1. KAPITEL
Während der Taxifahrer die Reisetasche aus dem Kofferraum hob, quälte sich Dustin auf Toms Ranch aus dem Auto. Er verfluchte zum wiederholten Mal den zweitausend Pfund schweren Bullen Cowabunga, der ihn in Albuquerque im letzten Durchgang abgeworfen hatte. Vergebens hatte er versucht, dem Tier zu entkommen, das ihn verfolgt und dann überrannt hatte. Schließlich war es ihm aufs Bein getreten und hatte ihm den Knöchel niedergewalzt. Nun wurden seine Knochen von Schrauben und Platten zusammengehalten, und sein Fuß und der Unterschenkel waren eingegipst. Dank Cowabunga konnte er jetzt die besonders lukrativen Rodeos bis zur Sommerpause nicht bestreiten und dort auch nicht punkten.
In den letzten beiden Jahren war er immer Zweiter bei den Profibullenreitern gewesen. In diesem Jahr führte er die Rangliste der Professional Bull Riders Incorporation, kurz PBR genannt, sogar endlich an und war nun zum Pausieren verurteilt. Tatenlos würde er mit ansehen müssen, wie einige seiner jungen Konkurrenten ihn überholten. Aber wenn alles nach Plan verlief, würde er rechtzeitig in die Arena zurückkehren, um wieder Plätze für die PBR-Weltmeisterschaft Ende Oktober in Las Vegas gutzumachen.
Der Taxifahrer stellte die Reisetasche neben Dustin, nickte ihm kurz zu und brauste kurz darauf davon. Dustin ließ den Blick um sich schweifen und atmete tief ein. Wie sehr er den typischen Ranchgeruch liebte.
Es brannte ihm unter den Nägeln, endlich wieder etwas Schweißtreibendes zu tun. Der Arzt hatte ihm zwar gesagt, er solle sich schonen und es langsam angehen lassen, doch das war noch nie sein Ding gewesen.
Als Junge hatte er sich auf alles geschwungen, was ein Fell besaß, und an Rodeos für Junioren teilgenommen. In der Highschool war er im Footballteam gewesen beziehungsweise in der Basketballmannschaft und hatte so viele Rodeos wie möglich bestritten. Mit achtzehn hatte er dann in der PBR-Liga angefangen und es geschafft, sich bis zu dem Zwischenfall in Albuquerque nie wirklich ernsthaft zu verletzen.
Dustin betrachtete das Wohnhaus und die Nebengebäude. Eines Tages würde er auch solch eine Ranch besitzen, aber dass er sich einverstanden erklärt hatte, jetzt auf die Bar R zu kommen, konnte er noch immer nicht ganz glauben. Nur die Tatsache, dass Tom ihn brauchte, hatte ihn dazu gebracht.
Er verdankte seinem Freund so viel. Vor zwei Jahren hatte dieser ihm das Leben gerettet, indem er ihn von einem bösartigen Bullen weggestoßen hatte. Das Tier hatte dann Tom die Hörner in den Körper gerammt, wovon Narben ewig zeugten.
„Ich möchte dich um einen Gefallen bitten“, hatte Tom gesagt, als er Dustin im Krankenhaus besucht hatte.
Von den verabreichten Schmerzmitteln war Dustin noch ein wenig benommen gewesen und hatte Mühe gehabt, sich zu konzentrieren. „Lass hören.“
„Da du für eine Weile außer Gefecht gesetzt bist … Wie wäre es, wenn du auf die Bar R kommen und dort nach dem Rechten sehen würdest? Ich will nicht, dass du dort ackerst, sondern nur kontrollierst, was der Vorarbeiter und die übrigen Leute machen. Du musst dich schließlich erholen. Warum tust du es nicht auf meiner Ranch?“
„Ich weiß nicht …“
„Meine Schwester wird sich während meiner Abwesenheit um Andy kümmern.“ Er hatte sie zwar noch nicht gefragt, doch Jenna und er halfen sich nach besten Kräften. Sie sagte bestimmt Ja. „Und Andy würde sich über deinen Besuch riesig freuen. Du bist schon länger nicht mehr bei uns gewesen.“
„Jenna?“ Dustin fielen für einen Moment die Lider zu, aber Bilder von ihr schoben sich vor sein inneres Auge. Wie sie in der Highschool mit einem Stoß Bücher unterm Arm einen Flur entlangging. Wie sie unter einem Baum nahe der Cafeteria saß und lernte, während alle anderen sich vergnügten. Wie sie sich für die Wahl zur Sprecherin der Klassenstufe bedankte.
Er hatte ihre Tatkraft bewundert sowie ihre Unabhängigkeit und ihre Bereitschaft, sich zu engagieren. Außerdem hatte es ihm gefallen, dass sie offenbar gut mit sich allein sein konnte und nicht wie er mit der Herde lief.
Damals hatte sie lange blonde Haare gehabt. Sie waren meistens mit einem Lederband zu einem Pferdeschwanz zusammengebunden gewesen. Und sie hatten ihr als Halter für mindestens ein Schreibgerät gedient – es war einfach typisch für Jenna gewesen, sich ständig etwas zu notieren oder die Nase in ein Buch zu stecken.
Er hatte sie oft heimlich während des Unterrichts beobachtet. Auch hätte er sich gern mit ihr unterhalten und sich mit ihr verabredet, aber er hatte befürchtet, sie würde ihm die kalte Schulter zeigen.
Nicht, dass sie ein Snob gewesen wäre. Sie hatte sich jedem freundlich zugewandt – nur ihm nicht. Deshalb war er zu dem Schluss gekommen, dass ihr Bruder ihr wohl erklärt hatte, sie solle sich von ihm fernhalten.
Seit dem Tod der Eltern war Tom sehr besorgt um seine kleine Schwester gewesen, und Dustin hatte schon einige Freundinnen gehabt. Das war ihr sicher nicht entgangen. Allerdings waren es lediglich Liebeleien gewesen. Keines der Mädchen hatte an Jenna heranreichen können.
„Du wirst jemanden brauchen, der sich ein bisschen um dich kümmert, Kumpel. Da deine Eltern in Alaska sind und deine Wohnung im zweiten Stock ohne Aufzug liegt, hast du keine große Auswahl. Du hilfst mir, und Jenna hilft dir.“
Irgendetwas stimmte an der Argumentation nicht, nur konnte Dustin nicht sagen, was es war. Wenn Tom sich doch bloß aus dem Krankenzimmer zurückziehen würde, dann könnte er schlafen. Die Schmerzen auszuhalten war ermüdend, aber er wollte nicht mehr Medikamente nehmen als unbedingt nötig.
„Jenna hat die Sache schon abgenickt. Und sie freut sich darauf, dich wiederzusehen.“
Dustin fand es seltsam. An der Highschool hatte sie ihn praktisch ignoriert und ganz genauso, wenn er bei ihr zu Hause zu Besuch gewesen war. Und in den letzten Jahren hatten sie kaum ein Wort miteinander gewechselt. Es war an Andys Taufe gewesen, dass sie das letzte Mal so richtig miteinander geredet hatten. Jenna war Andys Patentante und er sein Patenonkel.
Erneut blickte Dustin jetzt zu Toms Ranch hin, während er sich an das Versprechen erinnerte, das er dem Freund vor einer Ewigkeit gegeben hatte. Ein Versprechen, das er bis zum heutigen Tag bereute – er hatte Tom sein Wort gegeben, dass er die Finger von Jenna lassen würde. Deshalb hatte er sie auch bestmöglich gemieden, wenn sie bei einer PBR-Veranstaltung mit dabei gewesen war.
Energisch hängte Dustin sich den Gurt der Reisetasche über die Schulter. Tom war mehr als nur ein guter Freund, er war für ihn quasi ein Bruder. Und auf keinen Fall wollte er dessen Vertrauen enttäuschen.
Fast hätte er ihm gleich im Krankenhaus gesagt, dass er nicht auf die Ranch kommen würde, denn er wollte für niemanden eine Last sein. Irgendwie hätte er es schon geschafft, sich um sich selbst zu kümmern. Doch er hatte die passenden Worte nicht finden können.
Er war schließlich im Krankenbett eingeschlafen und hatte davon geträumt, dass er den Sommer mit der hübschen, klugen Jenna verbrachte. In seinem Traum war er für sie nicht der Klassenclown gewesen oder derjenige, der ein Stipendium ausschlug, um Profibullenreiter zu werden. In seinem Traum hatte sie ihn einzig als Mann gesehen.
Aber nun träumte er nicht. Er war auf der Bar R und würde einen Teil des Sommers mit Jenna zusammen sein.
Vielleicht war es dennoch ein Traum!?
„Darf ich jetzt nach draußen, Tante Jenna?“, erkundigte sich Andy. „Ich möchte gern dabei zuschauen, wie Maximus zugeritten wird.“
Ihr Neffe blickte sie hoffnungsvoll an, und sie zerzauste ihm lächelnd die rotblonden Haare. Ein bockendes Pferd war zweifellos fesselnder als Mathematik und Englisch.
„Sobald du diese sieben Dezimalaufgaben gelöst hast.“ Sie deutete auf die erste Fragestellung auf Seite fünfzehn in seinem Rechenbuch. Der Junge hatte in den knapp zwei Wochen, die sie jetzt zusammen lernten, schon gute Fortschritte gemacht. Doch es galt, seine Motivation aufrechtzuerhalten. „Das Lesen und die Beantwortung der Fragen zum Text verschieben wir auf später.“
Andy nickte. Und während er sich über die Übung beugte, räumte Jenna die Spülmaschine aus. Danach stellte sie das Frühstücksgeschirr hinein, das sie vorhin einfach nur auf der Arbeitsfläche stehen gelassen hatte. Kaum war sie damit fertig, klingelte es an der Haustür.
„Ich kümmere mich darum“, erklärte sie und verließ die Küche.
Wenig später sah sie durch den Türspion. Auf Krücken gestützt, stand Dustin auf der Veranda. Seine dunklen Haare glänzten seiden in der Vormittagssonne, und seine Augen waren so blau wie der wolkenlose Himmel.
Die Fernsehbilder werden ihm nicht gerecht, schoss es ihr durch den Kopf. Sie hatte ihn seit Langem nicht mehr so dicht vor sich gehabt. Er schien immer blendender auszuschauen, falls dies überhaupt möglich war. Schon in der Highschool hatte sie ihn als umwerfend attraktiv empfunden.
Jenna merkte, wie ihre Wangen zu glühen begannen, während sie ihn betrachtete. Nie würde sie den erfolgreichen Quarterback, Basketballspieler und Rodeoreiter vergessen, der mit jedem Mädchen geflirtet hatte – außer mit ihr. Tatsächlich war sie wohl das einzige weibliche Wesen an der Schule gewesen, das er ignoriert und gemieden hatte.
Dustin lächelte sie an, kaum hatte sie die Tür geöffnet. Sogleich pulsierte ihr Blut noch schneller in den Adern. Kurz ließ sie den Blick über ihn schweifen. Eines der Hosenbeine der Jeans war unten aufgeschnitten, damit er es über den Gips ziehen konnte.
„Hallo, Dustin. Es ist schon eine ganze Weile her.“ Sie streckte ihm die Hand entgegen.
Er nahm sie und hielt sie einige Sekunden lang fest, bevor er sie schließlich schüttelte. Jenna spürte die Schwielen an seinen Fingern und auf dem Handteller. Es war nur ein schlichter Händedruck, und trotzdem fühlte sie sich plötzlich wie ein aufgeregter Teenager und nicht wie eine gelassene Frau von fast dreißig.
„Schön, dich wiederzusehen, Jenna.“
„Ganz meinerseits, obwohl ich dich ja immer im Fernseher sehe, wenn die PBR-Veranstaltungen übertragen werden oder …“ Sein Lächeln verwirrte sie und ließ sie vergessen, was sie sagen wollte. „Doch diese Situation jetzt ist etwas … ganz anderes.“ Sie hörte, dass ihre Stimme ein wenig zitterte. Warum machte sie die Nähe zu Dustin so nervös?
„Ich schätze, du hast mich am Hals.“
Jenna entzog ihm ihre Hand, denn vielleicht konnte sie dadurch ruhiger werden. „J… ja, das habe ich wohl“, stieß sie hervor und wurde sich dann bewusst, wie ihre Antwort wirken musste, „aber du brauchst Hilfe, und Tom hat mir erzählt, dass du hier auf der Ranch nach dem Rechten schaust. Was ihn sehr entlastet. Außerdem freut sich Andy riesig über deinen Besuch!“
„Ja, es wird Spaß machen, Zeit mit dem Jungen zu verbringen.“
Jenna mied seinen Blick und richtete die Augen auf den Gips. „Das mit deinem Knöchel tut mir leid.“
Dustin schob den Cowboyhut mit dem Daumen ein bisschen zurück. „Danke. Doch hätte der Abwurf wesentlich schlimmer enden können. Ich hatte Glück im Unglück.“
Sie erbebte innerlich. „Ja, das hattest du. Und jetzt komm rein, damit du dich hinsetzen kannst. Ich nehme deine Reisetasche.“
„Das ist nicht nötig.“ Er hob die Tasche auf und schob sich den Gurt über die Schulter. Dann versuchte er, mit den Krücken über die Türschwelle zu gehen.
Jenna trat näher. „Kann ich dir irgendwie helfen?“
„Nein. Ich kann es allein.“
Er klang leicht gereizt. Offenbar hatte sie ihn mit ihrer Frage verärgert. Sie sollten besser einen Weg finden, ihr Miteinander harmonisch zu gestalten. War ihm nicht klar, dass sie für eine Weile gewissermaßen zusammenleben würden? Sie würde für ihn kochen und waschen, ein wenig auf ihn achtgeben und ihm etwas beim Herumlaufen mit den Krücken helfen müssen.
Benötigte er ebenfalls im Badezimmer ihre Hilfe? Bei der Vorstellung, Dustin nackt zu sehen, errötete sie vor Verlegenheit, während ihr Herz zu rasen begann.
Ich habe mir doch ein aufregendes Leben gewünscht, oder?
Der Gips war Dustin so peinlich und schien mindestens fünfundzwanzig Pfund zu wiegen. Zu allem Übel rutschte jetzt noch der Gurt der Reisetasche von der Schulter, und das blöde Ding fiel auf die Veranda.
Dustin bückte sich und hob die Tasche mühsam wieder auf, während er energisch Jennas Hilfe ablehnte. Er wollte ihr unter keinen Umständen zur Last fallen. Nicht dieser Frau, die er kaum kannte und seit der Highschool aus der Ferne verehrte.
Außerdem hatte er das verflixte Versprechen im Hinterkopf, das er Tom gegeben hatte. Fand dieser es etwa witzig, dafür zu sorgen, dass Jenna und er für mehrere Wochen unter einem Dach wohnten? Oder erinnerte Tom sich nicht mehr an die Unterhaltung im Krankenwagen, nachdem er Dustin das Leben gerettet hatte?
Ich habe sie jedenfalls nicht vergessen.
„Danke, dass du mir das Leben gerettet hast, Partner. Ich habe den Bullen einfach nicht auf mich zukommen sehen“, hatte er zu Tom gesagt. „Ich schulde dir sehr viel.“
„Vergiss es, Dustin. Du würdest doch das Gleiche für mich machen. Dass du dein Versprechen nicht brichst, ist das Einzige, was du mir schuldest“, hatte sein Freund erwidert und zugleich vor Schmerzen aufgestöhnt. „Ich habe bemerkt, mit welchen Blicken du hinter meiner Schwester herschaust. Sie ist nicht … so erfahren wie du. Sie ist stets behütet worden. Erst von meinen Eltern, dann von mir. Du bist wie ein Bruder für mich, aber du magst die Frauen zu sehr. Du würdest Jenna wehtun, denn als Bullenreiter bist du meistens unterwegs und kannst nicht für sie da sein. Sie hat jemanden verdient, der immer zu Hause ist.“
Dustin sah Jenna an, die darauf wartete, dass er über die Türschwelle trat. Er würde sich eher die rechte Hand abhacken, als ihr wehzutun. Doch hatte Tom recht damit gehabt, dass er nicht für sie da sein könnte, solange er als Profireiter unterwegs war. Und so hatte er dem Freund in der Ambulanz ein zweites Mal versprochen, sich von seiner Schwester fernzuhalten.
Hat Tom die Sache vielleicht vergessen, überlegte Dustin erneut. Es war schon komisch, dass sein Freund ihn bat, auf die Ranch zu kommen, wenn auch Jenna dort sein würde.
Energisch nahm sie ihm gerade seine Reisetasche ab. Danach öffnete sie die Tür so weit wie möglich, damit er genug Bewegungsspielraum hatte, um ins Haus zu gelangen.
Verflixt, er hasste es, sich wie ein Invalide zu fühlen. Er hätte sich in sein Apartment verkriechen und alles mit sich allein ausmachen sollen. Aber der Arzt hatte ihm nach der Operation erklärt: Je mehr er sich schone, umso schneller würde er wieder gesund sein und zum Bullenreiten zurückkehren können.
Genau das war sein Ziel. Er hatte vor, die PBR-Weltmeisterschaft zu gewinnen und das Preisgeld einzustreichen. Dann konnte er seine Profikarriere beenden, sich eine eigene Ranch kaufen und richtig sesshaft werden. Dafür hatte er all die Jahre gespart.
„Onkel Dustin! Onkel Dustin!“
Andy stürmte aus der Küche ins Wohnzimmer, wo Dustin inzwischen in einen Sessel gesunken war und das Gipsbein von sich gestreckt hatte. Gut einen halben Meter von ihm entfernt blieb der Junge stehen.
„Hallo, Kumpel. Wie geht’s? Es ist schon länger her.“ Er streckte die Hand aus, und Andy schüttelte sie.
„Ich habe dich ständig im Fernsehen gesehen. Dich und Dad. Oh, und J. R. und Skeeter und Cody und Robson und …“
Dustin lachte, als der Zehnjährige einen Bullenreiter nach dem anderen benannte. Der Junge war einfach bezaubernd. Schade, dass seine hellblauen Augen etwas an Leuchtkraft eingebüßt hatten, seit seine Mutter nicht mehr auf der Ranch wohnte.
„Ich glaube, du bist gewachsen.“
„Echt?“
„Ich würde es doch nicht sagen, wenn ich es nicht wirklich meinte.“
Neugierig beugte Andy sich vor, um zu lesen, was sein Vater und andere Leute auf das Gipsbein geschrieben hatten. Währenddessen schaute Dustin kurz zu Jenna hin, die sich aufs Sofa gesetzt hatte.
Sie war noch hübscher geworden, als sie es ohnehin schon gewesen war. Und sie sah so angenehm natürlich aus, da sie im Gegensatz zu den stark geschminkten Bullenreitergroupies nur ganz wenig Make-up trug. Das halblange Haar umschmeichelte ihr Gesicht, und die Ohrstecker aus türkisfarbenen Steinen passten wunderbar zu ihren grünen Augen.
Sein Blick schweifte zu der Reisetasche, die neben der Couch stand. Darin befanden sich gerade einmal genug Sachen für zwei Tage. Er hatte sie für die Veranstaltung in Albuquerque gepackt und nicht für einen längeren Aufenthalt im Krankenhaus oder auf der Bar R.
„Ich muss einkaufen gehen. Meine ganzen Klamotten sind in meinem Apartment in Tubac“, sagte er mehr zu sich selbst.
„Du lebst in Tubac? In der Künstlerkolonie?“ Jenna schaute ihn überrascht an.
„Ja, genau“, bestätigte er, erzählte ihr aber lieber nicht, dass er selbst malte.
Er fertigte Aquarellzeichnungen von Reitern auf keilenden Bullen und bockenden Pferden an. Von Cowboys bei der Arbeit auf einer Ranch. Von der Landschaft rund um Tucson und Tubac sowie von der einen oder anderen Sehenswürdigkeit in der Umgebung. Zunächst hatte er nur zum Spaß gemalt. Doch dann hatte er angefangen, seine Bilder über einige Kunstgewerbeläden in der Kolonie zu verkaufen.
„Ich fahre dich gern hin.“
„Vielen Dank, aber ich will dir nicht noch mehr Mühen bereiten.“
Tubac lag eine knappe Autostunde von Tucson entfernt. Vielleicht konnte er einen von Toms Leuten als Chauffeur anheuern und so einige Sachen aus seinem Apartment holen.
Was für ein Sturkopf, dachte Jenna, erhob sich und nahm die Reisetasche. „Ich bringe sie ins Gästezimmer.“
„Das kann ich selbst.“ Dustin stand ebenfalls auf und stützte sich auf die Krücken.
„Ja, aber mich kostet es keine Mühe. Vermutlich hast du auch Hunger. Wie wär’s mit einem Sandwich?“
Unwillkürlich atmete er den blumigen Duft ihres Parfüms ein, als er sie erreichte. Es passte gut zu ihr. „Ich habe Tom versprochen, auf der Ranch nach dem Rechten zu sehen, während mein Knöchel heilt. Ich werde also versuchen, dich so wenig wie möglich zu stören und dir keine Last zu sein.“
„Du bist keine Last. Außerdem helfe ich gern.“
Sie wollte zweifellos höflich sein. Doch hatte er nicht vor, ihr oder sonst wem Mühen zu bereiten, denn das war nicht seine Art. Er war hier, um in Toms Abwesenheit ein Auge auf die Bar R zu haben, was er trotz der Krücken bewerkstelligen konnte.
Und ich werde die Gegenwart von Jenna genießen.
So hatte seine Verletzung zumindest etwas Gutes, denn dadurch konnte er Toms Schwester endlich besser kennenlernen. Aber egal, wie sehr sie ihn noch immer anzog, zwischen ihnen würde sich nichts entwickeln. Dafür würde er sorgen. Er hatte Tom ein Versprechen gegeben, und er war ein Mann, der sein Wort hielt.
Als Jenna später Sandwiches für sie drei zubereitete, hatte sie ihre innere Ruhe halbwegs zurückgewonnen. Sie sollte es am besten wie auf der Highschool machen und sich Dustin gegenüber kühl zeigen.
Zweifellos hatten sich seine Ausstrahlung und sein Sex-Appeal seit damals noch verstärkt. Und sein Lächeln war so charmant und faszinierend wie eh und je. Als sie ihn vorhin zum ersten Mal seit Langem wieder aus ganz unmittelbarer Nähe gesehen hatte, war ihr ganz anders geworden. Ihre Wangen hatten zu glühen begonnen, und ihr Herz klopfte wie verrückt.
Hoffentlich hörte sie bald auf, wie ein Schulmädchen auf ihn zu reagieren. Ihre einstige Schwärmerei war doch längst ausgestanden – oder etwa nicht? Du bist einfach eine Frau, die einen attraktiven Mann bewundert, entschied sie, als Andy und Dustin in die Küche kamen und sich setzten.
„Wie wär’s mit einem Glas Milch?“ Sie stellte die Teller mit den Sandwiches auf den Tisch und spürte, dass ihr Blut schon wieder schneller in den Adern pulsierte.
„Ja, gern.“
„Ja, gern“, sagte auch Andy, bevor er mit seinem Patenonkel weiter übers Bullenreiten redete.
Seit Dustin eingetroffen war, hatte der Junge nur noch Augen und Ohren für ihn. Nicht, dass Jenna damit Probleme hatte. Aber ich lasse mich nicht in seinen Bann ziehen, forderte sie sich auf, während sie sich um die Getränke kümmerte.
In Kürze wurde sie dreißig und verfolgte jetzt andere Ziele im Leben. Sie hatte beschlossen, dass es an der Zeit war, das Dasein voll auszukosten und sich zu amüsieren. Nur wie sollte sie dies auf Toms Ranch tun?
Aufgrund seines Handicaps blieb Dustin sitzen, als Jenna die eingeschenkten Gläser brachte, rückte ihr jedoch bestmöglich den Stuhl neben seinem zurecht. Sie nickte zum Dank und setzte sich. Dabei blickte sie ihm in die blauen Augen und atmete tief ein.
„Ich habe es für das Beste gehalten, dir das Gästezimmer herzurichten, da es ein eigenes Bad mit Dusche hat.“
Welch geistreiche Bemerkung dachte sie und biss in ihr Sandwich. Danach legte sie es wieder aus der Hand. Dustins Nähe und der Duft seines Aftershaves machten sie zu nervös, um essen zu können.
„Vielen Dank. Ich würde nur zu gern duschen.“ Er schaute Andy an. „Leider kann ich es wegen des verflixten Gipsbeins nicht. Es soll nicht nass werden. Deshalb darf ich bloß baden, weil ich das Bein dann über den Wannenrand nach draußen hängen lassen kann.“
Sogleich sah Jenna ihn im Geist nackt vor sich, und ihr Mund wurde ganz trocken. Schnell trank sie mehrere Schluck Milch.
„Erzähl mal, was tust du so?“ Dustin wandte sich ihr wieder zu. „Wohnst du noch immer in Phoenix?“
„Ja, und ich arbeite weiter als Lehrerin. Gerade habe ich eine vierte Jahrgangsstufe unterrichtet. Außerdem trainiere ich die beiden Teams für den Buchstabier- beziehungsweise Debattierwettbewerb.“
„Das klingt nach einem ganz schönen Pensum.“
„Es hält mich auf Trab.“
„Also hast du die gleiche Klassenstufe unterrichtet, in der Andy Probleme hat. Kein Wunder, dass Tom dich um Hilfe gebeten hat.“ Dustin zerzauste seinem Patensohn das Haar. „Wie läuft’s denn so in Englisch und Mathe?“
Der Junge zuckte die Schultern. „Ich schätze so weit okay.“
„Er schlägt sich prima und hat schon große Fortschritte gemacht.“
„Aber es ist schrecklich langweilig.“ Andy stützte den Kopf auf die Hand.
„Vielleicht kann ich daran etwas ändern“, erwiderte Dustin und biss erneut in sein Sandwich.
„Das wäre super, Onkel Dustin!“
Jenna fand es zwar nett, dass er Andy bei den Schularbeiten helfen wollte, war jedoch auch etwas verärgert. Sie war Lehrerin und kam sehr gut allein zurecht. Am besten wechselte sie das Thema.
„Wie geht es deinen Eltern? Tom hat mir erzählt, dass es ihnen in Alaska gefällt.“
„Ja, sie fühlen sich dort sehr wohl. Dad hat wieder zu jagen angefangen, und Mom trifft sich regelmäßig mit ihren neuen Freundinnen zum Kaffeetrinken und Kartenspielen.“ Er blickte Jenna an. „Ich vermisse deine Eltern noch immer. Sie waren stets so freundlich zu mir.“
Kurz schloss sie die Augen und sah ihre Mutter und ihren Vater im Geist vor sich. Wie oft hatte sie den betrunkenen Autofahrer schon verwünscht, der für den Verkehrsunfall verantwortlich gewesen war. Energisch blinzelte sie Tränen fort. „Es vergeht kein Tag, an dem sie mir nicht fehlen.“
„Ja.“ Dustin schob sich das restliche Sandwich in den Mund und trank dann sein Glas aus. „Wenn ihr mich jetzt bitte entschuldigt. Ich sollte mich etwas hinlegen und ausruhen.“
„Brauchst du Hilfe?“, fragte Jenna.
„Nein, danke.“
Sie runzelte die Stirn. „Warum bist du hier, wenn du keine Hilfe brauchst?“ Er hatte ihr bereits erklärt, dass er niemandem zur Last fallen wolle. Aber wie sollte sie reagieren, wenn er jede Unterstützung ablehnte?
Dustin zog die Brauen hoch. „Um auf der Ranch nach dem Rechten zu schauen.“
„Du bist aber auch hier, um dich zu erholen.“ Jenna folgte ihm, als er die Küche verließ. „Dustin“, sagte sie leise auf dem Flur, denn Andy musste die Unterhaltung nicht mit anhören, „ich verstehe nicht, warum du meine Hilfe zurückweist!?“
„Das stimmt so nicht. Ich will nur allein zurechtkommen.“
Sie verdrehte die Augen. „Du kannst nicht alles selbst schaffen.“
„Vielleicht nicht, doch werde ich es verdammt noch mal versuchen.“
„Warum?“
„Weil ich es schon immer probiert habe und nicht anders kenne. Seit über zehn Jahren stehe ich auf eigenen Beinen. Ich musste für mich verantwortlich sein und habe viel erlebt und mitgemacht. Und egal, was war … Niemand hat je meine Hand gehalten.“
Dustin tat ihr schrecklich leid. Allerdings schien er sich selbst nicht im Mindesten leidzutun. Jenna wusste, dass er seit Langem kein richtiges Zuhause mehr hatte. Bereits recht bald nach seinem Highschoolabschluss hatten seine Eltern die Ranch verkauft und waren weggezogen. Dustin war im Raum Tucson geblieben, auch wenn er hier keine Angehörigen mehr gehabt hatte.
„Mir ist klar, dass du unabhängig sein möchtest. Das ist auch okay für mich, solange du es nicht übertreibst und dir schadest. Können wir uns darauf einigen?“
Er lächelte. „Ja, das können wir.“
„Gut. Dann wünsche ich dir jetzt eine erholsame Siesta.“
Jenna kehrte zu Andy zurück, der gerade das letzte Sandwich aß. Sie begann in der Küche Ordnung zu machen. Als sie das Geschirr in die Spülmaschine räumte, hörte sie einen lauten Aufprall und Dustin fluchen.
„Bleib hier, Andy“, befahl sie und eilte zum Gästezimmer.
Dustin lag bäuchlings auf dem Boden und war einzig mit weißen Boxershorts bekleidet. Er drehte den Kopf in ihre Richtung und stöhnte im nächsten Moment gepeinigt auf.
„Bist du okay?“ Sie kniete sich neben ihn. „Hast du dir etwas gebrochen?“
„Nein, habe ich nicht. Ich komme mir nur reichlich blöd vor. Ich bin gestolpert.“
„Lass mich dir aufhelfen. Ich wüsste nicht, wie du es allein schaffen solltest.“
„Du kannst mich nicht heben. Ich bin zu schwer. Wenn du den Stuhl vom Tisch herholst und festhältst, kann ich ihn als Aufstehhilfe benutzen.“
Wenig später beobachtete Jenna fasziniert das Spiel seiner beeindruckenden Muskeln, während er sich langsam aufrichtete. Schließlich ließ er sich erschöpft aufs Bett sinken und streckte sich darauf aus.
„Ich decke dich zu.“
„Danke.“
„Vielleicht erlaubst du mir, dir mehr zu helfen, Dustin. Du hättest dich gerade ernsthaft verletzen können.“
„Mir geht es gut.“
„Dickschädel“, erwiderte sie leise, als sie eine Wolldecke aus dem Schrank nahm. Sie breitete sie über seinen viel zu perfekten Körper und sah Dustin dann an. „Bist du jetzt bereit zuzugeben, dass du meine Hilfe brauchst?“
Er lachte auf. „Nein.“
Sie schüttelte den Kopf. „Du sturer … Bullenreiter.“
„Welch ein Lob“, antwortete er mit halb geschlossenen Lidern. „Du bist die Beste, Jenna. Und das meine ich ernst.“
Sie hatte Jahre darauf gewartet, ihn das sagen zu hören. „Schließ jetzt deine Augen, Cowboy. Wir reden später.“
„Ich will unbedingt wissen, was du so getan hast. Ich möchte alles … über dich … erfahren …“
Dustin war eingeschlafen, und Jenna hätte vor Freude jubeln können. Er war vielleicht nicht ihr Mr. Perfect, aber möglicherweise doch ihr Mr. Perfect für den Augenblick.