3. KAPITEL
Schnee in Spanien. Wer hätte das gedacht? Matilda jedenfalls hatte nicht damit gerechnet, und so kuschelte sie sich tiefer in ihren Mantel, während sie insgeheim dankbar war für die Wärme in dem großen Jeep, der am Flughafen auf sie gewartet hatte.
Zu Beginn der Fahrt tauschte Silas ein paar Sätze in rasantem Spanisch mit dem Fahrer, doch danach unternahm er keinen Versuch, mit ihr eine Unterhaltung anzufangen.
Das Schloss lag in den Bergen, noch hinter der historischen Altstadt von Segovia. Matilda hatte zwar ein Foto von dem Schloss gesehen, doch den Schnee, der darauf auch abgebildet war, hatte sie aus unerfindlichen Gründen nicht für bare Münze genommen. Die untergehende Nachmittagssonne ließ die Landschaft um sie herum allerdings eher feindlich als malerisch wirken.
Es half nicht gerade, dass Silas in diesem Moment murmelte: „Ich hoffe, Sie haben lange Unterwäsche eingepackt.“
„Nein, das habe ich nicht“, musste sie zugeben, „aber das Schloss hat sicher eine Zentralheizung.“
„Glauben Sie das wirklich?“, bemerkte er und schaute dabei äußerst skeptisch drein.
„Ich bin absolut sicher. Meine Mutter hasst Kälte – sie würde sich niemals irgendwo aufhalten, wo es nicht ordentlich geheizt ist.“
„Nun ja, sie ist Ihre Mutter, aber nach meiner Erfahrung geben Schlossherren nur äußerst ungern Geld für die Heizung aus – besonders wenn sie ihr Gemäuer vermieten. In diesem Fall wird Ihre Mutter es jedoch vielleicht nicht merken, weil sie ja wie wir die Liebe hat, die sie warm halten kann.“
Sie warf ihm einen vernichtenden Blick zu. „Das war nicht besonders witzig.“
„Das sollte es auch nicht sein. Haben Sie sich eigentlich mal überlegt, wie intim wir miteinander umgehen müssen in dieser offensichtlich äußerst explosiven Mischung von Schlossgästen?“
„Wir müssen überhaupt nicht intim miteinander umgehen“, protestierte sie mit schamroten Wangen. „Man wird uns die Verlobung glauben, einfach weil wir behaupten, dass es so ist. Außerdem trage ich einen Ring.“
Als er urplötzlich nach ihrer Hand griff, traf sie seine Berührung völlig unvorbereitet. Er umklammerte ihr Handgelenk, wobei es ihm nicht entgehen konnte, wie heftig ihr Puls klopfte.
„Was machen Sie da?“, fragte sie wütend, während er ihr den falschen Ring mühelos vom Finger zog.
„Sie glauben doch wohl nicht wirklich, dass das da die Töchter eines Milliardärs hinters Licht führt?“, entgegnete er provozierend und ließ den Ring in seiner Tasche verschwinden.
Matilda konnte ihre Verzweiflung nicht verbergen. „Aber ich muss einen Ring tragen“, versetzte sie. „Wir sind angeblich verlobt, und meine Mutter möchte vor Hugh und seinen Töchtern mit mir angeben.“
„Versuchen Sie es hiermit.“
Sie glaubte ihren Augen nicht zu trauen, als Silas eine abgenutzte Schmuckschatulle aus der Jacketttasche zog und sie ihr geöffnet in die Hand drückte. Vorsichtig blickte sie hinein. Beim Anblick des Rings stockte ihr der Atem. Das Gold mochte zwar ein bisschen abgetragen wirken, doch der rechteckige Smaragd mit den strahlend glitzernden Diamanten daneben war echt und äußerst teuer.
„Woher …? Wie …?“, stammelte sie.
„Er gehörte meiner Mutter“, erklärte Silas beiläufig.
Sofort schloss Matilda das Kästchen und versuchte, es Silas zurückzugeben.
„Was ist los?“
„Ich kann nicht den Ring Ihrer Mutter tragen.“
„Warum nicht? Er ist mit Sicherheit wesentlich überzeugender als das unechte Ding, das Sie getragen haben.“
„Aber er gehört Ihrer Mutter!“
„Es ist ein Familienstück, nicht ihr Verlobungsring. Sie hat mir nicht das Versprechen abgenommen, dass ich ihn nur an den Finger der Einen stecken darf, falls Sie das meinen. Meine Mutter war nicht sehr romantisch veranlagt, und sie glaubte schon nicht mehr an Märchen, lange bevor sie starb.“
„Tragen Sie ihn immer mit sich herum?“, fragte Matilda unsicher. In ihrer Stimme lagen deutlich hörbare Emotionen.
Silas schaute sie an. Er konnte sich nicht erinnern, wann er das letzte Mal einer Frau begegnet war, die so lächerlich sentimental war, wie es diese zu sein schien. „Wohl kaum“, entgegnete er grimmig. „Zufälligerweise habe ich ihn aus Versicherungsgründen vor Kurzem schätzen lassen. Auf dem Weg zu Ihnen holte ich ihn vom Juwelier ab und wollte ihn in meinem Bankschließfach deponieren, aber der Verkehr war schrecklich, und wir durften den Flug nicht verpassen. Wenn ich es recht bedenke, ist er an Ihrem Finger wahrscheinlich sicherer als in meiner Tasche. Geben Sie mir Ihre Hand.“ Während er sprach, packte er ihre Hand, griff nach dem Ring und streifte ihn ihr über den Finger, ehe Matilda noch weiter protestieren konnte.
Sie hatte sich gesagt, dass er unmöglich passen konnte, aber zu ihrem großen Erstaunen tat er das – perfekt sogar. So perfekt, als sei er nur für sie gemacht – oder für sie bestimmt? Woher kam jetzt wieder dieser alberne Gedanke?
Das Gold fühlte sich kostbar und schwer an. Sie spürte, wie sich ihr Herz zusammenzog. Das war nicht die Art, wie ein solcher Ring übergeben werden sollte, und doch hatte sie den Eindruck, sich allein durch das Tragen irgendwie verpflichtet zu haben. Ein Gefühl der Vorahnung erfüllte sie, aber jetzt war es zu spät. Silas’ Ring steckte an ihrem Finger, und sie erreichten Segovia, dessen Lichter das Innere des Wagens erhellten.
„Wie war sie?“, fragte Matilda sanft. Die Frage war ihr einfach herausgerutscht, doch sie hätte sie um keinen Preis aufhalten können.
„Wer?“
„Ihre Mutter.“
Silas hatte nicht vor zu antworten, aber aus irgendeinem Grund hörte er sich sagen: „Sie war Umweltschützerin – klug und liebevoll und voller Leben. Sie starb, als ich acht war. Sie hatte an einer Demonstration teilgenommen. Plötzlich brach Gewalt aus, meine Mutter stürzte und schlug mit dem Kopf auf. Sie war sofort tot.“
Matilda spürte das Gewicht des Schweigens, das auf seine beinahe emotionslosen Worte folgte. Beinahe emotionslos, aber nicht ganz. Sanft sah sie auf den Ring an ihrem Finger und berührte ihn in Anerkennung der Frau, der er gehört hatte.
Silas hatte keine Ahnung, warum er Matilda von seiner Mutter erzählte. In letzter Zeit dachte er selten an ihren Tod. Er mochte seine Stiefmutter, die ihm immer mit Zuneigung und Verständnis begegnet war, sehr gern, und ganz sicher liebte er Joe. Verdammt seien alle überemotionalen, sentimentalen Frauen. Ein kluger Mann machte einen großen Bogen um sie und beging nicht den Fehler, sich in irgendeiner Weise auf sie einzulassen. Es gab nur einen Grund, warum er mit Matilda hier war – sie verschaffte ihm die Gelegenheit, nahe an Hugh Johnson heranzukommen. Und wenn das bedeutete, dass er sie benutzen musste, dann würde er sich deshalb nicht schuldig fühlen. Sie benutzte ihn ja schließlich auch.
„Ich hatte nicht erwartet, dass das Schloss so abgelegen ist“, gab Matilda, eine halbe Stunde nachdem sie Segovia hinter sich gelassen hatten, zu. „Oder dass es so hoch in den Bergen liegt.“
Sie verließen die Hauptstraße und bogen in einen schmalen Weg ein, der sich an dunklen Tannen vorbei in Serpentinenkurven das Gebirge hinauf wand. Aus der Entfernung sahen sie bereits das Schloss, das wie ein Märchengebilde wirkte und durch dessen Fenster einladende Lichter hinaus in die Dunkelheit strahlten. Der Schnee drumherum schimmerte beinahe rosa.
„Es ist wunderschön“, murmelte Matilda begeistert. Silas schaute zu ihr herüber und wollte schon einen zynischen Kommentar abgeben, dass es wie etwas aussah, das Hollywood sich ausgedacht hatte. Doch das einfallende Mondlicht erhellte ihr Gesicht, verlieh ihrer Haut einen silbrigen Glanz und enthüllte, wie schnell ihr Atem ging.
Ganz unwillkürlich schweiften seine Gedanken ab, sodass er sich urplötzlich fragte, wie es wäre, sie in seine Arme zu ziehen und zu küssen – leidenschaftlich und heiß. Würde der Puls an ihrem Hals dann genauso rasen wie an ihrem Handgelenk, als er ihr den Ring angesteckt hatte?
Rasch schob er diese Gedanken beiseite. Es schockierte ihn, wie schnell seine Fantasie diese erotische Richtung eingeschlagen hatte – und das ganz ohne seine Erlaubnis. Er hatte es nicht nötig, von Sex zu träumen. Normalerweise gönnte er sich ein kleines Abenteuer, wenn ihm danach war. Aber in den vergangenen Monaten hatte er so hart gearbeitet, dass ihm keine Zeit geblieben war, sich darum zu bemühen. Eine seiner Exfreundinnen, mit der er gelegentlichen, unverbindlichen Sex genossen hatte, hatte sich entschieden zu heiraten, sodass er sich nicht erinnern konnte, wann er das letzte Mal so viel Zeit mit einer Frau verbracht hatte, mit der er nicht intim war. Mit Sicherheit war allein das der Grund, weshalb seine Hormone so verrückt spielten.
Der Fahrer lenkte den Jeep in den Innenhof des Schlosses und hielt schließlich vor einem beeindruckenden schmiedeeisernen Portal. Lächelnd ließ sie sich von ihm aus dem Wagen helfen.
In diesem Moment öffnete sich das Portal. Matilda stockte der Atem, als sie die zwei livrierten Diener sah, die ihnen entgegenkamen. Livrierte Diener! Sie war so erstaunt, dass sie nicht auf den Weg achtete und einen Schreckenslaut ausstieß, als sie auf der dünnen Eisfläche die Balance zu verlieren begann.
Starke Hände packten ihre Arme und pressten sie gegen einen harten männlichen Körper.
Und so stand sie da, mit dem Rücken gegen Silas, seine Arme fest um sie geschlungen, als ihre Mutter und der Mann, von dem sie annahm, dass er ihr zukünftiger Stiefvater werden sollte, auf die Türschwelle traten. Matildas erste Reaktion war instinktiv und zugleich verheerend. Sie drehte den Kopf zu Silas, um von ihm zu verlangen, dass er sie losließ, doch in diesem Moment erkannte sie, wie nah sie seinem Mund war. Glühend heiße Lust erfasste sie und erschütterte sie in ihren Grundfesten. Rasch hob sie die Hand, um sich eine Haarsträhne aus dem Gesicht zu streichen, doch Silas fing ihre Hand ab.
Die Hand, an der sie den Ring seiner Mutter trug. Gefühle wallten in ihr auf und schnürten ihr die Brust zu. Traurigkeit und Liebe und Hoffnung.
„Silas …“ Sie wisperte seinen Namen, während in ihren Augen sanfte Tränen schimmerten.
Was, in aller Welt, ist hier los, fragte Silas sich verwirrt. In der einen Minute rettete er eine ungeschickte Frau vor einem Sturz, in der nächsten hielt er sie in seinen Armen, und es schien sich etwas so Entscheidendes zu ereignen, dass es seine ganze Zukunft verändern konnte.
Vollkommen gebannt beobachtete er, wie Matildas Lippen seinen Namen formten. Und in ihm erwachte das unbändige Verlangen, diese Lippen zu erforschen. Nicht nur einmal, sondern immer und immer wieder, bis ihr Geschmack sich ihm unauslöschlich eingeprägt hätte, sodass er sich innerhalb eines Herzschlags daran erinnern und für ewig daran festhalten könnte.
Silas verspannte sich, als er hörte, wie seine inneren Alarmglocken anschlugen.
Diese Art emotionaler Abhängigkeit war nichts für ihn. Und schon gar nicht mit einer Frau wie Matilda. Sie hatte ihn bereits einmal angelogen. Nicht für eine Sekunde glaubte er die herzergreifende Geschichte von der besorgten Tochter, die sie ihm zusammen mit der Vergangenheit ihrer Mutter geschildert hatte. Die Logik sagte ihm, dass es einen viel egoistischeren Grund für ihr Tun geben musste. Auch wenn er den noch nicht entdeckt hatte – er hatte sich ja auch nicht sonderlich darum bemüht, oder?
In den paar Sekunden, die er gebraucht hatte, um seine uncharakteristische Reaktion zu analysieren, war Matilda flammend rot geworden.
„Darling …“
Sie riss ihren Blick abrupt von Silas’ Mund los und richtete ihre Aufmerksamkeit auf ihre Mutter. Hastig versuchte sie, sich aus seinem Griff zu lösen, doch er ließ sie nicht los, sondern beugte sich stattdessen zu ihr hinunter und flüsterte ihr warnend ins Ohr: „Wir sind angeblich schrecklich ineinander verliebt – frisch verlobt, erinnern Sie sich?“
Matilda bemühte sich krampfhaft, die Wirkung, die seine Nähe auf sie hatte, zu ignorieren. „Vor meiner Mutter müssen wir keine Show hinlegen“, protestierte sie. Doch sie wusste, dass ihr Argument genauso schwach war wie ihre butterweichen Knie.
Der wissende Blick, den ihre Mutter ihr zuwarf, als sie nun in einer Wolke ihres Lieblingsparfums auf sie zurauschte, verärgerte Matilda, doch sie konnte nichts sagen, solange der zukünftige Ehemann ihrer Mutter in Hörweite war.
„Hugh, komm her, und begrüße meine wundervolle Tochter Matilda und ihren attraktiven Verlobten“, säuselte Annabelle Lucas und küsste Silas zur Begrüßung, wie Matilda fand, mit wesentlich mehr Enthusiasmus, als nötig gewesen wäre.
„Wie süß, Matilda, dass du es gar nicht ertragen kannst, ihn loszulassen.“
Sie hörte ihre Mutter lachen. Mit heißen Wangen versuchte sie, ihre Hand aus Silas’ Griff zu befreien, doch aus irgendeinem Grund widersetzte er sich ihr.
„Silas Stanway“, stellte er sich selbst vor und streckte Hugh seine Hand entgegen.
Mum muss wirklich eine rosarote Brille tragen, um sich in jemanden wie Hugh Johnson zu verlieben, dachte Matilda, deren Erleichterung riesig war, als der Mann ihr zur Begrüßung die Hand reichte und sie keinen Kuss ertragen musste. Vollkommen unpassend zu dem märchenhaften Schloss glich er mit seiner gebeugten Haltung und den groben Gesichtszügen in erstaunlichem Maße einem Frosch.
Offensichtlich war er ein Mann von wenigen Worten, aber vielleicht lag es auch daran, dass ihre Mutter unablässig redete und sich wie eine exaltierte Schauspielerin verhielt, die ständig in die Hände klatschte, die Augen weit aufriss und theatralisch ausrief: „Das ist alles so wundervoll! Mein liebster Hugh zaubert wie ein Magier, damit alles perfekt wird – und jetzt ist alles noch schöner, wo du da bist, Matilda.“ Tränen schimmerten in ihren Augen, doch irgendwie gelang es ihr, sie zurückzuhalten, sodass ihr Make-up nicht ruiniert wurde. „Ich bin so glücklich. Schon immer wollte ich Teil einer großen Familie sein. Erinnerst du dich, Darling, wie du mir gesagt hast, dass du dir zu Weihnachten nur eine große Schwester wünschst? So süß. Und jetzt bekomme ich nicht nur den tollsten Ehemann, den man sich vorstellen kann, sondern auch zwei wunderbare neue Töchter und deren Kinder.“
Wenn bloß Dad hier wäre und diese Situation miterleben könnte, dachte Matilda trocken und verzog leicht das Gesicht, während sie sich fragte, wie ihre Mutter es schaffte, all die angeheirateten Familien zu vergessen, die sie durch ihre vorherigen Ehen angesammelt hatte.
Annabelle strahlte und wandte sich ab, um sie ins Haus zu führen. Silas nutzte die Gelegenheit und beugte sich zu seiner angeblichen Verlobten hinunter. „Was hatte dieser Blick zu bedeuten?“
„Mit all ihren Exmännern und deren Kindern könnte Mum eine halbe Kirche füllen“, wisperte Matilda zurück.
„Irgendwie glaube ich, dass Hugh das gar nicht gefallen würde.“
„Sie mögen ihn nicht, oder?“
„Mögen Sie ihn?“
„Beeilt euch, ihr zwei. Später habt ihr noch genug Zeit, euch Dinge ins Ohr zu flüstern. Es wird kalt, wenn die Tür so lange offen steht.“
Das Erste, was Matilda sah, als sie in die riesige Eingangshalle trat, war der immense Tannenbaum, der in geschmackvollem Rot und Blau geschmückt war. Mit einem Mal fühlte sie sich wieder wie ein kleines Mädchen, das auf den Weihnachtsmann wartete. Da ihr dieses sentimentale Gefühl überhaupt nicht behagte, fragte sie eher prosaisch: „Wann gibt es das Dinner, Mum? Ich würde gerne zuerst auf mein Zimmer gehen und mich umziehen.“
Hinter Hughs Rücken zog Annabelle einen kleinen Schmollmund, antwortete dann aber übertrieben fröhlich: „Oh, es tut mir leid, Darling, aber wir nehmen kein formelles Dinner zu uns. Hugh mag es nicht, so spät zu essen, und dann müssen wir natürlich auch an die Kleinen denken. Es käme ihren Müttern nicht im Traum in den Sinn, ihren Rhythmus zu stören. Hugh hat schon recht. Es ist vernünftiger, wenn wir alle auf unseren Zimmern essen. Viel bequemer, als sich extra umzuziehen und ein steifes Fünf-Gänge-Menü einzunehmen.“
Matilda, die ganz genau wusste, wie gern sich ihre Mutter fürs Dinner zurechtmachte, selbst wenn sie ganz allein zu Hause aß, sank das Herz. Sie war sich ganz sicher, dass sie sich die Verzweiflung in der Stimme ihrer Mutter nicht eingebildet hatte. Dennoch schwieg sie.
„Ist das nicht der zauberhafteste Ort, den ihr je gesehen habt?“, fuhr Annabelle mit künstlichem Enthusiasmus fort, während sie mit ausladender Geste um sich deutete.
Die Eingangshalle war in sanften Beigetönen dekoriert. In der Mitte führte eine imposante Marmortreppe in die oberen Stockwerke.
„Es ist sehr schön, Mum“, stimmte Matilda zu. „Aber ziemlich kalt.“
Sofort zeigte ihre Mutter wieder ihren Schmollmund. „Darling, sei nicht so ein Spielverderber. Natürlich gibt es eine Heizung, aber … wir müssen an die Kinder denken. Die Wärme muss in erster Linie in ihre Zimmer gehen, auch wenn das heißt, dass einige Räume unbeheizt bleiben.“ Annabelle ging auf die Marmortreppe zu. „Ich habe dich und Silas im selben Zimmer untergebracht, ganz wie du mich gebeten hast.“
Also habe ich doch recht gehabt, dachte Silas grimmig. So viel zur seriösen, gänzlich harmlosen Arbeit als Begleiter. Doch bevor er etwas sagen konnte, bedachte Hugh ihn mit einem nachdenklichen Blick.
„Sie kommen mir irgendwie bekannt vor … Sind wir uns schon einmal begegnet?“
Silas spürte, wie sich ihm der Magen zusammenzog. „Nicht dass ich wüsste“, entgegnete er.
„Was machen Sie denn beruflich?“, insistierte Hugh.
„Silas ist Schauspieler“, kam ihm Matilda mit der Antwort zuvor. Sie wollte jegliche Kritik, die sie im Anflug wähnte, unterdrücken, indem sie hinzufügte: „Und zwar ein sehr guter.“ Hastig warf sie ihrer Mutter einen Blick zu, von dem sie hoffte, dass sie ihn korrekt interpretieren würde als: Ich muss dringend mit dir über die Zimmerverteilung reden. Doch zu ihrem Bedauern wich ihre Mutter dem direkten Blickkontakt aus. Und jetzt bemerkte Matilda auch, wie angespannt sie wirkte.
Sofort setzte ein Beschützerinstinkt bei ihr ein, und sie ging zu ihrer Mutter hinüber, um sich solidarisch bei ihr unterzuhaken.
„Ein Schauspieler! Wie aufregend!“, schwärmte Annabelle. „Wahrscheinlich glaubst du deshalb, dass du Silas’ Gesicht kennst, Hugh, Darling, du musst ihn in irgendeinem Film gesehen haben.“
„Das bezweifle ich. Ich vergeude meine Zeit nicht damit, anderen Leuten dabei zuzusehen, wie sie irgendetwas vorspielen“, schnaubte Hugh verächtlich.
Wie konnte ihre Mutter sich nur in einen solchen Mann verliebt haben, fragte sich Matilda verzweifelt. Ihr anfängliches Unbehagen bezüglich dieser Ehe wuchs ins Unermessliche.
Rasch drückte sie den Arm ihrer Mutter. „Warum führst du mich nicht nach oben und zeigst mir das Zimmer?“, schlug sie betont unbekümmert vor. „Ich bin sicher, Silas und Hugh können sich gegenseitig unterhalten, während wir ein paar Mutter-Tochter-Neuigkeiten austauschen.“ Sie wusste, dass sie ein Risiko einging, indem sie Silas einfach so mit Hugh allein ließ, aber im Moment war das Wichtigste, dafür zu sorgen, dass sie separate Zimmer hatten. „Ich habe noch nicht mal dein Kleid gesehen“, erinnerte sie ihre Mutter.
„Oh, Darling, es ist traumhaft“, schwärmte Annabelle. Sofort fiel die Anspannung von ihr ab. „Es ist von Vera Wang. Du weißt schon, sie entwirft all die Brautkleider der Filmschauspielerinnen. Hughs Enkel werden unsere Blumenkinder sein, und es wäre so schön, wenn Silas mich zum Altar führen könnte …“
Ganz plötzlich hätte Matilda am liebsten geweint. Ihre Mutter setzte so ein tapferes Gesicht auf – während Hugh seine Töchter und Enkel hatte, um ihm familiäre Unterstützung zu geben, musste Annabelle sich auf ihre Tochter verlassen und auf einen Mann, der dafür bezahlt wurde, dass er sie begleitete.
Sie schluckte schwer und bekämpfte so die Tränen, die ihr in die Augen gestiegen waren. „Dad hätte dich vermutlich zum Altar geführt, wenn du ihn darum gebeten hättest.“
Sofort warf ihre Mutter einen ängstlichen Blick zu Hugh hinüber. „Ich hatte an deinen Vater gedacht“, gab sie zu. „Aber Hughs Töchter verstehen nicht, wie es möglich sein kann, eine platonische Beziehung zu seinem Exmann zu unterhalten, und Hugh fühlt … er denkt … nun ja, er stimmt ihnen zu.“
Die Bemerkung, die Matilda gern gemacht hätte, verkniff sie sich, als sie den Blick ihrer Mutter sah, der eindeutig besagte: bitte nicht.
In was für eine Geschichte war er da nur hineingeraten, fragte sich Silas, als er die beiden Frauen Arm in Arm die Treppe hinaufgehen sah. Annabelle hatte die Katze aus dem Sack gelassen, was Matildas sexuelle Erwartungen anging. Keine Frau teilte sich ein Zimmer mit einem Mann, wenn sie nicht gleichzeitig davon ausging, dass Sex auf dem Programm stand. Wenn er nicht dringend Informationen von Hugh gebraucht hätte, dann hätte er sich sofort ein Taxi gerufen und wäre zurück zum Flughafen nach Madrid gefahren. Er wollte schließlich keinen Sex mit einer Frau, die eine wahnsinnig verstörende und unglaublich erotische Wirkung auf ihn hatte!
Ungläubig schüttelte Silas den Kopf. Wen versuchte er hier zum Narren zu halten? Okay, er wollte Sex mit ihr – aber zu seinen Bedingungen, nicht ihren. Außerdem würde er es nicht zulassen, dass sie mit ihren Lügen ihm gegenüber davonkam – auch wenn sie ihn damit überrascht hatte, dass sie seinen angeblichen Beruf vor Hugh verteidigte. Die letzte Frau, die ihn vor der Verachtung eines anderen Menschen beschützt hatte, war seine Mutter, und er war gerade mal fünf gewesen.
Matilda hatte Mumm, das musste er ihr lassen. Doch das hieß nicht, dass sie ihn nach Lust und Laune manipulieren konnte. Wenn er mit ihr schlief, dann war er derjenige, der über das Wie und Wann entschied. Allerdings war es ohnehin nicht seine Angewohnheit, mit einem Paket Kondome zu verreisen. Ob Matilda an diese Notwendigkeit gedacht hatte? Sie war mit Sicherheit alt und erfahren genug, um sich der Risiken bewusst zu sein, dachte er zynisch, während er seinem unkommunikativen Gastgeber in den Salon folgte.