The Masters of Texas (4-teilige Serie)

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Dieses sündige Versprechen
Endlich ist er wieder da - Chance, der erste Mann, dem Holly ihr Herz geschenkt hat. Und der es brach, als er ohne ein Wort von ihr ging. Zwölf Jahre sind seitdem vergangen, und eines wird Holly auf den ersten Blick klar, als der Mann ihrer Träume nach Calico Spring zurückkehrt: Er ist immer noch so verdammt attraktiv wie damals! Was in der Vergangenheit passiert ist, interessiert sie plötzlich nicht mehr. Schon wieder verfällt sie Chance mit Haut und Haar - und fragt sich bei jedem seiner heißen Küsse, ob er es diesmal wirklich ernst mit ihr meint …

Nur eine Nacht in New Orleans?
Ein lauer Abend in New Orleans, guter Jazz und heißer Sex mit einer hinreißenden Fremden. Als Milliardär Cole Masters am nächsten Morgen zurück nach Texas fliegt, bleibt ihm nur die süße Erinnerung an die namenlose Schönheit. Drei Monate später steht sie vor seiner Tür - mit einem richterlichen Beschluss: Tallie Finley ist Archäologin und will auf seinem Land nach Artefakten der Ureinwohner graben. Und das, wo gerade sein lang geplantes Bauprojekt starten soll! Aber Tallie hält noch eine weitere Überraschung für Cole bereit …

Eine Leidenschaft so groß wie Texas
Ohne Erinnerung erwacht sie nach einem Unfall im Krankenhaus, und ein gut aussehender Mann an ihrem Bett behauptet, sie sei Victoria, seine Frau … Dabei könnte sie schwören, dass sie Wade Masters noch nie gesehen hat! Das gemeinsame Leben auf seinem Anwesen in Texas wird zu einer Bewährungsprobe. Manchmal scheint Wade sie heiß zu begehren, dann behandelt er sie kühl und distanziert. Wenn bloß ihr Gedächtnis endlich zurückkehren würde! Aber in welch gefährliches Spiel sie unwissentlich verwickelt ist, merkt sie erst zu spät …

Warum begehre ich dich so sehr?
Ally will ihre Ranch zurück, nur deshalb willigt sie in eine Scheinehe mit Seth Masters ein. Denn der Milliardär ist ihr Feind - seine Familie hat ihr die Ranch weggenommen. Dumm nur, dass Seth in ihr dieses gefährlich sinnliche Begehren weckt …


  • Erscheinungstag 24.06.2021
  • ISBN / Artikelnummer 9783751507370
  • Seitenanzahl 576
  • E-Book Format ePub
  • E-Book sofort lieferbar

Leseprobe

Cover

Lauren Canan

The Masters of Texas (4-teilige Serie)

IMPRESSUM

BACCARA erscheint in der HarperCollins Germany GmbH

Cora-Logo Redaktion und Verlag:
Postfach 301161, 20304 Hamburg
Telefon: +49(0) 40/6 36 64 20-0
Fax: +49(0) 711/72 52-399
E-Mail: kundenservice@cora.de

© 2016 by Sarah Cannon
Originaltitel: „Redeeming the Billionaire SEAL“
erschienen bei: Harlequin Enterprises Ltd., Toronto
in der Reihe: DESIRE
Published by arrangement with HARLEQUIN ENTERPRISES II B.V./S.àr.l.

© Deutsche Erstausgabe in der Reihe BACCARA
Band 1973 - 2017 by HarperCollins Germany GmbH, Hamburg
Übersetzung: Susann Rauhaus

Abbildungen: Harlequin Books S. A., alle Rechte vorbehalten

Veröffentlicht im ePub Format in 04/2017 – die elektronische Ausgabe stimmt mit der Printversion überein.

E-Book-Produktion: GGP Media GmbH, Pößneck

ISBN 9783733723699

Alle Rechte, einschließlich das des vollständigen oder auszugsweisen Nachdrucks in jeglicher Form, sind vorbehalten.
CORA-Romane dürfen nicht verliehen oder zum gewerbsmäßigen Umtausch verwendet werden. Sämtliche Personen dieser Ausgabe sind frei erfunden. Ähnlichkeiten mit lebenden oder verstorbenen Personen sind rein zufällig.

Weitere Roman-Reihen im CORA Verlag:
BIANCA, JULIA, ROMANA, HISTORICAL, MYSTERY, TIFFANY

 

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1. KAPITEL

Einem neugeborenen Fohlen dabei zuzuschauen, wie es zum ersten Mal auf die Beine kam, war ein Anblick, von dem Holly Anderson nie genug bekommen konnte. Mit ein paar Stolperschritten und der Unterstützung seiner Mutter entdeckte das Fohlen, wie es zu seiner ersten Mahlzeit gelangte. Der kleine buschige Schweif wippte und drehte sich, als es an den Zitzen saugte.

„Ich hatte schon Angst, wir würden es verlieren“, sagte Don Jeffries, der Besitzer der Stute, die gerade mit Hollys Hilfe das Junge zur Welt gebracht hatte. „Ich kann Ihnen gar nicht sagen, wie dankbar ich Ihnen bin, Doc.“

„Schön, dass ich helfen konnte.“ Holly warf noch einen Blick auf das Fohlen und ging dann hinaus in die Diele, während Don die Stalltür hinter ihr zumachte. Sie sammelte ihre Instrumente zusammen, ging zu ihrem Pick-up und warf sie in einen weißen Eimer mit Desinfektionslösung. „In zwei oder drei Tagen komme ich wieder und sehe nach den beiden. Dann sollte jemand hier sein, der die Mutter zurückhält. Es wird ihr nicht gefallen, wenn ihr Kleines für ein paar Minuten entführt wird.“

„Keine Sorge. Ich mache morgen mit Ihrem Büro einen Termin aus und sorge dafür, dass jemand hier ist, falls ich es selbst nicht schaffe.“

Nach einem letzten Händedruck verstaute Holly den Rest ihrer Sachen im Auto, stieg ein und fuhr zurück zur Klinik. Die Sonne war inzwischen untergegangen, und das Zwielicht würde bald der Dämmerung weichen.

Holly hatte gerade ihre Instrumente geordnet, als die kleine Glocke über der Vordertür erklang. Jemand hatte das Gebäude betreten. Sie hatte offenbar vergessen, das „Geschlossen“-Schild aufzustellen.

Sie trocknete die Hände an einem Stück Küchenkrepp ab und ging zur Tür. Die Deckenbeleuchtung war bereits ausgeschaltet, aber aus dem Labor drang gedämpftes Licht herüber. Zwei Männer standen in dem kleinen Wartezimmer. Sie erkannte sofort Cole Masters, einen der drei Besitzer der großen Ranch auf der anderen Seite der Straße. Holly war mit den Masters-Jungs aufgewachsen. Das kleine Haus ihrer Tante, in dem sie jetzt wohnte, lag genau gegenüber vom Herrenhaus. Obwohl sie einige Jahre älter waren, hatte die drei das nicht davon abgehalten, ihr in Freundschaft verbunden zu bleiben. Es war wie eine Vergrößerung der Familie.

Wer jedoch der Mann neben Cole war, wusste sie nicht. Wahrscheinlich ein Geschäftsfreund, der das Wochenende über zu Besuch war. Cole und sein Bruder Wade brachten immer wieder Leute mit auf die Ranch Circle M, um mit ihnen ein entspanntes Wochenende auf dem Land mit Reiten, Lagerfeuer und Grillen zu verbringen. Letzteres übrigens veranstaltet von einem Sternekoch. Warum jemand einen Profikoch brauchte, um einen Hotdog zu grillen, hatte Holly noch nie verstanden. Aber jedem das Seine.

Es schien nichts Dringliches zu sein. Cole stand einfach nur da und grinste. Es war schon ziemlich spät, und sie war müde. Schließlich hatte sie einen Zwölfstundentag hinter sich, und ihr Körper sehnte sich nach einem heißen Bad.

Außerdem musste sie nach Hause und sich um das Baby kümmern, damit Amanda, ihre Freundin und zeitweilige Babysitterin, endlich nach Hause gehen konnte. Was auch immer Cole vorhaben mochte, sie hatte im Moment keine Lust auf irgendwelche Scherze.

„Hey, Cole“, sagte sie, und er nickte. „Hast du dich wieder auf dem Heimweg verirrt?“

„Ha, ha.“

„Womit kann ich dir helfen?“

„Ich wollte mir das Antibiotikum für die Stute abholen, die sich etwas in den Huf getreten hat. Eigentlich wollte Caleb das machen, aber ihm ist etwas dazwischengekommen. Ich habe ihm gesagt, ich würde bei dir vorbeifahren, wenn du noch geöffnet hättest.“

„Verstehe. Das habe ich ganz vergessen. Ist im Kühlschrank. Ich bin gleich wieder zurück!“

Sie ging in den Hauptraum der Klinik, holte das Medikament aus dem Kühlschrank, steckte es zusammen mit ein paar Spritzen in einen Druckverschlussbeutel und kehrte in den vorderen Bereich zurück. „So, hier, bitte! Caleb weiß, wie man damit umgeht. Aber wenn er Fragen hat, soll er mich anrufen.“

„Wird gemacht.“

Doch Cole rührte sich nicht.

„Gibt es sonst noch was?“

Er warf einen Blick auf den Mann neben ihm und sah dann wieder Holly an.

Sie beugte sich leicht nach vorn und hob die Handflächen, als wollte sie fragen: Was, zum Teufel, willst du? „Es ist ein bisschen spät für diesen Zirkus. Tut mir leid, aber ich hatte einen langen Tag. Wie wär’s, wenn du mit dem Theater aufhörst und mir einfach sagst, worum es geht?“ Sie sah Coles Begleiter an und sagte: „Ich muss mich für ihn entschuldigen. Manchmal ist er einfach so.“

Der zuckte die Schultern und kräuselte leicht die Lippen, so als würde er die Situation komisch finden. Coles Grinsen wurde immer breiter. „Oh, Mann, das ist einfach zu gut“, sagte er leise. „Wir hätten Wade auch mitbringen sollen.“

Holly wusste nicht, was sie von dieser Aussage halten sollte. Was war denn zu gut?

„Okay.“ Sie klopfte auf den Tresen. „Dann wünsche ich euch beiden noch einen guten Abend. Schließt bitte die Tür hinter euch ab.“ Sie machte Anstalten, sich umzudrehen, und war schon fast aus dem Raum, als der andere Mann etwas sagte.

„Warum hast du es denn so eilig, Muppet?“

Holly erstarrte. Das Herz tanzte in ihrer Brust. Diese Stimme, so tief und rau. Dieser Spitzname. Nur ein Mensch nannte sie Muppet. Aber das konnte doch nicht sein. Sie drehte sich um, und der hochgewachsene Mann mit den breiten Schultern ging auf sie zu. Er nahm den Cowboyhut ab, den er sich tief ins Gesicht gezogen hatte, und mit einem Mal waren die letzten zwölf Jahre wie weggeblasen, und sie sah in die Augen ihres besten Freundes.

Sie hätte ihn gleich erkennen müssen. An der Art, wie er sich bewegte, ruhig, mit der Anmut eines Panters. Der Art, wie er dastand, breitbeinig, die Schultern leicht zurück und mit Händen, die bereit waren, es sofort mit jedem Angreifer aufzunehmen.

Er hatte ein ausdrucksvolles Gesicht mit hohen Wangenknochen und einem ausgeprägten Kinn. Sein Haar war genauso dunkelbraun wie das seiner Brüder, aber anstelle des modischen Haarschnitts von Wade war seins ein bisschen zerzaust, was ihn noch attraktiver machte.

Er hatte eine wunderbare Art zu lächeln. Aber was seine Anziehungskraft vor allem ausmachte, waren seine kristallblauen Augen. Sie sahen aus, als würden sie von innen leuchten. Holly hatte sich häufig gefragt, ob er überhaupt merkte, wie die Leute auf der Straße ihn anschauten. Oder ob er daran gewöhnt war, dass jeder ihn ansah.

Er trug Khakihosen und ein hellbraunes T-Shirt, das seine ausgeprägten Arm- und Bauchmuskeln zur Geltung brachte. An seinem Handgelenk stach ein Chronograph ins Auge, der mit seinen vielen Anzeigen eher an die Apparatur eines Raumschiffs erinnerte.

Vor ihr stand ein Kämpfer. Ein Mitglied der US Navy SEALs, einer Spezialeinheit der Navy.

Chance Masters war nach Hause gekommen.

„Chance“, flüsterte Holly. Sie streckte die Hand nach ihm aus, wie um sich davon zu überzeugen, dass er wirklich vor ihr stand. Er nahm ihre Hand in seine, zog sie fest an seine Brust und ließ sie dort liegen. Sie spürte seinen gleichmäßigen Herzschlag unter dem dünnen Shirt.

Tränen stiegen ihr in die Augen. Chance war ihr bester Freund gewesen, so etwas wie ihre erste Liebe, und auch der Erste, der ihr das Herz gebrochen hatte, als er zur Navy ging. Sein Weggang hatte niemanden in der Gemeinde kalt gelassen, Vor allem die Mädchen und jungen Frauen waren deswegen traurig gewesen. Sein älterer Bruder hatte Holly einmal erzählt, er wünschte, er hätte ein Fünfcentstück für jede Frau bekommen, die Chance hatte abblitzen lassen. Aber es gab auch viele, die erleichtert waren, als er wegging.

Sie ließ sich in seine Arme fallen, und Chance hielt sie fest und ließ sie weinen. Pure Energie ging von ihm aus und berührte all ihre Sinne. Nach wenigen Augenblicken löste sie sich von ihm, wischte sich die Tränen von den Wangen, schniefte und warf den Kopf zurück. Sie wollte ihre Gefühle unbedingt wieder unter Kontrolle bekommen. Herausfordernd sah sie ihn an. „Commander? Es wurde auch verdammt Zeit, dass du endlich nach Hause kommst.“

Das bescherte ihr ein Lächeln. Er sah sie an und schüttelte den Kopf.

„Ich wollte gerade sagen, wie du dich verändert hast, Muppet. Aber vielleicht stimmt das nicht“, zog er sie auf. Seine Stimme klang tiefer, als sie sie in Erinnerung hatte. „Jedenfalls trägst du keine Zahnspange mehr. Und auch keine Zöpfe. Außerdem kommst du mir ein bisschen größer vor.“

Holly lächelte ihn an. „Findest du?“

Sie war gerade zwölf gewesen, als er sich direkt nach der High School zum Militär meldete. Aber nicht nur sie hatte sich verändert. Seine starke Ausstrahlung entging ihr nicht. Chance war ein richtiges Alphatier. Verschwunden war der arrogante Teenager mit dem selbstsicheren Lächeln und dem Ruf, immer Ärger zu machen, der großspurige Typ, der cleverer war, als es ihm guttat. Jetzt stand hier ein Mann, der die Welt mit neuen Augen sah, der seine überdurchschnittliche Intelligenz für Dinge eingesetzt hatte, die wichtig waren, und der gelernt hatte, seine Emotionen zu beherrschen. Das alles stand ihm ins Gesicht geschrieben. Er wirkte unglaublich selbstbewusst.

Noch immer konnte sie den alten Chance hinter dem harten Äußeren erkennen, aber der Junge von gestern war nicht mehr da. Er schien mit seinen Dämonen Frieden geschlossen zu haben. Seine Ungeduld und Rastlosigkeit waren verschwunden. Er war ein kraftvoller, reifer Mann geworden.

„Das mit deinem Vater tut mir so leid.“ Sie sah zu Cole hinüber, bezog ihn in die Unterhaltung mit ein.

Dann sah sie erneut Chance an. „Er war so stolz auf dich. Wie wir alle.“

Chance nickte, antwortete jedoch nicht. Plötzlich fiel Holly ein, dass sie von Streitigkeiten zwischen ihm und seinem Vater gehört hatte. Sie selbst hatte Mr. Masters kaum gekannt. Er war nicht sehr oft auf der Ranch. Doch es war allgemein bekannt, dass das Einzige, was ihn wirklich interessiert hatte, Geld war.

Sie stand neben Cole, als Chance die Klinik inspizierte. Er sah sich die Röntgenapparate und Mikroskope genau an. Es gab noch zwei weitere Räume, in denen operiert wurde, und einen Bereich, in den die Tiere nach der OP gebracht wurden. Der stationäre Pflegebereich schloss sich am hinteren Ende des Flurs an.

„Sehr schön, Holly“, sagte Chance, nachdem er sich umgesehen hatte. „Calico Spring brauchte schon lange einen Tierarzt. Du hattest ja schon immer davon gesprochen, dass du eine Lizenz erlangen und eine Klinik aufbauen wolltest. Darauf kannst du wirklich stolz sein.“

„Oh, ich hatte sehr viel Hilfe. Kevin Grady ist mein Partner. Ohne ihn hätte ich das nie hinbekommen. Er ist ein approbierter Tierarzt und wollte schon lange eine eigene Klinik haben. Glücklicherweise hatte ich die Räume dafür, und unter seiner Anleitung konnte ich die letzten zwei Jahre meiner Ausbildung absolvieren. Deine Brüder haben mir Geld für die Ausstattung geliehen. Und, ja, ich bin wirklich froh, dass alles so gut funktioniert hat. Die Tage sind lang, und die Arbeit ist nicht immer leicht, aber sie erfüllt mich sehr.“

Seine Augen fanden ihre. „Das hätte ich selbst nicht besser ausdrücken können.“ Stilles Einverständnis lag zwischen ihnen. Chance empfand offensichtlich dasselbe für das Leben, das er für sich gewählt hatte.

Im nächsten Moment wurde er wieder ernst. „Tut mir echt leid, das mit Jason“, sagte er mitfühlend. Hollys älterer Bruder war im Irak gestorben. „Er war ein Supertyp.“

Sie nickte und sah zur Tür hinüber. Plötzlich fühlte sie sich unbehaglich. „Manchmal vergesse ich glatt, dass er nicht mehr da ist. Ich greife zum Telefon, um mit ihm zu sprechen, und dann weiß ich plötzlich, er ist nicht mehr da.“

Chance und Jason waren seit der vierten Klasse beste Freunde gewesen. Jason hatte Chance nähergestanden als Cole und Wade. Die Nachricht von seinem Tod hatte ihn sehr getroffen.

„Hör zu, du bist müde. Ich werde eine ganze Weile hier sein. Wir müssen jetzt los, aber ich melde mich morgen bei dir.“

„Versprochen?“

Er nickte. „Absolut.“

„Und du …“ Holly zeigte auf Cole. „Wie gemein von dir, dass du mir nichts davon erzählt hast.“ Sie umarmte ihn schwesterlich. „Aber ich liebe dich trotzdem.“

Cole schmunzelte nur. Chance warf ihr noch einen letzten Blick zu und ging dann mit seinem Bruder hinaus.

Anstatt das Auto zu nehmen, wählte Holly den Pfad durch den Wald nach Hause, der über eine alte Holzbrücke führte, unter der sich der Otter Creek schlängelte. Chance ist wieder zu Hause. Wie viele Einsätze hatte er hinter sich? Das konnte sie nur raten. Was hatte er erlebt? Vielleicht war es ja besser, wenn sie die Einzelheiten nicht so genau kannte. Jedenfalls sah er gut aus, sehr gut sogar!

Sie ging schneller, denn ihre Freundin Amanda wollte sicher bald nach Hause. Es sei denn, sie hatte etwas Spannendes im Fernsehen gefunden. Holly wusste, dass Emma mit ihren vierzehn Monaten manchmal ganz schön schwierig sein konnte, und wollte ihre Freundin erlösen.

Als sie durch die Hintertür eintrat, hörte sie, dass Amanda sich anscheinend gerade ihre Lieblingsserie anschaute. Im nächsten Moment erklang ein Schuss, dann schrie eine Frau laut auf.

„Wer ist gestorben?“, fragte Holly, nachdem sie ihre Tasche auf einen Sessel geworfen hatte.

„Die alte Hexe, Ms. Latham. Sie wurde ermordet.“

„Was? Bist du sicher, dass das keine Wiederholung ist?“

„Nein, bestimmt nicht.“

„Ich frage mich, wer es diesmal war.“ Holly versuchte ihren Sarkasmus zu unterdrücken. Serien waren nun mal nicht ihr Ding, doch damit stand sie allein da.

„Bestimmt John, denn er will ihre Tochter heiraten, und sie war strikt dagegen.“

Sie erwiderte nichts darauf und ging in die Küche. Manchmal hatte sie das Gefühl, dass Amanda glaubte, es würde sich um echte Menschen handeln und nicht um fiktionale Charaktere. Aber das würde sie ihr nie sagen, denn sie wollte ihr den Spaß nicht verderben.

„Bleibst du heute Abend hier?“

„Ja. Dein Sofa ist weicher als mein Bett. Und du weißt ja, ich habe immer noch kein Kabelfernsehen. Alles, was ich empfangen kann, sind die Lokalnachrichten und das Wetter. Also nichts besonders Aufregendes.“ Dann wechselte sie das Thema. „Ach, das wollte ich dir noch sagen. Ich habe Emma versprochen, dass wir uns morgen das Drachenfliegen anschauen.“

„Unten am See?“

„Ja.“

„Ich hatte ganz vergessen, dass es dieses Wochenende schon stattfindet. Es wird ihr bestimmt großen Spaß machen.“ Doch dann fügte sie hinzu: „Aber du musst das nicht machen. Du tust sowieso schon viel zu viel für uns.“

„Bitte! Ich will es, sonst würde ich es auch nicht tun.“

„Na gut. Ich arbeite nur den halben Tag. Dann mache ich die Klinik zu und komme nach.“

In diesem Moment endete die Werbung, und Amanda wandte sich wieder der Serie zu. Holly machte sich noch ein Sandwich, bevor sie ins Kinderzimmer ging. Emma lag auf dem Rücken und schlief tief und fest. Die silberblonden Locken umrahmten ihr Gesicht wie ein Heiligenschein. Holly beugte sich über die Kleine und küsste sie zärtlich auf die Stirn.

Es machte sie so traurig, dass Emma nie ihre Mutter oder ihren Vater kennenlernen würde. Jason wäre ein wundervoller Vater geworden, dessen war sie sich sicher.

Es fiel ihr nicht leicht, die Kleine in der Obhut von jemand anderem zu lassen. Manchmal nahm sie Emma sogar mit in die Klinik. Aber wenn sie, so wie heute, auf eine Ranch gerufen wurde, ging das natürlich nicht.

Ihr Bruder Jason war vor zwei Jahren im Irak bei einer Bombenexplosion ums Leben gekommen. Als er vom Tod seines Sohns erfuhr, hatte ihr Vater einen Herzanfall erlitten. Vier Monate später war Emmas Mutter bei der Geburt gestorben. Damit war die Kleine eine Waise, noch bevor sie zum ersten Mal die Augen geöffnet hatte. Und jetzt hatten Holly und sie nur noch sich. Sie war entschlossen, alles zu tun, damit Emma behütet aufwachsen konnte, bis sie so alt war, um selbst über ihr Leben zu entscheiden.

Sie verließ das Schlafzimmer und ging hinüber ins Bad. Dort ließ sie heißes Wasser in die Wanne laufen und streckte sich schließlich genüsslich darin aus. Sofort wanderten ihre Gedanken zu Chance. Er hatte sich verändert, aber war das nicht ganz normal nach zwölf Jahren? Cole hatte ihr vor ein paar Monaten erzählt, dass er bei einem Einsatz verwundet worden war. Die Nachricht hatte ihr einen Schock versetzt. Leider hatte sie nicht mehr erfahren können, doch als Chance nicht beim Begräbnis seines Vaters auftauchte, war ihr klar, dass etwas Schlimmes geschehen sein musste. Diese Angst hatte sie tagelang mit sich herumgetragen, doch sie hatte Cole oder Wade nicht ausfragen wollen, solange sie noch trauerten. Als Chance dann heute Abend in der Klinik auftauchte, war sie unendlich erleichtert gewesen.

Nach dem Bad zog sie ein altes T-Shirt über, sah noch einmal nach Emma und fiel dann ins Bett. Im Dunkeln lächelte sie. Chance war endlich nach Hause gekommen. Dieser Gedanke ging ihr nicht mehr aus dem Kopf, sie konnte es kaum glauben. Tatsächlich hatte sie sich schon fast damit abgefunden, dass er nie zurückkehren würde. Und nun war er da. Aber er hatte sich verändert. In seinem Blick lag eine verborgene Wildheit, und er wirkte weit älter, als er wirklich war. Cole hatte Holly erzählt, dass Chance in der Navy kometenhaft aufgestiegen war, was sie nicht überraschte. Wenn er sich etwas in den Kopf gesetzt hatte, erreichte er es auch.

Der böse Junge, der er als Teenager gewesen war, war zu einem Soldaten geworden. Zu einem der besten Kämpfer, die dieses Land hatte. Gleichzeitig spürte sie instinktiv, dass nicht einmal die Navy ihm seine Wildheit ganz austreiben konnte. Denn die machte ihn erst zu dem, der er war. In dieser Hinsicht unterschied er sich von seinen Brüdern. Chance war immer anders gewesen, war immer seinen eigenen Weg gegangen. Jetzt hatte er seinen Platz in der Welt gefunden. Nur schade, dass er dafür jeden Tag sein Leben riskieren musste. Aber darüber wollte Holly in diesem Moment nicht länger nachdenken.

Zum ersten Mal war ihr klar, warum die älteren Mädchen damals seinetwegen so ausgeflippt waren. Chance machte das nicht absichtlich. Es gehörte einfach zu ihm. Zu seiner Haltung, seiner Stimme, zu der Art, wie er sich der Welt präsentierte. Es ging darum, wie er Frauen anschaute. Sie wurden sich plötzlich ihrer Weiblichkeit bewusst und ahnten, was er damit machen konnte.

Die wenigen Momente in seiner Nähe hatten gereicht, die Sehnsucht in ihr wieder zu entfachen. Damals war sie noch ein Kind gewesen, und sexuelle Anziehung hatte keine Rolle gespielt. Damals war sie für ihn wie eine kleine Schwester gewesen. Doch jetzt, als Erwachsene, hatte ihr das Begehren in seinem Blick gezeigt, dass sie eine Frau geworden war.

Stöhnend rollte sie sich auf die andere Seite des Bettes. Ja, sie hatte immer wieder davon geträumt, dass er eines Tages zurückkehren und die Hauptrolle in ihrem Leben spielen würde. Aber tatsächlich konnte sie nicht daran glauben, dass ihr Wunsch sich erfüllen könnte. Dafür war Holly viel zu realistisch. Chance war nach Hause gekommen, weil er verwundet worden war und sich erholen musste. Danach würde er wieder verschwinden. Es waren jetzt zwölf Jahre vergangen, und sie war an einem anderen Punkt in ihrem Leben. Sie musste mit diesen Klein-Mädchen-Fantasien aufhören. Die Welt hatte sich verändert, und sie beide hatten es auch. Das war zwar traurig, aber die schönen Erinnerungen aus der Kindheit würden ihr immer lieb und wert bleiben.

Trotzdem dachte sie darüber nach, ob es Chance immer noch gefallen würde, mit jungen Fohlen zu arbeiten oder auszureiten, um die Zäune zu überprüfen oder die Kälber für das alljährliche Brandmarken zusammenzutreiben. Schließlich waren Pferde früher einmal seine Leidenschaft gewesen. Und bestimmt hatte er in den letzten Jahren keine Gelegenheit dazu gehabt.

Er hatte auch den Fluss geliebt, der sich meilenweit durch das Land schlängelte. Bevor sie Emma aufgenommen hatte, war sie oft zu den Plätzen geritten, die er liebte. Sie hatte sich auf den Felsbrocken gesetzt, der aus dem wirbelnden Wasser hervorragte, und sich vorzustellen versucht, wo er war und was er gerade machte. Aber mit den Jahren hatte sie sich an den Gedanken gewöhnt, dass sie ihn nie wiedersehen würde.

Doch jetzt war er da. Und sie würde ihn sehen. Morgen. Weiter in die Zukunft wollte Holly jetzt gar nicht denken. Und sie wollte schon gar nicht daran denken, wie es sein würde, wenn er wieder abreisen würde. Er ist hier. Sie konnte ihn berühren, von Angesicht zu Angesicht mit ihm sprechen und vielleicht neue Erinnerungen aufbauen.

Was machte er in dem großen Haus? Bestimmt war es nicht einfach für ihn, plötzlich von all dem Luxus umgeben zu sein. Während die meisten Menschen sich nach einem Reichtum gesehnt hätten, wie die Familie Masters ihn besaß, war Chance das Ganze immer eher unangenehm gewesen. Jedenfalls sprach er ungern über die finanziellen Verhältnisse seiner Familie. Bestimmt waren seine Lebensumstände in den letzten Jahren eher spartanisch gewesen. Ob er jetzt schon schlief?

Plötzlich hatte sie eine Idee. Wenn sie selbst schon keine Ruhe finden konnte, ging es ihm vielleicht ähnlich. Und in diesem Fall würde er in die Scheune gehen. Ja, falls Chance Masters keinen Schlaf finden würde, war dies der Platz, wo sie ihn finden konnte.

2. KAPITEL

„Ich habe ja nicht gesagt, dass du die SEALs verlassen und in das Unternehmen einsteigen sollst“, verteidigte Wade sich. „Ich habe nur gesagt, dass Dad sich das bestimmt gewünscht hätte.“

Chance erinnerte sich noch genau an den Tag, als sein Vater sich von ihm losgesagte. Er hatte Chance dringend geraten, zum Militär zu gehen, bevor er noch im Gefängnis landen würde. Das war auch der Grund gewesen, warum Chance sich zur Spezialeinheit der Navy gemeldet hatte. Ganz bestimmt hatte sein Vater nicht von ihm erwartet, einen Posten in dem millionenschweren Familienkonzern zu übernehmen. Offensichtlich wusste Wade nichts von dem, was sich damals im Büro zwischen ihm und seinem Vater abgespielt hatte. Und Chance hatte nicht vor, es seinem Bruder zu erzählen.

Wade hatte keine Probleme damit gehabt, Vorstandsvorsitzender zu werden, und Cole war der beste Finanzchef, den man sich vorstellen konnte. Für Chance hingegen hatte dieses Leben nie einen Reiz gehabt.

„Wir waren immer und sind auch jetzt noch ein Familienbetrieb“, fuhr Wade fort. „Als sein Bruder gestorben ist, hat Dad allein weitergemacht. Und er war sehr erfolgreich. Es war immer sein Wunsch, dass seine Söhne die Firma irgendwann übernehmen.“

Eine Hausangestellte betrat das Esszimmer, um den Tisch abzuräumen, und fragte, ob jemand Nachtisch oder Kaffee wünsche. Chance nickte und schob ihr die Tasse mit dem Goldrand hin. Er kannte die Familiensaga und brauchte sie nicht noch einmal zu hören.

„Warum fliegst du nicht mal mit uns nach Dallas, solange du hier bist?“, schlug Wade vor, obwohl es sich eigentlich mehr wie ein Befehl anhörte. „Dann können wir dir zeigen, wo die Masters Corporation Ltd. inzwischen steht, was wir schon erreicht haben und noch erreichen wollen.“

Offensichtlich war seinem Bruder nicht klar, dass Chance bereits eine Firma hatte. Das war die US Navy. Doch er wusste, dass es auf einen Streit hinauslaufen würde, wenn er das jetzt sagen würde. Deshalb unterließ er es.

„Kein Problem“, erwiderte er stattdessen leichthin und stand auf. Jetzt wollte er sich dem widmen, was ihn wirklich interessierte: die Ranch. „Nenn mir einfach einen Termin, und dann machen wir das.“

Es war nicht so, dass ihn das Geschäft gar nicht interessierte. Schließlich lebten sie seit drei Generationen davon, und zwar ziemlich gut. Er zweifelte lediglich daran, ob er bereit war, seine Waffe gegen Kuli und Taschenrechner einzutauschen. Andererseits wollte er seinen Bruder aber auch nicht vor den Kopf stoßen. Wade war immer für ihn da gewesen, deshalb war ein Trip nach Dallas auch das Mindeste, was er für ihn tun konnte.

Wade streckte die Hand aus, und Chance ergriff sie. „Schön, dass du wieder bei uns bist, kleiner Bruder. Bitte, nimm es mir nicht übel, wenn ich mir wünschte, dass du ein bisschen länger bliebst.“

Chance nickte und verließ den Raum. Er hatte gewusst, dass dieser Besuch nicht leicht sein würde. Noch immer plagte ihn die Erinnerung an das schlechte Verhältnis zu seinem Vater. Und jetzt wollte sein Bruder auch noch, dass er das Militär verlassen und in die Firma eintreten sollte. Das Schlimmste lag aber noch vor ihm – morgen würde er Holly wiedersehen. Sein Körper hatte sofort auf sie reagiert, als sie sich vorher in der Klinik getroffen hatten. Er konnte es kaum erwarten, diese wunderschöne junge Frau besser kennenzulernen. Knapp vierundzwanzig Stunden auf der Ranch konnte er schon an nichts anderes mehr denken. Andererseits war ihm klar, dass er besser die Finger von der Schwester seines besten Freundes lassen sollte.

Als er hinaus ins Freie trat, war es bereits dunkel. Die frische Nachtluft tat ihm gut. Er genoss den Duft der Pinien und der frisch geschnittenen blauen Luzernen. Er war fest entschlossen, die Steifheit in seinem Knie zu ignorieren, aus dem die Chirurgen ihm eine Kugel herausoperiert und dann ihr Bestes gegeben hatten, die Knochensplitter zu entfernen und die Bänderrisse zu reparieren. Bis jetzt hatte er es noch nie geschafft, zweiunddreißig Tage Urlaub von der Navy zu nehmen, ohne dass man ihn zu einem Einsatz gerufen hätte. Aber er wusste, dass es diesmal nicht passieren würde. Er rieb sich den linken Arm und hoffte, dass der Schmerz von der Verwundung in seiner Schulter endlich weggehen würde. Seine letzte Mission hatte ihn zwei seiner Männer gekostet, und er selbst hatte schwere Verletzungen davongetragen. Die erste Kugel hatte sein Herz nur um Zentimeter verfehlt, und der nächste Angriff war so schwer gewesen, dass man ihn ins Krankenhaus bringen musste. Besonders die Verletzung am Knie hatte ihn völlig aus der Bahn geworfen. Es war die Art von Verwundung, die sein Leben für immer verändern konnte.

Sein behandelnder Arzt war skeptisch gewesen, ob Chance wieder zu hundert Prozent einsatzfähig werden würde. Doch das musste er sein, sonst konnte er seinen Job nicht mehr machen. In dieser Hinsicht war der Doktor brutal ehrlich zu ihm gewesen. Jetzt lag sein Fall bei der medizinischen Prüfstelle der Navy, mit ungewissem Ausgang. Es konnte gut sein, dass er die SEALs verlassen musste, wenn die Kommission zu demselben Ergebnis gelangte wie sein behandelnder Arzt.

Doch daran wollte er im Moment nicht denken. Was, zum Teufel, sollte er tun, wenn es so weit kommen würde? Dabei ging es nicht um Geld, sondern um seine Art zu leben. Er hatte seinen Platz in der Welt gefunden und hart dafür gearbeitet, ihn auch zu behalten. Jetzt wollte er nicht als Trainer arbeiten oder an einem Schreibtisch sitzen, wobei er insgeheim hoffte, dass ihm wenigstens diese Optionen offenstehen würden, wenn es zum Schlimmsten kam.

Gleichzeitig war er sehr dankbar für die Zeit, die er jetzt mit seiner Familie verbringen konnte. Er liebte seine Brüder. Allerdings hatte sich ihr Leben in eine völlig andere Richtung entwickelt. Er respektierte, was sie erreicht hatten, und hoffte, dass auch sie seinen Lebensweg anerkannten.

Im nächsten Moment fiel ihm ein flackerndes Licht auf, das aus der großen Scheune kam. Als Kinder hatten Jason und er stundenlang darin gespielt. Meist war auch Holly mit dabei gewesen. Wenn sie nicht in der Scheune waren, waren sie geritten oder hatten die Zäune überprüft; sie hatten ein freies, ungebundenes Leben gehabt, ohne an das Morgen zu denken. Komisch – erst seitdem er Holly gesehen hatte, hatte Chance das Gefühl, wirklich nach Hause zurückgekehrt zu sein. Trotzdem war es natürlich nicht dasselbe ohne Jason.

Von seinen Brüdern hatte er gehört, dass es nur noch ein Jahr dauern würde, bis Holly ihre Lizenz als approbierte Tierärztin erhalten würde, und dass sie gegenüber der Ranch eine Klinik eröffnet hatte. Aber sie hatten ihm nicht erzählt, wie sehr sie sich verändert hatte, hatten ihn nicht auf diesen Anblick vorbereitet, der ihn fast umgehauen hätte.

Früher hatte Chance sich einmal für ihre ältere Schwester interessiert und war überrascht gewesen, als sie sich einverstanden erklärt hatte, mit ihm auszugehen. Doch er hatte es bei dem einen Date belassen. Sie war ihm so rein und unschuldig erschienen, und er war schon damals kein unbeschriebenes Blatt mehr. Er hatte sie nie mehr angerufen, und als sie versucht hatte, ihn zu erreichen, hatte er sich verleugnen lassen. Er wusste, dass er sie verletzt hatte, aber es war nur zu ihrem Besten gewesen. Denn die Jahre damals waren von Drogen und Alkohol beherrscht. Doch jetzt war er einer erneuten Versuchung ausgesetzt, diesmal von ihrer jüngeren Schwester, und das war sehr viel schlimmer.

Holly hatte eine äußerst feminine Ausstrahlung. Sie bewegte sich wie eine Balletttänzerin, vereinigte reizvolle Unschuld mit einer taffen Persönlichkeit. Von dem Moment an, als Chance die Klinik betreten hatte, hatte er sich geradezu magisch von ihr angezogen gefühlt. Nichts an ihr erinnerte mehr an das dünne kleine Mädchen, das damals immer hinter ihm hergelaufen war.

Sie war immer noch schlank, inzwischen aber sehr viel reifer geworden. Das lange blonde Haar fiel ihr auf den Rücken, und sie hatte klassisch schöne Gesichtszüge. Ihre dunklen Augen hatten einen goldenen Schimmer, die Nase war schmal. Aber das Umwerfendste waren ihre vollen Lippen – wie dafür gemacht, geküsst zu werden. Er atmete tief durch und versuchte, seinen Körper wieder unter Kontrolle zu bekommen, der plötzlich einen eigenen Willen entwickelt hatte.

Holly Anderson hatte sich während seiner Abwesenheit zu einer schönen jungen Frau entwickelt. Aber er durfte seinen Fantasien nicht nachgeben, denn sie war immer wie eine kleine Schwester für ihn gewesen. Ihre Freundschaft war etwas ganz Besonderes, das durfte er auf keinen Fall zerstören. Jedenfalls war das seine feste Absicht.

Inzwischen hatte er die Scheune erreicht. Wie das Haupthaus war auch sie aus Natursteinen gebaut. Große Holzbalken stützten die Struktur, die in einem A-förmigen dunkelgrünen Dach endete. Chance öffnete das Tor und stand in dem Vorraum mit Vitrinen und einer großzügigen Sitzecke. Zur Linken führte ein Mahagoni-getäfelter Flur in ein Büro, rechts schlossen sich zwei Wasch- und Pflegeställe an. Am Ende des Hauptgangs, der zu insgesamt sechsunddreißig Ställen führte, gab es eine Sattelkammer und zwei besonders große Ställe zum Fohlen. Die Reitarena schließlich war nur wenig kleiner als die im Außenbereich.

Ein leises Wiehern hieß ihn willkommen. Der würzige Duft von Zedern- und Pinienspänen, Alfalfa und Leder hatte eine beruhigende Wirkung auf ihn. Trotz ihrer großzügigen Ausstattung kam ihm die Scheune kleiner vor, als er sie in Erinnerung hatte. Er schlenderte den Hauptgang hinunter und betrachtete die Pferde in ihren Boxen. Einige mampften noch das Getreide ihrer Abendmahlzeit. Sie alle waren gezüchtet, um die Besten zu sein, und schienen diese Erwartungen auch zu erfüllen. Selbst in dem gedämpften Licht glänzte ihr seidiges Fell. Sie wirkten wach und vital und voller Bewegungsdrang.

Chance stand nun vor der offenen Tür zur Sattelkammer und ging hinein. Der intensive Geruch nach Leder und der Anblick der verschiedenen Öle für das Polieren der Sättel erwärmten sein Herz. Die hohen Regale waren gefüllt mit Westernsätteln. An der einen Wand war das Zaumzeug aufgereiht, an der anderen die Halfter. In der Ecke stand ein hoher Schrank mit diversen Bürsten und Fellpflegemitteln. Plötzlich fiel sein Blick auf einen englischen Sattel am Ende des Regals. Neugierig trat er näher und nahm ihn heraus. Er war sehr leicht und wog nur die Hälfte eines durchschnittlichen Westernsattels. Vielleicht hatte man ihn für einen der Besucher gekauft, die manchmal an den Wochenenden kamen und den Western-Reitstil nicht mochten.

Wieder zurück im Hauptgang, ging er ans Ende der Scheune und trat nach draußen, wo das Heu für die Pferde gelagert wurde. Er ließ sich auf einem Ballen nieder, lehnte sich mit dem Rücken zur Wand und betrachtete den Himmel. Genau das hatte er vermisst. Auch wenn er viele nächtliche Manöver durchgeführt hatte, hatte er dabei kaum Zeit gefunden, sich den Himmel anzuschauen.

Chance holte tief Luft und atmete durch. Bis die Prüfstelle seinen Fall entschieden hatte, konnte er nur die Daumen drücken. Dennoch hatte er das unangenehme Gefühl, dass sein Leben als SEAL vorbei war. Er war jetzt dreißig Jahre alt, die meisten seiner Kameraden stiegen in diesem Alter aus. Bestimmt würden sich die meisten wünschen, eine Chance zu bekommen, wie er jetzt von seinen Brüdern. Trotzdem – so ein Leben war nichts für ihn, so viel stand fest.

Nachdem ihr klar war, dass sie keinen Schlaf finden würde, weil sie die ganze Zeit nur an Chance denken musste, schwang Holly sich endlich aus dem Bett. Sie schnappte sich ihre Jeans und ein T-Shirt und zog sich rasch an. Ein kurzer Blick in Emmas Zimmer zeigte ihr, dass das Baby ruhig und tief schlief. Sie steckte ihr Handy ein und zog sich die Tennisschuhe an, die vor der Hintertür standen.

„Gehst du noch weg?“, fragte Amanda schläfrig, die noch immer wie gebannt vor dem Fernseher saß.

„Ja, ich kann nicht schlafen und dachte, ein kleiner Spaziergang würde mir guttun. Ich hab mein Handy dabei, falls du mich brauchst.“

„Alles klar.“

Holly ging nach draußen und schlug den Weg zur Scheune ein. Falls Chance nicht da sein sollte, konnte sie auf diese Weise wenigstens ein bisschen überschüssige Energie loswerden. Aber wenn er da war, wollte sie keine Sekunde verpassen, die sie mit ihm verbringen konnte.

Die Nachtluft war kühl und feucht, als sie den Pfad hinunterging, über die Brücke und dann auf die Straße, die zur Ranch führte. Sie ließ das Haupthaus links liegen und erreichte schließlich die große Scheune auf dem kleinen Hügel.

Die großen Doppeltüren standen weit offen. Der Mittelgang war sauber gefegt, so wie immer, und es sah nicht so aus, als wäre irgendjemand darin außer den Pferden. Holly schaute kurz ins Büro und inspizierte dann die Futter- und Sattelkammern. Kein Zeichen von Chance. Enttäuscht wollte sie bereits den Rückweg antreten, als sie ein Geräusch vernahm, das sich wie ein Schnarchen anhörte. Es kam vom anderen Ende der Scheune, wo die Heuvorräte für die Pferde aufbewahrt wurden. Neugierig trat sie näher. Und tatsächlich – Chance war da, er hatte es sich auf einem Ballen Heu gemütlich gemacht. Anscheinend schlief er tief und fest. Er hatte den Hut tief ins Gesicht gezogen. Wahrscheinlich wäre es das Beste, ihn schlafen zu lassen.

Unschlüssig trat sie näher. Dann kniete sie sich vor ihn hin und strich ihm sanft einen Strohhalm aus dem Gesicht. Er rührte sich leicht, und sie konnte nur mit Mühe ein Kichern unterdrücken.

Im nächsten Moment hatte er sie schon gepackt und zu sich ins Heu gezogen. Er lag über ihr, eine Hand an ihre Kehle gepresst, mit der anderen hielt er ihre Hände über dem Kopf fest.

Die Zeit stand still. Sein Gesicht war nur Zentimeter von ihrem entfernt. Sein Blick war tödlich, die Augen eisig. Holly wusste nicht, ob sie sprechen oder besser ganz ruhig bleiben sollte.

„Chance?“, flüsterte sie schließlich. „Ich bin’s, Holly.“

„Ja, ich weiß, dass du es bist“, stieß er wütend hervor. „Du kannst von Glück sagen, dass du noch am Leben bist.“

„Bitte, entschuldige. Ich hab’s kapiert“, erwiderte sie kleinlaut. Aber noch ließ er sie nicht los. Sein harter Körper drückte sie ins Heu und machte ihr klar, wer hier das Sagen hatte. Dann ließ er ihren Hals los, hielt aber immer noch ihre Hände über dem Kopf fest. Wie hypnotisiert konnte Holly nicht den Blick von ihm wenden. Und plötzlich verschwand ihre Furcht. Sie spürte, wie er hart wurde, und widerstand nur mit Mühe dem Impuls, ihre Hüften gegen seine zu pressen. Sie warf den Kopf zurück, schloss die Augen und focht einen schweren Kampf mit sich aus. Sie roch seinen Schweiß, ein Feuer breitete sich in ihr aus. Und sie wusste, dass nur er es löschen konnte.

Sie spürte seinen heißen Atem auf ihrem Gesicht und sah auf seine Lippen, voll und verführerisch, nur Zentimeter von ihren entfernt. Unbewusst biss sie sich auf die Unterlippe und sah, wie ein Muskel in seinem Gesicht zu zucken begann. Bestimmt war er wütend auf sie, aber sie konnte nur daran denken, wie es sein würde, ihn zu küssen. Als sie ihm vor zwölf Jahren einen Abschiedskuss gegeben hatte, war sie noch ein Kind gewesen. Trotzdem konnte sie sich noch gut daran erinnern, hatte das Bild all die Jahre nicht vergessen. Doch jetzt war es plötzlich Wirklichkeit. Chance senkte den Kopf, sein Mund näherte sich dem ihren.

„Verdammt noch mal, Holly!“

Abrupt rollte er von ihr herunter und sprang auf die Füße. Ärger darüber, dass er sie um ein Haar geküsst hätte, mischte sich mit dem Bedauern, dass er es nicht getan hatte. Aber bei ein paar Küssen wäre es nicht geblieben, so viel war ihm klar. Dafür war sie viel zu verlockend, und dafür hatte er schon zu lange mit keiner Frau mehr geschlafen. Verdammt! Chance holte tief Luft und streckte die Hand aus, um ihr aufzuhelfen.

Sie kam stolpernd auf die Füße und vermied es, ihn anzuschauen. Ihr war klar, dass sie sich ihm angeboten und er sie zurückgestoßen hatte.

Wusste sie denn nicht, dass sie kein One-Night-Stand für ihn war?

„Du bist ja ganz schön mies gelaunt.“

Mies gelaunt? Er hatte schon so manche Beschreibung gehört, aber nicht diese.

„Holly, ich verbringe die meiste Zeit in Situationen, wo man nur dann am Leben bleibt, wenn man seinen sechsten Sinn einschaltet. Wenn sich jemand an dich heranschleicht, gehst du davon aus, dass es ein Feind ist, und bringst ihn um, bevor er dich tötet. Das ist eine ganz automatische Reaktion.“

„Das habe ich nicht gewusst.“

Er nickte grimmig. „Dann weißt du es jetzt. Und um eines mal ganz klarzustellen – ich werde nicht mit dir schlafen. Wir beide werden nie Sex miteinander haben, verstehst du? Für mich bist du eine Freundin. Eine ganz besondere Freundin. Und vor allem bist du Jasons kleine Schwester.“ Langsam hatte er sich wieder im Griff. „Ich werde dich nicht anfassen. Es wäre das Ende von dem, was wir miteinander haben.“

Sie nickte knapp. „Ist mir recht. Wie kommst du auf den Gedanken, dass ich mit dir schlafen würde? Ganz schön arrogant, finde ich!“

„Ach, ja?“

„Ja. Ich interessiere mich überhaupt nicht für dich auf … auf diese Weise.“

„Das kann ich von mir nicht behaupten. Du bist mit Sicherheit die schönste und attraktivste Frau, die ich in meinem ganzen Leben gesehen habe. Trotzdem werde ich dich nicht berühren. So, und jetzt würde ich gern wissen, warum du hierher gekommen bist. Was willst du?“

Holly sah ihn ungläubig an. „Was ich will?“

„Ja, du hast mich doch aufgeweckt, also wirst du einen Grund dafür haben.“

Sie legte beschützend die Arme um sich und starrte ihn nur an. Augenblicke des Schweigens folgten.

„Also, was ist?“, hakte er nach. „Ist das jetzt plötzlich ein Geheimnis?“

Sie sah ihn ärgerlich an. „Ich will einfach nur wissen, wo wir stehen. Denn mit Sicherheit bist du nicht mein Freund, Chance.“

Er schüttelte den Kopf und seufzte. „Holly … es tut mir leid, okay?“ Wie lange war es jetzt her, dass er sich bei jemandem entschuldigt hatte?

„Ich wollte gar nichts von dir, Commander Masters. Ich war nur nicht darauf vorbereitet, dass du mich angreifen würdest. Mir ging es nicht um Spaß. Und ich bin auch nicht gekommen, um mich von einem mies gelaunten Typen belehren zu lassen. Seit wann bist du eigentlich so dominant? Du warst früher doch mal sehr nett. Tut mir leid, dass ich dich gestört habe.“ Sie drehte sich um und marschierte zum Scheunenausgang.

„Holly!“

„Gute Nacht“, erwiderte sie kurz angebunden und ohne sich umzusehen.

„Holly!“ Verdammt. Er strich sich mit der Hand über die Wange. „Warte!“

Sie verlangsamte ihren Schritt, drehte sich aber immer noch nicht um.

Ihm war klar, dass er gerade einen großen Fehler gemacht hatte. Schon wieder. Aber ihre Nähe ließ ihn nicht unberührt. Er spürte genau, dass er Ärger bekommen würde.

Endlich drehte Holly sich um und sah ihn an. Chance fiel erneut auf, wie schön sie war. Schön und sehr, sehr sexy. Sie hätte ohne Mühe auf der Titelseite des Playboy erscheinen können. „Ich … ich konnte nicht schlafen“, sagte sie schließlich mit unerwartet weicher Stimme. „Ich nehme an, das hängt damit zusammen, dass du wieder zu Hause bist.“ Sie lachte verlegen. „Und ich dachte, vielleicht bist du ja in der Scheune und kannst Gesellschaft gebrauchen. Dass wir uns unterhalten können, meine ich. So wie früher. Tut mir leid, dass ich dich geweckt habe.“

Chance fluchte leise. Er ließ sich auf der alten Decke nieder, die er im Büro gefunden hatte, und wies auf die Stelle neben sich.

„Deine Gesellschaft ist mir sehr willkommen. Und ich verspreche dir, ich werde nett sein.“

Vorsichtig ging sie auf ihn zu und setzte sich schließlich neben ihn. Dann lächelte sie ihn plötzlich an. Chance fiel auf, dass sie nach Beeren duftete, was wahrscheinlich mit ihrem Parfüm zusammenhing. Es gefiel ihm. Und noch mehr gefiel ihm, dass er die Wärme ihres Körpers spüren konnte.

„Haben deine Brüder dich schon gebeten, die SEALs zu verlassen und dich hier häuslich niederzulassen?“

Er fragte sich, wer von beiden ihr wohl von diesem Plan erzählt haben mochte. „Wade?“

„Cole.“ Sie lächelte erneut. „Ich nehme an, das bedeutet Ja. Und lass mich raten … hast du dich deshalb in der Scheune verkrochen?“

„Warum arbeitest du eigentlich nicht für den Geheimdienst?“

„Eigentlich schnüffele ich gar nicht so gern herum. Aber die Leute reden nun einmal gern.“

Chance beschloss, das Thema zu wechseln. „Erzähl mir doch mal was über deine Klinik!“

„Nun, es gibt sie. Du hast sie gesehen. Ich würde lieber über dich reden.“

„Was soll mit mir sein?“

„Genau.“

Es schien ihr zu gefallen, dass er sie verstand. Aber er verstand gar nichts, außer dass er seine Hose zurechtrücken musste. Er drehte den Kopf und sah in ihre Augen. Ihr Blick fiel auf seine Lippen. Er hielt es einen Moment aus und wandte sich dann wieder ab. „Was kann ich dir über mich erzählen?“

Als sie nicht sofort antwortete, drehte er sich wieder zu ihr und sah, dass sie noch immer seinen Mund betrachtete.

„Ich weiß nicht genau, wie ich es ausdrücken soll.“ Sie biss sich auf die Unterlippe. Dann öffnete sie ihren Mund leicht, und er sah sie wie hypnotisiert an. Ihre Lippen waren feucht. Voll. Bereit, geküsst zu werden. Ihre honigfarbenen Augen sahen direkt in seine.

„Ist es hart?“

3. KAPITEL

Chance erstarrte, als ein weiterer Hitzestrahl direkt in seinen Unterleib schoss. Er räusperte sich und versuchte über die Frage nachzudenken.

„Was denn?“

„Was du tust, um deinen Lebensunterhalt zu verdienen. Ein SEAL zu sein.“ Sie blickte auf ihre Hände, die mit einem Strohhalm spielten. „Ich weiß, ihr Jungs seid die Besten, aber selbst dann … na ja, manchmal passiert eben etwas Schlimmes. Wie bei Jason, zum Beispiel. Ich weiß, dass du verwundet worden bist, das hat Wade mir erzählt. Ich höre ja auch oft die Nachrichten. Da geht es um den Irak oder Afghanistan, wie unsere Leute von Bomben getötet werden. Dann kann ich immer nur ganz tief durchatmen. Inzwischen weiß ich, wie es ist, einen Anruf von einer hysterischen Frau zu bekommen, die dir mitteilen will, dass dein Bruder – ihr Mann und der Vater ihres Babys – tot ist. Aber ich kann mir nicht vorstellen, wie es auf der anderen Seite aussieht. Mit den eigenen Augen zu sehen, wie jemand schwer verletzt wird oder sogar stirbt.“

Er spürte, dass sie sich Mühe gab, nicht zusammenzubrechen.

„Nach Jason … wurde das alles für mich so real. Es waren nicht länger nur Nachrichten im Fernsehen. Es hätte auch um dich gehen können. Ich habe dauernd daran gedacht und konnte mich dann erst wieder entspannen, wenn es keinen Anruf von Wade gab.“

Das überraschte Chance. Er hätte nie gedacht, dass Holly sich die Nachrichten anschauen würde, weil sie sich Sorgen um ihn machte. „Es ist ein Job, Holly. Einer, der getan werden muss. Weiter denke ich nicht darüber nach. Ich vertraue meinen Leuten, und sie vertrauen mir. Ja, du hast recht – manchmal gibt es Unfälle. Aber das kann woanders auch passieren.“ Sie waren alle auf diesen Moment vorbereitet – dass der nächste Atemzug der letzte sein könnte. Das galt besonders für die SEALs. Aber das sprach er nicht laut aus.

Sie blieb eine Weile stumm.

„Ich wollte dir schreiben.“ Holly zuckte die Achseln. „Besonders nach Jasons Tod. Wade hat angeboten, mir deine Adresse zu geben.“ Sie schüttelte den Kopf. „Aber ich hatte Angst, dass ich dich ablenken würde.“

„Unsinn! Du hättest mir schreiben sollen. Ich hätte mich darüber gefreut.“

Sie sah ihn an. „Wirklich?“

„Auf jeden Fall.“

Sie lehnte sich zurück, und er spürte, wie sie sich entspannte. Eines der Pferde wieherte, ein anderes tat es ihm nach.

„Die Pferde wollen immer raus, Tag und Nacht. Ich liebe es, dass sie stets auf Abenteuer aus sind. Ich glaube, ausreiten macht ihnen genauso viel Spaß wie den Reitern.“

Er nickte. „Ja, nur manchmal ist es schwer, sie zurückzuhalten, wenn sie ausbrechen wollen.“

„Glaubst du, du kannst es immer noch?“

Chance wollte sich vergewissern, dass er sie richtig verstanden hatte. Die Frage ließ sich auf vielerlei Weise interpretieren.

„Was denn?“

„Reiten, natürlich.“

Er zuckte die Schultern. „Na klar. Das ist doch wie Fahrradfahren. Wenn man es einmal kann …“

„Wie Sex, oder?“, fiel sie ihm ins Wort.

Sex? Benutzte sie dieses Wort mit Absicht? Er sah sie an, doch sie wirkte komplett unschuldig. „Was weißt du denn schon darüber?“

Sie sah ihn ungläubig an. „Fragst du mich das im Ernst? Chance, ich bin jetzt vierundzwanzig Jahre alt und werde nächstes Jahr meinen Doktor machen. Wahrscheinlich weiß ich mehr über Sex als du.“

Er weigerte sich, diese Herausforderung anzunehmen. „So habe ich es nicht gemeint.“

„Wie dann? Dass ich ein dummes kleines Mädchen bin, das nie die Farm verlassen hat?“

„Ich würde deine Intelligenz niemals in Zweifel ziehen. Mir ist klar, wie smart du bist. Das warst du schon immer.“

Die Richtung, die ihr Gespräch nahm, gefiel ihm gar nicht. Er wollte nicht an Holly in Verbindung mit Sex denken. Die Vorstellung, dass sie mit einem anderen Mann im Bett liegen könnte, machte ihn ärgerlich. Verdammt. Das ging ihn doch gar nichts an. Sie war erwachsen und konnte machen, was sie wollte.

„Wer ist denn dein Freund?“, fragte er beiläufig. „Vielleicht kenne ich ihn ja.“

„Ich habe keinen. Seitdem es die Klinik gibt, hätte ich dafür auch gar keine Zeit.“

„Die Klinik gehört dir und Kevin Grady, ja?“

Sie nickte.

„Ich erinnere mich an ihn. Rotes Haar, richtig? Eine dicke Brille?“

„Genau.“ Holly strahlte ihn an. „Er hat zwar die nötige Erfahrung, konnte die Arbeit aber nicht allein bewältigen. Ich hatte das Land und das alte Haus, das ich nach Tante Idas Tod geerbt hatte. Daher sind wir eine Partnerschaft eingegangen, und bis jetzt funktioniert das hervorragend.“

„Wie man sieht. Du hast ja wirklich schon eine Menge erreicht.“

„Das verdanke ich auch deinen Brüdern. Sie haben mir das Geld für die Ausstattung geliehen. Wir haben uns auf Ratenzahlung geeinigt, aber ich werde sehr froh sein, wenn ich ihnen alles zurückgezahlt habe.“

„Ich glaube kaum, dass sie deswegen nachts nicht schlafen können.“

„Also, wann wollen wir mal zusammen ausreiten?“

Er zögerte, denn er war sich nicht sicher, ob er schon im Sattel sitzen konnte. Sein rechtes Knie musste noch heilen, auch wenn er kaum noch humpelte. Und eigentlich durfte er das linke Knie nicht belasten. „Das kann ich dir noch nicht genau sagen. Wade will mit mir nach Dallas fahren. Aber das passiert wahrscheinlich erst nächste Woche.“

Plötzlich grinste Holly und sah dabei ziemlich durchtrieben aus.

„Was?“

„Es gibt etwas, was ich dir gern zeigen möchte, solange du hier bist. Etwas, was ich für mich neu entdeckt habe. Das wird dich bestimmt umhauen. Du wirst nicht genug davon kriegen können.“

Sie wartete einige Sekunden.

„Willst du denn gar nicht wissen, was es ist?“

„Nein.“

„Du klingst schon wieder so mürrisch.“ Sie sah ihn kritisch an. „Wahrscheinlich bist du müde. Lass uns damit warten, bis du wieder bei Kräften bist. Dann zeige ich es dir. Das ist sowieso leichter, als darüber zu sprechen. Aber ich liebe es. Weißt du, man lässt sich dabei auf diesen Rhythmus ein und spürt die ganze Kraft unter sich, die einen hochbringt und wieder fallen lässt, während man alles unter Kontrolle hat. Es gibt einfach nichts Besseres!“

Er schloss die Augen und atmete tief durch. Doch er spürte, wie sie ihn ansah. Tatsächlich wusste er nicht, wie er ihr taktvoll antworten sollte.

„Können wir vielleicht das Thema wechseln?“

„Na klar. Hast du Schmerzen?“

„Nein.“ Doch, auf eine ganz andere Weise. Aber daran konnte er im Moment nichts ändern.

Holly stieß ihn spielerisch mit dem Ellenbogen an. „Worüber möchtest du denn sprechen?“

Bis jetzt hatte er noch kein sicheres Thema gefunden, und so langsam gingen ihm die Einfälle aus. Als er sich entschlossen hatte, auf die Ranch zu fahren, um sich zu erholen, hatte er nicht mit so etwas gerechnet. Er hatte sich nie vorstellen können, dass Holly inzwischen eine erwachsene Frau war, mit der es Spaß machte, sich zu unterhalten. Er spürte das Bedürfnis, sie näher kennenzulernen.

„Wie wäre es mit Sonntag?“, schlug er vor. „Dann nehmen wir uns zwei Pferde und machen einen kleinen Ausritt. Ich werde Wade sagen, dass ich erst nächste Woche nach Dallas fahren möchte. Zuerst will ich mir die Ranch anschauen.“

„Das klingt super.“ Sie gähnte laut und vernehmlich. „Dann kann ich dir ja auch meine neue Leidenschaft zeigen.“

Chance verzichtete auf eine Antwort und stieß mit dem Hinterkopf leicht gegen die Wand. Verdammt! Das Ganze war total verkorkst. Plötzlich sehnte er sich nach einer Zigarette. Das letzte Mal, als er Holly gesehen hatte, war sie noch ein Kind gewesen. Ein Kind, das ihm und ihrem Bruder überallhin gefolgt war. Ein sehr kluges Mädchen, das mit ihrer Meinung nicht hinter dem Berg hielt. Das hatte er immer an ihr gemocht. Sie waren immer wie Geschwister gewesen. Doch dieser Umstand hatte sich in dem Moment geändert, als sie sich in ihrer Klinik begegnet waren.

Er spürte, wie Holly sich an seine Schulter lehnte und einschlief. Bald waren nur noch die Nachtgeräusche zu vernehmen. Chance lehnte sich noch mehr zurück und strich vorsichtig über ihr seidiges Haar.

Wie oft hatte er in den letzten zehn Jahren stundenlang an einer Wand gelehnt und seine Sinne auf alles konzentriert, was ungewöhnlich war? Die Wüstenluft war trocken gewesen, die Nächte kalt, die Landschaft karg. Im Geiste hatte er sich immer wieder den Angriffsplan vorgenommen und sich Detail um Detail eingeprägt. Erst in letzter Zeit hatte er öfter an die Ranch denken müssen. An die grünen Weiden, die lächelnden Gesichter. Und manchmal hatte er sich insgeheim gewünscht, er könnte nach Hause kommen. Was er sich nicht vorgestellt hatte, war, dass Holly jemals in seinen Armen liegen würde. Aber das machte es noch sehr viel besser.

Chance fragte sich, was diese Veränderung ausgelöst hatte. Nächsten Monat würde er sich für weitere drei Jahre verpflichten, falls die Kommission ihm keinen Strich durch die Rechnung machte.

In diesem Moment vernahm er Schritte und erblickte Wade, der auf ihn zukam. Er schien nicht besonders überrascht zu sein, ihn hier mit Holly vorzufinden.

„Ich wollte nur mal schauen, ob alles in Ordnung ist“, sagte er beiläufig. „Seid ihr okay?“

Chance nickte. „Ja, ich wollte sie gerade nach Hause bringen.“

Er stand auf und hob Holly hoch. Sie wog kaum etwas. Ein paar zögerliche Schritte sagten ihm, dass sein Knie durchhalten würde.

„Ihr Haus liegt etwa hundert Meter hinter der Klinik. Es hat einmal ihrer Tante gehört, falls du dich noch daran erinnerst.“

„Danke.“

Mit Holly auf den Armen verließ Chance die Scheune und trat hinaus in das Halbdunkel. Sie schmiegte sich an ihn, er konnte ihren warmen Atem auf seiner Brust spüren. Als ihm erneut ihr Beerenduft in die Nase stieg, fühlte er sich wie berauscht.

Wie ein dichter Nebel erfasste ihn mit einem Mal das Gefühl, wirklich nach Hause gekommen zu sein. Er holte tief Luft, sog die vertrauten Gerüche der Ranch tief ein und hörte die Geräusche der Natur, die für immer in seiner Erinnerung verborgen lagen. Sie stiegen ihm zu Kopf. Zum ersten Mal seit seiner Verwundung war die Unruhe verschwunden, die ihn sonst tagein, tagaus plagte. Er spürte so etwas wie Frieden.

Er verließ die Straße und nahm einen Pfad, der ihn zum Fluss führte. Die Luft wurde merklich kühler, es roch nach Erde. Dann vernahm er den Klang seiner eigenen Schritte, als er die Holzbrücke überquerte. Er ließ die Klinik links liegen und ging auf Hollys Haus zu. Nach einem kurzen Blick auf sie betrat er die kleine Terrasse und öffnete die Tür.

Falls die Frau, die gerade Fernsehen schaute, es komisch fand, dass er sie in seinen Armen trug, ließ sie es sich nicht anmerken.

„Und Sie sind?“

„Chance Masters. Holly geht es gut. Sie schläft nur.“

„Hier entlang.“ Die Frau zeigte auf eine Tür zu ihrer Linken. „Und dann den Flur entlang die erste Tür rechts.“

„Danke.“

In ihrem Schlafzimmer legte er sie behutsam aufs Bett, zog ihr die Schuhe aus und schlug die Decke zurück. Es kostete ihn all seine Selbstbeherrschung, sich nicht neben sie zu legen.

Holly war eine wunderschöne Versuchung. Aber es kam für ihn nicht infrage, sich an sie heranzumachen, zumal seine Zukunft ja völlig ungeklärt war.

Er musste damit aufhören, auch nur darüber nachzudenken. Und zwar sofort.

Doch eins stand fest – mit ihrer unschuldigen Freundschaft war es vorbei. Ob das nun gut oder schlecht war, es gab kein Zurück mehr.

4. KAPITEL

Als Amanda an ihrer Schulter rüttelte, wachte Holly auf. „Es ist fast schon acht Uhr. Wirst du heute die Klinik aufmachen?“

Sie nickte verschlafen und richtete sich auf.

„Hast du etwa in deinen Kleidern geschlafen?“

Sie sah an sich hinunter und erkannte, dass sie bis auf die Schuhe voll bekleidet war. „Sieht so aus.“

„Und du bist in den Armen von Chance Masters eingeschlafen? Willst du mich auf den Arm nehmen?“

Sie schüttelte den Kopf. „Nein, wir haben uns nur unterhalten, und dann muss ich eingenickt sein.“ Chance hatte sie nach Hause gebracht. Leider konnte sie sich nicht mehr daran erinnern. „Wir kennen uns schon seit Ewigkeiten. Er war der beste Freund meines Bruders.“

„Wenn ich mit diesem Mann zusammen wäre, wäre ich ganz bestimmt nicht eingeschlafen“, bemerkte Amanda und nahm einen Schluck Kaffee. „Vielleicht solltest du jetzt duschen. Ich kümmere mich um Emmas Frühstück. Aber vorher musst du mir noch verraten, wie lange dieses Prachtstück von Mann hier bleiben wird und ob er verheiratet oder verlobt ist.“

„Keine Ahnung. Ich glaube aber nicht.“

„Hmm, hmm, hmm“, brummelte Amanda, als sie zurück in die Küche ging. „So etwas wie ihn habe ich schon lange nicht mehr gesehen.“

Als Holly wenig später aus dem Bad kam, hatte Amanda Emma schon angezogen und half ihr beim Frühstück. Holly gab der Kleinen einen Kuss und umarmte Amanda dankbar, bevor sie das Haus verließ.

Sie ging um die Ecke und sah, dass der kleine Parkplatz neben der Klinik leer war. Drinnen machte sie sich als Erstes einen Kaffee, fuhr den Computer hoch und sah sich die Fälle des heutigen Tages an. Elf Patienten waren angemeldet, aber es war nichts Gravierendes dabei. Bei den meisten Tieren ging es um die jährliche Schutzimpfung. Bei einem Pferd sollte die Schwangerschaft bestätigt werden, und es gab ein Schwein, das lahmte. Wahrscheinlich war es auf einen Nagel getreten oder hatte sich irgendwie in den Huf geschnitten, der sich dann entzündet hatte. Nichts Ernstes. Doch Holly wusste, dass Schweine schwierige Patienten sein konnten. Ein falscher Griff und sie schrien wie am Spieß. Und meist hörten sie so schnell nicht mehr auf damit.

Sie schenkte sich noch einen zweiten Becher Kaffee ein und ging zum anderen Ende des Gebäudes, wo vier Pferdeboxen untergebracht waren. In zwei von ihnen standen Stuten, die heute noch abgeholt werden sollten. Sie hatten zu viel von dem frischen Frühlingsgras gefressen. Manche Pferde konnten das vertragen, andere nicht. Aber beide Stuten sahen gut aus und konnten nach Hause zurückkehren.

Es sah aus, als würde alles auf ein perfektes Wochenende hinauslaufen. Sie konnte mit Emma zum Drachenfest gehen und den Nachmittag mit ihr verbringen. Und am Sonntag würden Chance und sie vielleicht ausreiten. Holly ging wieder zurück ins Gebäude. In diesem Moment ertönte die Klingel über der Tür und kündigte ihren ersten Patienten an.

Auf der kurvigen Straße durch den Wald bremste Holly langsam ab, als sie sich dem Parkplatz am See näherte. Das Areal war nicht sehr groß, aber es reichte für Wasserskifahren und Angelwettbewerbe. Auch Besucher aus Dallas kamen, um ihre Sommerferien hier zu verbringen. Deshalb war der Campingplatz vor Kurzem erweitert worden. Schließlich fand sie einen Parkplatz und sprang aus dem Wagen. Drachen in allen Formen und Farben füllten den Himmel. Amanda hatte ihr gesagt, dass sie im B-Bereich des Geländes sein würden, und Holly machte sich dorthin auf den Weg.

Viele der Besucher brachten ihr eigenes Essen mit. Daher standen auch überall auf den Tischen und Picknickdecken Eisboxen herum. Der Duft von Hickory- und Mesquite-Holz erfüllte die Luft, Hotdogs und Hamburger wurden über offenem Feuer gegrillt. Fliegende Händler verkauften Süßigkeiten, Limonade und Souvenirs.

In diesem Moment entdeckte Holly Emma. Amanda kniete vor ihr mit einem pinkfarbenen Drachen in der Hand. Sie ging schnell zu ihnen hinüber, hob die Kleine mit Schwung hoch und kitzelte sie, bis sie kicherte. Dann setzte sie sie wieder ab, nahm sie bei der Hand, und sie bahnten sich gemeinsam einen Weg durch die Menge zu einem grasbewachsenen Hügel, der an den See grenzte. Amanda trug den Drachen, und Holly versuchte der Kleinen zu erklären, was sie damit tun würden. Emmas Augen weiteten sich, sie lutschte an ihrem Zeigefinger und sah hoch zum Himmel.

„Dache“, sagte sie dann und zeigte auf das Objekt in Amandas Hand.

„Ja, stimmt“, grinste Holly. „Sollen wir ihn mit den anderen Drachen fliegen lassen?“

„Flieen“, jauchzte Emma.

„Also, seid ihr so weit?“, fragte Amanda. Sie hielt den Drachen über dem Kopf und ließ ein wenig Schnur nach. Er nahm sofort Fahrt auf und stieg schnell in die Höhe, während sie zu Emmas Freude immer mehr Schnur abwickelte.

„Bist du bereit?“, fragte Amanda.

„Bereit wofür?“

„Blake Lufkin hat dich gerade entdeckt.“ Sie wies nach hinten. „Und hier kommt er auch schon.“

Holly schloss gequält die Augen. Warum konnte der Mann sich nicht jemanden anderen aussuchen? „Ich möchte wissen, was er jetzt wieder will.“

„Wenn ich raten soll, würde ich sagen, er will dich zum Rodeo einladen. Findet das nicht in ein paar Wochen statt?“

Sie schüttelte den Kopf. „Geht nicht, da muss ich arbeiten. Sie stellen für mich extra ein Zelt neben Doc Hardy auf.“

„Das würde ich Blake nicht verraten, sonst lässt er dich keine Minute aus den Augen.“

„Dachen“, sagte Emma in diesem Moment und zeigte auf den See. Holly drehte sich um und sah, dass der Drache gefährlich nah über der Oberfläche schwebte.

„Pass auf“, sagte Amanda zu Emma und lief schnell in die entgegengesetzte Richtung. Der Drache verharrte einen Moment lang reglos in der Luft und sank dann sogar noch ein bisschen tiefer, bis ein erneuter Windstoß ihn wieder nach oben trieb. Amanda kehrte zu der Stelle zurück, wo Holly immer noch stand und lachte.

„Ich will zurück zu meiner Couch, der Klimaanlage und dem Fernseher“, stieß Amanda atemlos hervor. „Das ist zu anstrengend für mich. Oh, da kommt er übrigens. Ich glaube, ich werde uns etwas Kaltes zu trinken holen.“ Sie gab Holly die Rolle mit der Schnur.

„Nein, Amanda, zieh den Drachen ein. Wir gehen alle zusammen.“ Verdammt!

„Hey, Holly“, sagte Blake mit seiner nasalen Stimme, als er neben sie trat.

„Hi, Blake.“ Holly zwang sich ein Lächeln ab. „Wie geht’s dir?“

„Gut, danke. Ich komme gerade von der Arbeit. Hab mir schon gedacht, dass ich dich hier finden würde.“

Sie nickte. Er war bestimmt nett, aber sie konnte sich nicht für ihn erwärmen. In den vergangenen Monaten war das langsam zum Problem geworden. Er tauchte in der Klinik auf, lief ihr im Supermarkt über den Weg oder stieß mit ihr in der Reinigung zusammen und bot ihr an, ihre Sachen zu tragen. Immer wenn er sie zum Essen ausführen wollte, hatte sie abgelehnt. Sie wollte ihn auf keinen Fall näher kennenlernen und hatte gedacht, das hätte er inzwischen auch verstanden.

„Dache“, sagte Emma zu dem Fremden und zeigte nach oben.

„Ja, das ist ein toller Drachen“, erwiderte Blake und grinste die Kleine an. „Gib mir doch mal die Schnur, Amanda, dann lasse ich ihn für dich fliegen.“

„Nein danke, nicht nötig“, erwiderte sie und griff nach der Rolle. „Wir wollten sowieso gerade gehen.“

„Gut, dann hole ich ihn wenigstens für dich herunter.“

Holly nahm Emma auf den Arm und sah Blake dabei zu, wie er die Schnur aufwickelte. Amanda machte sich inzwischen aus dem Staub.

Wo war Chance nur, wenn sie ihn brauchte?

Chance traute seinen Augen nicht. Drachen am Himmel, wohin er auch blickte. Ein solches Spektakel hatte er noch nie erlebt. Kleine und große, mit langen oder kurzen Schwänzen, hoben sich leuchtend gegen den blauen Himmel ab und spiegelten sich auf der Oberfläche des Sees. Ein größerer Kontrast zu dem, was er in den letzten zehn Jahren erlebt hatte, ließ sich kaum denken. Er hatte das Gefühl, als wäre er im Zauberland Oz gelandet.

In der Stadt hatte man ihm erzählt, dass er seinen alten Freund Derek Brown bestimmt hier finden würde. Er freute sich auf das Wiedersehen und fragte sich, ob er ihn überhaupt noch erkennen würde. Derek hatte einen silbernen Ford Pick-up und war wahrscheinlich mit seinem Bootsanhänger unterwegs. Aber der Mann, von dem er das erfahren hatte, hatte das Drachenfest mit keinem Wort erwähnt.

Während Chance sich seinen Weg zwischen den vielen Autos bahnte, sah er sich suchend nach seinem Freund um.

„Also, wenn das nicht …“, erklang auf einmal eine vertraute Stimme hinter ihm.

Er drehte sich um und sah in das Gesicht seines alten Freundes. Er hatte sich kein bisschen verändert.

„Hey, Alter, wie geht’s dir?“ Derek umarmte ihn herzlich und schlug ihm ein paarmal kräftig auf den Rücken.

„Seit wann bist du da?“

„Seit gestern.“

„Tut mir echt leid mit deinem Vater.“

„Danke.“

„Wie lange wirst du bleiben?“

„Keine Ahnung. Vielleicht einen Monat.“

Während sie weitersprachen und sich auf den neuesten Stand brachten, wurde Chance plötzlich durch eine Bewegung ein paar Meter von ihm entfernt abgelenkt. Das Haarband einer Frau mit blonden Haaren war verrutscht, und sie versuchte es wieder zurechtzurücken, während sie auf dem Arm ein Kind hielt. Es wirkte wie eine kleine Familie – ein Mann, der einen Drachen einholte, ein Baby in den Armen seiner Mutter.

Daran war eigentlich nichts Außergewöhnliches. Außer dass die Mutter wie Holly aussah.

Chance versuchte sich wieder auf Derek und das, was er sagte – irgendetwas über seinen ältesten Sohn –, zu konzentrieren und schaute dann wieder zu dem Paar hinüber. Die Frau hatte sich inzwischen abgewandt und zeigte auf den Drachen. Jetzt konnte er ihr Gesicht sehen. Es war tatsächlich Holly. Aber wer war der Typ? Und wessen Baby hielt sie da im Arm? Sie hatte gestern nichts davon erzählt, dass sie verheiratet war, und behauptet, nicht einmal einen Freund zu haben. Aber wer war dann der Mann mit dem Drachen? Genau in diesem Moment sah sie ihn auch.

Chance wandte sich wieder Derek zu. Es ging ihn nichts an, mit wem Holly zusammen war oder was sie mit ihrem Leben machte. Er spürte, dass ihn eine innere Unruhe überkam, versuchte aber, das Gefühl zu ignorieren.

„Wenn du Zeit hast“, sagte sein Freund in diesem Moment, „würde ich dir gern meine Familie vorstellen.“

„Sehr gern“, erwiderte Chance und wünschte sich plötzlich meilenweit weg. „Ist sie auch hier?“

„Ja. Meine Frau – erinnerst du dich noch an Mary Beth Carter? Sie grillt gerade ein paar Burger. Hast du eigentlich schon zu Mittag gegessen? Einer davon ist für dich bestimmt.“

Er nickte. „Das klingt super. Aber nur, wenn du sicher bist, dass es ihr nichts ausmacht.“

„Im Gegenteil. Sie wird begeistert sein, dich wiederzusehen. Es ist gleich dort drüben.“

Chance machte sich mit seinem Freund auf den Weg. An Holly wollte er jetzt nicht mehr denken. Es sollte ihm daher nicht schwerfallen, sich auf das Mittagessen mit Dereks Familie zu konzentrieren. Schließlich war er auch bei einem Einsatz immer vollkommen fokussiert.

Doch nachdem Derek ihn das dritte Mal gefragt hatte, ob er ihm zugehört habe, wusste er, dass er aufgeben musste. Er gab Derek die Hand, nickte dessen Frau zu und bedankte sich für das tolle Essen. Dann versprach er seinem Freund ein baldiges Wiedersehen und verabschiedete sich von ihm. Auf dem Rückweg zum Parkplatz verirrte sich sein Blick erneut zu der Stelle, wo Holly stand.

„Sind Sie vielleicht Chance Masters?“, fragte plötzlich eine zierliche Brünette und packte ihn am Arm.

Er runzelte die Stirn und nickte. „Wie kann ich Ihnen helfen?“

„Mir brauchen Sie nicht zu helfen, aber Holly. Ich bin ihre beste Freundin und die Babysitterin von Emma. Wir beide haben uns gestern Abend kurz gesehen, als Sie sie nach Hause gebracht haben. Später werde ich Ihnen alles erklären, aber jetzt wäre es nett, wenn Sie zu ihr hinübergehen und ihr sagen könnten, dass es Zeit ist zu gehen.“

Das war ja eine seltsame Bitte. „Warum sollte ich das tun?“

„Weil dieser gruselige Typ sie nicht in Ruhe lässt.“

Jetzt packte sie ihn sogar beim Ärmel und zwang ihn, sich umzudrehen. Nicht weit von ihm entfernt stand Holly mit dem Baby im Arm. Sie streckte ihre freie Hand aus, um einen Drachen von einem Mann in Empfang zu nehmen, der diesen offensichtlich nicht loslassen wollte.

„Verstehen Sie?“, fragte die Brünette hinter ihm.

„Ja, natürlich.“

„Bitte sagen Sie Holly, dass ich zu Hause auf sie warte.“ Damit drehte sie sich um und ging Richtung Parkplatz.

Holly hatte sich inzwischen auch in Bewegung gesetzt. Sie wirkte missmutig und frustriert. Der Mann, mit dem sie gesprochen hatte, folgte ihr auf dem Fuße. Chance trat ihnen in den Weg. Zuerst sah Holly ihn entgeistert an, doch dann lächelte sie erleichtert.

„Ihr beide seht so aus, als würdet ihr euch köstlich amüsieren.“

„Pinkie“, sagte Emma und zeigte auf den Drachen in der Hand des Mannes.

„Ja“, nickte Chance. „Das ist eine tolle Farbe für einen Drachen.“

„Was, zum Teufel, machst du denn hier?“, fragte sie ihn, und ihr flehender Blick zeigte, dass er sie erlösen sollte.

Er sah auf seine Uhr. „Hast du etwa vergessen, dass wir ausgemacht hatten, dass ich dich um drei Uhr abhole?“

Jetzt wurde ihr Lächeln noch breiter. „Oh, das habe ich total vergessen!“

Der Mann, der bis jetzt hinter ihr gestanden hatte, trat jetzt an ihre Seite. Er schien über das unerwartete Erscheinen des anderen Mannes alles andere als glücklich zu sein. Er trug einen Cowboyhut, hatte einen Bart, eine schmale Nase und kleine stechende Augen. Er war kleiner als Chance, dafür aber bestimmt fünfzig Pfund schwerer.

„Oh, bitte entschuldige“, sagte Holly. „Blake, das hier ist der US Naval Commander Chance Masters. Chance, das hier ist Blake, äh … Lufkin.“

Die beiden Männer gaben sich die Hand, und Chance merkte sofort, dass der andere ihm nicht sympathisch war. Hollys Freundin hatte recht gehabt, irgendetwas stimmte mit ihm nicht. Nun, es würde bestimmt nicht schwer sein, ihn loszuwerden.

„Und? Seid ihr so weit? Können wir nach Hause fahren?“

„Oh ja“, erwiderte sie sofort. „Das war ein langer Tag für mich.“

„Warum kann ich dich nicht nach Hause bringen?“, fragte Blake und strich ihr viel zu vertraut über den Rücken. „Wir könnten dann in der Stadt noch etwas essen.“

„Danke, Blake, nett von dir“, erwiderte Holly und machte einen Schritt von ihm weg. „Aber ich habe überhaupt noch keinen Hunger.“

Sie war wirklich viel zu höflich zu diesem aufdringlichen Kerl. Chance legte ihr den Arm um die Schulter und gab ihr einen Kuss auf die Schläfe. „Mein Wagen steht dort drüben, Liebling.“ Dann zeigte er in die entgegengesetzte Richtung. „Ich nehme Ihnen gern den Drachen ab, Blake.“

Zuerst schien es nicht so, als wollte Lufkin den Drachen loslassen. Doch nach einem Blick in Chances Augen entschied er sich für das Klügere und reichte ihn ihm widerstrebend.

Holly wünschte Blake einen schönen Abend. Es war unübersehbar, dass dieser nicht glücklich über den Verlauf der Dinge war.

Chance ging mit Holly und Emma zu seinem Auto und legte den Drachen auf dem Rücksitz ab. Leider hatte er keinen Babysitz, aber den hatte er ja bisher auch nie gebraucht. Holly ließ sich neben ihm auf dem Beifahrersitz nieder und nahm Emma auf den Schoß. Dann legte sie sich den Sicherheitsgurt an.

Chance setzte sich hinters Steuer und sah im Rückspiegel, wie Blake sich in der Menge verlor.

„Also, dann klär mich doch mal auf“, sagte er zu ihr. „Was ist denn los mit dem Typen?“

„Keine Ahnung.“ Sie zuckte die Schultern. „Er ist erst letztes Jahr hierhergezogen und kam irgendwann mal in die Klinik, weil er Medikamente brauchte. Seitdem verfolgt er mich auf Schritt und Tritt.“

„Hat er dich schon zum Essen eingeladen?“

„Oh ja, schon oft, aber ich habe immer abgelehnt. Zuerst habe ich behauptet, dass ich einen Freund hätte, aber wie du ja weißt, leben wir in einer Kleinstadt, da lässt sich die Wahrheit nur schwer verbergen. Ich mag ihn nicht und fühle mich wirklich unwohl in seiner Gegenwart.“

„Hat er dich jemals bedroht?“

„Nein, das nicht. Er ist mir gegenüber immer höflich. Aber, wie gesagt, er ist ziemlich aufdringlich.“ Sie schauderte. „Ich würde mir wirklich wünschen, dass er mich in Ruhe lässt und sich ein anderes Opfer sucht.“

Chance fuhr los, fest entschlossen, ihr zu helfen. Mit Stalkern sollte keine Frau leben müssen. Dann warf er einen Blick auf das Baby. „Du hast mich ihr noch nicht vorgestellt. Ist das dein Kind?“

Sie lächelte ihn an. „Ich dachte, du wüsstest Bescheid. Das ist Emma.“

Offensichtlich hatte sich in seiner Abwesenheit wirklich eine Menge getan. Holly war also Mutter. Warum hatte ihm niemand davon erzählt?

Er fuhr vom Parkplatz runter auf die Straße, die zur Ranch führte.

„Wenn du möchtest, schicke ich einen unserer Leute vorbei, um deinen Wagen abzuholen. Jetzt möchte ich dich sicher nach Hause bringen.“

„Danke, Chance.“

Natürlich überlegte er sofort, wer der Vater des Babys sein konnte. Holly trug keinen Ehering, und irgendwie konnte er sich nicht vorstellen, dass sie zu ihm in die Scheune gekommen wäre, wenn sie einen Mann gehabt hätte, der zu Hause auf sie wartete.

Ein Baby. Das passte irgendwie gar nicht zu der Unschuld, die sie ausstrahlte. Aber natürlich konnte es gut sein, dass er sich irrte. Wahrscheinlich war sie doch nicht so naiv, wie er angenommen hatte. Heutzutage mussten Frauen ja nicht mehr verheiratet sein, um Kinder zu bekommen. Chance war zwar kein Verfechter dieses Prinzips, aber auch er wusste, dass die Welt sich geändert hatte.

Bei dem Leben, das er führte, hatte er noch nie ans Heiraten gedacht. Doch das empfand er nicht als Nachteil. Er war nur für sich selbst verantwortlich und bei einem Einsatz für die Sicherheit seines Teams. Kinder erinnerten ihn immer daran, wie dünn die Grenze zwischen Leben und Tod war. Eins war klar – er musste sich von Holly fernhalten, schon aus Respekt. Vielleicht half der Umstand, dass sie ein Baby hatte, ihm ja dabei, die Distanz zu wahren.

5. KAPITEL

Am Sonntagmorgen fütterte Holly Emma und setzte sie dann auf einer Decke ab, wo sie mit dem kleinen Klavier ohne Füße spielen konnte, das im Moment ihr Lieblingsspielzeug war.

„Bist du nicht zu spät für dein Date?“, fragte Amanda und schenkte sich Kaffee ein. „Es ist doch schon nach acht.“

„Wie oft muss ich dir eigentlich noch sagen, dass es kein richtiges Date ist?“, erwiderte Holly. Sie ging ins Bad und band sich das Haar zu Zöpfen. „Willst du wirklich heute auf Emma aufpassen? Schließlich ist doch Sonntag!“

„Na, klar. Du arbeitest so hart, da hast du dir einen freien Tag wirklich verdient. Außerdem kommt heute wieder die Serie, die ich so mag. Und zwar genau zu der Uhrzeit, wenn Emma ihr Schläfchen macht. Mach dir bitte unseretwegen keine Sorgen, okay? Genieß den Tag! Aber wie solltest du das auch nicht tun – mit diesem Prachtexemplar von Mann?“

Holly holte tief Luft und seufzte. Leider hatte sie schon in der Woche viel zu wenig Zeit für die Kleine und freute sich daher immer aufs Wochenende. Andererseits – es ging ja nur um einen einzigen Tag. Und wie oft hatte sie schon die Gelegenheit, mit Chance auszureiten?

Kaum hatte sie das Haus verlassen, klingelte auch schon ihr Handy. Es war Chance.

„Guten Morgen!“

„Guten Morgen auch für dich! Na, hast du Lust auf den Ausritt?“

„Auf jeden Fall!“

„Schön, dann sehen wir uns in der Scheune.“

„Bin schon unterwegs.“

Doch als Holly wenig später die Scheune betrat, war von Chance nichts zu sehen. Sie ging in die Box, in der der große braune Wallach stand, der sie wiehernd begrüßte. Sie griff nach dem Zaumzeug, das an der Stalltür hing, legte es ihm um und führte das Pferd in Richtung Sattelkammer.

„Guten Morgen“, sagte Chance, als er ein paar Minuten später erschien. Seine tiefe Stimme klang heiser, als wäre er gerade erst aufgestanden. Sein dunkles Haar war ziemlich verstrubbelt. Er trug Jeans und ein blaues ärmelloses Hemd, das seinen wohl geformten Bizeps zur Geltung kommen ließ.

„Auch dir einen guten Morgen!“

Chance, der einen Becher Kaffee in der Hand hielt, näherte sich dem Wallach nur vorsichtig, als ob er Angst hätte, das Pferd zu erschrecken.

„Ich wusste gar nicht, dass wir Vollblüter haben.“

„Habt ihr auch nicht. Das hier ist Sinbad, und er gehört mir. Er ist ein Arabermischling. Cole hat mir erlaubt, ihn hier unterzubringen, weil ich mich um die Tiere auf der Ranch kümmere. Aber sein Futter bezahle ich selbst.“

Bewundernd strich Chance über den seidigen Rücken des Tieres. „Ein Prachtpferd!“

Sie nickte stolz. „Danke.“

„Nun, ich hoffe, ich kann mit dir mithalten“, sagte er grinsend.

Dann drehte er sich um und inspizierte die übrigen Pferde. Schließlich entschied er sich für ein großes Westernpferd, das ihm freundlich zuwieherte, als er vor ihm stand. Chance sattelte es schnell und kehrte dann mit dem Pferd an der Leine zu Holly zurück.

„Brauchst du Hilfe?“, fragte er.

„Nein danke.“ Sie warf Sinbad eine rot karierte Satteldecke über, gefolgt von einem Westernsattel. Sie zog den Gurt enger, zäumte ihn auf und war bereit loszureiten.

Natürlich blieb ihr nicht verborgen, dass Chance kurz zögerte, bevor er in den Sattel stieg. Sie hatte völlig vergessen, dass er verwundet worden war.

„Chance, wenn du dich noch erholen musst, brauchen wir nicht auszureiten. Du darfst deine Genesung auf keinen Fall gefährden.“

Geistesabwesend rieb er sich den linken Arm. Offensichtlich wollte er über das Thema nicht reden, und er wollte auch ihr Mitleid nicht. Trotzdem …

„Eine Heilung zu riskieren ist das Ganze nicht wert.“

Er blickte hinaus auf die Weide. „Oh doch, das ist es.“

Der Wallach konnte es anscheinend kaum abwarten loszulegen. Aber er war gut trainiert. Daher blieb er ruhig stehen, während Chance den linken Fuß in den Steigbügel steckte und sein rechtes Bein über den Sattel schwang. Dann sah er Holly an. „Alles gut. Von mir aus können wir los!“

Er nahm die Zügel in die Hand und trabte los zu dem großen Tor, hinter dem sich das Land erstreckte, das zur Ranch gehörte. Holly folgte ihm im Abstand von wenigen Metern. Beiden war nicht zum Sprechen zumute. Heute war ein Tag, um zu entspannen, und sie spürte, dass Chance das Schweigen guttat.

Sie ritten meilenweit. Der Frühlingsregen ließ die Weiden in sattem Grün erstrahlen. Schließlich erreichten sie einen Hügel, von wo aus man einen guten Blick auf den Fluss hatte, der sich unter ihnen durch die Landschaft schlängelte. Von Ferne drang das Rauschen des Wassers zu ihnen herüber.

„Wie wär’s mit einer kleinen Pause?“, fragte sie.

„Gern“, nickte er. „Ich erinnere mich gut an diese Stelle. Siehst du dahinten den Felsbrocken? Da haben wir doch immer zusammen mit Jason gesessen und uns stundenlang unterhalten. Stimmt’s?“

„Ja, stimmt. Vor allem habt ihr über Mädchen gesprochen“, gab sie lachend zurück.

„Wie alt warst du damals eigentlich?“

Holly dachte einen Moment nach. „Ach, ich denke, ich war neun, vielleicht zehn. Jason und du wart noch auf der Highschool. Tante Ida hatte immer dafür gesorgt, dass er mich mitnimmt, auch wenn er gar keine Lust dazu hatte.“ Bei der Erinnerung daran musste sie lächeln. Oh Gott, wie sehr vermisste sie ihren Bruder! Und auch Tante Ida!

Sie stiegen ab, banden die Pferde an und kletterten auf den großen Felsen, der vom Wasser umspült wurde. Hohe Eichen und Pappeln spendeten willkommenen Schatten, während das Rauschen des Wassers etwas Beruhigendes hatte. Augenblicke später ließ sich Chance neben Holly nieder.

„Kannst du dich noch erinnern, wie wir hier gesessen und gedacht haben, wir könnten zum Mittagessen Fische fangen?“

Er schmunzelte. „Allerdings. Ein paar haben wir ja auch mal erwischt, wenn ich mich richtig erinnere. Sie waren zwar kleiner als deine Hände, aber du wolltest sie trotzdem mit nach Hause nehmen.“

Holly lehnte sich an den Stein und genoss seine Wärme.

„Hast du eigentlich noch den alten Schuh?“, wollte sie wissen und spielte damit auf einen altmodischen Schuh an, den sie einmal in einer Kommode gefunden hatten.

Chance nickte. „Oh ja. Ich habe ihn in Papier gewickelt und in eine Tüte gesteckt. Irgendwie ist es schade, dass ihn nie jemand zu Gesicht bekommen hat. Ich wünschte mir, wir hätten auch noch den anderen gefunden.“

„Stimmt. Das war einer unserer tollsten Schätze.“

„Genau wie der Kompass.“ Sie sah ihn an. „Hast du den noch?“

„Natürlich. Und die Patronen, die mir Jason gebracht hat, bevor er aufs College gegangen ist. Ich kann es immer noch nicht glauben, dass der Bürgerkrieg auch auf unserem Land stattgefunden hat. Ich frage mich, ob es noch die alte Hütte auf der Anhöhe gibt.“

„Das bezweifle ich. Aber vielleicht können wir ja nachschauen, bevor du … ich meine, solange du noch hier bist.“

Es entstand eine kleine Pause.

„Wie alt ist dein Baby?“, fragte Chance unvermittelt.

Sie lächelte ihm zu. „Vierzehn Monate“, erwiderte sie wie aus der Pistole geschossen.

Auch er lehnte sich jetzt zurück und schlug ein Bein über das andere. Er hatte die Augen geschlossen und gab sich ganz der friedlichen Stimmung hin.

„Emma ist Jasons Tochter“, sagte Holly plötzlich. „Aber das hast du doch gewusst, oder?“

Er sah sie an. „Nein, ich hatte keine Ahnung.“

„Seine Frau ist kurz nach ihrer Geburt gestorben. Carolyn hatte keine Familie, deshalb habe ich die Kleine zu mir genommen. Immer wenn ich sie anschaue, sehe ich ein bisschen von ihm in ihr. Aber Emma ist schon jetzt eine starke kleine Persönlichkeit.“

Chance wandte sich ihr zu und stützte den Kopf in die Hand. Sie sah in seine rauchig-blauen Augen und wäre am liebsten in ihnen versunken. Seine Pupillen weiteten sich, sein Blick wurde intensiver.

Holly wollte ihn küssen. Sie wollte wissen, wie er schmeckte, wie sich sein Atem auf ihrer Haut anfühlte, wie es war, wenn er sie überall streichelte. Er war so unglaublich sexy, so männlich. Aber vor allem war er Chance. Er hatte ihr damals in der Schule beigestanden, wenn jemand sie ärgern wollte, hatte ihr gezeigt, wie man Fahrrad fuhr, und ihr Knie bandagiert, wenn sie gefallen war. In den zwölf langen Jahren seiner Abwesenheit hatte sie nie aufgehört, an ihn zu denken. Aber er war nicht mehr derselbe. Der leichtfertige Cowboy war verschwunden, und an seine Stelle war ein Kämpfer getreten. Ein Kämpfer, der es gewohnt war, Befehle zu erteilen.

„Es überrascht mich, dass du nicht verheiratet bist“, sagte sie verlegen.

„Bei dem, was ich mache, gibt es nicht viel Platz für eine ernsthafte Beziehung. Wir sind an einem Tag hier und am nächsten schon wieder woanders, und ich weiß nie, wie lange der Einsatz dauert. Manchmal eine Woche, es können aber auch neun Monate sein.“

„Verstehe. Das ist bestimmt nicht einfach“, stimmte sie ihm zu. „Eine Frau müsste schon sehr in dich verliebt sein, um das zu ertragen.“

„Ja. Und sie müsste das Vertrauen und die Geduld einer Heiligen haben. So etwas gibt es selten. Ein paar meiner Männer sind verheiratet, aber es ist schwierig. Der Mann fragt sich, ob seine Frau ihm treu ist, und wenn er sich diesem Zweifel hingibt, kann das sein Tod sein. Für die Frau ist es natürlich genauso schwer. Ein Mann in meiner Einheit, Ray Shields, hat drei Kinder, aber er war bei keiner Geburt zu Hause.“

„Manchen gelingt es aber doch.“

„Ja, manche kriegen es hin.“

„Warum bist du nicht schon früher gekommen? Du hast die Ranch doch immer so geliebt!“

Er blieb so lange stumm, dass Holly nicht sicher war, ob er sie gehört hatte.

„Zu viele Erinnerungen. Und die meisten waren nicht so toll. Ich nehme an, du hast gehört, dass mein Vater und ich uns nicht sehr gut verstanden haben. Wahrscheinlich hat das der ganze Bezirk gewusst. Jedenfalls haben wir uns dauernd gestritten, und ich meinerseits habe ihn für den Tod meiner Mutter verantwortlich gemacht. Aber es gab auch vieles, was er mir vorgeworfen hat.“ Chance hielt kurz inne und fügte dann hinzu: „Jedenfalls schien es mir das Klügste zu sein, von hier abzuhauen.“

Erneut gab es eine Pause, dann sah er hoch zum Himmel. „Ich glaube, es wird bald regnen. Bist du bereit für den Heimweg?“

„Ja, wenn du möchtest.“

Sie hätte ihn so gern noch nach seiner Mutter gefragt. Aber jetzt schien nicht der richtige Zeitpunkt dafür zu sein. Sie richtete sich auf, und ihre Blicke trafen sich. Wie sehr sie ihn küssen wollte! Genau hier und jetzt. Ob das nun richtig oder falsch war. Sie hätte sich für das, was sie sich nun schon ein Leben lang wünschte, keinen besseren Platz ausdenken können. Wie magisch angezogen starrte sie auf seinen Mund und fuhr sich abwesend mit der Zungenspitze über die Lippen.

„Holly!“ Er schüttelte den Kopf.

„Was?“

„Das ist keine gute Idee.“ Seine Stimme klang rau, als ob er sich zurückhalten würde.

„Ich weiß nicht, wovon du sprichst.“ Aber noch immer war sie auf seine Lippen fokussiert, die sie nun schon über zehn Jahre lang verfolgten. Und jetzt waren sie in greifbarer Nähe.

„Natürlich weißt du das.“ Trotz dieser Worte streckte Chance die Hand aus und strich ihr eine Strähne aus dem Gesicht. Dann legte er ihr die Hand um den Nacken und zog sie langsam an sich. Wie in Zeitlupe beobachtete sie, dass sein Gesicht immer näher kam. Seine Lippen öffneten sich, und im nächsten Moment spürte sie seinen Mund auf ihrem. Behutsam zunächst, sehr sanft, als gäbe er ihr jede Möglichkeit, sich zurückzuziehen. Dann lehnte er sich plötzlich zurück und sah sie prüfend an, als ob er sich versichern wollte, ob es das war, was sie wollte.

„Es ist doch nur ein Kuss“, flüsterte sie und hörte das Flehen in ihrer Stimme.

„Unsinn“, erwiderte er. „Wir beide wissen, dass es sehr viel mehr ist.“

Sie strich mit der Hand über sein Gesicht, zeichnete sein Kinn nach und fuhr über seinen Dreitagebart. Dann lehnte sie den Kopf zurück und ließ sich von ihm in den Arm nehmen. Er kam der Aufforderung nach, und sein Kuss wurde intensiver, wurde feuchter und drängender. Seine Zunge berührte ihre, und sie war verloren. Ein Schauer durchlief ihren Körper, und sie konnte ihm nichts entgegensetzen.

Und das wollte Holly auch gar nicht, denn dafür genoss sie es viel zu sehr. Sie wollte ihn fühlen, wollte ihn schmecken. Sie hörte, wie er tief Atem holte. Sein Griff um ihren Nacken wurde noch fester, und er schmeckte nach Mann – sein Mund und seine Zunge so heiß, so fordernd, dass die Lust sie überwältigte.

Sie spürte die Wärme des Felsens an ihrem Rücken und nahm plötzlich wahr, dass sie unter ihm lag. Er war unersättlich. Sein Mund nahm ihren in Besitz, seine Zunge stieß tief in sie hinein. Dann hörte sie ihn stöhnen, und ihr Körper reagierte sofort darauf. Sie wollte mehr, sehr viel mehr. Mehr als nur seinen Mund, der sie forderte, lockte, reizte.

Er umfasste ihre Brüste und massierte sie spielerisch. Ihre Haut reagierte sofort auf die Berührung, ihre Brustwarzen richteten sich auf. Sie bog sich zurück und hätte am liebsten vor Verlangen geschrien. Sie konnte nicht nah genug bei ihm sein, konnte sich nicht weit genug für ihn öffnen.

Als ob er ihre Gedanken lesen konnte, verlagerte er ein wenig sein Gewicht, und Holly spürte seine Erektion. Sie konnte das Stöhnen nicht mehr zurückhalten. Dann verschwamm jedes Gefühl für die Realität, und sie wusste nur noch, dass sie in seinen Armen lag. Sie vergaß zu atmen, ihr Herz schlug schneller, und ihr Mund wurde ganz trocken. Etwas so Intensives hatte sie noch nie erlebt. Ihr Körper reagierte, als wäre er auf Entzug. Noch nie zuvor hatte sie eine so starke Anziehung gespürt.

Doch plötzlich hob Chance den Kopf und löste sich von ihren Lippen. Ihre Blicke trafen sich eine gefühlte Ewigkeit lang, dann rollte er sich von ihr herunter und stieß einen Fluch aus. Die plötzliche Stille ließ Holly erstarren. Am liebsten hätte sie ihn angeschrien, ihn angefleht, dass er das Verlangen stillte, das er in ihr geweckt hatte. Sie wollte, dass er sie liebte.

Dann kehrte die Realität wieder zurück, auch wenn sie es am liebsten verhindert hätte. Plötzlich vernahm sie wieder das Rauschen des Wassers, das Singen der Vögel. Über ihnen bewegten sich die Zweige in der sanften Brise, und deren Schatten waren wie eine zärtliche Berührung auf ihren beiden Körpern.

Holly erkannte, dass sie mit dem Rücken auf dem Felsen lag. Ihre Bluse war offen, sie sehnte sich nach mehr. Doch sie presste die Beine zusammen und rollte sich auf die Seite. Chance neben ihr kämpfte noch mit der Verarbeitung dessen, was gerade passiert war.

„Wage es ja nicht, dich dafür zu entschuldigen“, stieß sie hervor.

„Holly, ich …“

„Nein. Kein Wort mehr, keine Silbe. Bitte, mach es nicht kaputt. Es tut mir nur leid, dass du aufgehört hast.“

„Sag das nicht!“ Er klang ein bisschen verzweifelt.

„Warum nicht? Es ist schließlich die Wahrheit!“

Chance schüttelte den Kopf, rieb sich dann den Nacken und murmelte etwas, was sie nicht verstehen konnte.

„Hör auf zu grummeln“, sagte sie und knöpfte sich ihre Bluse wieder zu.

Er sah sie an, als ob er unbedingt etwas sagen müsste. Doch stattdessen richtete er sich auf, strich sich mit der Hand übers Gesicht und seufzte tief.

Sie ritten schweigend zurück, aber die Stimmung war nicht angespannt. Holly ließ Sinbad in seinem eigenen Tempo traben. Sie hatte den Kopf abgewandt, damit Chance nicht ihr Lächeln sah, das sie nicht unterdrücken konnte. Ja, auf diesen Kuss zu warten, hatte sich gelohnt. Aber sie wusste, dass Chance recht hatte. Hier ging es um sehr viel mehr. Außerdem hatte der Vorfall klar gemacht, dass ihre Kindheit endgültig vorbei war. Ihn nur als einen Freund zu sehen, gehörte der Vergangenheit an.

Ein Teil von ihr war entzückt darüber, dass Chance sich von ihr angezogen fühlte. Aber der andere Teil erinnerte sie daran, dass er bald wieder abreisen würde. Das durfte sie nicht vergessen.

6. KAPITEL

Dallas breitete sich weitläufig unter ihnen aus, während der Helikopter langsam auf den Landeplatz zusteuerte. Es war ein anderes Szenario, als Chance es von seinen Flügen in Afghanistan oder dem Irak gewöhnt war. Er saß neben Cole, und beide waren sich sehr bewusst, warum sie diesen Flug unternahmen. Denn es reichte Wade nicht, seinem Bruder von den Plänen für das Unternehmen zu erzählen – er wollte ihm zeigen, was sie alles schon erreicht hatten und noch erreichen wollten.

In diesem Moment zeigte Cole auf einen Wolkenkratzer zu seiner Rechten. Das hohe Gebäude aus Stahl und Rauchglas vermittelte den Eindruck von Reichtum, Macht und Eleganz. Jetzt setzten sie zur Landung auf dem Dach an. Wenig später befanden sie sich bereits im Inneren und waren auf dem Weg zu Wades Büro.

Eigentlich hatte Chance erwartet, dass er und seine Brüder unter sich blieben. Aber in den Fluren mit den dicken Teppichen standen viele Leute, die bei seinem Eintreten laut klatschten. Eigentlich war ihm die Aufmerksamkeit gar nicht recht, doch er fügte sich in sein Schicksal, begrüßte die Angestellten und schüttelte unzählige Hände.

Nachdem alle wieder in ihre Büros zurückgekehrt waren, verlor Wade keine Zeit mehr, sondern gab seinem Bruder in einer fünfstündigen Marathonsitzung Einblick in die Geschäfte der Masters Corporation. Das war sehr beeindruckend. Wade hatte ausgezeichnete Arbeit geleistet. Die Pläne zur Expansion waren meisterhaft durchdacht, und die Profite konnten sich sehen lassen, was Chance seinem Bruder gern bestätigte. Eins stand fest: Wade war genau am richtigen Platz.

„Wie sieht es eigentlich mit der Ranch aus?“, fragte Chance, nachdem sie alle anderen Unternehmensbereiche besprochen hatten.

Er sah, wie Cole und Wade einen kurzen Blick miteinander tauschten. Im selben Moment veränderte sich die Stimmung im Raum und wurde angespannt. Er kannte dieses Phänomen auch in seinem Beruf als Soldat, wenn er und sein Team in eine brenzlige Situation geraten waren. Er spürte, wie sich die kleinen Härchen auf seinem Arm aufrichteten, und wartete ab.

„Also, Fakt ist“, sagte Cole und sah Chance direkt an, „die Ranch wirft keinen Profit ab, und zwar schon seit fünf, sechs Jahren nicht mehr. Die Rindfleischpreise fluktuieren zwar, aber die Kosten für die Instandhaltung steigen jedes Jahr. Und dann gibt es da noch etwas.“

„Was denn?“

„Wenn du dir die Zahlen ansiehst, wirst du sehen, dass wir mit der Ranch Verluste machen. Und das bedeutet: Wir müssen uns aus dem Viehgeschäft zurückziehen. Mit anderen Geschäftsbereichen können wir sehr viel mehr Geld verdienen. Außerdem, um ehrlich zu sein, sind wir nun einmal keine Farmer. Und bisher haben wir auch noch niemanden gefunden, der die Ranch profitabel machen könnte. Es ist die Zeit und auch das Geld nicht wert, sich länger damit zu beschäftigen.“

„Aber die Ranch war doch immer Moms Traum!“

Wade nickte. „Ja, das stimmt. Aber sie ist tot, und die Zeiten haben sich geändert. Das Land selbst ist viel mehr wert als die Ranch. Man könnte es parzellieren und darauf bauen. Vergiss nicht, dass es nach Westen an die Bahnlinie grenzt, was den Wert noch erhöht.“

Chance biss die Zähne zusammen. Natürlich, es gab immer einen Plan B, und es gab immer Hoffnung. Doch diese Ankündigung war für ihn wie ein Dolchstoß mitten ins Herz. Gleichzeitig wusste er, dass er nur sich selbst Vorwürfe machen konnte. Er war schließlich derjenige, der weggegangen war und Wade und Cole die ganze Arbeit überlassen hatte. Deshalb hatte er jetzt auch kein Recht mehr, etwas zu sagen. Er hatte seine Entscheidung vor langer Zeit getroffen und war aus dem Spiel ausgestiegen. Trotzdem stieß es ihm jetzt bitter auf.

Nach dem Besuch der Konzernzentrale wurden sie zum ursprünglichen Landsitz der Familie nördlich von Dallas gefahren, wo ein Dinner auf sie wartete und wo sie auch übernachten würden. Ihr Großvater hatte das Gebäude in den 1940er Jahren erbaut; und ihr Vater hatte die Größe des Anwesens dann noch einmal verdoppelt. Aufgrund der Türmchen an beiden Seiten des Haupthauses war es Chance immer altertümlich vorgekommen. Hier hatten Wade und Cole die ersten Jahre ihres Lebens verbracht, und als sie später geschäftlich in Dallas zu tun hatten, war dies ihr Zuhause gewesen. Für ihre Mutter hatten sie das große Steinhaus auf der Ranch gebaut. Sie hatte sich immer nach der offenen Weite des Landes gesehnt. Und das war das einzige Zuhause, an das Chance sich erinnern konnte.

Während Wade und Cole sich zwischen den einzelnen Gängen lebhaft miteinander unterhielten, konnte Chance immer nur an den bevorstehenden Verlust der Ranch und an Holly denken. Irgendwie war für ihn beides miteinander verknüpft, denn in ein paar Wochen würde er beides verlieren und wieder in seine Welt zurückkehren. Sein Leben würde so weitergehen wie die letzten zwölf Jahre. Aber was würde es für Hollys Geschäft bedeuten, wenn Wade das Land verkaufte? Konnte eine Tierarztklinik fortbestehen, wenn überall gebaut wurde? Aber warum eigentlich nicht? Vielleicht würde sie davon ja sogar profitieren, oder Cole würde ihr dabei helfen, einen anderen Standort zu finden. Was auch immer passierte, Holly würde es überleben. Denn sie war und blieb nun einmal eine Kämpfernatur.

Chance wusste, dass er sie niemals hätte küssen dürfen. Schließlich hatte er sich versprochen, sie nicht anzurühren. Aber, zur Hölle, irgendwie war er auch froh darüber, selbst wenn es vielleicht falsch gewesen war. Denn sie hatte sich in seinen Armen so unglaublich gut angefühlt. Ihre Haut war weich wie Samt. Sie hatte sich an ihn geschmiegt, so nah hatte er sich noch nie einer Frau gefühlt, nicht einmal beim Sex. Die Süße ihrer Lippen – am liebsten hätte er sie genommen. Die Art, wie sie ihm mehr von sich angeboten hatte … Noch nie war es so schwer für ihn gewesen, sich zurückzuhalten.

Doch sie hatte ein Baby. Ein Baby, das nicht viel älter war als das, welches durch seine Schuld ums Leben gekommen war. Das war kein angenehmer Gedanke. Er konnte Holly schließlich schlecht sagen, dass er sie nicht mehr treffen wollte, weil sie ein Kind hatte. Und er wollte sie wiedersehen, ob das nun richtig war oder falsch. Was immer das zwischen ihnen war, es hatte sich von einer kindlichen Freundschaft zu einem Begehren zwischen Erwachsenen verändert und ihn mit aller Wucht getroffen.

Das Lachen seiner Brüder brachte ihn wieder in die Gegenwart zurück.

„Ist das okay für dich, Chance?“

„Entschuldige?“

Wade grinste. „Ich habe gesagt, dass wir für dich eine Willkommensfeier ausrichten sollten. Bei dieser Gelegenheit kannst du dann auch unser Management kennenlernen. Wir haben ein paar wirklich gute Leute im Unternehmen, und sie können es kaum erwarten, dich zu treffen. Vielleicht wächst dir der Konzern dann ein bisschen mehr ans Herz.“

Chance setzte sich aufrecht hin. Das Letzte, was er wollte, war von seinen Brüdern vorgeführt zu werden. „Und wer wird dabei noch anwesend sein?“

„Entschuldige?“

„Ich meine, außer euren Angestellten?“

Wade legte seine Serviette neben dem Teller ab. „Vielleicht noch ein paar unserer Geschäftspartner.“

„Verstehe. Ihr seht mich offensichtlich als ein gut verkäufliches Objekt an, mit dem ihr Staat und noch mehr Geld machen könnt. Die Tatsache, dass es sich dabei um euren eigenen Bruder handelt, scheint euch ziemlich egal zu sein. Genau wie Dad. Der Apfel fällt bekanntlich nicht weit vom Stamm.“

Wade zuckte die Achseln. „Also, ich sage ja nicht, dass du recht hast. Aber selbst wenn – wäre das denn so schlimm?“

Chance sah seinen Bruder Cole an, der dem Dialog still gelauscht hatte. „Willst du es ihm erklären?“

„Cole braucht mir gar nichts zu erklären“, stieß Wade aufgebracht hervor. „Mir ist schon klar, dass du nichts mit der Firma zu tun haben willst. Aber ist es denn wirklich so schlimm, wenn wir dich mit ein paar Leuten zusammenbringen? Leuten, denen du sehr am Herzen liegst?“

„Ich kenne sie doch gar nicht. Das hast du selbst gesagt.“

Er merkte, dass dieses Gespräch sinnlos war, und stieß einen tiefen Seufzer aus. „Ihr wisst, dass ich nicht vorhabe hierzubleiben. Aber wenn ihr unbedingt darauf besteht – na gut, von mir aus könnt ihr diese Party ausrichten. Aber nur ein Abend, okay?“

„Einverstanden“, erwiderte Wade.

„Wenn die Herren mich jetzt entschuldigen wollen, ich muss ins Bett. Mehr gute Neuigkeiten kann ich heute nicht ertragen.“ Chance stand auf und sah sich um. Sie saßen an einem großen Mahagonitisch mit vierzig Stühlen darum, über dem drei Kronleuchter hingen. „Warum kauft ihr nicht endlich mal einen kleineren Tisch? Sonst hat man noch das Gefühl, dass keiner eurer Gäste zum Dinner kommen will. Und das ist nicht gut fürs Image.“ Er lächelte, hatte jedoch den Eindruck, dass keiner von beiden seinen Humor verstanden hatte. „Gute Nacht!“

Als er durch den Flur in Richtung Aufzug ging, hörte er noch, wie seine Brüder sich über die bevorstehende Feier unterhielten. Cole wollte sie hier abhalten, mitten in Dallas, weil das für alle leichter zu erreichen war. Bis auf das Opfer, also ihn. Nun, in zwei Tagen hatte er einen Termin beim Arzt. Hoffentlich mit dem Ergebnis, dass er recht bald zu seinem Team zurückkehren konnte.

Am nächsten Morgen bat Chance den Chauffeur, ihn zum Hubschrauberlandeplatz zu bringen. Wade und Cole hatten die nächsten zwei Tage ein Meeting nach dem anderen. Und sie wussten ja, wo sie ihn finden konnten.

Er flog den Hubschrauber selbst, was ihm keinerlei Schwierigkeiten bereitete. Er war ganz andere Maschinen gewöhnt. Als nach einer Weile endlich die Ranch in seinem Blickfeld erschien, fing er an sich zu entspannen.

Kaum hatte er den Hubschrauber gelandet, klingelte auch schon sein Handy. Es war Holly.

„Hey!“

„Wie war dein Besuch in Dallas?“

„Oh, fantastisch!“ Der Sarkasmus in seiner Stimme war nicht zu überhören.

„Komm zum Abendessen, ja? Heute um sieben. Es gibt Hackbraten.“

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