3. KAPITEL
„Reese?“ Alex’ tiefe Stimme hallte durch den Flur.
„Hier bin ich.“ Sie kniete auf dem Fußboden und entwirrte eine Lichterkette.
Alex trat ins Zimmer. „Was machst du da?“
„Ich versuche, diese Lichter instandzusetzen. Ich muss die Glühbirnchen ersetzen – eine nach der anderen. Irgendwann kaufe ich neue Lichterketten, aber nicht in diesem Jahr.“ Sie würde die alten zum Leuchten bringen, und wenn sie die ganze Nacht hindurch Birnchen austauschen musste. „Brauchst du etwas?“
„Ich habe meine Arbeit erledigt und wüsste gern, ob ich dir helfen kann.“
„Du verbringst ziemlich viel Zeit vor deinem Computer, wie?“
„Er ist mein transportables Büro. Damit kann ich überall arbeiten.“
Sie zupfte die nächste Birne aus der Fassung und ersetzte sie durch eine funktionstüchtige. Die Kette leuchtete trotzdem nicht. „Du machst also gar nicht richtig Urlaub?“
„Ich bin lieber beschäftigt. Ich kann nicht gut untätig herumsitzen.“ Er kniete sich neben sie. „Lass es mich mal versuchen.“
Er rückte näher. Mit seinen warmen Fingern streifte er ihre Hand. Seine Berührung durchzuckte ihren Arm kribbelnd wie ein Stromstoß. Diese Reaktion verwirrte sie. Sie sah ihm in die Augen, ihr Herz pochte wild. Er wandte den Blick als Erster ab. Etwas wie Enttäuschung machte sich in ihr breit.
Alex schob ein Glühbirnchen in die Fassung. Nichts leuchtete auf. „Ich rieche überhaupt keinen Duft von Essen. Das gab’s noch nie. Dieses Haus ist sonst immer von den köstlichsten Aromen durchzogen.“
„Ich habe dem Personal freigegeben. Jetzt weiß ich wirklich nicht, was ich zum Abendessen anbieten soll, denn in der Küche bin ich eine Niete.“
„Es muss ja nichts Aufwändiges sein. Etwas ganz Einfaches reicht vollkommen.“
Wider besseres Wissen fing sie an, den Burschen zu mögen. „Wie einfach dachtest du denn? Ich kann die Mikrowelle bedienen, und damit hat sich’s auch schon.“
Er zog die Brauen hoch, und in seinen Augen blitzte die Belustigung. „Oder wollen wir Pizza bestellen?“ Er löste eine Birne aus der Kette. „Es gibt hier doch einen Lieferservice, oder?“
Sie nickte. „Ich frage meine Mutter, ob sie mit uns essen will, und bringe dann gleich die Speisekarten mit.“
Sie lief aus dem Zimmer und die Treppe zu der kleinen Wohnung hinauf, die sie seit dem Tod ihres Vaters zwei Jahre zuvor mit ihrer Mutter teilte.
„Hey, Mom“, rief Reese und stieß die Wohnungstür auf. „Was meinst du zu …“
Die Worte blieben ihr im Halse stecken, als sie ihre Mutter vor einem kleinen Weihnachtsbäumchen, das auf dem Couchtisch stand, vorfand. Die Lichter brannten, er war sogar ein wenig geschmückt. Was zum Kuckuck …? Woher kam der denn?
Gedankenverloren blickte ihre Mutter auf den Baum. Dachte sie an vergangene Zeiten?
„Mom?“ Es war fast ein Krächzen. Sie schluckte verkrampft und trat näher. „Ist alles in Ordnung?“
Ihre Mutter blinzelte und sah zu Reese auf. „Mir geht’s gut. Aber schön, dass du da bist. Ich habe gerade einen Anruf erhalten: deiner Tante geht es nicht gut.“
Reese hoffte, dass ihre Mutter nicht wieder in dem elenden schwarzen Loch versank, wo sie ihr unerreichbar war, und fragte zaghaft: „Was fehlt Tante Min denn?“
„Sie findet sich schwer zurecht, seit Onkel Roger gestorben ist. Ihre Nachbarin hat angerufen und sich bereit erklärt, mich abzuholen. Ich weiß, gerade jetzt zu Weihnachten und in Anbetracht der Hochzeit am Wochenende sollte ich dich nicht allein lassen, aber niemand kennt deine Tante so gut wie ich.“
Reese wusste nicht recht, ob es gut war, ihre Mutter gehen zu lassen, um eine Trauernde zu trösten. Sie wusste aus eigener Erfahrung, dass es keine leichte Aufgabe war. Doch Ms. Harding schien fest entschlossen zu sein, und Reese würde sie kaum umstimmen können.
„Kann ich irgendetwas für dich tun?“, fragte Reese.
„Nein, nichts. Du hast hier schon alle Hände voll zu tun.“ Ihre Mutter nahm sie in die Arme. „Ich muss packen.“
Ms. Harding war schon auf dem Weg in ihr Schlafzimmer, als Reese ihr nachrief: „Mom, woher stammt dieser Baum?“
„Von Alex. Er dachte, du würdest dich freuen.“
Ms. Harding verschwand in ihrem Schlafzimmer, und Reese drehte sich um. Der längst vergessene handgefertigte Christbaumschmuck an dem Bäumchen stach ihr ins Auge.
Tja, wenn Alex so gern einen Weihnachtsbaum haben wollte, dann sollte er ihn in seinem – hm, in ihrem – Zimmer aufstellen. Sie zog den Stecker der Lichterkette ab und trug den Baum in ihr Schlafzimmer.
Er hatte es lange genug aufgeschoben.
Alex zückte sein Smartphone. Es war Zeit, den König wissen zu lassen, dass er in Sicherheit war. Im Gegenzug erhielt er hoffentlich ebenfalls gute Nachrichten. Vielleicht hatte sich das Dilemma seines Bruders, des Kronprinzen, in aller Stille ausräumen lassen. Dann konnte Alex seine Sachen packen und den ersten Flug nach Hause buchen – und seine schöne Gastgeberin verlassen, die ihm den Kopf vernebelte und die Konzentration auf das Wesentliche raubte.
Er wählte die Privatnummer des Königs. Schon beim ersten Klingeln wurde abgehoben, als hätte sein Papa dagesessen und nur auf seinen Anruf gewartet.
„Papa, ich bin’s, Alexandro.“
„Endlich kommst du auf die Idee, mich anzurufen.“
„Ich musste mich unauffällig bewegen, um den Paparazzi aus dem Weg zu gehen.“
„Sag mir, wo du dich aufhältst, damit ich dir deine Leibwächter schicken kann.“
„Nein.“ Alex verspannte sich, als er sich den düsteren Schatten vorstellte, der sich über die scharfen Züge seines Vaters legte. „Ich muss die Sache durchziehen. Nur so kann ich die Familie schützen. Wenn deine Feinde von Demetrius’ kopflosen Aktionen erfahren, provozieren sie einen öffentlichen Skandal und stellen ihn als unfähigen Regenten dar. Dadurch gewinnen sie noch mehr Unterstützung für ihre geplante Machtübernahme.“
„Das lass mal die Sorge der Regierung sein.“
Er hätte den tröstlichen Worten seines Vaters gern Glauben geschenkt, doch Alex hatte seine eigenen Quellen, und alle hatten ihn wissen lassen, dass die Staatsfeinde Ernst machten. Ganz gleich, wie alt er war, sein Vater würde doch stets versuchen, ihn vor der grausamen Wirklichkeit zu schützen. In diesem Jahr war es bereits zu einem Aufstand gekommen. Einen weiteren konnten sie nicht riskieren.
„Ich verstehe, Papa. Aber glaub mir, ich muss es durchziehen. Es ist am besten so. Solange die Presse sich für meinen Verbleib interessiert, konzentriert sie sich auf mich und spioniert nicht im Palast nach saftigem Tratsch.“
Der König stieß einen langen Seufzer der Erschöpfung aus. „Ich gebe zu, dass dein Verschwinden hilfreich war. Bisher sind im Palast nur die nötigsten Stellen eingeweiht. Der Regierungsrat ist der Meinung, dass alles sich bald regeln ließe … wenn dein Bruder nur zu Verstand käme.“
„Du bist nach wie vor gegen diese Heirat?“
„In diesen unsicheren Zeiten brauchen wir starke Verbündete.“ Eine bedeutungsvolle Pause entstand. „Wenn dieses Mädchen wenigstens ein paar wichtige Beziehungen hätte.“
Sein Vater hörte sich älter an denn je. Alex hatte ein flaues Gefühl im Bauch. Wann würde sein Bruder endlich lernen, dass er der Krone, dem Land und ihrem Vater verpflichtet war? Ihr Vater würde ohnehin erst dann abdanken, wenn er sicher sein konnte, dass sein Nachfolger willens und fähig war, die Interessen des Landes zu wahren. Nach dem Tod der Königin war er nie wieder richtig auf die Beine gekommen. Und jetzt ließ sein Gesundheitszustand zu wünschen übrig.
Alex dachte daran, wie er sich zu seiner Mutter vorgedrängt hatte, als sie ihre letzten Atemzüge tat. Der Schmerz drang wie ein Pfeil durch seine Brust. Sie hatte ihn gebeten, gut auf seinen Papa achtzugeben. Er hatte es versprochen. Und seitdem war er bestrebt, dieses Versprechen zu halten. Was nicht hieß, dass er durch irgendwelche Taten seinen Anteil am Tod seiner Mutter wiedergutmachen konnte.
„Keine Sorge, Papa. Ich weiß, was ich tue. Alles kommt wieder in Ordnung. Wenn der richtige Zeitpunkt da ist, lasse ich auch meine Leibwächter kommen.“
Wieder entstand eine Pause. Alex hätte gern gewusst, ob der König erwog, ihm eine Änderung seiner Pläne und die sofortige Rückkehr zu befehlen.
„Alex?“ Reeses Stimme hallte durch den Flur.
„Papa, ich muss Schluss machen. Ich melde mich bald wieder.“ Und damit brach er das Gespräch ab und schaltete sein Smartphone aus. „Ich komme.“ Im Schrank neben dem Waschbecken suchte er nach einem Glas.
„Ach, hier steckst du. Ich dachte schon, du hättest es dir anders überlegt und wolltest doch etwas kochen.“
„Ich kann leider auch nicht kochen. Aber ich habe Durst.“ Und das war nach dem Telefonat mit seinem Vater und nach seinen eigenen Beschwichtigungsversuchen nicht einmal gelogen.
Nachdem er ein Glas Wasser geleert und es wieder beiseite gestellt hatte, wandte er sich zu Reese um. „Brauchst du etwas?“
„Ich habe das hier geholt.“ Sie hielt eine Auswahl von Speisekarten in die Höhe.
Also war sie in der Wohnung gewesen und musste den kleinen Weihnachtsbaum gesehen haben, der mit dem Christbaumschmuck, den ihre Mutter ihm zur Verfügung gestellt hatte, dekoriert war. Warum äußerte Reese sich nicht dazu?
„Hier.“ Mit ausgestreckter Hand kam sie näher. „Such dir etwas aus.“
Er winkte ab. „Mach du das. Ich nehme das Gleiche wie du.“
Sie sah ihn nicht an. „Bist du sicher?“
Er nickte. An diesem Abend hatte er genügend Entscheidungen getroffen. Er wollte nicht mehr, nicht einmal, wenn es nur um Pizza ging.
„Während du die Bestellung aufgibst, kann ich ja den Baum im Foyer aufstellen.“
„Ich dachte, du hättest für heute vielleicht genug vom Dekorieren.“
Also hatte sie das Bäumchen bemerkt. Und offenbar freute sie sich nicht darüber.
„Weihnachten gehört zu meinen Lieblingsfesten.“ Ob sie sich jetzt vielleicht ein bisschen aufgeschlossener zeigen würde?
„Wie schön.“ Ihr eisiger Ton ging ihm durch und durch. „Ich habe die Schachteln mit dem Christbaumschmuck bereitgestellt.“
„Du wirst mir Anweisungen geben müssen. Ich weiß ja nicht, wie du den Baum geschmückt haben willst.“
„Ach, das ist ganz einfach. Ich fange immer mit den weißen Blinklichtern an. Dann folgen die goldenen Schleifen und die roten Glaskugeln.“
„Schmückst du den Baum immer selbst?“
„Ja. Das finde ich einfacher. Ich weiß, wie er aussehen soll. Eigentlich kannst du dir die Mühe sparen. Ich gebe rasch die Bestellung auf und komme gleich zurück.“
Reese stapfte aus dem Raum wie eine Frau mit einem festen Ziel vor Augen. Sie kam ihm sehr einsam vor. Nun, dieses Weihnachtsfest sollte anders für sie sein. Er ging zu dem Baum und rückte ihn an eine Stelle neben der Treppe.
Dieses Weihnachtsfest würde für sie ein ganz Besonderes werden, das schwor er sich.
Warum hatte er nicht auf sie gehört?
Reese runzelte die Stirn, als sie ins Foyer zurückkam. Alex war damit beschäftigt, die Lichterkette anzubringen. Und der Baum stand nicht an der richtigen Stelle. Normalerweise rückte sie ihn ein bisschen näher an die Treppe heran, damit er nicht im Weg stand. Sie wusste, dass sie sich kleinlich verhielt. Aber alles musste am rechten Platz sein, sonst trieb es sie an den Rand des Wahnsinns.
Alex wandte sich ihr zu. „Ich habe schon mal angefangen.“
Sie nickte und versuchte, sich nicht daran zu stören, dass der Baum nicht an seinem üblichen Platz stand.
„Es gefällt dir nicht?“
Sie stieß den angehaltenen Atem aus. „Der Baum darf nicht im Wege stehen.“
„Ich weiß. Aber es ist einfacher, ihn hier, wo er jetzt steht, zu schmücken.“
„Und die Lichterkette darf nicht so eng geschlungen werden, sonst reicht sie nicht bis an die Spitze.“
Alex zog eine Braue hoch. „Gib dir keine Mühe. Ich lass mich nicht entmutigen. Ich werde dir helfen, diesen Baum zu schmücken.“
„Du bist starrsinnig.“
„Und du bist pingelig.“
„Irgendetwas sagt mir, das haben wir gemeinsam.“ Sie konnte genauso gut austeilen wie einstecken.
Er lächelte. „Mag sein. Aber ich weiß, was mir gefällt.“
Sein Blick ruhte auf ihr; er rückte näher an sie heran. Das Herz schlug ihr bis zum Hals, sodass sie kaum noch atmen konnte. Alex senkte den Blick auf ihren Mund, bevor er ihr wieder in die Augen sah.
„Du bist sehr schön.“ Mit den Fingerrücken strich er über ihre Wange.
Sie wollte ausweichen, doch ihre Beine versagten ihr den Dienst. Vor Erregung überzog eine Gänsehaut ihren Nacken und ihre Arme. Sie blickte in seine hypnotischen blauen Augen, ertrank in ihren Tiefen. Es war so lange her, dass ein Mann Interesse an ihr gezeigt hatte. Und bis jetzt war ihr gar nicht bewusst gewesen, wie einsam sie war. Nach Josh …
Die Erinnerung an ihren Ex-Freund brachte sie wieder zur Vernunft. Sie wich zurück. Es durfte nicht sein. Reese hatte sich geschworen, Männer auf sicheren Abstand zu halten.
Alex ließ die Hand sinken. Hätte Reese es nicht besser gewusst, hätte sie geglaubt, ein bedauerndes Flackern in seinen Augen gesehen zu haben. Was sollte sie zu ihm sagen? Er war schließlich nicht Josh.
Reese ging zum Baum und begann, die Lichterkette neu anzuordnen.
„Könntest du mir auf der anderen Seite des Baums helfen?“ Sie tat so, als hätte der intime Augenblick sie kalt gelassen.
„Sag mir einfach, was ich tun soll.“
Sie rechnete es Alex hoch an, dass er den peinlichen Moment ohne Fragen überging. Als sie den geschmückten Baum schließlich an den richtigen Ort gerückt hatten, musste Reese sich eingestehen, dass sie den Abend genossen hatte. Alex war ein guter Unterhalter. Wer hätte das gedacht?
Erst nachdem die Hochzeitsgäste von ihrem Ausflug zurück waren, konnte sie die Eingangstür abschließen. Voller Vorfreude auf den Feierabend stieg sie die Treppe zu ihrer winzigen Wohnung hinauf. Schon wollte sie die Tür hinter sich schließen, als sie eilige Schritte auf der Treppe hörte. Sie musste nicht lange überlegen, wer da kam. Es war der Mann, der ihr so sehr unter die Haut ging.
Sie überlegte, sich schnell ins Schlafzimmer ihrer Mutter zurückzuziehen, verspürte aber das Bedürfnis, sich bei Alex zu bedanken, weil er eine Tätigkeit, die sonst immer schmerzliche Erinnerungen heraufbeschwor, in ein schönes Erlebnis verwandelt hatte.
Sie wandte sich ihm zu. Ihr Blick verweilte auf seinen Lippen. Die Erinnerung an ihren Beinahe-Kuss ließ ihren Puls hochschnellen. „Ich … Ich gehe jetzt zu Bett. Ich wollte mich nur noch für deine Hilfe bedanken. Ohne dich wäre ich noch lange nicht fertig.“
„Gern geschehen. Und der Baum ist hübsch geworden, wenn auch nicht genau so, wie du ihn normalerweise herrichtest.“ Mit gerunzelter Stirn sah er sich im Zimmer um. „Was ist aus dem kleinen Christbäumchen geworden?“
„Ich habe es in dein Zimmer gestellt. Ich dachte, dort hättest du mehr davon.“
„Aber ich habe ihn für dich geschmückt.“
„Und ich habe dir gesagt, dass ich keinen Baum haben möchte.“
„Aber der Christbaum im Foyer …“
„Ist der Tribut ans Geschäft. Gäste erwarten Weihnachtsschmuck in einem Hotel, und diese Erwartungen zu erfüllen, ist meine Aufgabe. Das heißt aber nicht, dass ich auch meine Privaträume dekorieren muss.“
„Ich wollte dir nur helfen.“
„Diese Art von Hilfe brauche ich nicht.“ Die Worte waren hervorgesprudelt, bevor Reese sich bremsen konnte. Erschöpfung und Sorge waren schuld. „Entschuldige. Ich wollte dich nicht so anfahren.“
Er schüttelte den Kopf. „Du hast recht. Ich dachte … Ach, was ich gedacht habe, tut nichts zur Sache.“
Angesichts seines gekränkten Gesichtsausdrucks suchte sie fieberhaft nach einer Erklärung. „Es ist nun mal so, dass Weihnachten bei mir und meiner Mutter traurige Erinnerungen weckt. Und ich habe Angst um ihren Seelenfrieden. Ich würde alles tun, damit sie nicht wieder in dieses einsame dunkle Loch fällt, in das sie sich nach dem Tod meines Vaters zurückgezogen hatte.“
Er sah sie an, als würde er ihre geheimsten Gedanken kennen. „Deine Mutter wirkt auf mich wie eine sehr starke Frau. Vielleicht ist sie stärker, als du denkst.“
Reese stemmte die Hände in die Hüften. „Du kennst sie nicht so wie ich.“
„Stimmt. Aber manchmal sieht ein Außenstehender mehr als ein direkt Betroffener.“
Sie reckte das Kinn vor. „Und was genau ist mir entgangen?“
„Wusstest du, dass deine Mutter mir höchstpersönlich das Dekorationsmaterial für das kleine Bäumchen ausgehändigt hat?“
„Du wirst sie unter Druck gesetzt haben. Freiwillig hätte sie den Baumschmuck nicht herausgerückt. Es war … Es war die Weihnachtsdekoration unserer Familie, die wir im Lauf von Jahren gesammelt hatten.“
„Es war aber ihre Idee. Sie bestand darauf, dass ich den Baum für dich schmücke. Sie dachte, du würdest dich freuen.“
Nein, das war nicht möglich. Oder? Reese trat einen Schritt zurück. Als sie das Sofa an den Kniekehlen spürte, ließ sie sich darauf nieder. Was hatte das zu bedeuten? War ihr auf Grund ihrer Überarbeitung entgangen, dass ihre Mutter wieder sie selbst war?
„Ich habe ja nicht geahnt, dass es dich dermaßen ärgern würde.“
„Es liegt einfach daran, dass … dass mein Vater immer eine regelrechte Staatsaffäre aus dem Weihnachtsfest gemacht hat. Es ist schwer, Weihnachten nicht mit ihm in Verbindung zu bringen.“ Doch das Schmerzlichste an der Sache gab sie nicht preis. Sie konnte nicht zugeben, dass ihr Vater sie und ihre Mutter an Heiligabend wegen einer anderen Frau verlassen hatte. Und dass er ihr gesamtes Geld für diese Frau verschleudert hatte … dass er ihr ein Haus gekauft und Reese und ihrer Mutter nur Schulden hinterlassen hatte.
Alex setzte sich neben sie. „Das wusste ich nicht.“
„Meine Mutter hat nichts davon erwähnt?“
„Sie hat nur gesagt, es wäre schon eine Weile her, dass ihr zwei Weihnachten gefeiert habt, und sie war der Meinung, es sei an der Zeit, dass ihr mal wieder ein schönes Fest erlebt.“
Unverhoffte Freude strömte in Reeses Herz. „Das hat sie tatsächlich gesagt?“
Er nickte. „Sonst hätte ich den Baum nicht ohne deine Zustimmung geschmückt.“
Wenn ihre Mutter damit einverstanden war, konnte sie sich wohl kaum über diese nette Geste beschweren, oder?
Reese wandte sich Alex zu. „Entschuldige, dass ich solch ein Grinch war.“
„Ein Grinch?“
„Ja. Kennst du nicht die Geschichte Wie der Grinch Weihnachten gestohlen hat?“
„Nein, die kenne ich nicht.“
„Ich dachte, die Geschichte wäre allgemein bekannt. Keine Angst. Wir finden bestimmt irgendwo noch ein Exemplar, damit du deinen Horizont erweitern kannst.“
„Mein Horizont ist ziemlich weit“, wehrte er sich. „Stört es dich, wenn ich den Christbaum wieder hierherhole?“
„Ganz, wie du willst.“ Sie war ganz eindeutig nicht die Einzige, die es gewohnt war, ihren Willen durchzusetzen.
Als er gegangen war, fragte sie sich, warum erst ein völlig Fremder aus einem fernen Land hatte kommen müssen, damit ihr die Augen für einen klareren Blick aufs Leben geöffnet wurden. Ihr war, als hätte sie in den vergangenen Jahren mit einem Tunnelblick gelebt, stets nur darauf bedacht, ihre Mutter vor weiterem Schmerz zu bewahren und ihnen das Zuhause zu erhalten.
Und auch wenn Alex ganz sicher eine nette Abwechslung bot, durfte sie jetzt nicht die Konzentration aufs Wesentliche verlieren. The Willows war noch lange nicht schuldenfrei. Trotz Alex’ üppiger Anzahlung würde sie sich vielleicht doch von Sandy trennen müssen, die Zimmermädchen und alleinerziehende Mutter war. Die Vorstellung drückte ihr das Herz ab.
„Bitte schön.“ Alex kam wieder ins Zimmer.
Ihr wurde bewusst, wie seine Präsenz alle Aufmerksamkeit auf sich zog, sobald er einen Raum betrat. Wodurch dieser Eindruck entstand, hätte sie nicht sagen können. Vielleicht durch sein gutes Aussehen oder durch seine imposante Körpergröße. Aber nein. Es steckte mehr dahinter. Es war etwas viel Bedeutsameres, doch sie konnte es einfach nicht benennen.
Alex hielt inne. „Hast du es dir anders überlegt?“
„Aber nein. Ich glaube nur, ich bin viel erschöpfter, als ich eigentlich gedacht hatte.“
„Wenn ich die Lichterkette angeschlossen habe, könnten wir dann das Deckenlicht ausschalten? Es gibt nichts Schöneres als einen leuchtenden Weihnachtsbaum.“
Sie erhob sich und ging zum Lichtschalter.
Als die bunten Glühbirnchen den kleinen Baum erstrahlen ließen, schaltete sie die übrige Beleuchtung aus. Doch nicht der Baum war es, der ihre Aufmerksamkeit erregte und fesselte. Es war Alex’ Gesichtsausdruck. Sekundenlang ähnelte er einem kleinen Jungen, der zum ersten Mal über einen Weihnachtsbaum staunt.
„Sind Weihnachtsbäume bei euch anders?“ Sie war wirklich neugierig.
Er schüttelte den Kopf. „Unser Christbaum ist ziemlich groß und irgendwie förmlicher, ähnlich dem Baum unten im Foyer.“
„Das heißt, es gibt kein Zuckerwerk und keine gläsernen Glöckchen und Pinguine?“
Wieder schüttelte er den Kopf. „Nein. Alles muss aussehen wie aus...