2. KAPITEL
Vier Jahre später
„Mr. David Percy und Miss Caroline Langley, bitte zur Information. Ihr Fahrer wartet auf Sie. Mr. Percy und Miss Langley …“
Caroline war es heiß. Sie und die anderen Passagiere hatten zwanzig Minuten lang im Flugzeug der Royal Barakat Air gestanden, weil etwas mit den Türen nicht in Ordnung war. Leider hatte der Flugkapitän trotzdem schon die Klimaanlage ausgeschaltet. Danach hatte sie in einer endlosen Schlange auf ihr Gepäck gewartet, so dicht gedrängt, dass Caroline nicht mal einen Blick auf ihre Sachen werfen konnte. Während sie endlich die Koffer vom Band hob, war ihr Gepäckwagen verschwunden, und anstatt sich einen neuen zu suchen, hatte sie ihre Taschen getragen. Es war ein Fehler, den sie in einem nur unzureichend klimatisierten Gebäude nicht noch einmal machen würde.
Ihr schickes weißes Reisekostüm war verschwitzt und zerknittert. Sie hatte das Gefühl, dass alles an ihr klebte. Das Make-up war verlaufen, und ihr kurzes hellblondes Haar ringelte sich widerspenstig um ihren Kopf. Caroline war mehr als gereizt.
Der Gedanke, dass ihre Ankunft in diesem kaum bekannten Land anders ausgefallen wäre, wenn David mitgekommen wäre, half ihr kaum. Er hatte in letzter Minute angerufen und gesagt, er könne nicht mitreisen. Also hatte Caroline die Reise allein angetreten.
Davids Absage war nicht überraschend gekommen. Caroline hatte beinahe damit gerechnet. David hatte die Reise von Anfang an nicht gefallen. Er hatte ihr sogar ausreden wollen, das Los zu kaufen.
„Ich habe noch nie gehört, dass jemand etwas bei einer Tombola gewonnen hat, Caroline“, hatte er abweisend gesagt.
„Aber David, es ist für einen guten Zweck“, hatte sie lächelnd erwidert und ein paar Dollar aus ihrer Börse gezogen. Der Erlös der Tombola sollte für den Bau eines Krankenhauses in den Emiraten von Barakat benutzt werden.
David griff nach den Losen. „Queen Halimah Hospital, Barakat al Barakat“, las er spöttisch. „Glaubst du wirklich, dass dein Geld für diesen Zweck verwendet wird?“
Aber Caroline hatte dem Kind, das die Lose verkaufte, bereits das Geld gegeben und schrieb ihren Namen und ihre Telefonnummer auf die drei Lose.
Als sie dann gewonnen hatte, war es wie ein kleiner Triumph für sie gewesen. Aber sie hatte ihre Begeisterung über den Flug erster Klasse mit Aufenthalt in einem Erholungsort von Westbarakat im Zaum gehalten. David mochte Gefühlsausbrüche ebenso wenig, wie es ihre Eltern taten. Er hatte ihr einen chaotischen Urlaub vorhergesagt, aber zugestimmt, sie zu begleiten.
Als er dann, nur wenige Stunden vor dem Flug, abgesagt hatte, erwartete er, dass Caroline ebenfalls von der Reise zurücktreten würde. Es war zu spät, um jemand anders einzuladen, und David war sicher, dass sie nicht allein in ein abgelegenes islamisches Land reisen wollte. Er bot ihr an, in einer Woche oder zwei mit ihr an einen gleichermaßen exotischen Ort zu fahren.
Überraschenderweise war Caroline hartnäckig geblieben.
„Schatz, bist du sicher, dass du wirklich fliegen solltest?“, hatte ihre Mutter sich nervös erkundigt, aber Caroline hatte ihre Koffer gepackt.
„Ich bin es leid, mir meinen Urlaub von anderen bezahlen zu lassen“, hatte sie der Mutter gesagt. „Diese Reise habe ich gewonnen, und ich werde sie genießen.“ Seit Jahren bedrückte sie die Abhängigkeit von anderen, und Caroline konnte es nicht mehr ertragen.
Ihre Eltern stammten beide aus alten Familien, die ehemals Reichtum und Einfluss besessen hatten. Ihr Vater hatte jedoch nicht den Geschäftssinn seiner Vorfahren geerbt. Auf den Rat seines Sohnes hatte er sein wenig erfolgreiches Unternehmen durch Käufe auf dem Aktienmarkt retten wollen. Doch die Rechnung war nicht aufgegangen, und sein Sohn war eines Nachts mit seinem Wagen tödlich verunglückt. Niemand sprach aus, was wirklich passiert war, bis auf die Versicherungsgesellschaft. Aber selbst wenn diese das Geld aus seiner Lebensversicherung ausgezahlt hätte, wäre es nur ein Tropfen auf einem heißen Stein gewesen, bei den Schulden, die Thom Langley Senior hatte.
Diese schrecklichen Ereignisse waren nicht spurlos an Caroline vorübergegangen. Sie war eine sehr gute Schülerin gewesen, aber ihre Leistungen waren nach dem Selbstmord ihres Bruders stark abgesunken. Sie hatte kein Stipendium gewonnen, und an den wirklich guten Universitäten hätte sie keine Chance gehabt.
Aber sie wollte auch gar nicht mehr auf eine Universität. Ihre Eltern ließen sich finanziell von Verwandten unterstützen. Ihre Schwester Dara ging noch zur Schule. Die Situation war für Caroline schwer zu ertragen gewesen. So hatte sie sich eine Stelle gesucht, allen Protesten der Verwandtschaft zum Trotz.
Eigentlich wäre sie auch gern von zu Hause ausgezogen, aber ihre Mutter hatte sie angefleht, zu bleiben. Von Carolines Gehalt ließen sich die Kosten für das große alte Herrschaftshaus bestreiten, während ihre Mitarbeit im Haushalt die Dienstboten ersetzte und ihre Anwesenheit eine moralische Unterstützung für ihre Mutter bedeutete.
Hätte Caroline ihr Vorhaben in die Tat umgesetzt und wäre ausgezogen, hätte sie David niemals kennengelernt.
Mehrere Männer gingen vor der Information auf und ab, als Caroline dort ankam. Sie musterte sie niedergeschlagen. Die meisten von ihnen hatten Wagenschlüssel in der Hand. Aber keiner von ihnen sah so aus, als wäre er ein Chauffeur.
Die Männer machten Platz, als sie an die Information trat, musterten sie jedoch neugierig.
„Ich bin Caroline Langley“, sagte sie, als die Frau hinter dem Schreibtisch sich ihr zuwandte. „Sie haben mich ausrufen lassen.“
„Aber ja!“, antwortete die junge Frau und sah auf ihren Block. „Ihr Fahrer ist hier, Miss Langley … wo ist er denn hingegangen? Ach ja, da!“ Sie lächelte und deutete auf einen Mann, der zu Carolines Erstaunen nicht so aussah wie die anderen.
Er war sehr gut gebaut, groß, selbstbewusst und besaß ein Auftreten, mit dem David nicht hätte mithalten können. Er stand neben einer Säule und unterhielt sich mit einem anderen Mann. Caroline blies eine feuchte Locke aus ihrer Stirn und lächelte unwillkürlich.
Der Mann hatte dunkles, kurz geschnittenes Haar und volle sinnliche Lippen, die nicht ganz von einem kurz gestutzten schwarzen Bart verdeckt wurden. Seine hochgewachsene und schlanke Gestalt hatte Ähnlichkeit mit einem durchtrainierten Polospieler. Als er sich jetzt Caroline zuwandte, sah sie, dass er dichte schwarze Brauen und Wimpern hatte.
Sie lächelte. Für einen Moment runzelte er die Stirn. Dann weiteten sich seine Augen, und ein fragender Blick traf sie. Caroline lief ein wohliger Schauer über den Rücken. Sie richtete sich gerader auf und straffte die Schultern, als wäre sein Blick eine Herausforderung und als dürfe sie keine Schwäche zeigen.
Der Mann sprach mit seinem Begleiter, der zu ihr hinüberschaute, ließ ihn dann neben der Säule stehen und kam auf sie zu. „Miss Langley?“, fragte er mit tiefer, fast akzentfreier Stimme. „Miss Caroline Langley?“
Einen kurzen Augenblick lang war sie verunsichert und hätte gern die Flucht ergriffen. Das Lächeln erstarb ihr auf den Lippen, aber es widerstrebte ihr, in einer völlig fremden Umgebung eine Szene zu machen. „Sind Sie vom Hotel?“, versuchte sie Zeit zu gewinnen.
„Nicht vom Hotel, sondern vom Royal-Barakat-Fremdenverkehrsbüro. Ich heiße Kaifar, Miss Langley, und bin Ihr persönlicher Führer. Es ist meine Aufgabe, für Sie und Ihren Verlobten die Buchungen bei Hotels und anderen Sehenswürdigkeiten vorzunehmen, damit Sie Ihren Aufenthalt genießen können.“
„Ich verstehe.“ Seine Stimme hatte einen wohltuenden Klang. Vielleicht war sie nur nervös, weil sie sich allein in einem fremden Land aufhielt.
„Ihr Verlobter, Mr. Percy … wo ist er?“, fuhr er fort. „Ist er noch beim Zoll?“
Der Blick des Mannes war offen und ehrlich. Caroline schluckte. „David musste leider absagen. Ich bin allein hier.“
Er zog die dunklen Brauen zusammen. „Er ist nicht mitgekommen?“ Sein Stirnrunzeln verstärkte sich, und sein Blick wurde durchdringender. Er wirkte verärgert. Aber warum? Es konnte sich nur um ein Missverständnis handeln. Oder hatte er die Erfahrung gemacht, dass Frauen nicht so viel Trinkgeld gaben?
„David war verhindert. Ist es problematisch, dass ich allein hier bin?“ Man hatte ihr gesagt, dass die Emirate von Barakat nicht so stark religionsbetont, sondern weltoffen wären, aber als allein reisende Frau sollte sie möglicherweise besser einen Schleier tragen oder zumindest eine Anstandsdame bei sich haben.
Jetzt lachte der Mann. Die weißen Zähne bildeten einen starken Kontrast zu dem dunklen Bart. „Auf keinen Fall!“, versicherte er ihr. „Ich bin nur überrascht. Ich war darauf vorbereitet, zwei Gäste abzuholen. Einen Moment.“
Er kehrte zu dem anderen Mann zurück und redete mit ihm. Der Mann warf einen Blick zu ihr hinüber und redete auf den Chauffeur ein. Aber Kaifar hob bloß seine Hand, recht gebieterisch, wie Caroline schien, sodass sein Begleiter verstummte und den Kopf schüttelte. Kaifar kam wieder zu ihr.
„Mein Begleiter nimmt Ihre Taschen.“ Caroline zeigte ihm, wo ihr Gepäck stand. „Folgen Sie mir, bitte“, fügte er hinzu und führte sie durch die Menge.
Zusammen mit dem dunkelhaarigen Führer trat Caroline aus dem Flughafengebäude in die Hitze des exotischen Landes, das in seiner eigenen Sprache „segensreich“ genannt wurde.
Kaifar führte Caroline zu einem alten Rolls-Royce und half ihr auf den Rücksitz, während der Begleiter das Gepäck verstaute. Die beiden Männer sprachen kurz miteinander, dann verabschiedete sich der andere, und Kaifar stieg ein. Anstatt den Motor zu starten, saß er zunächst da, strich sich über den Bart und senkte nachdenklich seinen Blick.
Sie beugte sich vor. „Gibt es ein Problem?“
Er schien überrascht und warf einen arroganten Blick über seine Schulter, als hätte sie kein Recht, so etwas zu fragen. Nun, wenn Westbarakat Touristen anziehen will, müssen sich die Fremdenführer an Frauen gewöhnen, die wissen, was sie wollen, dachte Caroline trocken.
Doch seine Antwort zeigte, dass er das bereits wusste. „Entschuldigen Sie, Miss Langley.“ Er nickte knapp.
Sie empfand ein leichtes Unbehagen, das sie sich nicht erklären konnte. Es wurde ihr bewusst, dass Kaifar sich nicht mal ausgewiesen hatte. Er trug keine Uniform, nur ein weißes Hemd und eine dunkle Hose. Unwillkürlich dachte sie an seine Reaktion auf die Nachricht, dass David nicht mitgekommen war. Er sprach gut Englisch … und konnte durchaus herausgefunden haben, dass David reich war. Angenommen, er plante irgendetwas?
„Wo fahren wir hin?“, wollte sie wissen, obwohl ihr bewusst war, dass sie jetzt kaum noch etwas an der Situation ändern konnte.
Er startete den Motor und antwortete ihr, ohne sich umzudrehen. „Ich bringe Sie in Ihr Hotel, wohin sonst?“
„Wie heißt das Hotel?“, fragte sie, aber es war zu spät, wenn ihre Angst berechtigt sein sollte. Der Wagen beschleunigte schon.
Er lächelte ihr im Spiegel zu und sah aus wie ein Wüstenbandit aus einem Märchen. „Das Hotel heißt Sheikh Daud, Miss Langley. Es liegt auf der Royal Road, die an der Küste im Westen der Stadt entlangläuft. Bitte haben Sie keine Angst. Nicht alle dunkelhaarigen Araber sind Wüstenscheichs, die schöne Frauen in ihren Harem entführen. Manche von uns sind so zivilisiert, dass viele Ihrer Landsleute im Vergleich dazu barbarisch wirken.“
Mit seinem Lächeln wollte er sie wohl ermuntern, über ihre unbegründete Nervosität zu lachen. Kaifar bremste ab und bog von dem Flughafengelände auf einen breiten, von Palmen gesäumten Boulevard. Das mochte ihre letzte Chance sein, aus dem Wagen zu springen. Caroline spannte ihre Muskeln an.
Kaifar wandte sich ihr ein Stück zu. „Das Hotel wird Ihnen gefallen, Miss Langley. Es ist das beste und exklusivste Hotel in den Emiraten von Barakat. Sie können sich glücklich schätzen, dass Sie einen solchen Preis gewonnen haben.“
Sie spürte die Wirkung seines Lächelns, seiner maskulinen Ausstrahlung und dachte: Vielleicht bin ich nur deshalb besorgt – weil dieser Mann eine so enorme Anziehungskraft hat.
Sie hätte doch auf David hören sollen. Es war nicht besonders klug gewesen, allein herzukommen. Sie hatte gleich das Gefühl gehabt, David mache sich Sorgen wegen irgendetwas, obwohl er es geleugnet hatte. Hatte er befürchtet, sie würde sich in einen attraktiven Ausländer verlieben?
In jemanden wie Kaifar.
Der Flughafen lag im Nordosten der Stadt. „Soll ich Ihnen mehr über unser Land erzählen?“, fragte Kaifar und wies sie, ohne eine Antwort abzuwarten, auf die Sehenswürdigkeiten hin. Eine alte Festung, die fast im Sand vergraben war; ein Wadi in der Ferne, mit Palmen vor goldenen Dünen, ein kleines Wüstendorf, das abgesehen von den Satellitenschüsseln so aussah, als stamme es aus der Steinzeit.
„Dies ist das Haus des wichtigsten Mannes im Ort. Früher einmal war der Besitz von zwei Maultieren ein Zeichen für seinen Reichtum. Heute ist es das Fernsehen“, erklärte er und lächelte wieder. Doch Caroline konnte sich nicht ganz entspannen.
Bald darauf erreichten sie die Stadt, und ein schönes, beeindruckendes Gebäude aus blauen Mosaikfliesen und Spiegelglas kam in Sicht. „Das ist unsere Große Moschee“, bemerkte er. „Sie wurde im fünfzehnten und sechzehnten Jahrhundert von m…“, er hielt kurz inne, als ob er nach dem Namen suchte, „… Königin Halimah erbaut. Ihr Grab ist auch dort.“
Caroline betrachtete das Gebäude und war auf den ersten Blick fasziniert von der exotischen Schönheit. Als Kaifar ihre Begeisterung bemerkte, bremste er ab und hielt am Straßenrand. Der geräumige gepflasterte Vorhof lag im Schatten von Bäumen, wo Springbrunnen zusätzliche Kühle spendeten. Die Menschen, Touristen wie Gläubige, hielten sich dort auf. Der Ort strahlte Ruhe aus, und Caroline bewunderte die großartige Architektur. Plötzlich kam ihr, was sie sah, bekannt vor, und sie schnappte erstaunt nach Luft.
„Was ist denn, Miss Langley?“
„Ich glaube, mein Verlobter besitzt eine Miniatur dieser Szenerie, auf Elfenbein gemalt. Ist das möglich?“ Ganz anders und ungleich beeindruckender war dieses Gebäude in Wirklichkeit.
„Alles ist möglich, nicht? Dass ein Mann in New York eine Miniatur eines solchen Gebäudes hat, ist nicht so erstaunlich, selbst wenn man sich fragt, warum er sie wohl haben mag. War Ihr Verlobter schon in meinem Land?“
„Ich glaube nicht. Nein.“
„Und trotzdem besitzt er ein Bild der Großen Moschee.“
„Mein Verlobter ist Sammler.“
Kaifar schwieg.
„Antiquitätensammler, wissen Sie“, erläuterte sie ihm, weil sie dachte, er hätte ihre Worte nicht verstanden. „Er kauft alte Kunstwerke und Objekte. Das meiste ist griechisch oder römisch, aber er hat auch Orientalisches.“
„Ach, er kauft die Sachen?“ Er streckte den Arm aus dem Fenster und winkte einen alten Mann auf einem wackeligen Fahrrad vorbei. Sie war überrascht, dass sich im Korb auf dem Gepäckträger ein verschmutzter, zerschrammter Computerbildschirm befand.
Caroline lächelte amüsiert. „Wie sollte er sie sonst sammeln?“
Kaifar hob die Schultern. „Manche Leute sammeln Dinge, die ihnen geschenkt wurden. Oder, die sie gestohlen haben.“
Caroline ärgerte sich darüber. „Ich bin überzeugt, dass David alle Stücke seiner Sammlung auch bezahlt hat. Glauben Sie mir, er ist reich genug, sogar die ganze Moschee zu kaufen. Er muss nicht …“
Da unterbrach er sie in barschem Ton: „Niemand ist reich genug, die Große Moschee zu kaufen. Sie ist nicht verkäuflich.“ Er klang ärgerlich. Caroline hätte sich ohrfeigen mögen. Sie wollte sich ihren Begleiter nicht zum Feind machen, ehe ihr Urlaub begonnen hatte. Manche Ausländer, das wusste sie, kränkte die Annahme, dass alles, einschließlich ihre Herkunft, in Geld aufgewogen werden konnte.
„Es tut mir leid, ich hatte das nicht wortwörtlich gemeint. Natürlich kann so ein Gebäude nicht verkäuflich sein“, entschuldigte sie sich hastig.
Kaifar wandte sich ihr zu. „Sie kommen in der Nacht und stehlen die Schätze der Moscheen und Museen … sie wagen es sogar, die alten Fliesen und Steindenkmäler abzuschlagen. Wir haben inzwischen Wachen bei sämtlichen Sehenswürdigkeiten. Wer einen solchen Versuch unternimmt und dabei erwischt wird, kommt ins Gefängnis. Aber es ist unmöglich, alles zu bewachen, und die Gefahr treibt den Preis hoch, sodass sich immer jemand finden lässt, der das Risiko eingehen will. So etwas tun ausländische Sammler dem Erbe meines Landes an.“
Caroline war empört und fühlte sich mitschuldig. „Ich bin sicher, dass David so etwas nie getan hat!“
„Wirklich?“, fragte er, als fände er das Thema langweilig. „Nun, dann können wir Ihrem Verlobten nicht die Schuld an unseren Problemen geben.“
Wenn Caroline darüber nachdachte, hatte sie keine Ahnung von Davids Geschäftspraktiken. „Wenn die Leute ihr eigenes Erbe für Geld versetzen wollen, kann der Käufer doch nichts dafür, oder?“
Kaifar trat an einer Ampel so heftig auf die Bremse, dass sie gegen den Anschnallgurt gedrückt wurde. Aber als sie in den Rückspiegel schaute, wirkte seine Miene reglos, und er antwortete auch gelassen: „Sie haben wohl keine Ahnung, welche verzweifelten Dinge die Menschen imstande sind für Geld zu tun, oder?“
Sie begegnete seinem Blick und spürte, wie ihr die Hitze in die Wangen stieg. Das kann nicht sein, sagte sie sich. Seine Bemerkung ist nicht ironisch gemeint … Wahrscheinlich glaubte er, sie wäre reich. Aber wie genau hatte er doch den Nagel auf den Kopf getroffen.
Caroline hatte bisher immer recht widerstreitende Gefühle gehabt, was ihre Verlobung betraf, aber bisher hatte sie sich dafür nie geschämt. Und gewiss würde sie es nicht zulassen, dass David sie kaufte, wie er ein Stück für seine Sammlung erwarb. Sogar dann nicht, wenn sie selbst genau das Motiv hatte, das Kaifar gerade genannt hatte – Verzweiflung.