1. KAPITEL
Februar 1818
„Er ist offenbar ein ehemaliger Soldat. Er kämpfte bei Waterloo.“
Mrs. Outhwaite beugte sich vor, senkte die Stimme und ließ den Blick vielsagend über die Runde der Damen schweifen, die den Neuankömmling in Whittleston-on-the-Water mit kaum verhohlener Neugier anstarrten. Da Sophie es keineswegs behagte, so derart unverhohlen zu glotzen, beschäftigte sie sich stattdessen angelegentlich damit, einige Äpfel an einem Marktstand zu inspizieren, während sie heimlich einen Blick auf den gut aussehenden und wohlproportionierten neuen Gutsherrn warf, der vor der Schmiede herumlungerte.
„Er stammt aus dem entfernten Somerset-Zweig der Familie Peel und ist – oder vielmehr war – Lord Hockleys Vetter zweiten Grades. Ein weiteres Einzelkind natürlich, denn die Peels scheinen immer nur einen Erben auf einmal zu haben. Sie sind eine sehr unfruchtbare Familie. Lady Hockley, Gott hab sie selig, war unfruchtbar wie eine Wüste, und wie ich höre, hat die Mutter des neuen Earls weniger als ein Jahr nach seiner Geburt das Zeitliche gesegnet. Und Geld hat er angeblich auch keins.“
Mrs. Outhwaite war eine schamlose Klatschtante, die stets das aussprach, was ihr durch den Kopf ging, ohne Rücksicht darauf, ob es angemessen war. Keine der Anwesenden würde es wagen, sie wegen ihres mangelnden Anstands zurechtzuweisen, denn abgesehen davon, dass sie die Frau des Eigentümers der South Essex Gazette und damit die beste Quelle für Klatsch und Tratsch im Umkreis war, hatte sie nicht nur eine lose Zunge, sondern war auch überaus bissig. Sophie hatte dies schon mehr als einmal zu spüren bekommen, wann immer sie Mrs. Outhwaite im Laufe der Jahre hatte widersprechen müssen, was dank ihrer eigenen Unfähigkeit, den Mund zu halten, öfter der Fall gewesen war, als sie zählen konnte. Aber seit sich der Gesundheitszustand ihrer Tante Jemima drastisch verschlechtert hatte, bemühte sie sich, ihre Schlachten sorgfältig auszuwählen, und diese hier war es nicht würdig, um ihre Rüstung anzuziehen und alle Zurückhaltung in den Wind zu schlagen. Außerdem war Sophie genauso gespannt auf den neuesten Zuwachs im Dorf wie alle anderen auch.
„Allerdings …“ Mrs. Outhwaite legte eine dramatische Pause ein, und die versammelten Damen rückten näher zusammen. „Gestern, als der Metzger seine wöchentliche Lieferung ins große Haus brachte, glaubt er gehört zu haben, wie die Haushälterin dem Butler erzählte, sie habe gehört, wie der neue Lord Hockley seinem Anwalt sagte, er habe kein Interesse an dem Anwesen und nicht vor, jemals hier zu leben. Ihm geht es nur ums Geld!“
„Das hat er gesagt?“ Tante Jemima war über diese Einstellung des neuen Lords ebenso empört wie alle anderen Damen, ganz abgesehen davon, dass die dürftigen Behauptungen aus einem offenbar belauschten Gespräch eines belauschten Gesprächs stammten. „Wie geldgierig!“ Sie schlug sich eine Hand vor den Mund, als würde sie gleich einen ihrer legendären Anfälle bekommen, und Sophie kramte rasch in ihrem Retikül nach dem Riechsalz, das sie für solche Fälle immer bei sich trug. Allerdings verdrehte sie diesmal nicht wie üblich die Augen, als sie es überreichte, denn ihre Tante war ja jetzt wirklich krank – und hatte es nicht nur mit den Nerven – und die ganze Unruhe und Ungewissheit, die die aktuelle Situation mit sich brachte, war nicht gut für sie.
„Merkt euch meine Worte und denkt an Hinkwell-on-the-Hill!“ Mrs. Outhwaite reckte einen Finger himmelwärts und wackelte damit wie ein Mann Gottes, der Feuer und Schwefel auf der Kanzel predigt. „Er plant bereits, uns das Land unter den Füßen wegzuverkaufen!“
Alle Damen keuchten vor Entsetzen auf, als sie plötzlich mit dem Schlimmsten rechneten. Niemand wollte, dass es hier zu einem Ausverkauf des Landes kam, aber die nackte Realität war, dass sie alle machtlos waren, es zu verhindern, wenn die Räder erst einmal in Bewegung gesetzt wurden. Neben seinem großen Anwesen im Westen des Dorfes besaß Lord Hockley praktisch das gesamte Land, das an das Dorf grenzte. Das bedeutete, dass ihm quasi jeder Hektar im Umkreis von fünf Meilen gehörte, die meisten Gebäude darauf und die Mauern jedes einzelnen Ladens rund um diesen Marktplatz, auf dem sie sich gerade befanden.
Das allein machte ihr Dorf noch lange nicht einzigartig, denn es gab wahrscheinlich Hunderte im ganzen Land, die ähnlich waren, aber bis auf drei armselige Hektar war das Hockley-Land nicht verpachtet, was sie angreifbar machte. Vor allem die Nähe zur Hauptstadt und die Annehmlichkeiten der Themse, die buchstäblich vor der Haustür lag, machten Whittleston-on-the-Water zu einem verlockenden Ort. Gutes Land in dieser Gegend war rar und kostete viel Geld. Eine Tatsache, die die unglücklichen Bewohner des nahe gelegenen Dorfes Hinkwell erst vor vier Sommern hatten erfahren müssen, als der örtliche Gutsherr sein Land für eine horrende Summe an den wohlhabenden Besitzer einer Schiffsflotte verkaufte.
Damals hatte sich zunächst niemand Sorgen wegen der Transaktion gemacht, da die riesigen Landflächen seit dem Domesday Book schon viele Male den Besitzer gewechselt hatten – doch dann trafen die Räumungsbescheide ein. Innerhalb weniger Monate hatte der Schifffahrtsmagnat alle Dorfbewohner vor die Tür gesetzt und das arme Hinkwell-on-the-Hill dem Erdboden gleichgemacht. Auf dem Hügel stand nun das prunkvollste Herrenhaus, das je ein Mensch gesehen hatte, und anstelle der jahrhundertealten Bauernhöfe und den betriebsamen Werkstätten, die ihm angeblich die Aussicht verdarben, gab es nun Hektar für Hektar künstliches Parkland mit importierten Moorhühnern und Hirschen. All das hatte der selbstverliebte neue Besitzer dort angesiedelt, um gelegentlich zu jagen, wenn er die Hauptstadt lange genug verließ, um den Gutsherrn zu spielen, seine Geschäftspartner zu beeindrucken oder auf seinem Weg nach oben Freunde aus der High Society zu umwerben.
Mrs. Outhwaite starrte den Neuankömmling jetzt so furchtsam an, als wäre er der Leibhaftige. „Das gemeine Blut des alten Hockley fließt durch seine Adern, und sein entschlossenes Schweigen ist ohrenbetäubend. Denkt an meine Worte, wenn es nach dem neuen Lord geht, werden wir alle bis Weihnachten obdachlos sein!“
Aller Blicke schweiften über den Platz zu dem besagten Mann. Sogar Sophie ließ für einen Moment die Äpfel Äpfel sein, um ihn von oben bis unten zu mustern, und als ob er die intensiven Blicke spürte, wandte der neue Gutsherr ihnen demonstrativ den Rücken zu und starrte eine Wand an. Besorgniserregend distanziert und losgelöst von all dem Markttreiben um ihn herum, als ob er sich nicht im Geringsten um ihr kleines Dorf oder die Menschen, die darin wohnten, scherte.
Die selbst ernannte Vorbotin des Untergangs gestikulierte ausgiebig, darauf bedacht, ihr Publikum in Angst und Schrecken zu versetzen, unabhängig davon, ob der Oberbösewicht des Stücks in der Nähe war oder nicht. „Und all das wird bis zum nächsten Sommer verschwunden sein!“
Sophie war zwar stets darauf bedacht, Mrs. Outhwaites Ausführungen mit Vorsicht zu genießen, aber heute kam sie nicht umhin, über ihre Worte nachzudenken.
In den acht Tagen, seit der neue Lord hier angekommen war, hatte er sehr zurückgezogen gelebt und schien es auch nicht eilig zu haben, etwas an diesem Zustand zu ändern. Selbst seinen nächsten Nachbarn, zu denen auch sie gehörte, war er durch seine Abwesenheit aufgefallen. Bisher hatte er nur einige wenige Herren empfangen, aber sich bei diesen bedauerlich kurzen Gesprächen über seine Pläne bedeckt gehalten, selbst wenn er direkt gefragt worden war. Die einzige Person, die er täglich empfing, war Mr. Spiggot, der Anwalt, und der war verpflichtet, nichts von diesen Gesprächen preiszugeben, da er sonst Gefahr lief, seine Zulassung zu verlieren. Sie war jedoch nicht die Einzige, die bemerkt hatte, dass der sonst so joviale Anwalt nach seinen Besuchen im Herrenhaus blass und verschlossen wirkte. Heute Morgen konnte er kaum jemandem in die Augen sehen, wenn er über den Marktplatz huschte, und das war überaus untypisch für ihn.
Das alles war wirklich sehr beunruhigend.
Heute, bei seinem ersten Ausflug ins Dorf, hatte der neue Lord Hockley jedem, an dem er vorbeikam, einen guten Morgen gewünscht – wenn auch nur widerwillig – und war dann zwar freundlich lächelnd, aber überaus geschäftig seiner Wege gezogen. Er wollte offensichtlich in Ruhe gelassen werden und nicht verraten, was er im Sinn hatte, obwohl Mr. Spiggot ihm bei ihrer ersten Begegnung mitgeteilt hatte, dass er das Schicksal des Dorfes in den Händen hielt und sich alle Bewohner in schrecklichem Aufruhr befanden.
Sein entschlossenes Schweigen war in der Tat bedrohlich. Deshalb wurde viel geklatscht. In Ermangelung konkreter Fakten gelangte die Nachbarschaft, wie auch Mrs. Outhwaite, zu ihren eigenen apokalyptischen Schlüssen.
Das bedeutete nicht, dass Sophie nicht ein wenig zusammenzuckte angesichts der unverhohlenen Gehässigkeit der älteren Frau.
Es stimmte zwar, dass niemand in Whittleston-on-the-Water viel Sympathie für den kürzlich verstorbenen Earl gehegt hatte, vor allem, weil er sein ganzes Leben lang ein durch und durch grausamer Mensch gewesen war, aber es erschien ihr falsch, seinen Nachfolger aufgrund wilder Vermutungen, für die es bislang keine Beweise gab, in einen Topf mit seinem Vorgänger zu werfen. Der neue Earl of Hockley könnte nach allem, was sie wussten, ein absolut umgänglicher Gentleman sein, großzügig im Geiste und in der Tat, und ein Mann, der seine Verantwortung ernst nahm. Daher verdiente er sicherlich Unvoreingenommenheit, bis er das Gegenteil bewies? Vor allem, wenn seine familiären Verbindungen so ungünstig waren, wie sie zu sein schienen. Somerset lag gut hundertfünfzig Meilen von dieser verschlafenen kleinen Enklave an der Themse entfernt, und niemand hatte ihn je zuvor gesehen. Mit seinem markanten Aussehen, dem vom Wind zerzausten, sandfarbenen Haar, den stechend blauen Augen und den übermäßig breiten Schultern hätte Sophie sich bestimmt an ihn erinnert.
„Wir sind in großer Gefahr, uns mit wilden Spekulationen und dürftigen Gerüchten über Gebühr aufzuregen. Ich bin mir nicht sicher, ob jemand so verdorben sein könnte wie sein Vorgänger.“ Tante Jemima, die trotz ihrer Neigung, jedes kleine Drama in eine große Krise zu verwandeln, immer diplomatisch war, riskierte Mrs. Outhwaites Zorn. „Reverend Spears hat ihn gestern aufgesucht und gesagt, er sei sehr höflich gewesen, und obwohl man ihm keinen Tee angeboten habe …“ – eine Kardinalsünde, was dieses Dorf betraf – „… hätten sie ein recht angenehmes Gespräch geführt, und er habe nicht den Eindruck gehabt, dass der neue Lord Hockley beabsichtige, uns den Boden unter den Füßen wegzuverkaufen.“
Wie Sophie hoffte auch ihre Tante verzweifelt, dass der neue Gutsherr etwas Gutes zu bieten hatte. Sie drückten beide die Daumen, dass er nachsichtiger und vernünftiger sein würde als sein Vorgänger. Wenn nicht, dann hätten sie ein Problem.
Ihr klägliches Vermögen reichte ohnehin kaum aus, und es war nichts in Reserve, um eine Mieterhöhung zu finanzieren, geschweige denn einen Umzug. Abgesehen davon würde Tante Jemima es schrecklich finden, nach siebenundsechzig Jahren im selben Haus noch einmal ganz von vorn anfangen zu müssen. Sie hatte so viel Angst vor einer Zwangsräumung, dass man sie bereits zweimal innerhalb weniger Tage davon hatte abhalten müssen, ihn aufzusuchen und um Gnade zu bitten. Sie war auch zu verängstigt, um auf ihrem geliebten Klavier zu spielen, und saß stattdessen stundenlang da und starrte ins Leere. Es war tragisch anzusehen und nicht gut für ihr schwächelndes Herz. Sicherlich war er nicht so grausam, eine kranke alte Dame gewaltsam aus dem tröstlichen Schoß des Lebens zu reißen, das sie immer gekannt hatte?
Sophie riskierte es, ihn noch einmal aus dem Augenwinkel zu betrachten, und zuckte zusammen, als er sich schließlich entschloss, zurückzublicken. An seinem missbilligenden Gesichtsausdruck konnte man erkennen, dass der neue Lord Hockley ohne den geringsten Zweifel wusste, dass die versammelte Schar von Frauen, die alle miteinander schnatterten, in ein wenig schmeichelhaftes Gespräch über ihn verwickelt war.
Sie lächelte die Damen freundlich an, als ob sie sich nur über das Wetter unterhielten. „Da der betreffende Herr sich nur einen Katzensprung entfernt befindet und uns anstarrt, sollten wir vielleicht alle mit unseren Einkäufen fortfahren und dies später in der Privatsphäre unseres Nähzirkels besprechen?“
Mrs. Outhwaite runzelte die Stirn über Sophies Vorschlag, aber ließ sich nicht beirren. „Hat er den Reverend über seine Pläne informiert? Hat er angedeutet, dass er vorhat zu bleiben? Hat er erwähnt, was er mit all dem Ackerland und den Besitztümern zu tun gedenkt, die ihm nicht gehören, oder warum Mr. Spiggot nach jedem ihrer Treffen aschfahl ist?“ Sie schüttelte den Kopf und stieß erneut mit dem Zeigefinger in die Luft. „Natürlich hat er das nicht! Wenn mein Mann ihm keine Antworten entlocken kann, kann es niemand, und einem Mann, der so wortkarg bleibt, während alle um ihn herum um ihre Existenz fürchten, kann man nicht trauen. Sein Schweigen hat den Beigeschmack von Verrat. Von Hintergedanken und purer, unverfälschter Gier.“ Sie holte tief Luft. „Merkt euch meine Worte, meine Damen, unser neuer Earl wird unsere Häuser und Geschäfte an den Meistbietenden verkaufen, ohne sich um irgendjemanden von uns zu kümmern.“
Mrs. Outhwaite beugte sich noch weiter vor, und alle anderen Damen folgten ihr gebannt. „Ich weiß aus zuverlässiger Quelle, dass er einmal verheiratet war und dann unter dubiosen Umständen Witwer wurde.“ Alle zuckten zusammen.
Sophie nicht, denn die Information stammte angeblich aus „zuverlässiger Quelle“, was immer ein sicheres Zeichen dafür war, dass Mrs. Outhwaite eigentlich keine Ahnung hatte, ob ihre Anschuldigungen wahr waren, aber trotzdem so tun wollte, als wäre sie das Orakel aller Dinge. Während sie die Anschuldigung genüsslich in der Welt verbreitete, schauderten die anderen alle vor Entsetzen, als hätte er seine arme, unglückliche Frau mit bloßen Händen erwürgt, während sie um Gnade bettelte, und sie dann im Wald vergraben. „Er hat auch keine Kinder, was angesichts seiner Familiengeschichte nicht verwunderlich ist, und wahrscheinlich ist das auch gut so. Die Welt kann auf weitere Peels und ihr verdorbenes Blut verzichten.“
„Das könnte sich durchaus ändern, wenn er sich hier niederlässt, eine Frau findet und eine Familie gründet.“ Isobel Cartwright strich sich über ihre perfekte Frisur, während sie in Richtung des Earls blickte und sich offensichtlich innerlich schon auf diese Rolle vorbereitete. „Hat eine von Ihnen das in Erwägung gezogen? Denn ich kann Ihnen versichern, dass ich es getan habe.“ Sie schenkte Lord Hockley ein aufmunterndes Lächeln, um ihm zu zeigen, dass sie verfügbar war.
„Hör auf, mit dem Feind zu flirten, Mädchen!“ Mrs. Outhwaite bedachte Isobel mit einem strengen Blick. „Du verschwendest deine Zeit. Kein Earl wird jemals die Tochter eines Ladenbesitzers heiraten!“
Fairerweise muss man sagen, dass die kokette Isobel, die einige Jahre jünger als Sophie war, über gute Beziehungen verfügte, modisch gekleidet, schlank und deutlich hübscher war als alle anderen im Umkreis, ob sie nun die Tochter eines Ladenbesitzers war oder nicht, viel bessere Chancen hatte als jede andere alleinstehende Frau in Whittleston-on-the-Water, sich einen Titel zu ergattern. „Als Adeliger ist er verpflichtet, Erben zu zeugen, und es versteht sich von selbst, dass er in Hockley Hall Gesellschaft brauchen wird. Ich habe immer gedacht, dass es ein zu großes Haus für einen einsamen Junggesellen ist. Ich frage mich, ob ihn jemand zur monatlichen Versammlung eingeladen hat. Wenn nicht, sollte man es tun, denn es wäre schlechter Stil, ihn auszuschließen.“ Unverfroren warf Isobel ihm ein weiteres verführerisches Lächeln über den Platz zu, doch ihr unverhohlener Flirtversuch wurde von dem örtlichen Metzger vereitelt, der genau in diesem Moment aus seinem Laden trat und sich dem neuen Lord vorstellte. Das hielt Isobel nicht davon ab, ihn anzustarren, während sie Sophie mit dem Ellbogen anstieß.
„Wer hätte gedacht, dass der griesgrämige alte Hockley einen Cousin zweiten Grades hat, der ein goldhaariger Adonis ist?“, flüsterte sie gut hörbar für alle.
„Der Schein kann trügen, junge Dame“, sagte Mrs. Outhwaite. „Aber ich wage zu behaupten, dass wir alle schon bald sein wahres Wesen kennenlernen werden, obwohl, wenn ihr meine Meinung hören wollt …“ Was Sophie natürlich nicht tat, aber alle anderen schon. „Sein hübsches Gesicht wird durch die Grausamkeit in seinen Augen zunichte gemacht. Die Familie Peel ist bekannt für ihre Bösartigkeit, und diese Augen sind so kalt wie der Winter.“ Sie erzitterte, was die arme Tante Jemima erbleichen ließ.
„Haben Sie in Erwägung gezogen, dass er einfach nur schüchtern sein könnte?“ Sophie glaubte es in Anbetracht des grimmigen Blicks, mit dem er den Metzger jetzt bedachte, selbst nicht, aber trotzdem verspürte sie das Bedürfnis, ihn in Schutz zu nehmen. „Oder überfordert? Es muss entmutigend sein, sich einer so eng verbundenen Gemeinschaft gegenüberzusehen. Vor allem, wenn man nicht daran gewöhnt ist.“
An den engen Zusammenhalt im Dorf hatte sich Sophie auch erst gewöhnen müssen, als sie vor zehn Jahren hier angekommen war und dringend Ruhe gebraucht hatte, also hatte sie Verständnis dafür, wenn er sich von all der Neugier überwältigt fühlte. „Es muss ein ziemlicher Schock gewesen sein, die starre Struktur der Armee verlassen zu müssen, wo man ihm gesagt hat, was er zu tun hat, und plötzlich der allmächtige Herr zu sein, der für alles verantwortlich ist.“
Mrs. Outhwaite neigte den Kopf in Richtung des finster dreinblickenden Lord Hockley, der jetzt mit verschränkten Armen vor dem Metzger stand, sodass dieser so wirkte, als wäre er um ein paar Zentimeter geschrumpft. „Sieht dieser Mann für dich überfordert oder schüchtern aus?“
Das tat er nicht.
Wenn überhaupt, schien der neue Lord Hockley sich keinen Deut darum zu scheren, was man über ihn dachte oder was er für einen Eindruck machte. Aber selbst aus dieser Entfernung konnte sie sehen, dass Mrs. Outhwaite sich in einem Punkt geirrt hatte. An den Augen des neuen Earls war nichts Kaltes. Die unergründliche und intensive Hitze in ihnen brannte wie die Sonne.
Während sie alle ihn anstarrten, ließ Lord Hockley den Metzger stehen und kam zum Entsetzen der Damen über den Platz direkt auf sie zu. Fast so, als hätte er genug von ihrem Gerede und wäre entschlossen, dem Ganzen ein Ende zu setzen. Mrs. Outhwaite war die Erste, die flüchtete, und innerhalb von Sekunden hatten sich alle Damen wie Ameisen zerstreut, sodass nur Sophie und Tante Jemima übrig blieben.
Da Sophie keine andere Wahl hatte, drückte sie dem Gemüsehändler schnell zwei Äpfel in die Hand. „Kann ich bitte auch ein Pfund Kartoffeln haben, Mr. Lynch?“ Mit etwas Glück würde der neue Earl an ihnen vorbeistürmen, während sie ihr Geschäft abschlossen, sodass sie und ihre Tante so tun konnten, als hätten sie ihn nicht bemerkt. „Und ein halbes Pfund Zwiebeln.“ Das Kopfsteinpflaster unter ihren Füßen vibrierte unter seinen resoluten Schritten, und in wenigen Augenblicken würde er verschwunden sein, und sie konnten beide wieder aufatmen.
„Guten Tag, Lord Hockley.“ Beim Klang der zittrigen Stimme ihrer Tante zuckte Sophie den Bruchteil einer Sekunde zusammen, während sie im Rücken spürte, dass der Mann bei ihnen stehen geblieben war. „Ich wollte mich schon die ganze Woche vorstellen … da wir ja Ihre nächsten Nachbarn sind.“
Dies war weder der richtige Zeitpunkt noch der richtige Ort, um sein Mitleid zu betteln, und Sophie betete, dass ihre Tante dies rasch einsehen würde. Mit einem wütenden Mann zu verhandeln, konnte nicht gut ausgehen. „Ich bin Miss Jemima Gilbert, eine alte Jungfer aus dieser Gemeinde, und das ist meine Nichte …“ Tante Jemima griff nach Sophies Ärmel und zwang sie, sich umzudrehen.
Aus zusammengekniffenen blauen Augen sah er sie an, als wäre er über ihren Anblick verärgert. Nach einem kurzen Blick, bei dem er zweifellos zu dem niederschmetternden Schluss gelangte, dass auch sie eine verstaubte alte Jungfer aus dieser Gemeinde war, wandte er sich mit unverhohlener Ungeduld wieder an ihre Tante. „Wir sind Ihre Mieter in …“
Er verdrehte die blauen Augen. „Natürlich sind Sie das. Ist das nicht jeder an diesem gottverlassenen Ort?“
Und mit diesen Worten schritt er davon, ohne auch nur einen Blick zurückzuwerfen.