie konnte er umgehen, doch die Enttäuschung im Gesichtsausdruck seines Großvaters hatte ihn tief getroffen. Seit diesem Tag hatte er alles darangesetzt, etwas aus sich zu machen. Nach der Schule begann er, an einer Elite-Uni in England zu studieren, wo er schließlich Bryant kennenlernte. Gemeinsam gründeten sie ein Unternehmen für Kommunikationstechnologie, das sie beide überaus erfolgreich führten.

„Und was ist mit der Arbeit?“, meldete sich Bryant zu Wort.

„Darüber habe ich mir schon Gedanken gemacht. Das sollte kein Problem sein. In den nächsten drei Monaten bereite ich alles für meinen Weggang aus London vor, bevor ich für ein halbes Jahr nach Texas fliege, um meine Zeit auf der Ranch abzuleisten. Die unterschiedlichen Zeitzonen zwischen London und Texas könnten die Sache ein bisschen kompliziert machen, aber es ist ja nicht so, dass ich in den Regenwald ziehe“, sagte er. „Auch in Applewood gibt es Internet. Wir können telefonieren, mailen, und Videokonferenzen abhalten. Wir bleiben in Kontakt.“

„Dann ziehst du das wirklich durch?“

„Ja, ich muss das einfach tun.“ Obwohl Wes nichts mit den Geschäften auf der Ranch zu tun hatte, hatte er das Gefühl, etwas wiedergutmachen zu müssen. Seine Familie hatte seine Ausbildung finanziert, die ihn dorthin gebracht hatte, wo er heute war. Auf das Geld war er durch seinen eigenen beruflichen Erfolg nicht angewiesen, aber es war eine Herzensangelegenheit, sich auf der Hardwell-Ranch zu engagieren.

„Tja, wenn es so ist, dann unterstütze ich dich natürlich und kümmere mich so lange hier um alles“, meinte Bryant.

„Danke dir. Das weiß ich wirklich sehr zu schätzen.“

„Vielleicht nehme ich mir mal ein Wochenende frei, um dir beim Schuften zuzusehen.“

Unwillkürlich zuckte Wes zusammen. Sein Bruder Garrett und sein Vorarbeiter Dylan würden ihn bestimmt nicht mit Samthandschuhen anfassen. Doch das Haupthaus war überaus stilvoll und luxuriös eingerichtet, sodass es Bryant nicht an Annehmlichkeiten mangeln würde. „Ja, mach das. Vielleicht bringen wir dich ja sogar dazu, deinen faulen Hintern zu bewegen.“

„Wohl kaum.“ Bryant lachte. „Die Plackerei überlasse ich dir.“

„Daran zweifle ich nicht.“

„Und was ist mit dir? Lässt du es dir gerade in Vegas gutgehen?“

Wes blieb stehen und lehnte sich an eine Marmorsäule. Er nahm in Las Vegas gerade an einer Konferenz über grüne Technologien teil, und er hatte erstaunliche Einsichten gewonnen, wie viel ihr Unternehmen für Kommunikationstechnologie dazu beitragen konnte, die Umwelt zu schützen. Er freute sich schon darauf, nach London zurückzukehren und sein Wissen zu teilen.

„Die Konferenz ist sehr aufschlussreich“, sagte er. „Es ist wirklich ein Jammer, dass du nicht dabei sein kannst. Ich schicke dir meine Aufzeichnungen von heute zu.“

„Das wäre ganz großartig.“

„Und ich habe einen guten Kontakt zum CEO und Vorstand von TotalCom geknüpft.“

„Wirklich? Fantastisch.“ TotalCom war ein bedeutender internationaler Player im Bereich der Telekommunikation, und Wes hatte gehofft, mit dem CEO sprechen zu können.

„Ja, das kann man sagen. Nächstes Jahr plant der Vorstand von TotalCom eine Europareise. Ich werde ein Meeting organisieren, wenn sie da sind.“

„Das sind ja wirklich gute Neuigkeiten. Für Networking bist du schließlich auch nach Las Vegas geflogen.“

„Und genau das mache ich hier. Ich bin jetzt auf dem Weg auf mein Zimmer und werde …“ Bevor er seinen Satz beenden konnte, blickte er auf und sah nur wenige Schritte von sich entfernt eine Frau an der Bar sitzen. Sie hob gerade ein Martiniglas an die Lippen, und Wes kam es so vor, als kenne er sie aus Applewood. Das war doch nicht möglich, oder? Das wäre wirklich ein ungeheurer Zufall. Doch er sah noch einmal genauer hin. Das konnte sie vielleicht doch sein … …

In diesem Moment drehte sie sich um, und er erkannte, dass er sich nicht getäuscht hatte. Diese Frau würde er überall erkennen. Daisy Thorne, Applewoods Tierärztin und die schönste Frau, der er jemals begegnet war. Was mochte sie wohl nach Vegas verschlagen haben – ausgerechnet jetzt und ausgerechnet in dieses Hotel? Zwar saß sie allein an der Bar, doch er bezweifelte, dass sie allein in der Stadt war. Bestimmt wartete sie auf ihre Verabredung – ihren Freund oder Mann.

Sie trug ein kurzes schwarzes Kleid, dessen tiefer Ausschnitt ihr wundervolles Dekolleté fantastisch in Szene setzte. Ihre schwarzen Pumps hatten mörderisch hohe Absätze, und ihr Outfit passte so gar nicht zu Jeans und Flanellhemd, in das sie bei ihrem Besuch auf der Ranch gekleidet gewesen war, als Wes sie das letzte Mal bei einem Hausbesuch gesehen hatte. Und es war noch spektakulärer als das lange, formelle Kleid, das sie als Trauzeugin seiner Schwägerin Willa getragen hatte. Er beobachtete, wie sie die langen, wohlgeformten Beine überschlug.

Bevor Wes es sich anders überlegen konnte, ging er auf sie zu. „Ich rufe dich später noch mal an“, erklärte er Bryant und verstaute sein Handy in der Innentasche seines Sakkos. Auch wenn Daisy mit einem Mann hier war, würde er sie ansprechen. Es war ja schließlich nichts dabei, wenn er einer Frau aus seiner Heimatstadt Hallo sagte.

Normalerweise war er nicht der Typ, der weibliche Wesen ansprach, die allein in einer Bar saßen. Doch um nichts auf der Welt wollte er sich die Gelegenheit entgehen lassen, ein paar Worte mit dem zauberhaftesten Geschöpf seines Heimatortes zu wechseln. „Hallo. Ich glaube, wir kennen uns.“

Sie drehte sich zu ihm um, und an ihrem Stirnrunzeln konnte er erkennen, wie verwirrt sie war, von einem Wildfremden angesprochen zu werden. Prüfend betrachtete sie sein Gesicht, während sie offensichtlich versuchte, Wes einzuordnen. Plötzlich veränderte sich ihr Gesichtsausdruck, und sie begann zu lächeln. „Wes“, stieß sie verblüfft hervor. „Was machst du denn hier? Wie geht es dir?“

„Gut“, erwiderte er. „Und dir?“

„Auch gut. Mensch, es ist schon eine Weile her, dass wir uns gesehen haben.“

„Ja, zum letzten Mal haben wir uns bei der Hochzeit von Willa und Garrett gesehen. Du weißt ja, dass ich nicht so oft in Applewood bin.“ Obwohl sie bei seinem letzten Aufenthalt in Applewood nicht miteinander gesprochen hatten, war sie ihm aufgefallen, und er hatte den Blick nicht von ihr abwenden können. Offenbar hatte sie ihn auch bemerkt.

„Kein Wunder, wenn man bedenkt, was für ein Stadtmensch du geworden bist.“

Lächelnd stützte er einen Ellenbogen auf dem Tresen ab und sah Daisy in die Augen, bemüht, den Blick von ihrem verführerischen Ausschnitt fernzuhalten. Er deutete auf einen leeren Stuhl neben ihr. „Was dagegen, wenn ich mich setze?“

„Natürlich nicht“, entgegnete sie und schob ihm mit einem Fuß den Stuhl herüber.

Als er sich neben sie setzte, streifte er zufällig mit einem Oberschenkel einen Fuß von Daisy. Sofort erfüllte ihn ein energetisches Prickeln, das er beharrlich zu ignorieren versuchte. „Es ist wirklich schön, dich wiederzusehen“, gestand er.

„Geht mir ganz genauso.“

„Was machst du in Las Vegas?“, wollte er wissen.

„Ich war auf einem tierärztlichen Symposium, aber heute war der letzte Tag. Ich dachte mir, warum nicht einfach noch ein paar Tage länger bleiben? Als kleine Auszeit sozusagen.“

„Die hast du dir bestimmt auch verdient.“ Der Barkeeper kam auf sie zu, und Wes bestellte einen Bourbon on the Rocks. „Nach dem, was ich in Applewood von dir höre, schwärmen alle Rancher in den höchsten Tönen von dir.“

Sie errötete leicht und wandte den Blick ab. „Ja, ich habe ziemlich viel zu tun. Und was machst du hier? Du lebst doch immer noch in London, oder? Dann bist du ziemlich weit weg von Zuhause.“

Der Barkeeper servierte den Drink, und Wes hob das Glas hoch. „Ich bin auch auf einer Fachtagung.“

„Was für Zufälle es gibt“, meinte sie. „Obwohl – wahrscheinlich gibt es in Vegas jedes Jahr Hunderte von solchen Veranstaltungen.“ Sie leerte ihr Glas und stellte es auf die Theke. Sofort war der Barkeeper zur Stelle.

„Darf ich dir noch einen spendieren?“, erkundigte Wes sich.

„Ich dachte schon, du fragst nie.“ Sie wandte sich an den Mann hinter dem Tresen. „Ich hätte gern ein Bier“, sagte sie. „Blue Moon, ohne Orangenscheibe bitte.“

„Keine Martinis mehr?“

Sie verzog das Gesicht. „Nein, ich wollte nur mal was Neues probieren.“ Sie zupfte am Saum ihres Kleides herum, und unwillkürlich fiel Wes’ Blick auf ihre Schenkel. „Ich wollte mal ein wenig glamouröser wirken.“ Sie seufzte. „Ich habe mir ein paar Kleider gekauft, meine Haare machen lassen und ein neues Make-up ausprobiert, aber ehrlich gesagt fühle ich mich total verkleidet.“

Leise lachend musterte er sie von Kopf bis Fuß. „Also, ich finde, du siehst wunderschön aus. Die Mühe hat sich also gelohnt.“

„Danke für das Kompliment.“

Der Barkeeper kehrte mit dem Bier zurück, und kurz darauf stießen Wes und Daisy miteinander an. Ihre Blicke trafen sich, und Wes wusste, dass Daisy an diesem Abend dasselbe wollte wie er.

„Wann kehrst du denn nach London zurück?“, erkundigte sie sich.

„Vermutlich morgen.“

„Vermutlich? Schade, dass du nicht länger bleiben kannst.“

In Gedanken hatte Wes bereits seinen Rückflug ein paar Tage nach hinten verschoben. Wahrscheinlich keine gute Idee, aber es wäre nicht das erste Mal, dass er etwas Unvernünftiges tat. „Ich denke, ich könnte mich dazu überreden lassen, noch ein bisschen länger zu bleiben.“

„Gut.“

Er rückte näher an sie heran, gerade so dicht, dass er einen Hauch ihres Parfums wahrnahm. Es war ein raffinierter Vanilleduft, der betörend weiblich war und ihn an einen warmen Sommerabend im Freien denken ließ. „Du bist also hier, um ein paar neue Sachen auszuprobieren? Was genau steht denn auf deiner Liste?“

„Ich weiß nicht genau“, antwortete sie lächelnd. „Eigentlich ist es keine richtige Liste. Ich bin in einer strengen Familie groß geworden und musste mich immer auf mein Studium und meine berufliche Karriere konzentrieren. Jetzt, wo ich mal ein paar Tage freihabe, möchte ich gern mal alle fünfe gerade sein lassen.“

„Und hast du schon eine Idee, wie du das anstellen willst?“

Sie strich sie mit einem Zeh über sein Bein – absichtlich, da war er sich ziemlich sicher. Die Berührung genügte, ihn vor Lust entflammen zu lassen. „Möglicherweise. Hast du denn eine Idee?“ Sie stellte ihr Glas zur Seite und stützte das Kinn auf den Handflächen ab.

Mit den Fingerspitzen strich er über ihren Unterarm und spürte, wie wundervoll weich ihre Haut war. Ursprünglich hatte Wes wirklich vorgehabt, auf sein Zimmer zurückzukehren, noch ein bisschen zu arbeiten und früh ins Bett zu gehen. Allerdings war jeder Funken Vernunft verflogen, seitdem er Daisys Haut berührt hatte. „Ich bin sicher, dass uns beiden was einfällt.“

Daisy atmete geräuschvoll ein und beugte sich zu Wes vor. Sie wusste, dass es eine schlechte Idee war, etwas mit Wes anzufangen. Doch je länger sie darüber nachdachte, desto verlockender erschien ihr die Vorstellung. Sie würden in Vegas eine unvergessliche Nacht erleben – oder vielleicht auch zwei Nächte – und dann würden sich ihre Wege trennen. Zumindest kannte sie Wes entfernt und wusste, wer seine Familie war. Sie würde nach Applewood zurückkehren und er nach London. Da er nur selten nach Texas kam, wäre es kein Problem, ihm aus dem Weg zu gehen.

Sie blinzelte und hoffte, dabei verführerisch aussah, befürchtete jedoch, dass es albern wirkte. „Ich muss dir gestehen, Wes, dass ich damals in dich verknallt war.“

Sein tiefes Lachen ließ sie wohlig erschauern. „Ach, was?“

Sie hatte tatsächlich für ihn geschwärmt. Als er nach Applewood gekommen war, waren sie Teenager gewesen. Er war der Rebell mit schlechtem Ruf gewesen und sie eine Pfarrerstochter. Das war nicht gerade eine ideale Verbindung. „Sieh dich doch mal an – wie hätte ich dir widerstehen können? Aber du hast nicht mal gewusst, dass es mich gibt.“

„Das stimmt nicht.“

„Ich bitte dich. Wann sind wir uns damals denn begegnet? Ich war so brav damals.“ Das stimmte. Als Tochter von konservativen Eltern war es ihr strikt verboten gewesen, sich mit Jungen zu treffen. Erst nachdem sie ihr Zuhause verlassen hatte, um an einer tierärztlichen Hochschule in einem anderen Staat zu studieren, hatte sie endlich Leute kennengelernt und Männer getroffen – leider nicht immer die von der guten Sorte. Ihre Erfahrungen mit Männern waren eher ernüchternd. Sie ahnte, dass sie dicht davor war, wieder einen Fehler zu begehen.

In diesem Moment legte er eine Hand auf ihr Knie, und die Berührung elektrisierte sie. „Wie wäre es dann mit jetzt? Unsere Wege haben sich heute Abend gekreuzt.“ Er beugte sich zu ihr vor, so dicht, dass seine Lippen ihr Ohr berührten. „Bist du denn immer noch so brav?“

Ihr stockte der Atem vor Erregung, und sacht drehte sie den Kopf, sodass sie fast den Bartschatten auf seinen Wangen spüren konnte. „Nicht immer.“

„Übernachtest du in diesem Hotel?“, fragte er mit heiserer Stimme.

„Ja.“

„Ich auch.“

„Warum gehen wir dann nicht rauf?“, schlug sie vor. „Wir könnten unsere Zimmer vergleichen.“

Einen Moment lang sahen sie einander stumm in die Augen. Die Geräusche des Casinos traten in den Hintergrund, als ihre Lippen die von Wes berührten.

Wes umfasste ihr Gesicht und erwiderte ihren Kuss voller Leidenschaft. Seine Lippen versprachen eine sinnliche Nacht, und Daisy wusste, dass Wes diese Versprechungen einlösen würde. Bevor sie sich inmitten der belebten Bar völlig gehen lassen würde, riss sie sich von Wes los. „Lass uns gehen.“

2. KAPITEL

Drei Monate später

Das Fell des Pferdes glänzte im Sonnenlicht, als Daisy die Stute streichelte. Im Gegenzug rieb das Tier behutsam seinen großen Kopf an ihrer Wange, während es an Daisys Ohr schnupperte.

„Tiere wissen irgendwie immer, wer ihnen helfen will“, bemerkte Garrett Hardwell. Daisy hatte nicht mitbekommen, dass der Ehemann ihrer besten Freundin sich hinter sie gestellt hatte. Allerdings wunderte sie sich nicht, denn nichts auf der Hardwell Ranch geschah ohne Wissen des Chefs.

„Marmalade ist wirklich etwas Besonderes“, sagte Daisy. „Sie ist so clever – viel cleverer als manche Menschen, die ich kenne. Sie weiß, dass wir ihr Leben gerettet haben.“ Schon immer hatte Daisy ein Händchen für Tiere gehabt, und deswegen hatte sie beschlossen, Tierärztin zu werden. Sie liebte Tiere, und diese Liebe wurde von ihnen erwidert.

Garrett lachte leise. „Wie macht sie sich?“, fragte er, und Daisy entging nicht, wie viel Hoffnung in seinen Worten mitschwang.

Sie strich über Marmalades samtige Nüstern. „Ich glaube, sie schafft es“, erwiderte sie. „Ihr Bein ist gut verheilt, und sie wird mit jeder Woche stärker. Ich empfehle, sie weiterhin behutsam spazieren zu führen und mit der Physiotherapie weiterzumachen. Sie darf noch nicht geritten werden, aber ich denke, es ist nur eine Frage der Zeit, bis auch das wieder möglich ist.“

Erleichtert atmete Garrett aus, während er die Stute sanft tätschelte. „Das sind gute Neuigkeiten, und das verdankt sie allein dir. Ich glaube, ohne dich wäre sie nicht mehr am Leben.“

Daisy lächelte. Worte wie diese entschädigten sie für die oftmals langen und arbeitsreichen Tage. „Ich habe nur getan, was ich konnte.“ Seit ihrem Uniabschluss arbeitete Daisy in Applewood und Umgebung, wo man ihr das Wohlergehen der zahlreichen Nutz- und Haustiere anvertraute. Doch die Genesung von Marmalade war eines der ergreifendsten Erlebnisse in ihrer bisherigen Karriere. Vor einigen Jahren hatte die Stute mit ihrer Hilfe das Licht der Welt erblickt und war danach auf der Hardwell Ranch zu einem Rennpferd ausgebildet worden. Während eines schicksalhaften Derbys im vergangenen Jahr hatte sich das Tier ein Bein gebrochen und sollte auf Wunsch des Besitzers getötet werden. Garrett hatte das zu verhindern gewusst und Marmalade wieder auf der Farm aufgenommen. Zusammen mit Garrett und seinen Mitarbeitern hatte Daisy der Stute zur Genesung verholfen und freute sich, dass das ehemalige Rennpferd nun sein restliches Leben auf der Ranch verbringen durfte.

„Gott sei dank bist du für sie da gewesen“, meinte Garrett.

Da Daisy immer verlegen wurde, wenn man sie lobte, sah sie zur Seite. „Du hast ihr Leben gerettet“, sagte sie und hob ihren Rucksack mit der medizinischen Ausrüstung auf. „Ich habe nur ihr Bein wieder in Ordnung gebracht.“

Ganz Gentleman nahm Garrett ihr die Tasche aus der Hand und schulterte sie. „Wie dem auch sei, wir wissen alle deine Arbeit zu schätzen.“

Während sie sich auf den Rückweg zum Haupthaus machten, vor dem sie geparkt hatte, lächelte Daisy. Genau das war der Grund, weshalb sie nach dem Studium nach Applewood zurückgekehrt war: Sie wusste, dass ihre Arbeit von nahezu jedem in der kleinen Stadt geschätzt wurde. Zu Garrett hatte sie schon immer einen guten Draht gehabt, doch seitdem ihre beste Freundin Wilma ihn geheiratet hatte, waren sie Freunde geworden.

„Hast du heute noch viel vor dir?“, erkundigte er sich, während sie gingen.

„Noch ein paar Farmen und Ranches, dann kehre ich in die Klinik zurück, wo noch ein paar Termine mit Haustieren warten. Allerdings kommen meine Leute auch ohne mich zurecht, falls ich mich verspäte.“

„Dann hast du ja einen ziemlich vollgepackten Tag.“

„Ja, so eigentlich jeden Tag“, gestand sie. „Und Nächte.“

„Willa hat mir erzählt, wie beschäftigt du bist.“

„Das stimmt.“ Sie machte keine Ferien, und das letzte Mal, dass sie fortgewesen war, war vor drei Monaten gewesen, als sie an der Konferenz in Las Vegas teilgenommen hatte. Sie dachte an die einwöchige Reise zurück, die professionell und super durchorganisiert begonnen hatte, doch dann ziemlich aus dem Ruder gelaufen war – und an allem war Garretts Bruder schuld.

„Hast du mal daran gedacht, noch einen Tierarzt in Vollzeit einzustellen?“, riss Garrett sie mit seiner Frage aus ihren Gedanken. „Dann hättest du vielleicht auch mal wieder Zeit für soziale Kontakte.“

Daisy lachte. „Ich merke schon, Willa färbt auf dich ab“, sagte sie. Ihre beste Freundin hatte schon immer argwöhnisch darüber gewacht, dass Daisy nicht zu viel arbeitete. Bei ihrem Mann, der früher ein Workaholic gewesen war, hatte sie wahre Wunder gewirkt. Doch zu viel Freizeit war nichts für Daisy. Das eine Mal, als sie es probiert hatte, hatte in einem wahren Desaster geendet. Ja, sie hatten eine Menge Spaß zusammen gehabt, und die Nächte waren der Wahnsinn gewesen – doch was sie in der Nacht vor ihrer Abreise getan hatten, verfolgte sie bis nach Applewood.

Sie schüttelte den Kopf darüber, dass sie so töricht gewesen war. Was würde ihre Familie dazu sagen, wenn die Wahrheit ans Licht kam?

Lachend sah Garrett auf seine Uhr. „Verdammt, schon so spät“, bemerkte er. „Ich muss mich beeilen.“

„Habt ihr Pläne, Willa und du?“

„Nicht direkt. Aber mein Bruder sollte hier jede Minute eintreffen“, entgegnete er, ohne zu ahnen, dass seine Mitteilung wie eine Bombe bei Daisy einschlug.

„Oh, wirklich?“ Sie hörte kaum, was sie sagte, weil ihr Pulsschlag so laut in ihren Ohren rauschte. „Welcher denn? Wes oder Noah?“ Sie bemühte sich darum, sich die Anspannung nicht anmerken zu lassen. Willa hatte mit keinem Wort verlauten lassen, dass einer ihrer Schwäger sie besuchte. Vielleicht war es ja Noah, der wie sein Bruder Garrett die Ranch verlassen hatte und als Künstler am Strand von Key West lebte.

„Wes“, gab Garrett zurück. „Er hat mich gestern Abend angerufen und mir mitgeteilt, dass er eine Weile in Applewood bleiben wird.“

„Wes?“, fragte sie. Wenn man an den Teufel dachte … Der Grund dafür, dass ihr Trip nach Vegas so ein katastrophales Ende genommen hatte, würde jede Minute hier eintreffen. Sie musste unbedingt vorher von hier verschwinden. „Wes kommt hierher? Warum? Wie lange?“

Garrett zuckte mit den Schultern und schien ihr plötzliches Interesse für seinen Bruder nicht zu bemerken. Daisy hatte niemandem von ihrem schrecklichen Fehler erzählt und ging davon aus, dass Wes es auch nicht getan hatte. „Er wird eine Weile auf der Ranch arbeiten – wahrscheinlich sechs Monate. Das war Elias’ Bedingung an uns Enkel, damit wir uns um die Ranch verdient machen, bevor wir eines Tages alles erben.“ Er runzelte die Stirn. „Allerdings weiß ich nicht, wie lange Wes das hier durchhält.“

Daisy schluckte. Seit dem unvergesslichen Wochenende in Vegas hatte sie Wes nicht mehr gesehen. Eigentlich hätte sie mit den Fehlern, die sie in Vegas gemacht hatte, längst abschließen müssen. Doch wenn Wes schon einmal in Applewood war, würden sie noch ein paar Dinge klären müssen.

Aus dem Radio tönte ein alter Honky-Tonk-Song, der von Pferden, Frauen und Liebeskummer handelte, während Wes in einem luxuriösen Leihwagen durch Applewood fuhr. Seitdem man ihn damals als rebellischen Teenager hierhergeschickt hatte, damit er bei seinem Großvater lebte, hatte sich die Gegend kaum verändert.

Damals hatte ihn nicht gekümmert, was für Möglichkeiten die Ranch einem Kind bieten konnte. Ihm hatte es genügt, mit seinen Freunden abzuhängen oder für Ärger zu sorgen. Sein Bruder Garrett hingegen, der die Ranch leitete, seitdem Elias in den Ruhestand gegangen war, war jedes Wochenende – und immer, wenn er sonst noch Zeit hatte – zu Besuch gekommen, um zu arbeiten und zu lernen.

Wes war nach seiner wilden Zeit nach London ans College gegangen und auch nach dem Abschluss dortgeblieben, um gemeinsam mit Bryant Intel-Matrix Communications zu gründen, ein Unternehmen, das sich auf Kommunikationstechnologie spezialisiert hatte. All seine Zeit, Energie und eine Menge Geld hatte er in ihre Firma gesteckt, was vermutlich nicht ganz unschuldig daran war, dass er jetzt in einem Burnout steckte.

Inzwischen war er älter, reifer und darüber hinaus Teilhaber eines der erfolgreichsten Technologieunternehmens in Europa. Trotzdem bereute Wes, als junger Mann nicht mehr Zeit mit seinem Grandpa und seinem Bruder verbracht zu haben. Er hatte sich in London verliebt – der Lärm, die Lichter, die Menschen, ja sogar das Wetter hatten ihn in den Bann gezogen. Zwar hatte sich daran nichts geändert, doch tief in seinem Herzen ahnte er, dass er es ewig bereuen würde, wenn er jetzt nicht die Gelegenheit nutzte, sich seinen Wurzeln und damaligen Fehltritten zu stellen.

Als er an Daisys Tierklinik vorbeifuhr, umklammerte er das Lenkrad. Er wollte ihr etwas Wichtiges mitteilen, und das wollte er nicht per E-Mail tun. Den Fehler, den sie gern hinter sich lassen wollten, war nur seinetwegen noch nicht aus der Welt geschafft. Ein Gespräch mit Daisy stand auf seiner To-do-Liste gleich an erster Stelle.

Je mehr er sich der Ranch näherte, desto größer wurde sein Unbehagen. Das erste Mal seit seiner Zeit als Teenager würde er wieder eine längere Zeit hier verbringen. Ursprünglich hatte er sich darauf gefreut, doch jetzt fragte er sich, ob es wirklich eine gute Idee gewesen war.

Trotz seiner Anspannung musste Wes jedoch lächeln, als er die Landschaft betrachtete. Der Frühling war in Texas einfach traumhaft schön. Es war an der Zeit, wieder zur Natur und seiner Familie zurückzukehren – und zu der Frau, die sein Leben auf den Kopf gestellt hatte, obwohl sie nur ein Wochenende gemeinsam verbracht hatten.

Er fuhr die lange unbefestigte Straße zur Hardwell Ranch entlang, bis er an eine Kreuzung kam. Er hielt an, um zwei Reiter vorbeizulassen, die die Straße überqueren wollten. Da er sich bereits auf dem Land seiner Familie befand, vermutete er, dass es sich um zwei Angestellte seines Bruders handelte. Die beiden Rancharbeiter musterten den Luxuswagen misstrauisch. Obwohl die Ranch sehr erfolgreich war, gab man normalerweise Trucks, allradgetriebene Fahrzeuge und natürlich Pferden den Vorzug.

Als die Straße wieder frei war, setzte Wes seinen Weg fort. Schon bald würde er das Farmhaus erreicht haben, und er atmete tief ein, unsicher, ob er die richtige Entscheidung traf.

In den vergangenen Jahren hatte er nahezu jeden Tag gearbeitet, und dann kam der Burnout. Wes hatte das vor jedem zu verbergen verstanden, sogar vor Bryant, und hoffte, dass sein Aufenthalt auf der Ranch ihm wieder neue Energie verleihen würde. Er fuhr den letzten Hügel hinauf, dann sah er das Haupthaus. Kurz darauf parkte er zwischen einem Truck mit dem Logo der Hardwells und Willas Mini. Wes stieg aus dem Wagen und holte seinen Koffer hervor.

Wes kam ihm aus dem Haus entgegen, und lächelnd winkte Wes ihm zu. Trotz seiner Probleme mit Daisy und der harten Arbeit, die ihn auf der Ranch erwartete, freute Wes sich darauf, die Bindung zu seinem Bruder zu stärken.

„Da bist du ja“, sagte Garrett und hielt ihm eine Hand entgegen. Er hielt Abstand, und keiner von ihnen machte Anstalten, sich zu umarmen, das war noch nie ihre Art gewesen, weil sie sich nicht so nah standen.

„Ja.“

„Wie war dein Flug?“

„Ereignislos. Genauso wie die Fahrt von Austin.“

„Schön.“

Jetzt herrschte peinliches Schweigen zwischen ihnen, und Garrett verschränkte die Arme, während er den Leihwagen begutachtete. „Du hast dir einen Wagen gemietet? Ich hätte dich doch abholen können oder einen der Jungs schicken.“

„Ähm, ja, ist überhaupt kein Problem. Ich habe ihn für ein paar Wochen am Flughafen von Austin gemietet, aber ich kann ihn jederzeit verlängern, wenn ich das will.“

„Bleibst du denn nur ein paar Wochen?“ Garrett warf einen Blick auf Wes’ Koffer. „Dann hast du nur einen kurzen Besuch geplant? Was ist mit den sechs Monaten?“

Wes zuckte mit den Schultern. Garretts Fragerei begann ihn zu nerven. „Ich sagte, dass ich die Ausleihe verlängern kann, wenn ich es will. In der Firma bin ich für sechs Monate abgemeldet.“

„Drei Besuche in einem Jahr, das war noch nie da.“

Wenn Wes versuchen würde zu erklären, was ihn sonst noch nach Applewood gebracht hatte, dann würden sie noch heute Nachmittag hier stehen. Sicher hatte Garrett noch eine Menge Arbeit zu erledigen. Über Daisy wollte Wes erst sprechen, nachdem er mit ihr geredet hatte. „Es war einfach an der Zeit, zu meinen Wurzeln zurückzukehren. Da kam diese seltsame Bedingung wegen des Erbes gerade recht.“

„Zu schade, dass du Dad und Elinore verpasst hast. Sie sind vor ein paar Tagen in die Karibik geflogen.“

„Ja, ich habe wirklich versucht, früher hier zu sein, aber ich musste noch ein paar wichtige Dinge in London erledigen. Allerdings habe ich noch Zeit mit ihnen, wenn sie in einem Monat wiederkehren. Schließlich bin ich ein halbes Jahr hier, schon vergessen?“

„Du willst also wirklich die ganze Zeit hier verbringen?“, erkundigte sich Garrett stirnrunzelnd.

„Das ist der Plan.“

„Und was ist mit deiner Arbeit?“

„Es ist zwar nicht ideal, aber ein paar Dinge kann ich im Homeoffice erledigen, und um den Rest kümmert sich Bryant.“ Als ihm klar wurde, dass sie immer noch vor dem Haus standen und sein Bruder ihm mit vor der Brust verschränkten Armen mit Fragen löcherte, wurde Wes ungehalten. „Was soll eigentlich dieses Verhör, Garrett? Bin ich hier willkommen oder nicht? Ansonsten suche ich mir ein Hotel.“

„Natürlich will ich nicht, dass du in ein Hotel gehst, du Dumpfbacke.“ Garrett lächelte entschuldigend. „Du bist hier jederzeit willkommen.“

„Danke.“ Wes nickte ihm zu und betrat das Haus.

„Wenn wir nur Noah so einfach davon überzeugen könnten, nach Hause zurückzukehren.“

„Stimmt.“ Wes dachte an den jüngsten der Brüder, der Maler war und ein fantastisches Leben an Floridas Sandstränden verbrachte. Es war genauso unwahrscheinlich, dass Noah freiwillig zurück auf die Ranch kam, wie es das bei Wes der Fall gewesen war.

„Such dir oben eines der Zimmer aus“, rief Garrett ihm nach.

„Ja, mache ich, vielen Dank“, antwortete er und begann, die Treppen emporzusteigen.

„Übrigens – willkommen zu Hause, Wes“, sagte sein Bruder.

Wes drehte sich zu seinem jüngeren Bruder um. „Danke“, entgegnete er und setzte seinen Weg fort.

Oben angelangt, ging er an dem Schlafzimmer vorbei, dass sein Großvater und dessen Frau nutzten, wenn sie auf der Ranch waren, und öffnete die Tür zu dem Raum daneben. Es war damals sein Zimmer gewesen, allerdings waren die Räumlichkeiten in der Zwischenzeit mehrfach renoviert und wesentlich luxuriöser eingerichtet als in seiner Jugend.

Wes stellte den Koffer am Fußende des Bettes ab und sah sich um. Der geräumige Schlafraum verfügte über ein eigenes Bad sowie einen begehbaren Wandschrank. Außerdem gab es moderne Möbel und einen Flachbildfernseher an der Wand. Das Zimmer war im hinteren Teil des Farmhauses gelegen, und als Wes aus dem Fenster sah, genoss er den großartigen Ausblick auf die sanften Hügel, die Berge am Horizont und blauen Himmel, soweit das Auge blickte. Zwar besaß Wes eine fantastische Wohnung in London mit Blick auf die Stadt, doch seine gesamte Suite war so groß wie dieses einzige Zimmer. Er war so viel Raum gar nicht mehr gewohnt.

Er öffnete den Koffer und nahm den Umschlag heraus, der ihm vor zwei Tagen zugestellt worden war. In ihm befand sich ein kurzer Brief von Daisy, in dem sie ihn bat, die beigefügten Dokumente zu unterzeichnen und zurückzusenden. Er war überrascht gewesen, die Papiere zu sehen, hatte sie aber entgegen Daisys Wunsch nicht unterschrieben. Zunächst wollte er die Gelegenheit nutzen und mit Daisy persönlich sprechen. Das Timing war perfekt, da er ohnehin nach Applewood reiste. Vermutlich wäre es besser gewesen, einfach zu unterschreiben und die Angelegenheit ein für alle Mal abzuschließen, aber gleichgültig, wie lange Wes mit dem Stift über der mit einer Haftnotiz markierten Stelle saß, er brachte es einfach nicht fertig zu unterzeichnen. Zuvor musste er Daisy treffen und sichergehen, dass sie die richtige Entscheidung trafen.

Er sah von den Papieren auf und zum Fenster hinaus – und wen erblickte er? Ausgerechnet die Frau, über die er gerade nachgedacht hatte. Daisy Thorne. Sie sprach mit einem der Helfer auf der Ranch, die man Ranchhands nannte. Wes wusste, dass er mit ihr reden musste, aber nicht hier, wo sein Bruder oder Willa oder sonst irgendjemand ihr Gespräch mithören konnte. Nein, er würde zu ihr fahren, und zwar bald.

Schließlich war sie immer noch seine Frau.

3. KAPITEL

Daisy unterdrückte ein Gähnen und lehnte sich in ihrem Bürostuhl zurück. Es war das erste Mal, dass sie sich heute hinsetzte. Sie entfernte das Haarband, das ihren Pferdeschwanz zusammengehalten hatte und schüttelte ihr Haar. Von ihrem Schreibtisch aus sah sie aus dem Fenster. Die Sonne ging bereits unter, dabei war Daisy heute bereits kurz nach dem Morgengrauen aus dem Haus gegangen. Etliche Hausbesuche und Nachmittagstermine hatten sie unentwegt beschäftigt gehalten. Glücklicherweise war es in der Klinik zurzeit ungewöhnlich ruhig. Ausnahmsweise gab es keinen Patienten, der über Nacht betreut werden musste, sodass außer Daisy niemand mehr im Haus war, seitdem ihre Assistenten vor wenigen Augenblicken gegangen waren. Endlich war es Zeit für Daisy, nach Hause zu fahren – sie sehnte sich nach einem ausgedehnten heißen Bad und einem Glas guten Cabernet.

Nachdem sie ihre E-Mails gecheckt hatte, klappte sie den Laptop zu und griff nach dem Rucksack. Dann schaltete sie das Licht aus und ging zur Tür. Sie liebte ihren Job, aber einige Tage waren härter als andere. Manchmal war sie so beschäftigt, dass ihr in all den Stunden nicht einmal ein winziger Moment zum Ausruhen blieb. Vermutlich war das auch besser so, denn als sie das letzte Mal eine Auszeit genommen hatte, hatte das desaströs geendet. Es kam ihr so vor, dass sich ihr gesunder Menschenverstand immer dann in den Urlaub verabschiedete, wenn sie nicht von Arbeit erdrückt wurde. Sie hielt inne und dachte an Wes. Glücklicherweise war sie vor seiner Ankunft von der Hardwell Ranch abgefahren. Trotzdem war es nur eine Frage der Zeit, bis ihre Wege sich kreuzten. Die Scheidungspapiere hatte er ihr noch nicht zurückgeschickt, vermutlich war er der Typ Mann, der so etwas persönlich überreichen wollte. Früher oder später würden sie sich sehen, da er für das nächste halbe Jahr auf der Ranch sein würde. Es sei denn, er stellte schon nach ein paar Tagen fest, dass die Arbeit auf einer Farm nichts für ihn war.

Kopfschüttelnd versuchte sie den Gedanken loszuwerden. Vor drei Monaten hatten Wes und sie angetrunken einen schrecklichen und unverantwortlichen Fehler in Vegas gemacht und mussten jetzt mit den Konsequenzen leben. Sie hatte ihren Teil erfüllt, indem sie ihm die Scheidungspapiere geschickt hatte. Entgegen seinem Versprechen, das er ihr händeschüttelnd am Airport gegeben hatte, hatte sich sein Anwalt nicht mit ihrem in Verbindung gesetzt, um die Trennung so schnell wie möglich vom Tisch zu bekommen. Seither hatte sie nichts mehr von ihm gehört. Wes’ Aufenthalt in Applewood hatte nichts weiter mit ihr zu tun. Er sollte ihr lediglich die Papiere übergeben, ansonsten konnte er tun und lassen, was er wollte – ihr war das egal, versuchte sie vergeblich, sich selbst zu überzeugen.

Sie verschloss die Eingangstür des Klinikgebäudes, drehte sich um und stellte erschreckt fest, dass ihr Auto nicht das einzige auf dem Parkplatz war. Ein weiterer Wagen befand sich auf dem Platz, und ein Mann stand daneben. Daisy atmete tief durch, als sie ihn erkannte.

Es schien ganz so, als sei es ihr letztendlich doch nicht gelungen, Wes Hardwell aus dem Weg zu gehen.

„Himmel“, stieß sie hervor, als ihr Herzschlag sich nach dem anfänglichen Schreck wieder beruhigt hatte. „Ich hatte eben fast einen Herzinfarkt.“ Sie ging zu ihrem Wagen hinüber und stellte fest, dass Wes sich in den vergangenen drei Monaten nicht sonderlich verändert hatte. „Ich habe schon gehört, dass du wieder in Applewood bist.“ Zwar trug er nur Jeans und T-Shirt, war dennoch höllisch sexy. „Was machst du denn hier?“

Er stützte die Hände auf die Hüfte. „Würdest du mir glauben, wenn ich sage: Ich will dich sehen?“

„Nein. Ich bin ziemlich sicher, dass du wegen der Auflage hier bist, die euer Großvater an das Erbe geknüpft hat. Wir haben beide schon alles Nötige geklärt. Es sollte also keinen Grund für dich geben, mich sehen zu wollen. Du hättest mir einfach die Papiere unterschrieben zurücksenden können.“

„Da ich sowieso hierher musste, kann ich sie dir ebenso gut auch persönlich überreichen“, erwiderte er schulterzuckend.

„Nachdem du dich schon nicht darum gekümmert hast, wie es eigentlich vereinbart war.“

Schuldbewusst zuckte er zusammen. „Ich hatte zu tun.“

„Du hattest zu tun?“, wiederholte sie und verschränkte die Arme. „Das haben wir doch alle. Trotzdem habe ich in den drei Monaten Zeit gefunden, die Dinge auf den Weg zu bringen.“

„Ich weiß, und es tut mir leid, dass ich es nicht früher geschafft habe.“

„Und“, fragte sie und hielt nach einem offiziell aussehenden Umschlag Ausschau, „Wo sind sie jetzt?“

„Wer?“

„Na, die Scheidungspapiere. Hast du sie dabei?“

„Ich habe noch nicht unterschrieben.“

„Was? Warum denn nicht?“

„Wie ich dir schon sagte, hatte ich viel zu tun.“

„Aber du hättest bestimmt genug Zeit gehabt, einfach deinen Namen auf ein Papier zu schreiben, oder?“

„Vielleicht, weil ich dich vorher noch sehen wollte?“, erwiderte er.

„Und warum das?“ Sie versuchte, sich den wohligen Schauer freudiger Erregung nicht anmerken zu lassen, der sie gerade durchflutete.

„Weil …“ Er öffnete den Mund, um noch etwas zu sagen, verstummte jedoch, bevor er zur Seite sah und leise lachte. „Ach, vergiss es. Darf ich dich zum Abendessen einladen?“

„Warum denn, Wes? Die ganze Angelegenheit ist vom Tisch, wenn du endlich unterschreibst.“

„Nur ein Dinner, und dann unterschreibe ich.“

„Ich bin zu müde zum Ausgehen. Ich müsste erst duschen, mich umziehen und schminken.“

„Du siehst zauberhaft aus, so, wie du bist.“

„Alter Schmeichler. Warum bist du bloß so erpicht darauf, mit mir auszugehen?“

„Weil ich mit dir über etwas sprechen möchte.“

„Das kannst du doch auch gleich hier machen.“

Anstelle ihr zu antworten, verschränkte er die Arme und sah sie herausfordernd an.

„Warum bist du eigentlich so stur?“, fragte sie. Dann riss sie die Augen auf. „Oh, mein Gott!“, rief sie. „Du bist schwanger!“

Er lachte. „Nein“, versicherte er. „Ich bin nicht schwanger.“

„Was ist es denn dann?“, wollte sie wissen. „Ich hatte einen langen Tag und bin ziemlich erledigt. Sag einfach, was ist, damit ich nach Hause fahren kann.“

Er zuckte mit den Schultern. „Ich wollte nicht unterschreiben.“

„Du wolltest nicht unterschreiben?“, wiederholte sie ungläubig. „Wes! Das ist doch nichts, das du allein entscheiden kannst. Wir hatten was getrunken, haben rumgemacht und einfach so geheiratet. Wir wohnen auf verschiedenen Kontinenten, und unser Leben könnte nicht unterschiedlicher sein. Wir müssen diese dumme Angelegenheit endlich aus der Welt schaffen.“ Sie seufzte.

„Darf ich jetzt auch mal was sagen?“

„Bitte.“

„Ich wollte nicht unterschreiben, weil ich dich erst sehen wollte.“

„Und weshalb?“

Er trat so dicht an sie heran, dass er sie fast berührte. „Ich will ehrlich zu dir sein. Nach unserem Abschied vor drei Monaten am Flughafen habe ich jede Minute an dich denken müssen.“

„Wes“, begann sie, „wir hatten beschlossen, dass es so das Beste ist. Wir hätten die Ehe schon in Vegas annullieren sollen.“

Er hob die Hände. „Ich bin ganz deiner Meinung und sage ja nicht, dass wir die Sache nicht beenden sollten. Aber wir beide zusammen hatten eine ziemlich gute Zeit in Vegas, das kannst du nicht leugnen.“

Das Schlimme war, dass sie es tatsächlich nicht konnte. Nie zuvor hatte sie eine solche Leidenschaft empfunden wie in den drei Tage mit Wes – die Hochzeit inbegriffen, die im wahrsten Sinne des Wortes eine Schnapsidee gewesen war.

„Dann siehst du das auch so?“, hakte er nach.

„Ja.“

„Warum machen wir dann nicht einfach weiter?“

„Wie bitte?“

„Ich bin für eine ganze Weile in Applewood. Warum nicht wieder die Funken zwischen uns sprühen lassen? Ich glaube, ich kann schon jetzt etwas spüren.“

Da ihr ganzer Körper vor Verlangen zu vibrieren schien, wunderte sie das nicht. In den drei Monaten hatte sie an jede einzelne Nacht denken müssen, daran, wie Wes sie berührt hatte, wie er schmeckte. Und nicht nur das – mit Wes hatte sie eine sorgenfreie Zeit verlebt. An dem Wochenende in Vegas hatte sie keinerlei Verpflichtungen gehabt und von einem sinnlichen Höhepunkt zum nächsten gelebt – und das waren einige gewesen. Sie hatten gedacht, dass es für sie beide einfach nur ein Spaßwochenende sein würde, und sie hatte keine Vorstellung davon gehabt, wie es sein würde, als verheiratete Frau zurückzukehren, deren Mann auf einem anderen Kontinent wohnte.

„Bist du verrückt?“, erkundigte sie sich lächelnd. „Dieses Wochenende in Vegas war eine Ausnahme. Das hatte nichts mit unserem eigentlichen Leben zu tun. Das können wir nicht einfach so woanders wiederholen.“

„Warum denn nicht?“, wollte er wissen und legte eine Hand auf ihre Hüfte. „Seit Vegas muss ich nur noch an dich denken. Ich kann nicht arbeiten, schlafen oder sonst etwas tun, ohne an dich zu denken. Ich weiß, dass es dir genauso geht.“

Sie öffnete den Mund, um ihn kurz darauf wieder zu schließen, unfähig, etwas darauf zu erwidern. „Das kannst du doch nicht allein entscheiden“, sagte sie schließlich.

„Hast du vergessen, wie gut wir zusammenpassen?“

„Das habe ich nicht gesagt.“

„Es würde doch niemandem schaden. Wir haben beide niemand anderen.“

„Du musst die Scheidungspapiere unterschreiben“, ermahnte sie ihn.

„Das werde ich auch“, versprach er. „Aber es spricht doch nichts dagegen, vorher noch ein bisschen Spaß miteinander zu haben, oder?“

„Ich bin nicht deine Frau“, entgegnete sie entnervt. Sie hatte gewusst, dass Wes starrsinnig sein konnte, aber das hier war lächerlich. Dadurch wurde ihr erst richtig bewusst, wie gefährlich er ihr werden konnte – allein seine Nähe genügte, um sie für das Versprechen einer leidenschaftlichen Nacht alles vergessen zu lassen. Solange er Applewood war, bedeutete seine Anwesenheit schon mehr als genug Ablenkung für sie. „Zumindest nicht im herkömmlichen Sinne. Wir hatten etwas zu viel getrunken und gedacht, es wäre witzig zu heiraten. Ein heißes Wochenende und Schluss.“

„Unser Wochenende war in der Tat ziemlich heiß“, antwortete er lächelnd, umfasste ihre Taille und drängte sie sanft gegen ihr Auto, um somit die sinnliche Falle zu schließen, die er ihr gestellt hatte. Seine Berührung genügte beinahe, um Daisy leise aufstöhnen zu lassen – sie hasste es, wie viel Macht er über sie hatte. Genau aus diesem Grund hatte sie ihre Kommunikation mit ihm auf amtlichen Schriftverkehr beschränkt. Denn sie hatte geahnt, dass es so enden würde wie jetzt – sie beide, Angesicht zu Angesicht. Sie spürte, dass sie kurz davor war zu kapitulieren. Seine Nähe war so betörend, dass sie wohl allem zustimmen würde, was er vorschlug.

„Aber dann haben sich unsere Wege getrennt“, fuhr er stirnrunzelnd fort. „Ich bin nach London abgereist und du hierher.“

Sie nahm all ihre Kraft zusammen, die sie aufbringen konnte, und trat einen Schritt von ihm zurück, um Raum zum Denken zu gewinnen. „Was soll das, Wes?“, fragte sie endlich. „Ich hatte wirklich einen anstrengenden Tag und bin zu müde für so einen Quatsch. Weswegen bist du überhaupt in Texas? Wegen der Ranch?“

Nachdenklich sah er zu Boden. „Nicht nur wegen der Ranch, dafür hatte ich keine Zeitvorgabe. Ich wollte dich wiedersehen. Als ich die Scheidungspapiere gesehen habe, wurde mir klar, dass es nicht das ist, was ich will. Ich wollte erst unterschreiben, nachdem wir noch einmal gesehen haben.“ Er machte eine Pause. „Ich wollte wirklich sichergehen. Mir hat die Vorstellung gefallen, dass du meine Frau bist.“

„Das kann doch nicht wahr sein“, widersprach sie. „Wir waren betrunken, Wes. Klar, wir hatten Spaß, aber was soll das hier?“

„Du bist nicht begeistert.“

„Nicht begeistert? Ich bin schockiert. Was soll ich denn deiner Meinung nach sagen?“

Leise lachte er. „Tja, ich hatte gehofft, dass du Ja sagen würdest und wir dann zu dir fahren.“ Daisy schüttelte ungläubig den Kopf, da sprach er auch schon weiter. „Oder wir könnten mein Zimmer auf der Ranch nehmen, wenn dir das lieber sein sollte.“

„Glaubst du, du kannst einfach so in mein Leben platzen, und ich gehe sofort mit dir ins Bett? Solange, bis du wieder genug hast von Applewood?“

„Man wird ja noch hoffen dürfen“, sagte er achselzuckend. „Ich bin deinetwegen hier, nicht wegen Applewood. Wer weiß – vielleicht begleitest du mich auch nach London.“

Vielleicht hatte er recht. Er war ihr nähergegangen als je ein Mensch zuvor. Und sie wusste, dass er niemals für immer in Applewood bleiben würde. Für einen winzigen Moment stellte sie sich vor, wie es wäre, die Scheidungspapiere zu zerreißen und Wes nach England zu begleiten. Sollte sie es vielleicht wagen? Ihr Leben hier aufgeben und Wes nach London begleiten? Nein! Hastig verscheuchte sie den Gedanken. „Ich kann nicht einfach so meine Sachen packen und von hier gehen“, erklärte sie bestimmt. „Ich habe meine Praxis und bin die einzige Tierärztin hier. Davon einmal abgesehen leben meine Familie und meine Freunde in Applewood.“ Sie musterte ihn, während sie sprach. Er war genauso sexy wie damals, als sie ihre heiße Affäre, ähm, Hochzeitsnacht nach einem Tequila zu viel in der in Vegas gehabt hatten. Sie spürte, dass sich ihr Körper danach sehnte, Wes wieder nah zu sein.

„Das war es dann also?“, fragte er und verschränkte abermals die Arme. Bei dieser Bewegung spannte sich sein T-Shirt verführerisch über seinen muskulösen Oberkörper. Vermutlich rührte sein Körperbau von intensivem Training in einem Fitnessstudio her und nicht von einem arbeitsreichen Tag auf der Farm, hatte aber den gewünschten Effekt. „Du willst also weiter so tun, als würde dir unsere gemeinsame Zeit in Vegas nichts mehr bedeuten?“

„Zwischen uns stimmt die Chemie“, erklärte sie, „und wir neigen dazu, schlechte Entscheidungen zu treffen.“

„Schlechte Entscheidungen werden meist zu den besten Geschichten.“ Er beugte sich dichter an sie heran, und sie nahm den männlichen Duft seines Aftershaves wahr. Augenblicklich schweiften ihre Erinnerungen wieder zu dem wilden Wochenende in Vegas ab. Laut, hell und überfüllt war die Stadt gewesen, doch von all dem hatte Daisy kaum etwas mitbekommen, so gebannt war sie von Wes gewesen.

Sie sah zu ihm hoch und augenblicklich war sie seinem Zauber wieder verfallen. „Das stimmt.“

„Und was die Chemie angeht“, meinte er, „wäre es doch jammerschade, sie nicht zu nutzen, oder?“ Er beugte sich vor, und jetzt streiften seine Lippen ihre. Doch bevor Daisy seinem Charme erliegen konnte, fuhr ein alter Farmtruck vor der Praxis vorbei und unterbrach den magischen Moment.

Ihre neu gefundene Entschlossenheit nutzend, trat Daisy einen weiteren Schritt nach hinten. Ja, es stimmte, dass sie sich wahnsinnig zu ihm hingezogen fühlte und außerdem seine Frau war, doch Wes und sie hatten so viel gemeinsam wie der Tag und die Nacht. Mit anderen Worten: Sie waren ein Paar ohne Zukunft. Wes war starrsinnig und hegte keinerlei Absicht, in Applewood zu bleiben. Daisys Leben hingegen spielte sich ausschließlich in Texas ab – ihr Beruf, ihre Freunde, ihre Familie, einfach alles ihr Vertraute befanden sich hier. Sie würde nicht aus Applewood weggehen, gleichgültig, wie verführerisch Wes sie darum bat. Und unabhängig davon, dass sie dieser kleine Kuss bereits in Gefahr gebracht hatte, ihre Welt auf den Kopf zu stellen. Es war allein die Schuld dieses Mannes, dass sie völlig erregt und verwirrt war. Alles würde um ein Vielfaches einfacher werden, wenn Wes die Papiere unterschrieb, nach Europa flog und sie den Moment mangelnden Urteilsvermögens in ihrer Vergangenheit vergessen ließ. Sie davor bewahrte, neue Fehler zu begehen. Allerdings – wenn es doch eine Möglichkeit gab, es Wirklichkeit werden zu …

Sie runzelte die Stirn. Völlig ausgeschlossen, dass Wes Hardwell darauf aus war, etwas Ernstes mit ihr anzufangen – oder? „Wie lange bleibst du denn in der Stadt?“

„Das hängt ganz von dir ab.“

„Du bist unmöglich“, erwiderte sie kopfschüttelnd. Dann dachte sie darüber nach, ob sie ihn vielleicht so dazu bringen könnte, die Papiere zu unterzeichnen und anschließend sowohl aus Applewood als auch ihrem Leben zu verschwinden, und begann zu lächeln. „Ich dachte, du bist hier, um zu arbeiten. Oder hast du nie vorgehabt, die ganze Zeit hierzubleiben? Was waren Elias’ Bedingungen? Sechs Monate auf der Hardwell Ranch?“

„Was hat das denn mit uns zu tun?“, fragte er überrascht.

Es freute sie, ihn aus der Fassung gebracht zu haben. „Weiß nicht. Wahrscheinlich gar nichts. Aber das ist meine Bedingung. Dir bleiben sechs Monate, um die Papiere zu unterzeichnen und sie mir zu geben. Du willst also die paar Tage, die wir in Vegas hatten, wiederholen?“, fragte sie herausfordernd. „Dann bleib hier, arbeite auf der Ranch und widme dich ihr mit ganzem Herzen. In Vegas hast du mir erzählt, dass du keine richtige Beziehung zu deiner Familie hast. Dann nutze die Gelegenheit, sie besser kennenzulernen und das zu ändern.“ Sie hielt kurz inne. „Widme dich mir mit ganzem Herzen und beweise, dass du wirklich eine Zukunft mit mir haben willst – und dass das nicht nur Chemie ist, was zwischen uns passt.“

Natürlich bluffte sie und erwartete einen Rückzieher von Wes. Ihr Plan war absolut wasserdicht, und sie war stolz auf ihren Einfall. Auf keinen Fall würde er durchhalten, sechs Monate auf der Ranch zu arbeiten, schließlich hatte er sein eigenes Leben in England. Nicht lange, und er würde die Scheidungspapiere unterschreiben und Hals über Kopf die Flucht ergreifen.

Nachdenklich betrachtete er sie, als wägte er seine Möglichkeiten ab. Dann begann er zu lächeln, und Daisys Zuversicht schwand. Sie ahnte, dass sie verlieren würde, doch ihre Hormone fanden das gar nicht so schlimm. Wes streckte ihr eine Hand entgegen. „Deal.“

„Wie?“, fragte sie erschüttert.

„Ich bleibe. Und vielen Dank für die Einladung. Bereite dich schon einmal darauf vor, dass du die Wette verlierst. Und jetzt schlag endlich ein.“

Wie betäubt ergriff sie seine Hand. „Du ziehst also wirklich nach Applewood?“

„Ich wollte sowieso für sechs Monate hierherkommen. Falls du mich brauchst, findest du mich auf der Ranch“, entgegnete er, ohne ihre Frage zu beantworten. Dann zwinkerte er ihr zu und wandte sich zum Gehen. „Wir sehen uns, Sweetheart.“

Bevor Daisy in ihr Auto eingestiegen war, fuhr Wes bereits vom Parkplatz herunter. Auf dem kurzen Heimweg war Daisy so gedankenverloren, dass sie beinahe an ihrer eigenen Einfahrt vorbeigefahren wäre.

Nachdem sie die Haustür aufgeschlossen hatte und eingetreten war, wurde sie von Ozzie, ihrer Dänischen Dogge begrüßt. Obwohl sie Unsummen für Hundetrainer ausgegeben hatte, die ihm besseres Verhalten beibringen sollten, sprang er an ihr hoch und legte die Pfoten auf ihre Brust. Kurz darauf öffnete Daisy die Tür zu ihrem Hinterhof und ließ ihn heraus. Während er herumschnüffelte, griff Daisy nach ihrem Handy, um ihre Schwägerin Willa anzurufen. Inständig hoffte sie, dass diese einen Weg aus der Zwickmühle wusste, in der sie sich befand.

Doch bevor sie Willas Nummer wählen konnte, bemerkte sie einen verpassten Anruf und eine neue Voicemail von ihrer Mutter. Seufzend drückte sie auf die Taste, um die Nachricht abzuspielen.

„Daisy, hier ist deine Mutter.“ Das sagte ihre Mom immer zu Beginn, als ob Daisy nicht wüsste, wer sie war. „Am Samstag veranstalten wir ein informelles Fundraising-Lunch und würden dich gern dort sehen.“

Daisy schloss die Augen. Obwohl der Anlass für die Wohltätigkeitsveranstaltungen eigentlich darin bestand, für die Kirche zu sammeln, nutzte ihre Mom sie, um nach passenden Verehrern für Daisy zu suchen. Es gab mindestens ein Dutzend Dinge, die Daisy lieber an ihrem freien Tag gemacht hätte, aber sie war eine pflichtbewusste Tochter und wusste, dass sie nicht Nein sagen konnte.

„Du brauchst auch nichts mitbringen“, erklang weiter die Stimme ihrer Mutter über die Voicemail. „Du dich selbst. Ach ja, und zieh ein hübsches Kleid an.“ Daisy wollte gerade ausschalten, da kam noch eine letzte Bemerkung: „Man weiß schließlich nie, wen man alles trifft.“

Kopfschüttelnd wählte Daisy nach dem Ende der Nachricht endlich Willas Nummer. Das war typisch ihre Mom – sie konnte es einfach nicht lassen. Während sie in ihrer Küche darauf wartete, dass Willa den Anruf entgegennahm, öffnete sie eine Flasche Wein und schüttete sich ein Glas ein. Sie brauchte jetzt unbedingt einen Drink, obwohl es eigentlich die Schuld des Alkohols gewesen war, der sie ursprünglich in diese Misere gebracht hatte.

Nach ein paarmal läuten ging Willa ans Telefon. „Hey, Daisy. Wie geht es dir?“, fragte sie, und man konnte förmlich hören, dass sie dabei lächelte. Seitdem sie mit Garrett verheiratet war, war ihre Freundin der glücklichste Mensch auf Erden.

„Ich …“ Daisy zögerte. Wie sollte sie dieses Gespräch beginnen, ohne zu viel preiszugeben? Noch nicht einmal ihrer besten Freundin hatte sie von ihrer Hochzeit mit Wes erzählt. „Also, ich bin heute Wes über den Weg gelaufen.“

„Wirklich? Garrett hat mir erzählt, dass er angekommen ist, aber bisher habe ich ihn noch nicht gesehen.“

„Weißt du eigentlich, weshalb er nach Applewood gekommen ist?“

„Ich denke, wegen des Erbes. Will er es antreten, muss er vorher auf der Ranch arbeiten.“ Willa machte eine kurze Pause. „Weswegen fragst du?“

Daisy atmete tief aus. Wo sollte sie beginnen? Willa war ihre beste Freundin, und Daisy beschloss, dass sie unbedingt in alles eingeweiht werden musste, was in Vegas passiert war. „Das möchte ich eigentlich nicht am Telefon erzählen“, sagte sie. „Kannst du rüberkommen?“

„Wirklich? Das klingt aber ernst. Natürlich komme ich.“

Fünf Minuten später begrüßten sich die beiden Frauen, und dankbar nahm Willa das Glas Wein an, das Daisy ihr anbot. „Danke“, meinte sie. „Ich habe Garrett schon darauf vorbereitet, dass er mich möglicherweise nachher abholen muss, falls dieses Gespräch mehr Wein erforderlich machen sollte.“

„Möglicherweise wird es das.“ Daisy nahm einen Schluck. „Lass uns ins Wohnzimmer gehen.“ Kurz darauf saßen sie auf der Couch. „Du musst mir versprechen, mich nicht zu verurteilen, okay?“

Willa lachte. „Das kann ich zwar nicht, aber als deine beste Freundin gebe ich mein Bestes, abhängig davon, um was es geht.“

Daisy nahm ihren ganzen Mut zusammen und berichtete ihrer Freundin, was vor einigen Wochen zwischen ihr und Wes geschehen war und dass sie seitdem ein Ehepaar waren. „Und? Was sagst du jetzt?“, drängte Daisy, nachdem sie geendet hatte und ihre Freundin nichts erwiderte.

Willa leerte ihr Weinglas und begann zu lächeln. „Manche Leute“, sagte sie, „kommen einfach nicht klar mit Vegas.“

4. KAPITEL

Am nächsten Morgen wurde Wes bei Sonnenaufgang wach. Auch in der Stadt war er Frühaufsteher. Nach einem ersten Kaffee und dem Besuch des Fitnessstudios begann sein Arbeitstag im Büro meist um halb sieben. Als er die Augen aufschlug, brauchte er einen Moment, bis ihm wieder einfiel, wo er sich befand. In Applewood. Auf der Hardwell Ranch.

Ein Teil von ihm hatte gehofft, dass er die erste Nacht in Applewood in Daisys Bett verbringen würde, doch er hätte eigentlich wissen müssen, dass sie es ihm nicht so leicht ma...

Autor

Teri Wilson
<p>Teri Wilson ist bekannt für ihre herzerwärmenden Romances mit Figuren, die oft auch eine kleines bisschen liebenswerte Schrulligkeit an den Tag legen. Die beliebte Autorin hat bereits am RITA Award teilgenommen und wurde als USA Today Bestselling Author ausgezeichnet.</p>
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Janice Kay Johnson
<p>Janice Kay Johnson, Autorin von über neunzig Büchern für Kinder und Erwachsene (mehr als fünfundsiebzig für Mills &amp; Boon), schreibt über die Liebe und die Familie und ist eine Meisterin romantisch angehauchter Krimis. Achtmal war sie für den renommierten Romance Writers of America (kurz RITA) Award nominiert, 2008 hat sie...
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