1. KAPITEL
Es war Nacht. Was war passiert? David Gentry stützte sich mühsam auf einem Ellbogen auf und versuchte, mit der anderen Hand die Moskitos zu verscheuchen, die in einer Wolke sein Gesicht umschwirrten. Die Moskitos hatten ihn schon seit Stunden, vielleicht seit Tagen gestochen und sein Blut gesaugt – er hatte nicht die geringste Ahnung, wie lange er hier schon im Dschungel lag.
Es fiel ihm unendlich schwer, seine Gedanken zu ordnen. Im Augenblick erinnerte er sich an seinen Namen, sonst nichts.
David kam stöhnend auf die Knie und versuchte, sich hochzustemmen, ließ sich aber sofort wieder erschöpft zurücksinken. Ein Erinnerungsfetzen tauchte auf: heftige Tritte und das Knacken brechender Knochen. Vorsichtig tastete er seine schmerzende Brust ab. Zwei oder drei Rippen schienen gebrochen, vielleicht noch mehr. Die ganze Brustseite von der Schulter bis zur Hüfte tat höllisch weh.
Erneut wollte er aufstehen. Leichter gesagt als getan. Der Schmerz in seiner Schulter war fast unerträglich. Er drehte mühsam den Kopf und entdeckte die verkrustete Schusswunde.
Er musste auf die Beine kommen! Oder er lief Gefahr, hier liegen zu bleiben und zu sterben. Mit äußerster Willensanstrengung richtete er sich auf, ganz vorsichtig, um zu vermeiden, dass eine der gebrochenen Rippen sich in die Lunge bohrte. Das würde innerhalb kurzer Zeit sein Ende bedeuten.
Mit aller Macht kämpfte er gegen den Wunsch an, sich einfach auf den weichen, feuchten Urwaldboden sinken zu lassen.
Eine Stunde schlafen – nur eine Stunde …
Vor Müdigkeit und Erschöpfung fielen ihm die Augen zu. Nur der brennende Durst hielt ihn wach. Sein Geist begann, sich zu verwirren. Er langte nach der Wasserflasche, die normalerweise immer neben seinem Bett stand. Aber seine Hand schloss sich nur um einen Haufen feuchter Blätter.
David riss erschrocken die Augen auf. Aus dem Unterbewusstsein meldete sich eine warnende Stimme, dass Schlafen den sicheren Tod bedeutete. Man brauchte nicht selbst Arzt zu sein wie David, um zu begreifen, dass er zu schwach, zu ausgetrocknet, zu schwer verletzt war, um eine weitere Nacht zu überstehen.
Die Diagnose hätte jeder Medizinstudent stellen können. Er, David, aber war sechsunddreißig und hatte bereits eine Menge erlebt. Vor sechzehn Jahren hatte er begonnen, Medizin zu studieren. Seine Gedanken gingen zurück, aber dann trübte sich sein Geist erneut.
Als er zu den Palmen und hohen Bambusstauden aufschaute, meinte er, zu Hause in Toronto zu sein und die hohen Bäume im Garten seines Elternhauses vor sich zu haben.
Irgendetwas raschelte in dem Busch neben ihm. Alarmiert warf David einen Blick hinüber. Ihm war, als sähe er ein paar Augen funkeln. Was war das? Eine Schlange?
„Reiß dich zusammen, Davey“, redete er sich gut zu. Er legte den linken Arm schützend über seinen Brustkorb, obwohl der Schmerz in der verletzten Schulter ihn laut aufstöhnen ließ. Mit dem anderen Arm versuchte er, sich hochzustemmen. Nirgendwo gab es einen Ast oder einen Baumstamm, an dem er sich hätte festhalten können.
David wollte nicht sterben, nicht hier und nicht auf diese Weise. Er erinnerte sich, dass er trotz seiner Verletzungen bereits viele Meilen zurückgelegt hatte, um Hilfe zu finden.
Verdammt, dachte er, ich muss zu einem dieser Rhododendronbüsche hinüber. Der hatte tiefe Wurzeln und würde stark genug sein, um sich daran hochzuziehen. Aber selbst wenn er es schaffte, sich aufzurichten, würde er in der Lage sein, sich auf den Beinen zu halten und weiterzumarschieren?
David schaute sich um, um die glühenden Augen zu orten. Affen waren eher harmlos, auch die Wildrinder. Anders sah es schon aus mit Wildhunden oder Tigern, die es hier immer noch gab. Oder mit den Fledermäusen. Die Fledermäuse in Dharavaj waren riesig.
Er war doch in Dharavaj und nicht in Kambodscha, oder?
„Ich brauche Wasser“, krächzte er heiser. „Und Antibiotika. Ich muss weiter.“ Aber es würde an ein Wunder grenzen, wenn er es bis zu seiner kleinen Urwaldklinik in Kantha schaffte.
Er könnte sich natürlich auch ausruhen und es am Morgen noch einmal versuchen. Ja, genau! Er brauchte erst einmal Ruhe.
Erschöpft ließ er sich auf das feuchte Moos zurücksinken und schloss die Augen. „Nur ein paar Stunden“, stöhnte er. Im Halbschlaf quälte ihn ein erschreckend realistischer Traum. Er befand sich im Operationssaal seiner Klinik. Vor ihm auf dem OP-Tisch lag ein mit einem Laken zugedeckter Patient. David hob das Laken an und warf einen Blick auf das Gesicht des Mannes.
„Nein!“ Einen Entsetzensschrei auf den Lippen, fuhr David hoch. Der Mann auf dem OP-Tisch, das war er selbst gewesen.
Mit einem Schlag war Davids Müdigkeit verschwunden. Trotz der Schmerzen robbte er zum nächsten Busch hinüber und griff nach einem Ast. Er holte tief Luft und zwang sich, alle Kraft darauf zu konzentrieren, sich festzuhalten. Dann zog er sich mühsam hoch, wobei er einen lauten Schmerzensschrei ausstieß.
Endlich stand er aufrecht. „Gut“, murmelte er. Und was jetzt? Er machte einen, dann einen zweiten unsicheren Schritt und geriet ins Straucheln. Stöhnend ließ er sich gegen den Stamm des nächsten Baumes fallen und schlang Halt suchend die Arme darum – als handelte es sich um die hübsche Frau, der er vor längerer Zeit begegnet war und die er nicht vergessen konnte.
Er hatte sie nur einmal gesehen. Sie war ihm unglaublich begehrenswert erschienen mit ihren langen schwarzen Haaren und den großen, dunklen Augen. Einen Moment dachte er jetzt tatsächlich, er hielte sie im Arm. Dann wurde sein Bewusstsein wieder klarer.
„Okay“, sagte er laut, „dann wollen wir mal sehen, wie ich weiterkomme.“ Er ließ den Stamm los und wankte ein paar Schritte vorwärts. Weder wusste er, wo er war, noch, welche Richtung er in der Dunkelheit nehmen sollte. Er wollte nur weg von hier.
Es war spät geworden. Solaina fuhr normalerweise nicht gern in der Dunkelheit die unübersichtliche Straße entlang. Sie nahm diese Strecke regelmäßig an fast jedem Wochenende, von ihrem kleinen Apartment in Chandella zu dem hübschen Strandhaus, das sie weiter südlich, ganz in der Nähe des Nationalparks, gemietet hatte. Weißer Sand, tiefblaues Wasser – davon träumte sie die ganze Woche während der Arbeit. Heute hatte das Abschlussmeeting länger gedauert als sonst, und so hatte sie sich ziemlich verspätet.
Wenn es hell war und die Sonne schien, genoss Solaina Léandre die Fahrt jedes Mal und erfreute sich am Anblick der vielen bunten Sonnenschirme der Leute, die den Strand bevölkerten – fast ausschließlich Stadtbewohner, die jeden freien Tag nutzten, um den stickigen Städten zu entfliehen. Es war keine Touristengegend. Und Solaina war dankbar, dass die Reiseunternehmen diese Region noch nicht erschlossen hatten. Die Gegend war nur dünn besiedelt und bot zu wenig Abwechslung für Touristen.
Manchmal hielt Solaina an, um den Leuten zuzuschauen, die im Meer badeten oder sich in Gruppen um ihre Grillfeuer scharten. Heute aber war in der Dunkelheit gar nichts zu sehen.
Sie war müde. Um sich wach zu halten, schob sie eine CD mit klassischer Musik in den Player. „Halt die Augen auf“, ermahnte sie sich laut. „Schau auf die Straße.“
Solaina freute sich auf ihr kleines Strandhaus und die Klimaanlage, die sie von der drückenden, schwülen Hitze erlösen würde, die auch in diesen späten Abendstunden noch herrschte.
Sie dachte an die Diskussion, die sie kürzlich mit ihrer Zwillingsschwester Solange geführt hatte. „Ich wüsste gern, was dich besonders an einem Mann interessiert“, hatte ihre Schwester gesagt.
Gute Frage. Darüber hatte Solaina noch nicht nachgedacht. Mal ein Flirt hier, mal eine Verabredung da – nichts Ernsthaftes. Meistens blieb es bei einem einzigen Treffen – eine Art Selbstschutzmaßnahme. Das würde sie davor bewahren, so zu enden wie ihre Mutter. Sie schauderte bei dem Gedanken. „Na ja, gut aussehen sollte er schon“, murmelte sie vor sich hin. Vielleicht ein Skandinavier? Blond, mit blauen Augen, eisblauen Augen? Ja, groß sollte er sein, mit breiten Schultern, und sportlich. Während Solaina sich in Gedanken ihren Traummann ausmalte, hatte sie einen Augenblick lang nicht auf die Straße geachtet.
Plötzlich erregte eine Bewegung am Straßenrand ihre Aufmerksamkeit. Als der Schatten im Licht ihres Scheinwerfers auftauchte, war es zu spät, um zu reagieren. Ein dumpfer Schlag ertönte, als irgendetwas ihren vorderen linken Kotflügel traf. Erschrocken brachte sie den Wagen mit einer Notbremsung zum Stehen. O nein, hatte sie womöglich ein Tier überfahren? Wahrscheinlich – die Gegend war praktisch unbewohnt, die Ureinwohner lebten in ihren Dörfern weit im Landesinneren und waren so spät nicht mehr unterwegs.
Sollte sie riskieren auszusteigen? Sie schaute in den Rückspiegel, sah aber nichts als Dunkelheit. Kurz entschlossen kurbelte sie die Seitenscheibe hinunter und warf einen Blick zurück. „Ist da jemand?“, rief sie in die Schwärze der Nacht.
Keine Antwort.
„Ist da jemand?“, wiederholte sie, jetzt mit mehr Nachdruck.
Nichts. Solaina schloss das Fenster wieder und fuhr los. Doch nach ein paar Metern hielt sie erneut an, öffnete seufzend die Tür und stieg aus. Sie brachte es nicht fertig, einfach wegzufahren. Was auch immer gegen ihren Wagen geprallt war, sie musste nachschauen, ob sie helfen konnte.
„Hallo“, rief sie in die finstere Nacht, „ist da jemand?“
Sie wartete ein paar Sekunden und lauschte. Nicht weit entfernt war ein Geräusch zu hören. Klang das nicht wie ein Stöhnen?
„Hallo.“ Diesmal war ihre Stimme nicht mehr als ein Flüstern. Sie hatte plötzlich nicht mehr den Mut, laut zu rufen.
„Hallo …“, erklang ein heiseres Krächzen.
Solaina machte einige zaghafte Schritte in die Richtung, wo sie das Flüstern ortete. Das Herz schlug ihr vor Aufregung bis zum Hals. „Sind Sie verwundet?“ Und war es klug, hier mitten in der Nacht auf einer einsamen Straße auf eigene Faust zu helfen zu versuchen?
Hätte sie nicht lieber rasch zu ihrem Strandhaus fahren und von dort jemand anrufen sollen? Aber wen? Sie kannte kaum jemand in der Gegend. Vielleicht einen ihrer Kollegen? Oder Howard und Victoria? Nein, die beiden waren bereits am Nachmittag zu einer Elefantensafari im Norden des Landes aufgebrochen. Einen Rettungsdienst oder eine Polizeistation gab es hier draußen nicht. Außerdem war derjenige, der da in der Dunkelheit lag, mit ihrem Wagen zusammengestoßen. Sie war verantwortlich.
Solaina atmete ein paar Mal tief durch und tastete sich Schritt für Schritt durch die Dunkelheit. Die heisere Stimme in der Nacht, die einsame Straße und die vielfältigen Geräusche aus dem Dschungel, der die Straße säumte, erschienen ihr wie ein Albtraum.
„Verletzt“, stieß jemand hervor. „Schwer verletzt, ich sterbe …“ Es war mehr ein schwaches Röcheln.
„Wo sind Sie?“, rief Solaina leise. Keine Antwort. Ihre Besorgnis stieg. „Sagen Sie etwas, damit ich Sie finde.“
„Wo Sie herkommen … gibt es dort Laubbäume?“, meldete sich die heisere Stimme stockend.
Laubbäume? Merkwürdige Frage in dieser Situation.
„Wie bitte?“, meinte Solaina irritiert.
„Laubbäume“, klang es aus der Dunkelheit.
Sie hatte also richtig gehört. Aber die Worte hatten ihr die Richtung gewiesen. Sie ging vorsichtig weiter und entdeckte eine Gestalt, die seltsam verrenkt auf dem Boden lag.
„Ja, wir haben beides, Laub- und Nadelbäume“, sagte sie. Als sie sich zu dem Mann hinunterbeugte, wünschte sie sich, sie hätte mehr Erfahrung als Krankenschwester. Denn in dem schwachen Licht, das die Rücklichter ihres Wagens bis hierher warfen, wirkte der Mann tatsächlich dem Tode nahe.
„Ihr Puls ist kräftig und regelmäßig“, stellte Solaina erleichtert fest, nachdem sie den Finger auf die Halsschlagader des Verletzten gelegt hatte. Viel kräftiger als erwartet. Er war offensichtlich ein starker Mann mit einem ausgeprägten Überlebenswillen. Gott sei Dank.
Sie spürte etwas Feuchtes, Klebriges an ihrem Finger. Gleichzeitig stieg ihr ein leicht metallischer Geruch in die Nase, den sie gut kannte. Blut. Obwohl sie schon längere Zeit nicht mehr direkt mit Patienten zu tun hatte, war dieser Geruch unverkennbar.
„Gebrochene Rippen“, keuchte der Mann. „Links. Vierte und fünfte, vielleicht auch sechste und siebte. Möglicherweise Perforation der Lunge.“
Er ist Mediziner, dachte Solaina. Ein Arzt? „Sie bluten.“
„Die Schulter“, stöhnte er.
„Sie haben also mehrere Rippen gebrochen, und die Schulter ist verletzt?“ Solaina zog vorsichtig seinen zerrissenen Ärmel herunter, um die Schulterwunde zu begutachten. „Ich habe Sie nicht gesehen“, meinte sie entschuldigend. Was für ein schwacher Trost für diesen Mann, den sie beinahe umgebracht hatte, dachte sie in einem Anflug von Selbstironie. Im Stillen machte sie sich Vorwürfe, dass sie sich übermüdet hinters Steuer gesetzt hatte.
„Aber ich habe Sie gesehen“, keuchte der Mann und hustete.
„Nicht sprechen. Sie brauchen Ihre ganze Kraft, wenn ich Sie hier wegschaffen soll.“
„Ich habe Ihre Scheinwerfer gesehen“, brachte er mühsam hervor. Das stimmte. Er hatte ihren Wagen auf sich zukommen sehen. „Sie können mir doch helfen, nicht wahr?“ Seine Stimme war kaum zu hören.
Solaina lachte bitter auf. Wenn Sie sich da mal nicht täuschen, dachte sie, sprach die Worte aber nicht laut aus. Auch heute noch, nach fast zehn Jahren, schreckte sie nachts häufig aus demselben Traum hoch. Sie sah Jacob Renners Gesicht vor sich, als seine Augen brachen. Auch er hatte auf ihre Hilfe vertraut. „Aber da ist ja wohl sonst niemand“, meinte sie tonlos. Sie fühlte sich wie gelähmt.
Brachte sie es fertig, ihn auf die Beine zu bekommen und in ihren Wagen zu schaffen? „Okay, ich schaue rasch nach, ob ich sonst noch etwas entdecke. Haben Sie weitere Verletzungen?“
„Eine Menge“, stöhnte er und versuchte die Schulter zu bewegen. Der Schmerz ließ ihn scharf die Luft einziehen. „Mein Stolz zum Beispiel hat ganz schön was einstecken müssen.“
Trotz der beängstigenden Situation musste Solaina lachen. „Der kann warten, bis Sie körperlich wieder auf dem Damm sind. Ich meinte die ernsten Verletzungen.“
„Das ist eine ernste Verletzung.“
Sinn für Humor, Dickköpfigkeit, ein starker Wille – keine schlechte Kombination, dachte sie. „Nun, für Ihren Stolz kann ich im Moment nichts tun. Aber ich werde Ihren Nacken und Rücken abtasten. Bitte nicht bewegen.“
Rasch fuhren ihre Finger über seinen Nacken und den oberen Teil der Wirbelsäule. Sie konnte nichts Ungewöhnliches spüren, keine Wunde, kein Blut. „In Ordnung.“
„Bitte etwas tiefer“, ächzte er.
„Schmerzen?“
„Nein, ich brauche eine Massage.“
Sie lachte leise. „Nicht jetzt.“ Obwohl die verkrampften Muskeln seines Nackens eine Massage gut hätten gebrauchen können.
„Später vielleicht, meine hübsche Samariterin?“
„Ich hoffe, dass Sie schon sehr bald in einem Krankenhausbett liegen und ärztlich versorgt werden.“ Geschickt tastete sie seine Schulterwunde ab. Das Blut war bereits weitgehend getrocknet und verkrustet. „Wann haben Sie sich die Schulter verletzt?“
„Weiß nicht. Vor ein oder zwei Tagen.“ Seine Stimme brach.
„Bitte nicht ohnmächtig werden …“ Soweit sie hier in der Dunkelheit feststellen konnte, handelte es sich um einen Einstich oder eine Schusswunde. Die Wunde selbst hatte sich bereits geschlossen, aber das Fleisch um das Einschussloch war rot und geschwollen. Also lag eine Entzündung vor.
„Bringen Sie mich nach Hause“, stöhnte er. Offensichtlich versank er wieder im Delirium, wahrscheinlich eine Folge der starken Infektion. Auch seine Temperatur war deutlich erhöht. Seine Lippen waren trocken und rissig, stellte sie fest, als sie sanft mit dem Finger darüberstrich.
„Ich habe gehofft, Sie würden das tun“, murmelte er. „Ich wusste, dass es sich gut anfühlt.“
„Hey, das hier ist kein Date.“ Solaina kontrollierte seinen Puls. Immer noch stark und regelmäßig.
Der Mann tat ihr unendlich leid. Er war, bereits ernsthaft verletzt, auf die Straße gelaufen – und ihr direkt vor den Kühler.
„Ein Schuss“, stieß er hervor.
„Wie bitte?“
„Man hat auf mich geschossen.“
Aber ja, die Schulterwunde! Sie hatte als Krankenschwester nie mit Schusswunden zu tun gehabt, das Thema war nicht einmal während ihrer Ausbildung behandelt worden.
Seine Stimme war immer schwächer geworden und kaum noch zu verstehen. „Ganz ruhig“, sagte sie mit weitaus mehr Zuversicht, als sie tatsächlich empfand. „Ich kümmere mich um Sie. Ich bin Krankenschwester. Habe ich das noch nicht erwähnt?“
„Und habe ich schon erwähnt, dass ich Krankenschwestern liebe?“
„Schön langsam, Casanova. Und jetzt beißen Sie einen Moment die Zähne zusammen. Ich werde Sie vorsichtig umdrehen und Ihre Schulter von der anderen Seite untersuchen.“
Die Schulter war auf der Rückseite völlig intakt. Keine Austrittswunde, keine sichtbare Verletzung. Das hieß, die Kugel steckte noch im Körper.
Solaina fragte sich, wie massiv seine Rippenverletzungen waren. „Können Sie mal tief Luft holen? Ich möchte Ihren Brustkorb abtasten. Oder fällt Ihnen das Atmen sehr schwer?“
„Meine Lungen scheinen noch in Ordnung zu sein.“
Leider hatte sie kein Stethoskop, also musste sie Lungen und Herz direkt abhören. Sie knöpfte sein Hemd auf und schob es beiseite. Dann presste sie das Ohr auf seine Brust. Das Herz schlug kräftig und regelmäßig. Beunruhigende Geräusche aus der Lunge waren nicht auszumachen. Beunruhigend war höchstens, dass ihr eigener Pulsschlag sich erhöht hatte, während sie ihr Gesicht auf seine mit leichtem Flaum bedeckte muskulöse Brust drückte.
„Alles in Ordnung.“ Sie räusperte sich verlegen.
„Können Sie mich nicht noch einmal abhören? Ihr Haar riecht so gut.“
Automatisch hob Solaina die Hand und fuhr sich mit den Fingern durchs Haar. Es fiel ihr bis auf die Schultern – ungebändigt von den Kämmen, die sie normalerweise benutzte, um es hochzustecken.
„Ich muss jetzt Ihren Hosengürtel öffnen und Ihre Bauchdecke untersuchen“, kündigte sie an. „Falls Ihr Bauch geschwollen und hart ist, dann …“ Sie unterbrach sich. Wem erzählte sie das? Wenn er selbst Arzt war, wusste er, dass sie nach Anzeichen für innere Blutungen suchte.
„Ich mag keine Fledermäuse, Tiger sind nicht so schlimm. Aber Fledermäuse …“ Seine Stimme verlor sich. Er delirierte wieder.
„Die mag ich auch nicht“, sagte sie, zog entschlossen seine Jeans ein Stück nach unten und tastete die Bauchdecke ab, die sich unauffällig anfühlte. In dem dämmerigen Licht konnte sie keine offensichtlichen Verletzungen entdecken. Sein Bauch war flach und muskulös. Beachtlich.
Bevor sie versuchte, ihn in ihren Wagen zu bugsieren, musste sie sich überzeugen, dass er keine weiteren Verletzungen hatte, die den Transport unmöglich machten.
„Warten Sie einen Moment“, sagte sie rasch. „Ich drehe meinen Wagen um, dann kann ich Sie im Scheinwerferlicht besser untersuchen. Nicht bewegen, ich bin gleich wieder da.“
Es dauert kaum länger als eine Minute, bis Solaina wieder bei ihm war. Jetzt lag er im hellen Licht der Scheinwerfer. Als sie sich neben ihn hockte, stellte sie fest, dass er ein gut aussehender Mann war, trotz seiner Verletzungen und des Schmutzes, der ihn bedeckte.
„Können Sie mich hören?“ Keine Antwort. Offenbar war er wieder bewusstlos. Sie entschloss sich, seine Jeans nicht wieder hochzuziehen, sondern ganz abzustreifen. Dann konnte sie feststellen, ob er auch Verletzungen an den Beinen hatte. Gedacht, getan – zuerst sein linkes Bein, dann das andere. Sie atmete erleichtert auf, als sie außer ein paar Schrammen nichts entdecken konnte, keine Brüche, keine Schnitte, kein Blut. Seine Füße und Knöchel waren von unzähligen kleinen Kratzern und Abschürfungen übersät, aber nicht ernsthaft verletzt.
Der Mann war offensichtlich zusammengeschlagen worden, bevor man auf ihn geschossen hatte. Sein grünlich verfilztes Haar deutete darauf hin, dass er mehrere Tage im Dschungel verbracht haben musste. Auch seine Bartstoppeln ließen das vermuten.
Solaina schaute ihn nachdenklich an. Welche Farbe hatte sein Haar? Blond? Es war so schmutzig, dass sie das nicht erkennen konnte.
„So hatte ich mir die Begegnung mit meinem blonden Helden nicht vorgestellt“, seufzte sie.
„Sandfarben, nicht blond.“ Er war also wieder bei Bewusstsein und hatte sie gehört. Peinlich, peinlich …
„Gut, dann verraten Sie mir doch bitte, wie Sie heißen.“
„David. David Gentry.“
Solaina schnappte überrascht nach Luft. Den Namen hatte sie vor einem Jahr in Kambodscha gehört, als sie von der IMO – der Internationalen Medizin Organisation – zu einem Einsatz dorthin geschickt worden war. Damals war er einer der Chefärzte der IMO, ein begnadeter Chirurg, wie alle sagten.
Doch dann hatte er von einem Tag auf den anderen seinen Job bei der IMO aufgegeben. Über den Grund war nichts bekannt geworden.
„David Gentry? Sie sind Dr. David Gentry?“
„Falls ich nicht auch noch unter multipler Persönlichkeitsstörung leide, ja.“
„Was ist Ihnen denn bloß zugestoßen, Dr. Gentry? Außer, dass ich Sie angefahren habe“, fügte sie schuldbewusst hinzu.
„Das haben Sie nicht. Ich bin Ihnen absichtlich vor die Räder gelaufen.“
„Wie bitte?“
„Es war Absicht. Ich sah Ihre Scheinwerfer. Und ich brauchte Hilfe.“ Er holte keuchend Luft. „Da habe ich ja den perfekten Treffer gelandet. Sie sind nämlich die attraktivste Frau, die mir je begegnet ist …“
Nettes Kompliment, aber wahrscheinlich ist er schon wieder im Delirium, dachte Solaina. „Ich weiß zwar noch nicht genau, wie ich das schaffen soll, Doktor“, meinte sie, „aber ich werde Sie von hier wegbringen.“
„Das wird Ihnen vorerst helfen“, sagte Solaina. Sie hatte ihm die Jeans als eine Art Bandage um die Brust gebunden. Obwohl die Bordapotheke ihres Wagens nicht besonders reichlich ausgestattet war, konnte sie mit den Verbandspäckchen und dem Klebeband auch seine Schulterwunde provisorisch versorgen.
Der Jeansstoff war fest und ergab einen guten Stützverband. „Können Sie noch atmen?“, erkundigte sie sich besorgt.
„Kaum, wenn ich Sie so anschaue“, gab er mit einem schiefen Grinsen zurück. „Wo finde ich ganz schnell eine Orchidee für Ihr Haar?“
Solaina hatte ihren Arm um seine Schulter gelegt und versuchte, ihn aufzurichten. „Vergessen wir mal die Orchidee für einen Moment, Casanova. Ich überlege, wie ich Sie in meinen Wagen schaffe.“ Das war alles andere als eine leichte Aufgabe, denn David fiel in kurzen Abständen immer wieder zurück in halbe Bewusstlosigkeit.
„Die Orchidee – hinter Ihrem rechten oder linken Ohr?“, murmelte er.
„Wir sind nicht auf Hawaii, Doktor“, wies sie ihn amüsiert zurecht. Dort bedeutete eine Orchidee hinter dem linken Ohr, dass eine Frau verheiratet, hinter dem rechten Ohr, dass sie noch ledig war. Ohne sich dessen bewusst zu sein, hob Solaina die Hand und strich sich das Haar hinter das rechte Ohr.
„Oh, gut“, sagte David Gentry, der ihrer Bewegung mit den Augen gefolgt war.
Selbst in seinem desolaten Zustand war er noch ein faszinierender Mann. Charmant, witzig, anziehend. „Über Orchideen reden wir ein anderes Mal“, sagte sie. „Jetzt wollen wir sehen, wie wir Sie in mein Auto bekommen.“
Ihr japanischer Wagen war ziemlich klein. Und David Gentry war ein großer Mann. „Okay, David, ich versuche jetzt, Sie hochzuziehen. Aber Sie müssen mir helfen.“ Solaina bückte sich. „Legen Sie die Arme um meine Schultern. Wenn ich ‚jetzt‘ sage, versuchen Sie, auf die Beine zu kommen.“
Fast wäre es ihm gelungen, sich aufzurichten, aber dann knickten ihm doch die Beine weg. Im Fallen riss er Solaina mit sich zu Boden, und sie sackte auf ihn.
David Gentry ächzte vor Schmerzen, als sie sich zur Seite rollte. „Sie sind schwer.“
Das hatte ihr noch niemand vorgeworfen. Sie war nur einen Meter und dreiundsechzig groß und schlank. Aber David würde schon ein Blatt als schwer empfinden, wenn es auf seine gebrochenen Rippen fiel.
Ihr kleines Strandhaus lag nur zehn Minuten entfernt. Dort konnte sie es ihm bequem machen und Howard Brumley, ihren guten Bekannten aus Chandella, anrufen und ihn um Rat bitten. Vielleicht kannte Howard einen Arzt hier in der Nähe, der nach David schauen konnte.
Doch sie wollte Howard nicht auf seiner Elefantensafari stören. Am Montag war er zurück. Er würde eine Lösung für ihr Problem wissen.
Solaina lächelte traurig. Sie würde Howard vermissen, wenn sie in ein paar Wochen Chandella verließ. Er war ein guter Freund und ihrer Meinung nach der beste Arzt, den man sich vorstellen konnte.
„Also, was schlagen Sie vor, wie wir Sie in den Wagen bekommen?“ Sie sah David ratlos an.
„Ich könnte bis zum Wagen kriechen“, schlug er vor. „Es ist zwar ziemlich entwürdigend, vor einer schönen Frau im Staub zu robben, aber so könnte es klappen.“
„Kriechen? Geht das denn mit Ihrer Schulter?“
Statt einer Antwort drehte er sich auf den Bauch, drückte sich ein Stück auf den Ellbogen hoch und robbte tatsächlich die paar Meter bis zu ihrem Wagen. Dort angekommen, ließ er sich erschöpft auf den Boden fallen. „Und was nun?“, wollte er wissen.
„Wir müssen Sie auf den Beifahrersitz hochziehen“, meinte sie. Sie ging neben ihm in die Hocke. „Schlingen Sie die Arme um meinen Nacken.“
„Hatten wir das nicht schon einmal? Da sind Sie auf mich draufgeplumpst. Was durchaus angenehm war, tun Sie sich also keinen Zwang an.“
Solaina musste lachen. „Sie geben nie auf, Dr. Casanova, nicht wahr?“
„Solange man atmet, besteht noch Hoffnung.“
„Dann sparen Sie mal Ihren Atem und lassen Sie uns sehen, wie wir Sie auf den Sitz verfrachten.“
Mit größter Anstrengung schaffte es Solaina schließlich, David Gentry hochzuziehen und so herumzudrehen, dass er sich rückwärts auf den Sitz fallen lassen konnte. Erschöpft lehnte er sich gegen die Rückenlehne.
„Jetzt müssen wir noch Ihre Beine in den Wagen bekommen.“ Kein leichtes Unterfangen bei der beachtlichen Länge.
„Einen Moment ausruhen – dann bin ich so weit“, murmelte er. „Dann können Sie mit meinen Beinen machen, was Ihnen gerade einfällt.“ Er schloss die Augen und ließ den Kopf auf die Brust sinken. Offensichtlich war die Anstrengung zu viel für ihn gewesen.
„Hallo, nicht einschlafen.“ Solaina klopfte ihm leicht aufs linke Bein. „Aufwachen, David. Hören Sie? Ich brauche Ihre Hilfe.“ Keine Reaktion. Seufzend versuchte sie es erneut. „Aufwachen, David. Sie müssen mir helfen.“ Wieder nichts.
Vielleicht ist es sogar besser so, dachte sie. Kurz entschlossen packte sie sein linkes Bein und bugsierte es in den Fußraum, dann das andere. Vorsichtig drückte sie die Tür ins Schloss.
Erst als sie sich hinters Steuer setzte, fragte sie sich, in was für eine fatale Situation Dr. Gentry wohl geraten war. Warum hatte man ihn so fürchterlich zugerichtet und dann zum Sterben im Dschungel liegen lassen?
David versuchte, die Augen zu öffnen. Träumte er das alles nur? Oder war er wirklich einer attraktiven jungen Frau vor den Wagen gelaufen, die ihm nun zu helfen versuchte? Bruchstückhafte Szenen seines quälenden Marschs durch den Dschungel entstanden in seinem Kopf.
In seinem Traum – es musste ein Traum sein – wollte die schöne junge Frau ihn zu ihrem Strandhaus bringen. Er wollte sich vergewissern, ob das auch in Wirklichkeit so war, aber er bekam die Augen einfach nicht auf. Trotz der Schmerzen, die er am ganzen Körper verspürte, nahm er einen Duft wahr, einen leichten, angenehm blumigen Duft. Ihr Parfüm. Er versuchte, den Duft einzuordnen? Orchideen? Nein, eher Jasmin. Ja, das war es – Jasmin.
„Jasmin – genau wie beim ersten Mal“, murmelte er.
„Sie erwähnten auch Orchideen und Rhododendren.“
Eine Stimme, eine reale Stimme. Das konnte doch kein Traum sein, oder? Er zwang sich, seine Augen wenigstens einen Spalt zu öffnen. Dunkelheit umfing ihn. Er schien sich in einem Auto zu befinden, einem ziemlich kleinen Auto. Seine Knie klemmten praktisch unter seinem Kinn. Und wieso hatte er keine Hose an? Das alles konnte nicht wirklich passieren, dachte er.
Vorsichtig tastete er mit einer Hand seine Beine ab. Tatsächlich – er spürte seine nackte Haut. Dann bemerkte er den festen Verband um seine Brust. Langsam kehrte die Erinnerung zurück.
„Wie lange war ich weggetreten?“, wollte er wissen.
„Nur ein paar Minuten. Aber lange genug, dass ich Ihre Beine in den Wagen heben konnte. Nicht gerade einfach, muss ich sagen. Wie groß sind Sie eigentlich, David?“
„Einen Meter neunzig.“ Er versuchte, die Position zu wechseln, um etwas bequemer zu sitzen.
„Ich würde mich an Ihrer Stelle so wenig wie möglich bewegen“, ließ Solainas warnende Stimme ihn innehalten. „Wir sind in fünf Minuten bei meinem Strandhaus. Dort finden Sie auch die Rhododendronbüsche, die Sie so zu faszinieren scheinen.“
„Wie kommen Sie denn darauf?“, wunderte er sich.
„Sie haben im Delirium etwas von Rhododendren und verführerischen Bäumen gemurmelt.“
„Wieso denn nur?“
„Keine Ahnung, schließlich kenne ich Sie erst seit zehn Minuten.“
„Ich träume schon so lange von Ihnen …“
„Mit unserem Gehirn ist das so eine Sache. Ich habe Menschen erlebt, die nach tagelanger Bewusstlosigkeit aufwachten und meinten, sie seien nur eine Minute weggetreten. Der menschliche Verstand bringt manchmal im Unterbewusstsein die merkwürdigsten Fantasien hervor – von Rhododendron, Orchideen und verführerischen Bäumen zum Beispiel.“
„Benutzen Sie ein Parfüm mit Jasminduft?“
„Ich benutze überhaupt kein Parfüm, aber Jasminseife.“
David schloss seufzend die Augen. Er hoffte nur, dass die schöne junge Frau noch da war, wenn er die Augen das nächste Mal aufschlug.