Bianca Extra Band 103

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WEIHNACHTSHOCHZEIT AUF DER RANCH? von STELLA BAGWELL
Was macht man, wenn ein sexy Cowboy bei einem wohnt? Nichts! Denn Camille weiß genau, wie kompliziert die Liebe sein kann. Doch mit jeder Nacht, die Matthew auf ihrer Ranch bleibt und ihre Einsamkeit teilt, nähern sie sich unaufhaltsam dem Fest der Liebe …


DIE ERBIN UNTERM MISTELZWEIG von BETH KERY
Deidres Leben steht Kopf! Ein Milliardär hat sie zu seiner Erbin bestimmt, und sie soll sich das Vermögen mit dessen erfolgsverwöhntem Ziehsohn Nick Malone teilen. Nichts als Misstrauen sieht Deidre in den Augen des Tycoons – bis sie ihm zufällig unterm Mistelzweig begegnet …


IM TAL DER WILDEN ORCHIDEEN von JENNIFER GREENE
„Hast du gesehen, dass Daddy eben gelacht hat?“ Hingerissen beobachten die elfjährigen Zwillinge Lily und Pepper, wie ihr Vater mitten im winterlichen Orchideental mit der hübschen, lieben Rosemary flirtet. Ob Mommy im Himmel ihnen Rosemary zu Weihnachten geschickt hat?


EIN TRAUMMANN ZUM FEST DER LIEBE von KATHY DOUGLASS
Hannah weiß eigentlich genau, dass ihr guter Freund Russell sie nur geküsst hat, weil er ihrem betrügerischen Ex und dessen neuer Verlobten eins auswischen will. Doch Russells heißer Winterwunderkuss fühlt sich wirklich nicht wie eine süße Lüge an, sondern macht Hannah atemlos …


  • Erscheinungstag 16.11.2021
  • Bandnummer 103
  • ISBN / Artikelnummer 9783751500432
  • Seitenanzahl 448
  • E-Book Format ePub
  • E-Book sofort lieferbar

Leseprobe

Stella Bagwell, Beth Kery, Jennifer Greene, Kathy Douglass

BIANCA EXTRA BAND 103

STELLA BAGWELL

Weihnachtshochzeit auf der Ranch?

Liebe? Daran glaubt Matthew nicht mehr. Doch dann hat er zwei Wochen auf der Ranch von Camille, Tochter seines Bosses, zu tun. Und je näher Weihnachten rückt, desto sehnlicher wünscht er sich: Liebe!

BETH KERY

Die Erbin unterm Mistelzweig

Eigentlich sollte Nick die Finger von Deidre lassen, bis ihr Anspruch an seinem Firmenimperium geklärt ist. Aber sein unvernünftiges Herz hört nicht auf seinen Verstand: Es will diese rebellische Schönheit …

JENNIFER GREENE

Im Tal der wilden Orchideen

Einmal ist Rosemary vor dem Altar weggerannt, weil sie sich eine Ehe nicht vorstellen konnte. Aber als sie Whit Cochran und seine beiden Töchter kennenlernt, ist der Gedanke vom Glück zu viert verlockend …

KATHY DOUGLASS

Ein Traummann zum Fest der Liebe

Warum verbindet seine gute Freundin bloß Liebeskummer mit Weihnachten? Wie gut, dass Russell ein, zwei Ideen hat, wie er Hannahs schöne Augen in der Stillen Nacht wieder zum Leuchten bringen kann …

1. KAPITEL

„Zwei Wochen Red Bluff! Blake, das ist eine verdammt lange Zeit.“ Matthew Waggoner drehte sich im Sattel zu Blake Hollister um, dem Manager der Three Rivers Ranch.

Amüsiert warf ihm Blake einen Blick zu und beugte sich dann vor, um seiner rotbraunen Stute den Hals zu klopfen. „Was ist los? Hast du Angst, hier bricht alles zusammen, wenn du mal nicht da bist?“

Matthew betrachtete die Herde, die zwischen dornigen Kakteen nach Grasbüscheln suchte. Die Landschaft Arizonas war rau, besonders in diesem Bereich der dreitausend Hektar großen Ranch. Und mit jedem Tag, der sie dem Ende des Oktobers näher brachte, ließ sich weniger Gras finden.

„Die Three Rivers Ranch würde mich nicht vermissen.“

In der Ferne war das Heulen eines Kojoten zu hören – ein Zeichen dafür, dass die Dämmerung hereinbrach über die zerklüfteten Felsen und die tiefen Schluchten, die im Laufe der Jahrmillionen entstanden waren.

„Stimmt, nachdem du vierzehn Jahre lang hier gewesen bist, würde uns nicht auffallen, wenn du weg wärst.“ Blake unterdrückte einen Fluch. „Hör auf mit dem Quatsch, Matthew. Du weißt, weshalb ich dich nach Red Bluff schicke. Du bist nämlich der Einzige, dem ich diese Aufgabe anvertrauen kann.“

Die zweite Ranch der Hollisters lag im Süden des Staates, in der Nähe der kleinen Stadt Dragoon. Die Red Bluff Ranch umfasste mit tausendfünfhundert Hektar nur die Hälfte von Three Rivers, aber die kleinere Ranch war gesegnet mit geschützten grünen Tälern, wo die Kühe und ihre Kälber auch im tiefsten Winter saftiges Gras fanden. Jeden Oktober wurde ein großer Teil der Herde nach Red Bluff gebracht, das war also nichts Neues für Matthew – außer, dass er normalerweise zwei Tage für den Job brauchte, nicht zwei Wochen.

Matthew schob den Stetson etwas zurück und fuhr sich mit den Fingern durch das ihm am Kopf klebende blonde Haar. „Gibst du mir dieselben fünf Männer mit wie im letzten Jahr?“, erkundigte er sich.

„Ja, und noch einen zusätzlich: Scott kommt auch mit.“

Matthew setzte den Stetson wieder auf und atmete tief durch. „Dann sollten wir wohl noch eine Liege mitnehmen. Das Haus hat kaum Platz für sechs Betten, aber wir werden schon noch irgendwie den Platz für ein weiteres finden.“

„Vergiss es“, sagte Blake. „Ich habe Camille schon gesagt, dass du im großen Haus schläfst.“

Matthew sah ihn verblüfft an. „Du hast was?!“

„Du hast mich schon richtig verstanden. Du wirst im Haupthaus der Ranch schlafen. Dort ist Platz genug, und meine Schwester wird dir nicht in die Quere kommen.“

Sie mochte ihm zwar nicht in die Quere kommen, aber Camille Hollister machte ihn schon seit zehn Jahren heiß – seit sie eine erwachsene Frau geworden war. Aber das musste Blake ja nicht wissen.

„Ich habe immer zusammen in dem kleinen Haus mit den anderen Männern geschlafen!“, protestierte Matthew. „Ich möchte nicht anders gestellt sein als sie.“

„Du bist der Vorarbeiter und ihr Boss. Und so betrachten sie dich auch. Außerdem bist du der einzige Mann, zu dem ich Vertrauen habe, wenn er ein Haus mit Camille teilt.“

„Ich glaube nicht, dass deine Schwester sehr angetan wäre von dieser Idee.“

„Die Ranch gehört ihr nicht. Camille wohnt nur da, bis …“ Blake schnitt eine Grimasse. „Bis sie wieder zur Vernunft kommt“, setzte er knapp hinzu.

Camille war vor mehr als zwei Jahren nach Red Bluff gezogen und seither kein einziges Mal nach Three Rivers zurückgekehrt. Die Familie ging davon aus, dass sie immer noch diesem Idioten nachtrauerte, der ihre Verlobung gelöst hatte. Matthew hielt sich mit seiner Meinung dazu zurück, wieso die jüngste Tochter der Hollisters sich von den anderen Familienmitgliedern fernhielt. Er wusste nur, dass es ihm mehr als unangenehm sein würde, das Haus mit ihr zu teilen.

„Sie ist schon verdammt lange dort“, sagte er nur. „Ich nehme an, inzwischen hat sich alles gelegt.“

„Und weshalb kommt sie dann nicht nach Hause?“ Blake richtete die Frage ebenso an sich wie an Matthew. „Kein Wunder, dass Mom in einer solchen Verfassung ist. Camille könnte ihr das Leben wesentlich leichter machen, aber nein, meine kleine Schwester denkt nur an sich.“

Matthew wand sich innerlich. Es kam nicht oft vor, dass Blake seine Geschwister kritisierte. „Glaubst du das wirklich?“, fragte er.

„Ich habe keine Ahnung, was in ihr vorgeht.“ Blake drehte sein Pferd. „Lass uns umkehren. Es wird sonst dunkel, ehe wir zu Hause sind.“

Matthew ließ seinen Falben neben Blakes Stute hertraben.

Zwanzig Minuten später hatten sie die Stallungen der Ranch erreicht. Die Cowboys hatten ihre abendlichen Arbeiten bereits erledigt und sich in ihr Haus zurückgezogen. Während die beiden Männer ihre Pferde absattelten, fragte Matthew: „Wann sollen wir die Rinder zusammentreiben? Ich gehe davon aus, das dauert drei Tage oder mehr.“

„Am besten fangt ihr morgen damit an. Bis ihr fertig seid, sollte auch die neue Herde hier sein.“

Es war das erste Mal, dass Matthew davon hörte. „Du hast noch mehr Vieh gekauft?“

Blake wuchtete den Sattel auf seinen Haken. „Ja, ich wollte schon mit dir darüber sprechen, aber ich bin einfach nicht dazu gekommen. Tut mir leid, Matthew.“

„Das ist schon in Ordnung.“

„Nein, das ist es eben nicht. Du bist für die Männer und die ganze Arbeit zuständig. Du solltest schon wissen, was auf dich zukommt.“

„Von wie vielen Rindern sprichst du?“

„Fünfhundert. Sie sollen zusammen mit den anderen nach Red Bluff. Dort müssen sie geimpft werden und Ohrmarken bekommen. Das solltest du zeitlich einplanen. Da könnten zwei Wochen sogar knapp werden.“

Matthew wollte dafür sorgen, dass in zwei Wochen alles erledigt war, denn er wollte wieder in sein eigenes Haus zurück, in sein eigenes Bett – und so schnell wie möglich auf großen Abstand zu Camille Hollister.

Am selben Abend ging Camille Hollister über den Hof des einer Hacienda ähnelnden Ranchhauses von Red Bluff und betrat die Küche. Nachdem sie das Licht über dem langen Holztisch angeschaltet hatte, setzte sie einen Kaffee auf.

Eigentlich merkwürdig – sie arbeitete jeden Tag lange Stunden in einem Schnellrestaurant in Dragoon, und die Kellnerinnen schenkten pausenlos Kaffee ein für die Gäste, aber Camille kam nur selten dazu, selbst einmal eine Tasse zu genießen. Sie hatte zu viel damit zu tun, alle Bestellungen auszuführen und nebenher Kuchen zu backen. Doch sie wollte sich nicht beklagen, denn sie liebte ihren Job, auch wenn es nicht die Art von Beruf war, den ihre Familie sich für sie ausgemalt hätte.

Während der Kaffee durchlief, zog sie sich die Spangen aus dem Haar und ließ die lange hellbraune Mähne offen herabfallen. Sie massierte sich den Kopf und zog gleichzeitig mit der anderen Hand das Smartphone aus der Tasche, um nachzusehen, ob sie irgendwelche Nachrichten verpasst hatte.

Ihr Bruder Blake hatte gesimst: Matthew und die Männer kommen Freitag. Bitte gib ihm das Gefühl, willkommen zu sein.

Camille rollte mit den Augen. Was dachte ihr Bruder von ihr? Dass sie dem Vorarbeiter von Three Rivers die kalte Schulter zeigte? Nur weil sie sich zwei Jahre nicht zu Hause hatte blicken lassen, war sie doch nicht zur verbitterten alten Hexe geworden!

Oder? Nachdem Graham seinen Verlobungsring zurückgefordert hatte, wollte sie lange niemanden sehen oder hören. Sie vergrub sich auf Red Bluff und verließ die Ranch nur selten. Und auch jetzt hielten sich ihre Kontakte in Grenzen.

Mit einem stummen Seufzer schenkte sie sich einen Kaffee ein. Was Matthew Waggoner betraf, so musste sie nichts befürchten. Der Mann hatte in den vergangenen zehn Jahren sicher nicht mehr als zwanzig Worte mit ihr gewechselt – wenn überhaupt. Und wie er sie ansah! Sie war sich nicht sicher, ob er sie mochte oder ob sie ihm auf die Nerven ging.

Wie auch immer: Sie hatte in den vergangenen zwei Jahren kaum an ihn gedacht. Ihre Familie würde sagen, sie hätte überhaupt an niemanden gedacht außer an sich selbst. Und vielleicht stimmte das.

Camille setzte sich an den Tisch und legte die Füße auf den Stuhl neben sich. Es war ein Schock gewesen, als Graham die Verlobung plötzlich gelöst hatte. Inzwischen war sie längst über die Sache hinweg. Sie kam gut mit ihrem Leben zurecht, auch ohne Mann – und ohne dass die Familie ständig ihren Senf dazugab. Sie fühlte sich in ihrem Leben auf Red Bluff einfach nur wohl. So sollte es bleiben.

Sie tippte ihre Antwort: Keine Sorge, ich werde für Matthew einen roten Teppich ausrollen.

Als Camille am Freitagabend von der Arbeit nach Hause kam, herrschte reges Treiben auf der Ranch. Pick-ups und Viehwagen waren neben der Scheune geparkt. Mobile Zäune wurden neben den alten Holzzäunen aufgebaut, um die Tiere zu fassen, die von den Wagen geladen wurden.

Arbeitshunde bellten und trieben die Rinder an, die nicht gleich die richtige Richtung einschlugen, während Kälber, die von ihren Müttern getrennt worden waren, jämmerlich blökten. Staub hing in der Luft, Männer brüllten sich Anweisungen zu, und Pferde wieherten.

Camille blieb stehen und betrachtete das Treiben ein paar Minuten lang, bis sie plötzlich einen Kloß im Hals hatte und Tränen das Bild vor ihren Augen verschwimmen ließen.

Rasch verschwand sie ins Haus. Die Szene auf dem Hof weckte Erinnerungen an ihren Vater. Abgesehen von seiner Familie war ihm die Ranch immer das Liebste gewesen. Würde Joel Hollister noch leben, wäre er jetzt bei den Männern und der Arbeit, die er liebte.

Fast neun Jahre waren vergangen seit seinem gewaltsamen Ende, und immer noch sehnte Camille sich nach seinem Lächeln und danach, seine starken Arme um sich zu spüren. Sie war stets Papas Mädchen gewesen, und seit seinem Tod entsprach nichts mehr früheren Zeiten.

Camille schüttelte diese Gedanken ab und begab sich in ihr Schlafzimmer, um die Sachen auszuziehen, die durchtränkt waren von den Gerüchen der Küche. Freitags war das Restaurant immer besonders gut besucht, und sie hatte unzählige Burger gebraten. Statt nun bei einer Tasse Kaffee und einem Buch zu entspannen, musste sie duschen und sich bereit machen für Matthew Waggoner.

Und es war ja nur für zwei Wochen. Sicher konnte sie den Mann so lange ertragen.

Eine niedrige Steinmauer umgab das Wohnhaus der Ranch. Ein schmiedeeisernes Tor gewährte Besuchern Einlass. Eine Veranda lief rund um das Haus, und im ersten Stock gab es parallel dazu einen überdachten Balkon. Das dunkle Beige der dicken Mauern passte zu den Holzschindeln des Daches, die über die Jahre so grau geworden waren wie die einst schwarzen Holzrahmen der Fenster und Türen.

Es war eine typische Hacienda, deren Innenhof den Reiz noch erhöhte – mit Kakteen und drei großen Josuabäumen. Vor Jahren waren die Hollisters im Winter oft hierhergekommen, um das wärmere Klima zu genießen, aber seither hatte sich vieles verändert. Joel lebte nicht mehr, und alle Hollisters der nächsten Generation – ausgenommen Camille – hatten inzwischen ihre eigenen Familien und Kinder. Auch sie wäre inzwischen verheiratet, hätte Graham Danby nicht plötzlich einen Rückzieher gemacht.

Daran musste Matthew Waggoner denken, als er das schmiedeeiserne Tor öffnete und zur Hintertür des Hauses ging.

Obwohl er Schlüssel für das Haus besaß, widerstrebte es ihm, sie zu benutzen. Auch wenn das Haus Camille nicht gehörte, wohnte sie doch jetzt hier, und er wollte nicht einfach hereinplatzen, als hätte er irgendwelche Hausrechte.

Nachdem er geklopft hatte, warf er einen Blick über die Schulter auf den Hof. Er konnte eine Ecke jenes Gebäudes sehen, in dem seine Männer untergebracht waren. Rauch stieg aus dem Schornstein auf, und obwohl es schon nach zehn Uhr war, brannte hinter allen Fenstern Licht. Gerade einmal fünfzehn Minuten waren vergangen, seit die Männer ihre Arbeit beendet hatten, und wahrscheinlich bedrängten sie jetzt Curly, ihnen etwas zu essen zu machen. Curly hatte sich widerstrebend bereit erklärt, den Koch zu spielen. Was Matthew betraf, so stand ihm nach dem anstrengenden Tag nicht mehr der Sinn nach einem großen Essen. Er brauchte nur eine Matratze und eine Decke.

Die Tür ging auf. Unvermittelt sah er sich Camille Hollister gegenüber.

„Hallo, Matthew.“

„Hallo, Camille.“

In der Ferne hörte Matthew das Heulen der Kojoten, und in den Pferchen brüllten vereinzelt Rinder. Red Bluff lag in einer wilden Einöde. Welche achtundzwanzigjährige junge Frau mutete sich etwas Derartiges zu?

„Bitte, komm herein“, sagte Camille.

Matthew betrat die Küche. Hier sah noch alles genauso aus wie vor fünf oder sechs Jahren, als Blake und Maureen während des Viehtriebs für ein paar Tage hier gewohnt hatten. Seit Camille hier eingezogen war, hatten Matthew und die Männer einen großen Bogen um das Haus gemacht.

„Tut mir leid, dass es so spät geworden ist“, entschuldigte er sich. „Ich hoffe, du bist nicht extra aufgeblieben. Ich habe ja einen Schlüssel.“

Sie ging an ihm vorbei. Matthew versuchte, den zarten Blumenduft zu ignorieren, der sie umgab. Unwillkürlich betrachtete er ihr Gesicht. Sie war immer schön gewesen, aber im Moment erschien sie ihm noch hübscher als sonst. Oder lag das nur daran, dass er sie zwei Jahre nicht gesehen hatte?

„Ich wusste nicht, ob du einen Schlüssel hast oder nicht. Es ist keine große Sache“, erklärte sie. „Ich gehe normalerweise sowieso nicht vor elf ins Bett. Hast du Hunger?“

„Mach dir deswegen keine Gedanken. Ich kann für mich selbst sorgen“, wehrte er ab.

„Ich habe nicht gefragt, ob du für dich sorgen kannst, sondern ganz schlicht: Hast du Hunger?“

Sie klang so sehr wie ihre Mutter Maureen, dass er fast gelächelt hätte. „Wenn du so fragst: Ja, ich habe schon Hunger, doch es ist spät, und ich bin müde. Ich esse morgen früh etwas.“

Zu seiner Überraschung packte sie ihn beim Arm. „Komm mit.“ Ihr Ton duldete keinen Widerspruch.

Vor dem Wohnzimmer wandte sie sich nach links und ging einen Korridor hinunter. Ein Nachtlicht beleuchtete den Boden mit den bunten Fliesen. An den Wänden hingen große gerahmte Fotos der Hollisters – vor allem die Männer bei verschiedenen Arbeiten auf der Ranch.

Plötzlich blieb Camille stehen und deutete auf eines der Fotos. „Da bist du mit Daddy. Erinnerst du dich an den Tag?“

Er schob den Stetson zurück und trat vor, um sich das Foto genauer anzusehen. Natürlich erinnerte er sich an die Situation!

„Das Foto sehe ich zum ersten Mal.“ Seine Stimme war rau geworden. „Das Pferd ist Dough Boy. Er hat immer gebockt, wenn man sich in den Sattel gesetzt hat. Man musste sehr gut aufpassen. An dem Tag hat dein Vater ihn geritten. Wir haben im Lizard Canyon Rinder zusammengetrieben. Dough Boy war an dem Tag ganz zahm, und Joel machte Witze darüber, dass er der Einzige war, der ihn reiten konnte.“

„Jaaa“, murmelte sie nachdenklich. „Ist es nicht eine Ironie des Schicksals, dass Daddy an dem Tag, an dem er umgebracht wurde, Major Bob geritten hat und nicht Dough Boy?“

Ein dummer Zufall? Sicher nicht. Ganz gleich, welches Pferd Joel geritten hätte – er wäre an dem Tag gestorben, weil jemand es darauf abgesehen hatte, ihn umzubringen.

„Ich würde mich lieber an andere Tage als ausgerechnet an diesen Tag erinnern“, bekannte Matthew.

Sie seufzte und deutete zur Tür zu ihrer Rechten.

„Dies wird dein Zimmer sein. Ich hätte dir auch eines mit Blick auf den Hof geben können, aber ich dachte, dir wäre die beste Matratze wichtiger als die beste Aussicht.“

Sie bedeutete ihm, einzutreten. Matthew hatte das Gefühl, sich in einer mexikanischen Villa zu befinden. In das hohe Kopfteil des Bettes waren Bilder kämpfender Stiere geschnitzt. Das große Fenster wurde von schweren dunkelroten Vorhängen gerahmt. Es gewährte einen Blick auf die mondbeschienene Wüste und die dahinter liegenden Berge.

„Hast du nur die eine Tasche?“, fragte Camille.

„Nein, ich habe noch eine weitere im Wagen, aber die brauche ich heute nicht.“

Sie nickte. „Gleich nebenan ist dein Bad. Fühl dich wie zu Hause.“

Er empfand mit jedem Schritt ganz bewusst, nicht in dieses Haus zu gehören – nicht zu dieser Frau. Doch Blake hatte ihn angewiesen, hier zu wohnen, und er würde alles tun, um den Mann glücklich zu machen. Nicht, weil Blake sein Boss war, sondern weil er und seine Brüder Chandler, Holt und Joseph wie Blutsbrüder für ihn waren und es immer sein würden.

„Danke. Das ist sehr nett.“ Er stellte den Seesack ab und sah zu Camille hinüber. „Ich … äh … Es war nicht meine Idee, hier im Haus zu wohnen.“

„Das habe ich mir schon gedacht.“

„Blake hat noch einen zusätzlichen Mann mitgeschickt. Drüben war nicht genug Platz für ein weiteres Bett.“

Sie zuckte die Schultern. „Kein Problem. Du störst mich nicht. Und ich werde die meiste Zeit weg sein, ich werde dich also auch nicht stören.“

Vielleicht nicht, aber im Moment machte sie ihn doch leicht nervös. Merkwürdig, dass er sie nicht so in Erinnerung gehabt hatte. Ihr Haar war gewachsen und fiel ihr bis zur Taille herunter. Sie trug eine weite geblümte Hose. Das dazu passende Top hatte einen V-Ausschnitt, und wenn sie sich auf eine bestimmte Art bewegte, konnte er den Ansatz ihrer Brüste sehen. Als sie Three Rivers verlassen hatte, war sie extrem schlank gewesen. Jetzt hatte sie einige Rundungen, die ihr, wie er fand, ausgesprochen gut standen.

„Keine Angst, wir haben hier so viel Arbeit, dass unsere Wege sich wahrscheinlich kaum kreuzen werden.“

Auf ihren vollen Lippen zeigte sich der Anflug eines Lächelns. „Erfrische dich und komm dann in die Küche. Ich mache dir etwas zu essen.“

Er wollte protestieren, wusste aber, dass es zwecklos war. Und wieso auch? Er nahm an, dass sie ihn fortan sich selbst überlassen würde.

2. KAPITEL

Camille holte das Rib-Eye-Steak aus dem Kühlschrank. Während sie Butter in die schwere Pfanne tat, war sie mit ihren Gedanken bei Matthew Waggoner.

Wann war er zu einem derart attraktiven Mann geworden? Sie erinnerte sich weder an diese breiten Schultern und die schmalen Hüften noch an diese muskulösen langen Beine. Und dann dieses blonde Haar! Früher hatte er es an den Seiten kurz getragen. Nun war es lang und lockte sich in seinem Nacken und um den Ohren. Aber es waren eigentlich nicht diese Äußerlichkeiten, die ihr als Erstes aufgefallen waren. Etwas hatte sich geändert in seinen Gesichtszügen. Vielleicht war es die Härte in seinen grauen Augen oder das markant geschnittene Kinn. Was auch immer – er war eindeutig zu sexy für ihren Seelenfrieden.

Sie meinte, ein spöttisches Lachen in ihrem Innern zu hören. Hatte sie sich nicht geschworen, wenigstens die nächsten zehn Jahre einen großen Bogen um alle Männer zu machen? Und kaum sah sie den Vorarbeiter von Three Rivers, da bekam sie Herzflattern wie ein unbedarftes Schulmädchen?! Sie kannte den Mann, seit sie ein Teenager war. Sie waren nicht mehr als Bekannte füreinander gewesen. Daran hatte sich nichts geändert, absolut gar nichts.

Sie war noch dabei, das Steak zu braten, als Matthew in die Küche kam. Er hatte sich nicht umgezogen, war aber zum Frischmachen in seinem Badezimmer gewesen. Die langen Ärmel hatte er hochgekrempelt, sie ließen kräftige Arme sehen, die ebenso gebräunt waren wie sein Gesicht. Offensichtlich war er sich mit feuchten Händen durch das Haar gefahren. Nasse Strähnen fielen ihm in die Stirn und auf die Ohren.

Allein sein Anblick genügte, um ihren Puls zu beschleunigen.

„Setz dich doch, Matthew. Möchtest du zum Essen ein Glas Wein oder ein Bier?“

Er ließ sich auf den Stuhl am Kopfende des Tisches sinken. „Ein Bier wäre nicht schlecht.“

Sie brachte es ihm. „Falls du dich jetzt fragst, ob ich zur Trinkerin geworden bin – ich habe Bier und Wein hier, um damit zu kochen.“

„Ich habe nichts dergleichen gedacht“, versicherte er ihr.

Steak und Pommes frites waren fertig. Sie drapierte beides auf einem Teller und holte noch eine Schale mit Salat aus dem Kühlschrank.

Er schüttelte den Kopf. „Das war so nicht abgemacht.“

„Ich wusste nicht, dass wir eine Abmachung hatten.“

„Ich bin nicht dein Gast. Ich bin hier, um zu arbeiten.“

„Das musst du mir nicht sagen, Matthew. So war es schon vor Jahren.“

Seit vierzehn Jahren, um genau zu sein. Als Matthew neu auf Three Rivers gewesen war, hatte Joel ihn zusammen mit vier weiteren Männern mit nach Red Bluff genommen. Die Arbeit war anstrengend gewesen, aber die enge Zusammenarbeit mit Joel hatte Matthews Leben tatsächlich verändert, denn er hatte den Vater gefunden, der ihm immer gefehlt hatte.

„Möchtest du Ketchup? Oder Steaksoße?“

Camilles Frage riss ihn aus seinen Erinnerungen. Mit einem müden Seufzer zog er den Teller zu sich herüber. „Nein, danke. Das ist gut so.“

Er erwartete, dass sie ihn allein ließ, aber sie setzte sich zu ihm.

„Blake scheint ja diesmal sehr viele Rinder geschickt zu haben. Ich habe gesehen, dass ihr zusätzliche Pferche gebaut habt.“

„Ja, er hat welche dazugekauft. Wenn die Preise fallen, schlägt dein Bruder immer sofort zu.“

Sie lächelte vage. „Blake ist ein guter Geschäftsmann.“

Das Steak zerging ihm auf der Zunge, was ihn überraschte. Camille verfügte offensichtlich über Kochkünste, die er nicht vermutet hatte, weil schon lange vor Camilles Geburt eine Köchin auf Three Rivers gewirkt hatte – Reeva. Und Reeva teilte ihr Reich nicht gern.

„Ich nehme an, es gefällt dir auf Red Bluff“, bemerkte er. „Du bist jetzt schon ziemlich lange hier.“

„Hat die Familie dich geschickt, um mich auszuhorchen?“

Er ließ sich Zeit mit der Antwort und genoss noch ein Stück von dem Steak. „Der Witz war gut, aber ich bin zu müde, um zu lachen.“

„Was soll daran witzig sein?! Du gehörst doch zur Familie. Du weißt ebenso gut wie ich, dass sie mich dazu bringen wollen, nach Three Rivers zurückzukommen.“

„Ich habe dich nichts gefragt“, sagte er, „es war nur eine Feststellung. Doch es ist wohl so, dass das Ganze ein heikles Thema ist.“ Er konzentrierte sich wieder auf das Essen.

„Es tut mir leid, Matthew“, sagte Camille schließlich. „Es ist nur so, dass ich diese Fragerei der Familie satthabe. Sie können einfach nicht akzeptieren, dass ich hier leben möchte.“

„Sie sorgen sich um dich, weil sie glauben, dass du immer noch diesem Danby nachtrauerst.“

Sie presste für einen Moment die Lippen zusammen. „Graham Danby ist für mich abgehakt“, erklärte sie dann mit Nachdruck. „Ich bin absolut glücklich mit meinem Singledasein.“

„Okay.“

Seine gelassene Antwort schien ihr irgendwie den Wind aus den Segeln zu nehmen, bis sie zum Gegenangriff startete. „Da mein Privatleben ja ausgiebig diskutiert zu werden scheint, darf auch ich ein paar Fragen stellen. Zum Beispiel, ob du je über deine gescheiterte Ehe mit Renee hinweggekommen bist.“

Es verblüffte ihn, dass sie dieses Thema anschnitt, aber unter den Umständen konnte er ihr wohl kaum raten, sich um ihre eigenen Angelegenheiten zu kümmern.

„Wer ist Renee?“

Sie schnaubte verächtlich. „Du kannst mir nichts vormachen, Matthew. Das Ganze ist wenigstens zehn Jahre her, und du hast nie wieder geheiratet. Entweder liebst du diese Frau immer noch oder aber du hast Angst, dich wieder zu binden.“

Er spießte ein paar Pommes frites auf die Gabel. „Deine erste Vermutung liegt völlig daneben, und die zweite ist auch nicht ganz richtig.“

Sie musterte ihn durchdringend, und er fragte sich, wonach sie suchte. Nach einem Zeichen der Schwäche? Nach einem Riss in der Fassade?

„Ich gebe zu, dass die Scheidung mir erst einmal den Boden unter den Füßen weggezogen hat“, bekannte er.

„Und ganz umsonst. Ich hätte dir von Anfang an sagen können, dass die Frau … eine hohle Nuss war.“

Er musterte sie aus zusammengekniffenen Augen. „Woher hättest du das wissen wollen? Du warst damals gerade mal ein Teenager.“

„Man muss nicht zwanzig sein, um eine Frau zu durchschauen.“

Er schüttelte den Kopf. „Männer lernen offenbar nur langsam.“

Sie quittierte die Erkenntnis mit einem Lächeln. „Das Letzte, was ich gehört habe, war, dass du mit einer Rothaarigen aus Yarnell zusammen bist. Ist es etwas Ernstes?“

„Nein, ich habe sie schon seit über einem Jahr nicht mehr gesehen. Und ich habe nicht die Absicht, mit irgendjemandem etwas Ernstes anzufangen. Das überlasse ich dir und Vivian und deinen Brüdern.“

„Ach, mich kannst du getrost von der Liste streichen, Matthew. Eher schneit es in Red Bluff, als dass ich heirate.“

Die Bitterkeit, die in ihrem Ton mitschwang, entsprach seinen eigenen Gefühlen zu diesem Thema. Er verstand, wie demütigend es für sie gewesen sein musste, als Danby sich für eine andere entschieden hatte. Ihm war es ähnlich ergangen, als Renee ging.

„Was fängst du denn im Moment gerade mit dir an?“, erkundigte Matthew sich.

Sie war überrascht. „Hast du noch nichts von meinem Job gehört?! Das schockiert mich aber nun wirklich.“

Er schüttelte den Kopf. „Nein. Hast du einen Bürojob in Benson oder Tucson gefunden?“

„Großer Gott, nein! Bevor ich noch einmal in einem Büro arbeite, müsste die Sonne am anderen Ende der Wüste aufgehen.“ Sie erhob sich, um einen Kaffee aufzusetzen.

„Wieso?“, fragte er verblüfft. „Du hast doch das College besucht. Willst du die ganze Ausbildung in den Wind schießen?“

„Ich habe nur Daddy zuliebe Betriebswirtschaft studiert. Ich hatte es ihm versprochen.“

„Er ist kurz nach dem Ende deiner Schulzeit umgekommen. Er hätte es nie erfahren, wenn du etwas anderes gemacht hättest.“

„Vielleicht nicht, aber ich hätte es gewusst. Ich habe ihm ein Versprechen gegeben, und ich wollte es nicht brechen.“

Ihre Loyalität ihrem Vater gegenüber überraschte ihn keineswegs. Auch wenn Camille nie das Cowgirl gewesen war wie ihre Mutter und ihre Schwester Vivian, so hatte sie Joel doch sehr nah gestanden – und er ihr. Vielleicht, weil sie das Nesthäkchen der Familie war. Oder vielleicht auch, weil sie sich von Vivian sehr unterschied und weil Joel das Gefühl gehabt haben musste, seine Jüngste beschützen zu müssen.

„Wenn du nicht in einem Büro arbeitest, was machst du dann?“, fragte er.

„Ich bin Köchin in einem Schnellrestaurant in der Nähe von Dragoon.“

Er hatte Mühe, ihr zu folgen. „Der Ort hat maximal dreihundert Einwohner. Ich wusste gar nicht, dass es dort ein Restaurant gibt. Ich erinnere mich nur an ein paar Häuser und alte Gebäude.“

„Glaub mir, das Restaurant existiert. Es liegt nicht weitab von der Interstate. Viele Leute, die auf dem Weg von Wilcox nach Benson und Tucson sind, machen dort Halt. Das Gebäude macht nicht viel her, und wir beschränken uns vorwiegend auf Schnellgerichte, aber den Gästen scheint es zu schmecken, und ich arbeite gern dort.“

In dem Moment, als sie begann, von ihrer Arbeit zu sprechen, entspannten sich ihre Züge.

„Ehrlich gesagt, Camille – bis heute Abend habe ich nicht einmal gewusst, dass du überhaupt kochen kannst.“ Er deutete auf seinen leeren Teller. „Es war ausgezeichnet.“

„Danke, das höre ich gern.“ Sie lehnte sich zurück und verschränkte die Arme vor der Brust. „Ich glaube, Mom bedauert, dass Reeva mir erlaubt hat, in der Küche zu helfen. Sie hat sich beruflich sicher etwas anderes für mich erhofft als einen Job als Köchin.“

„Wieso? Weil du eine Hollister bist?“

Sie zog die Nase kraus. „Reicht das nicht?“

Er schwieg einen Moment, bevor er nachdenklich sagte: „Ja, der Anspruch ist ziemlich hoch.“

„Ich glaube, du verstehst das tatsächlich.“

„Wieso sollte ich nicht? Ich bin kein Hollister, aber Joel hat immer hohe Erwartungen an mich gehabt – mehr, als ich mir selbst zugetraut habe. Ich habe mich immer bemüht, aber ich weiß nicht, ob es je genug gewesen ist.“

„Es war mehr als genug. Du warst wie ein Sohn für ihn.“

Diese Worte aus Camilles Mund zu hören, berührte ihn zutiefst. Wie konnte es sein, dass das Wiedersehen mit ihr Erinnerungen heraufbeschwor, die er so lange unterdrückt hatte?

Sie trug seinen leeren Teller zur Spüle. Matthew rieb sich müde das Gesicht. Die nächsten beiden Wochen würden noch schwerer werden als befürchtet. Wie früh musste er wohl am Morgen aufstehen, um Camille aus dem Weg gehen zu können? Und wie spät musste er sich abends noch draußen herumtreiben, bis sie zu Bett gegangen war?

Ihr Duft stieg ihm in die Nase. Er ließ die Hände sinken und sah, dass sie mit einem Stück Schokoladenkuchen und einer Tasse Kaffee zurückgekommen war.

„Ich sehe, dass du müde bist, aber ich dachte, du magst vielleicht noch einen Nachtisch.“

„Hast du den Kuchen gebacken?“

Sie lächelte leicht. „Ja, ich backe auch für das Restaurant. Der Kuchen kommt bei den Gästen so gut an, dass der Betreiber des Restaurants mir für das Backen extra etwas bezahlt.“

Blake dachte, seine Schwester bliebe auf Red Bluff, weil sie an gebrochenem Herzen litt. Wie er sich doch irrte! Camille wirkte ausgesprochen zufrieden. Wenn die Hollisters erwarteten, dass sie irgendwann zu ihnen zurückkehrte, um sich an ihrer Schulter auszuweinen, stand ihnen eine Überraschung bevor.

„Der schmeckt wirklich fein“, sagte er nach dem ersten Bissen. „Er schmeckt so gut wie der von Reeva.“

„Danke. Das ist das beste Kompliment, das du mir machen konntest.“

„Isst du nichts davon?“

„Nein, ich habe meine Süßigkeitenration des Tages schon hinter mir.“

Sie stützte die Ellenbogen auf den Tisch und legte das Kinn auf die Hände. „Was war denn in letzter Zeit auf Three Rivers so los? Mom hält mich zwar auf dem Laufenden, aber ich glaube, einige Themen meidet sie dabei.“

„Was zum Beispiel?“

„Zum Beispiel die Babys meiner Geschwister. Sie denkt, davon zu hören, würde mich traurig stimmen, weil ich selbst keine Kinder habe.“ Sie wiegte den Kopf. „In mancherlei Hinsicht tut es das vielleicht auch. Aber wenn das Schicksal will, dass ich Kinder bekomme, werde ich sie über kurz oder lang bekommen.“

Sie hatte die Direktheit ihrer Mutter und den praktischen Sinn ihres Vaters. Matthew konnte sie nur bewundern.

„Allen Kindern geht es gut, und es wird jetzt nicht mehr lange dauern, bis Holts Baby kommt. Kaum vorstellbar, dass er dann ein Daddy ist.“

„Ich freue mich für ihn. Isabelle ist eine wunderbare Frau. Sie passen gut zusammen.“ Sie sah Matthew durchdringend an. „Was ist mit den Nachforschungen zu Dads Tod?“

„Du weißt davon?“

„Mom und meine Brüder reden nicht darüber, aber Vivian erzählt mir alles. Sie sagt, Mom verschließt sich, wenn sie ihr irgendwelche Fragen dazu stellt, und unsere Brüder sind einfach wie besessen von dem Thema.“

„Was meinst du denn dazu?“, erkundigte er sich. „Sollten sie ihre Nachforschungen fortsetzen oder das Ganze bleiben lassen?“

„Ich nehme an, es wäre gut, die Angelegenheit endgültig zu klären, auch wenn letztlich nichts Daddy zurückbringen kann. Das ist für mich eigentlich das größere Problem als die Ungewissheit.“

„Deine Brüder wollen Gerechtigkeit.“

„Ist es nicht eher Rache?“

„Vielleicht. Das könnte ich für mich auch nicht ausschließen.“

Er erhob sich und sammelte das Geschirr ein. „Danke für das Essen, Camille. Ich muss mich jetzt wirklich hinlegen. Die Männer treffen sich um halb sechs. Da bleibt nicht mehr viel Zeit für Schlaf.“

Sie nahm ihm das Geschirr ab. „Ich übernehme das“, sagte sie dabei. „Geh du nur in dein Zimmer.“

In der Tür drehte er sich noch einmal um. „Ich finde, von jetzt an sollte ich mich allein versorgen, Camille.“

Ihr leichtes Lächeln verriet, dass seine Meinung keine große Rolle spielte. Letztlich würde sie doch tun, was sie wollte.

„Gute Nacht, Matthew.“

„Gute Nacht, Camille.“

Am nächsten Morgen im Schnellrestaurant in Dragoon schob Camille einen Stapel Pfannkuchen und zwei gewendete Eier auf einen vorgewärmten Teller, stellte ihn auf den Tresen und schlug auf die Klingel, um Peggy zu zeigen, dass die Bestellung fertig war.

Die Kellnerin schnappte sich den Teller und eilte davon. Camille tastete nach der nächsten Bestellung und registrierte erleichtert, dass keine da war. Sie hatte alles weggearbeitet.

„Wow! Was für ein Betrieb! Ich bin kein einziges Mal zum Verschnaufen gekommen!“ Peggy kam durch die Schwingtür in die kleine Küche. „Wo kommen bloß all die Leute her?“

Camille ließ sich auf einen Hocker sinken und sah zu der großen Frau hinüber, die sich das Haar zu einem Knoten gebunden hatte. Peggy war Anfang dreißig, hatte große braune Augen und ein freundliches Lächeln, hinter dem sie die Enttäuschungen ihres Lebens verbarg. Sie war Camille eine gute Freundin geworden.

„Die paar Mal, in denen ich Gelegenheit hatte, in den Gastraum zu sehen, habe ich nicht ein bekanntes Gesicht gesehen. Es müssen alles Durchreisende sein.“

„Das ist wahrscheinlich auch gut so. Wären wir allein auf die paar Einwohnerinnen und Einwohner von Dragoon angewiesen, könnten wir bald schließen.“ Peggy sah Camille an und schüttelte den Kopf. „Also ich verstehe wirklich nicht, wieso du dein Leben in dieser gottverlassenen Einöde vergeudest.“

„Weil ich diese gottverlassene Einöde mag. Ich habe es in der Großstadt versucht, mit all dem Verkehr und den vielen Menschen, mit schickem Kostümchen und High Heels. Ja, ich habe dort gut verdient, aber das war es mir nicht wert.“

Peggy steckte ihren Knoten neu. „Hmm, ich hätte nichts dagegen, es irgendwann einmal auszuprobieren. Einfach nur, um zu sehen, wie es ist, in einem Haus zu leben, in dem nicht ständig alles voller Wüstensand ist. Einmal möchte ich erleben, wie es ist, wie eine Frau zu riechen und nicht nach verbranntem Kaffee und Bratfett.“

„Wen stört der Staub?!“, meinte Camille wegwerfend. „Und wenn die Männer ehrlich wären, hätten die meisten lieber eine Frau, die nach Essen riecht als nach Blumen.“

„Wer will überhaupt schon einen Mann?“ Peggy lachte trocken. „Ich jedenfalls nicht. Und sogar, wenn es anders wäre – die Zahl der männlichen Singles ist hier sehr überschaubar.“

Camille betrachtete ihre Freundin nachdenklich. Würde Peggy sich etwas mehr Mühe mit ihrem Äußeren geben, wäre sie wirklich attraktiv.

„Das stimmt, aber das heißt nicht, dass du nicht die Augen offen halten solltest. Du hast mir doch erzählt, wie sehr du dir ein Kind wünscht. Dazu brauchst du nun einmal einen Mann.“

Peggy warf ihr einen müden Blick zu. „Es geht ja auch mit künstlicher Befruchtung.“

„Würdest du das wirklich tun?“

„Wäre doch besser, als sich mit einem Kerl einzulassen, der dir was von Liebe vorsülzt und dich dann bei der nächsten Gelegenheit betrügt.“

Nach allem, was Peggy ihr erzählt hatte, war sie einmal verlobt gewesen, aber der Mann hatte sich als Choleriker erwiesen, und sie hatte ihn verlassen, bevor es zur Hochzeit gekommen war. Später hatte sie einen Autoverkäufer aus Tucson geheiratet, der sie eine Woche nach den Flitterwochen bereits mit einer anderen betrogen hatte. Wegen der kurzen Dauer der Ehe hatte sie das Gelöbnis problemlos auflösen können. Jetzt betrachtete sie alle Männer als leibhaftige Teufel.

„Peggy, irgendwo da draußen wartet der Richtige auf dich. Du musst ihn nur finden.“

Du hast gut reden! Eine Schönheit, die sich hier in der Einöde versteckt?“ Sie schickte sich an, die Küche zu verlassen. „Übrigens, was machst du denn heute Abend? Ich dachte, ich fahre nach Benson und versuche, etwas für Gideons Halloweenparty zu finden. Kommst du mit?“

„Gideon gibt eine Party?“

Gideon war ein fünfundsiebzigjähriger Kriegsveteran und Witwer, der im Restaurant dafür zuständig war, die Tische abzuräumen und das Geschirr zu spülen. Camille konnte sich wirklich nicht vorstellen, dass er eine Halloweenparty veranstaltete.

„Seine Enkel kommen zu Besuch, und er möchte ihnen etwas Besonderes bieten. Ich habe angeboten, ihm zu helfen.“

Zu jeder anderen Zeit hätte Camille sofort zugestimmt und wäre mitgefahren, aber jetzt stellte sie sich vor, wie Matthew müde und erschöpft nach Hause kam – und sie sollte nicht da sein, um sich um ihn zu kümmern?

Was war nur los mit ihr? Sie war nicht verantwortlich für Matthew. Er war ein erwachsener Mann, der seit Jahren allein lebte. Er brauchte keine Frau, die um ihn herumschwirrte! Außerdem: In zwei Wochen verschwand er wieder nach Three Rivers, und sie würde ihn erst in einem Jahr wiedersehen.

Wenn sie allerdings etwas Zeit mit dem Mann verbringen wollte, dann sollte sie das Beste aus den zwei Wochen machen.

„Danke, Peggy, aber im Moment sind die Männer von Three Rivers auf Red Bluff, und ich habe das Gefühl, ich sollte zu Hause sein.“

Peggy runzelte die Stirn. „Wozu? Du machst doch sonst auch keine Arbeiten auf der Ranch.“

Normalerweise wäre die Bemerkung an Camille abgeperlt, aber diesmal versetzte sie ihr einen Stich. „Früher bin ich schon geritten und habe Rinder getrieben. Ich dachte einfach, es könnte sein, dass sie mich irgendwie brauchen oder so.“

Peggy zuckte die Schultern. „Okay, dann spiele das Cowgirl. Ich muss irgendetwas für Halloween finden.“

Sie verschwand. Camille fuhr sich mit der Hand über die Stirn. Sie verstand selbst nicht, was mit ihr los war.

Seit Matthew am vergangenen Abend vor ihrer Tür erschienen war, hatte sich ihre Einstellung irgendwie verändert, sie befand sich in einer merkwürdigen Verfassung. Das Wiedersehen hatte viele Erinnerungen geweckt. Sie fühlte sich wohl in seiner Gegenwart. Das war umso erstaunlicher, als sie ihm früher nie nah gestanden hatte. Wieso wollte sie es also jetzt?

Die Glocke über der Eingangstür des Restaurants schlug an. Minuten später brachte Peggy zwei neue Bestellungen.

Erleichtert machte Camille sich wieder an die Arbeit – aber auch die konnte ihre Gedanken nicht von Matthew ablenken.

3. KAPITEL

Die fünf mit Matthew auf Red Bluff arbeitenden Cowboys bildeten ein gutes, zuverlässiges Team im Alter zwischen zwanzig und sechzig. Curly, der Koch der Truppe, war der Älteste und Pate der Jüngste – ein großer schlaksiger Cowboy mit üppigem schwarzem Haar und einem entspannten Grinsen. Dazwischen rangierte Scott – ein Mann in den Dreißigern und ein Zauberer mit dem Lasso. Abel, ein Rothaariger mit einem Gesicht voller Sommersprossen und einer ungestümen Persönlichkeit, war fünfundzwanzig, hatte aber schon viel Erfahrung mit der Arbeit auf einer Ranch. TooTall hieß ein indigener Amerikaner vom Stamm der Yavapai – ein erfahrener Reiter, der sehr oft mit Holt Hollister zusammenarbeitete. TooTall war eine ruhige Person – ein Einzelgänger, der niemandem sein Alter verriet. Matthew schätzte ihn auf dreißig, aber es hätte ihn auch nicht überrascht, wenn der Mann wesentlich älter gewesen wäre.

Matthew hatte am Morgen Curly und Abel angewiesen, auf der Ranch zu bleiben und sich um die eingepferchten Tiere zu kümmern, während die anderen mit ihm zusammen die jungen Stiere suchen sollten. Am Himmel sah man kein Wölkchen, und gegen Mittag brannte die Sonne gnadenlos auf die zerklüfteten Felsen am Südrand der Ranch.

Bisher hatten sie zwanzig Tiere eingefangen und in einem provisorisch errichteten Pferch zusammengetrieben. Sie waren erfolgreich gewesen, aber Matthew meinte, sich sicher zu sein, dass sich hier in der Gegend noch mindestens zehn weitere Stiere aufhalten mussten. Blake wollte sie alle auf Three Rivers untergebracht wissen, und sein Wunsch war Matthew sozusagen Befehl.

„Mein Arm fühlt sich an wie ein Nadelkissen!“, klagte Pate. „Ich habe sicher fünfzig Stacheln abbekommen.“

Matthew sah zu dem jungen Mann hinüber, der neben ihm im spärlichen Schatten eines Josuabaums saß, unter dem die kleine Gruppe seit einer halben Stunde eine kurze Mittagspause machte. Die Pferde dösten im Schatten, während die Männer aßen, was sie in ihren Satteltaschen mitgebracht hatten.

„Sieh nur zu, dass du heute Abend alle Dornen rausbekommst“, riet Matthew. „Sie könnten sich sonst leicht entzünden.“

„Ich hätte meine Jacke anbehalten sollen, aber es ist so verdammt heiß.“ Pate blinzelte in die Sonne. „Ich glaube, wir brauchen noch ein, zwei Tage, um die anderen Stiere zu finden. Es gibt hier einfach zu viele Schluchten, wo sie sich verstecken können. Und bisher haben wir ja noch keine Spur von ihnen gesehen.“

Pate war zwar ein guter Cowboy, doch er hatte noch viel zu lernen. Genauso war es damals Matthew ergangen, als Joel Hollister ihn unter seine Fittiche genommen hatte. „Ganz gleich, ob es eine Woche oder zehn Tage dauert, wir werden sie finden“, sagte er.

Pate stieß einen Pfiff aus. „Meine Güte, bei dem Tempo kann es ja Thanksgiving werden, bevor wir wieder nach Three Rivers kommen!“

Matthew grinste. „Was ist los? Gefällt dir dein Feldbett nicht, oder ist Curlys Essen das Problem?“

„Beides.“ Der junge Mann schnitt eine Grimasse. „Ich nehme an, in der großen Hacienda ist es etwas angenehmer. Wie sieht das Haus von innen aus?“

„Nett.“

Pate runzelte die Stirn. „Nett? Mehr fällt dir dazu nicht ein?“

Matthew zuckte die Schultern. „Ich habe nicht weiter darauf geachtet.“

„Kann ich mir vorstellen – wenn du stattdessen Camille Hollister studieren kannst.“

Matthew maß ihn mit einem kalten Blick. „Diesmal habe ich es überhört, Pate, aber sollte ich diese Worte noch einmal hören, wird es ungemütlich.“

Der junge Cowboy war wie vom Donner gerührt. „Was zum Teufel ist los?“

„Du hast gehört, was ich gesagt habe.“

Matthew verstaute die Reste seines Essens in der Satteltasche und gab das Signal zum Aufbruch.

„Wir suchen diese Ecke ab, bis wir den südlichen Zaun erreichen. Falls wir nichts finden, bringen wir die Stiere, die wir schon haben, zur Ranch und starten morgen früh neu.“

Es war wohl eine Stunde später, als Matthew an einem Felshang entlangritt. Da tauchte Pate an seiner Seite auf.

„Hast du etwas gefunden?“ Matthew sah ihn fragend an.

„Nein, nichts.“ Er schob den Stetson in den Nacken und fuhr sich mit der Hand durch das Haar. „Ich … äh … ich wollte nur sagen, es tut mir leid, falls ich vorhin etwas Falsches gesagt habe. Nichts gegen Miss Hollister. Ich meinte nur … na ja, ich habe sie nie gesehen, aber einige der Männer sagen, sie sei wirklich hübsch.“

Matthew seufzte. Pate konnte ja nicht ahnen, dass er seit dem vergangenen Abend versuchte, sich Camille aus dem Kopf zu schlagen, aber ständig sah er ihr Gesicht vor sich und dachte darüber nach, was sie zu ihm gesagt hatte. Sie war nicht mehr die Frau, die Three Rivers vor zwei Jahren verlassen hatte. Diese neue Camille ging ihm extrem unter die Haut.

„Vergiss es, Pate. Ich habe im Moment eine ziemlich kurze Zündschnur, und es ist ein heikles Thema für mich, dass ich im Haupthaus wohne.“

„Wieso? Als Vorarbeiter zu funktionieren ist harte Arbeit. Du hast dir den Extrakomfort verdient.“

„Ich bin lieber mit euch zusammen.“

„Aber du bist der Boss.“

„Mag sein, aber das heißt manchmal auch, dass man Dinge tun muss, die man eigentlich nicht tun will.“

Pate schüttelte den Kopf. „Unseretwegen brauchst du dir keinen Kopf zu machen, Matthew. Wir lassen dich nicht im Stich. Wenn wir wieder zu Hause sind, wird Blake stolz sein auf unsere Arbeit.“

Stolz. Das Wort ging Matthew durch den Sinn, als er später am Abend durch die Hintertür ins Haus ging. Wäre Blake stolz, wenn er wüsste, dass sein Vorarbeiter Interesse an seiner Schwester hegte? Sicher nicht. Wahrscheinlich würde er fuchsteufelswild werden. Oder?

Die Hollisters waren keine Snobs. Obwohl sie zwei der größten Ranches in Arizona besaßen, behandelten sie alle anderen wie ihresgleichen. Es sei denn, jemand brachte sie bewusst auf die Palme – und das geschah nicht oft.

„Matthew, bist du das?“

Er wollte gerade in den Korridor zu seinem Zimmer abbiegen, als Camilles Stimme ihn aufhielt. Er drehte sich herum und sah seine Gastgeberin in der Tür zum Wohnzimmer stehen. Sie trug einen langen fließenden Rock, der in den Farben Grün, Lila und Türkis schillerte. Die Bluse war ebenfalls grün und wurde in der Taille durch einen silbernen Gürtel zusammengehalten. Falls das überhaupt möglich sein konnte, wirkte sie noch hübscher als am Vorabend. Bei ihrem Anblick verknotete sich Matthews Magen geradezu nervös.

„Ja. Ich habe meinen Schlüssel benutzt, weil ich dich nicht stören wollte.“

Sie trat zu ihm, und für einen verwegenen Moment fragte er sich, wie sie wohl reagieren würde, wenn er sie jetzt einfach in seine Arme zog und sie küsste. Darüber hatte er im Laufe der Jahre oft nachgedacht. Es war ein verrückter Gedanke, und er hegte nicht die Absicht, ihn in die Tat umzusetzen.

„Wolltest du dich an mir vorbeischleichen?“, fragte sie.

Ihr amüsiertes Lächeln verriet, dass sie es ihm nicht übel nahm. Ganz gleich, was er auch versuchte, er würde ihr nicht entgehen.

Er zuckte die Schultern. „Hat nicht geklappt, oder?“

„Wenn du dich frisch gemacht hast, habe ich etwas für dich in der Küche.“

„Camille, ich habe dir doch gesagt …“

„Ich weiß, was du gesagt hast“, unterbrach sie ihn, „aber solange du hier bist, wirst du essen, was ich für dich koche. Widerspruch ist zwecklos.“

Erneut stieg ihm der zarte Blumenduft ihres Shampoos in die Nase. „Es ist Samstagabend. Wieso bist du nicht auf der Piste und amüsierst dich?“

Sie lächelte. „Ich habe einen anstrengenden Tag hinter mir. Wieso? Hast du vor, heute Abend auszugehen? Am Rande von Benson hat ein neuer Klub aufgemacht. Wie ich gehört habe, sollen sie eine tolle Liveband haben. Du könntest dir dort einen aufregenden Abend machen.“

Es war schon nach zehn. Glaubte sie ernsthaft, dass ihm nach einem Tag im Sattel noch der Sinn nach Tanzen stand?

„Ich bin dreiunddreißig, Camille, keine dreiundzwanzig.“

Sie kehrte lachend in die Küche zurück und ließ ihn einfach stehen.

Als Matthew eine Viertelstunde später in die Küche kam, empfing ihn ein Teller mit Enchiladas, spanischem Reis und Bohnen, dazu mehrere warme Tortillas.

„Ich nehme an, du hast das alles in deiner Freizeit gekocht“, sagte er, während er Platz nahm.

„Denk nur nicht, dass ich extra für dich koche. Ich stehe nicht auf Sandwiches, und ich mag keine Fertiggerichte. Ich koche für mich, und du bekommst, was übrig bleibt. Fühlst du dich jetzt besser?“

„Okay, ich sage nichts mehr dazu.“

Sie klatschte in die Hände. „Hurra! Endlich kommen wir einen Schritt weiter.“

Sie stellte ein Bier vor ihn hin und machte sich auch selbst eine Flasche auf, bevor sie sich zu Matthew setzte. Offenbar beabsichtigte sie nicht, ihn beim Essen allein zu lassen.

„Wie ist es heute gelaufen?“, erkundigte sie sich. „Mir ist aufgefallen, dass die Rinder noch in den Pferchen stehen.“

„Wir haben heute die Stiere eingefangen. Blake möchte, dass sie alle nach Three Rivers gebracht werden. Das müssen wir also zuerst erledigen, bevor wir die Rinder laufen lassen können.“

„Und danach?“

Er aß ein Stück Tortilla, bevor er antwortete. „Danach verteilen wir die Herden im Areal, je nachdem, wo am meisten Gras ist.“ Er sah sie fragend an. „Wir machen dasselbe wie im vergangenen Jahr. Damals hast du keine Fragen gestellt.“

Sie schüttelte den Kopf. „Ihr Männer habt genug zu tun, auch ohne dass eine Frau dabei im Wege steht. Es sei denn, es sind Mom oder Vivian oder Isabelle. Die wissen, was sie bei einer solchen Aktion zu tun haben, doch ich war nie gut im Sattel oder beim Treiben.“

Ihr Eingeständnis überraschte ihn. „Wolltest du es nie erlernen?“

„Ich habe es ja versucht, aber für gewöhnlich war ich eher ein Problem als eine Hilfe. Einmal habe ich die Zügel fallen lassen. Als ich mich vorbeugte, um sie wieder aufzunehmen, habe ich dem Pferd unabsichtlich die Sporen in die Seite gedrückt. Es endete damit, dass ich in den Zaun geflogen bin und mir von dem wilden Ritt einen Haufen blauer Flecken geholt habe. Ein andermal wollte ich dabei helfen, die Kälber zu brandmarken. Irgendwie habe ich mich im Tau verheddert und musste anschließend zwei Monate einen Gipsverband tragen.“

„So etwas kommt immer mal vor.“

„Ja, aber nicht bei Mom oder Viv.“

Er sah sie herausfordernd an. „Du hast also Angst vor den Tieren.“

Sie drückte empört den Rücken durch. „Ich habe vor gar nichts Angst!“

„Hmmm. Es wird Maureen freuen, das zu hören. Sie denkt, du hast Angst, nach Hause zu kommen.“

„Ich bin zu Hause. Red Bluff gehört schließlich auch den Hollisters.“

Das wusste er natürlich, ebenso wie er wusste, dass sie einem Stück Dynamit glich – unter Druck gesetzt, konnte sie auf der Stelle explodieren.

Sie drehte den Spieß um. „Wovor hast du Angst, Matthew? Dir noch einmal an einer hohlen Nuss wie Renee die Finger zu verbrennen?“

Verglichen mit der Hitze tagsüber war es in der Küche kühl. Er schwitzte dennoch plötzlich. „Ich habe seit Renee viel über die Frauen gelernt“, sagte er, ohne den Blick vom Teller zu heben.

Er hörte sie seufzen.

„Ich habe seit Graham auch einiges dazugelernt.“ Sie drückte ihm leicht den Arm.

„Au! Verdammt!“

Sie zog hastig ihre Hand zurück und sah ihn verwirrt an. „Oh! Ich wusste nicht, dass ich so hart zugepackt habe. Tut mir leid!“

Er schüttelte den Kopf. „Es ist nicht deine Schuld – ich bin heute mit vielen Dornen und Kakteen in Kontakt gekommen. Ich glaube, einige Stacheln stecken noch in meinem Arm.“

Sie erhob sich. „Iss auf!“, wies sie ihn an. „Und geh nicht weg, bevor ich zurück bin.“

Matthew beschloss, dass es leichter war, einfach nachzugeben, als sich ihr zu widersetzen. Minuten später kam Camille mit einem großen Korb zurück. Sie stellte ihn auf den Tisch, schob Matthews leeren Teller beiseite und befahl ihm, die Ärmel hochzukrempeln.

Er stöhnte auf, als er sah, dass der Korb alle möglichen Erste-Hilfe-Utensilien enthielt.

„Nein, du brauchst mich nicht zu verarzten! Vergiss es!“

Sie sah ihn streng an. „Ich vergesse gar nichts. Ich habe nicht vor, dir wehzutun. Also hör auf, dich so anzustellen!“

„Die Männer, die heute mit mir unterwegs waren, haben auch alle möglichen Dornen in der Haut. Gehst du hinüber und behandelst sie auch?“

„Nein, die Männer können sich gegenseitig helfen. Du hast nur mich.“

Sie begann, Wattebällchen, Salben und eine Pinzette bereitzulegen. Matthew unterdrückte ein Stöhnen und rollte die Hemdsärmel bis über die Ellenbogen auf.

„Meine Güte, Camille, du tust, als hätte ich noch nie einen Stachel abbekommen“, murrte er dabei. „Das passiert doch ständig.“

„Vielleicht. Aber ich weiß zufällig, dass einige Dornen auch giftig sind für Menschen. Wenn man die nicht rauszieht, können sie zu Infektionen führen.“

„Das weiß ich alles und habe es auch meinen Männern gesagt.“

„Tss, tss, tss. Ich nehme an, du denkst, deine Haut ist so dick, dass sich bei dir nichts entzünden kann.“

Sie setzte sich und zog seinen Arm zu sich herüber. Matthew versuchte, das Gefühl ihrer Hand an seiner Haut zu ignorieren, aber es gelang ihm nicht. Also beschloss er, sich nicht mehr dagegen zu wehren und den Augenblick einfach zu genießen.

Sie betrachtete seinen Arm aufmerksam. „Das sieht ja schrecklich aus“, konstatierte sie. „Kein Wunder, dass du aufgeschrien hast, als ich dich berührt habe. Ich sehe wenigstens drei Dornen, die sofort entfernt werden müssen.“

„Gut möglich, wir sind heute durch viel Gestrüpp gekommen.“

„Das wird jetzt wahrscheinlich doch wehtun“, warnte sie. „Ich muss mich mit einer Nadel herantasten.“

„Nur zu, du bist ja weit genug von meinem Herzen entfernt.“

Sie hob den Kopf, und ihre Blicke trafen sich.

„Wirklich?“, fragte sie. „Ich hätte nicht gedacht, dass du so etwas hast.“

Oh, doch, er hatte ein Herz. Matthew spürte es in diesem Moment deutlicher denn je.

„Denkst du, ich wäre aus Stein oder so?“

Ihr Blick glitt zu seinen Lippen, und für einen Moment dachte er, sie würde ihn küssen. Aber das war wohl ein Irrtum, denn sie wandte sich wieder seinem Arm zu.

„Oder so“, murmelte sie dabei. „Daddy ausgenommen dachte ich immer, dass du keine Gefühle für irgendjemanden oder irgendetwas hast.“

Er musste sich räuspern, bevor die Stimme ihm gehorchte. „Joel war der erste Mensch, der mich nicht wie einen Fußabtreter behandelt hat, weißt du. Er hat mir gezeigt, dass ich genauso viel wert bin wie jeder andere und dass ich genauso viel kann. Er hat mein Leben entscheidend verändert.“

„Ja, Daddy war ein ganz besonderer Mann“, sagte sie versonnen. „Eines verstehe ich nicht, Matthew – was ist mit dem Onkel, bei dem du aufgewachsen bist?“

Er verzog das Gesicht. „Es überrascht mich, dass du von ihm weißt.“

„Eigentlich weiß ich nichts – Daddy hat nur erzählt, dass du von Gila Bend kommst und dass du bei einem Onkel aufgewachsen bist.“

„Odin Waggoner war ein Idiot, und sein Bruder, mein Vater, war keinen Deut besser.“

Sie sah ihn fragend an. Am liebsten hätte Matthew ihr gesagt, dass er grundsätzlich nicht über diese Zeit sprach. Nur mit Joel hatte er darüber geredet, weil er wusste, dass der Rancher ihn verstand und nicht auf ihn herabsah, weil er in einer kaputten Familie aufgewachsen war.

„Deutlicher kann man seine Gefühle wohl nicht ausdrücken.“

Ihr Blick spiegelte Mitgefühl wider – das war nicht das, was Matthew von ihr brauchte oder wollte.

„Es hat ja keinen Zweck, es zu beschönigen. Als ich noch ein kleiner Junge war, war mein Vater oft über Monate fort, und zwar zur Arbeit in einer Kupfermine, wie meine Mutter sagte. Angeblich schickte er jeden Monat Geld für unseren Unterhalt, aber wenn er es getan hat, dann war es nur sehr wenig. Meine Mutter ging putzen bei den besser gestellten Familien in Gila Bend. Nur so haben wir überlebt.“

„Und wie bist du dann bei deinem Onkel gelandet?“

Er seufzte. „Irgendwann hat meine Mom die Zeichen der Zeit erkannt und sich von Aaron scheiden lassen. Nicht lange danach erhielten wir die Nachricht, dass er bei einem Minenunglück in Bisbee ums Leben gekommen ist. Keiner von uns hat ihm eine Träne nachgeweint. Meine Schwester und ich waren nur froh, dass meine Mom den Mann damit ein für allemal los war. Aber ein paar Jahre später wurde sie krank und starb. Da meine Schwester und ich noch minderjährig waren, hatten wir die Wahl, zu Onkel Odin zu ziehen oder in ein Waisenhaus zu gehen.“

„Und wie ich dich verstanden habe, war dein Onkel kein idealer Vaterersatz.“

„Er war so geeignet als Vater wie eine Schlange, der man ein Nest Vogeleier überlässt. Sobald Claire und ich alt genug waren, sind wir gegangen. Ich bin in Gila Bend geblieben, während meine Schwester bis nach Kalifornien geflohen ist. Sie lebt jetzt in Bishop.“

„Ist sie verheiratet?“

„Sie war es, aber es hat nicht funktioniert. Ich nehme an, wir Waggoners sind ungeeignet für die Ehe.“

Etwas blitzte in ihren Augen auf, war aber gleich wieder verschwunden, bevor er es deuten konnte. Sie wandte sich wieder seinem Arm zu.

„Wie bist du dann zu uns gekommen?“

„Joel hatte eine Anzeige in der Zeitung von Phoenix geschaltet. Er suchte Aushilfen für das Brandmarken der Tiere. Ich wusste, dass Three Rivers eine große, angesehene Ranch ist, und dachte, ich könnte dort Arbeit für ein paar Tage finden. Mit der Empfehlung in der Tasche wollte ich mir dann eine feste Anstellung suchen.“

„Ich kann mich nicht erinnern, dass du die Ranch je wieder verlassen hättest“, bemerkte sie, während sie weiter nach in die Haut eingedrungenen Dornen suchte.

„Stimmt. Ich weiß bis heute nicht, was Joel in mir gesehen hat. Ich war jung und vollkommen unerfahren.“

„Dann hast du offensichtlich viel dazugelernt. Mom und Blake sagen, sie wären ohne dich komplett aufgeschmissen.“

„Da müssen sie nichts befürchten. Ich würde Three Rivers niemals verlassen.“ Renee hatte versucht, ihn dazu zu bringen, mit ihr nach Kalifornien zu gehen, wo sie mehr Möglichkeiten für sie beide sah. Doch nicht einmal die erste Liebe zu seiner hübschen jungen Frau hatte ihn von dem einzigen Zuhause fortzulocken vermocht, das er je gekannt hatte.

Camille entfernte vorsichtig einen Dorn nach dem anderen. Dabei ging sie so behutsam wie möglich vor. Matthew war fasziniert von ihren federleichten Berührungen. Er merkte kaum, dass sie seine Ärmel wieder herunterrollte.

„So“, sagte sie leise. „Das sollte helfen, aber du solltest die Stellen schon im Auge behalten.“

„Danke, Camille. Du bist eine gute Krankenschwester.“

„Es wäre mir lieber, als gute Köchin zu gelten.“

Matthew erhob sich, als sie ihre Utensilien wieder einpackte. „Du bist auch eine gute Köchin“, sagte er. „Vielen Dank für das Abendessen.“

„Geh doch ins Wohnzimmer und mach es dir gemütlich. Ich bringe dir noch einen Nachtisch und Kaffee.“

Er wollte weder das eine noch das andere, weil er nur eines brauchte: so viel Abstand wie möglich zu dieser Frau. Sonst bestand die Gefahr, dass er etwas sehr Dummes tat – dass er sie küsste.

„Es wird schon spät“, sagte er. „Ich sollte mich hinlegen.“

„Morgen ist Sonntag.“

„Das macht für die Männer und mich keinen Unterschied. Wir reiten wie immer um halb sechs los.“

Ihre Enttäuschung war offensichtlich. „Oh. Ich dachte, ich könnte dich dazu überreden, mich zur Kirche in Dragoon zu begleiten.“

Matthew wäre in der Tat gern mitgekommen. Seit er bei den Hollisters lebte, hatte er keinen gemeinsamen Kirchgang ausgelassen, weil ihm diese Tradition das Gefühl verlieh, dazuzugehören.

„Vielleicht am nächsten Sonntag. Okay?“

Er hatte das strahlende Lächeln nicht verdient, das sie ihm schenkte. „Okay. Dann setz dich jetzt ins Wohnzimmer, und ich komme gleich mit dem Nachtisch.“

Als Matthew sich auf die Ledercouch sinken ließ, hatte er das Gefühl, total zerschlagen zu sein. Der Arm schmerzte noch von den Dornen und die Schultern vom stundenlangen Reiten. Seine Augen brannten vom Schlafmangel und davon, dass er den ganzen Tag über in der sengenden Sonne gewesen war.

Unwillkürlich lehnte er den Kopf gegen die Rückenlehne der Couch und schloss die Augen. Er wollte sich nur einen Moment entspannen. Nur einen Augenblick …

Matthew merkte erst, dass Camille im Raum war, als er ihre Hand an der Seite seines Gesichts spürte.

4. KAPITEL

Matthew erschrak und schlug die Augen auf. Camille saß neben ihm und musterte ihn mit einer Mischung aus Sorge und Nachsicht.

„Äh … tut mir leid … ich muss eingeschlafen sein.“

„Das habe ich gesehen“, sagte sie leise. „Ich hätte dich schlafen lassen sollen, aber ich hatte Angst, du verbringst die ganze Nacht auf der Couch. Dabei solltest du im Bett sein, das ist erholsamer.“

Ja, er sollte im Bett sein. Mit ihr. Der unmögliche Wunsch ließ sich nicht so einfach aus seinen Gedanken vertreiben.

„Kein Grund zur Sorge“, sagte er ein wenig rau. „Ich bin jetzt wieder wach.“ Er sah, dass sie ein Tablett mit zwei Tassen Kaffee und zwei Schalen gebracht hatte. Offensichtlich wollte sie jetzt mit ihm einen Nachtisch essen.

„Ich habe Brotpudding für dich“, sagte sie. „Ich habe ihn heute im Restaurant gemacht, und den Gästen schien er zu schmecken. Ich dachte, dir vielleicht auch?“

Sie reichte ihm die Schale. Matthew erwartete, dass sie ihm gegenüber Platz nehmen würde, aber sie blieb an seiner Seite – so dicht, dass ihre Schulter und ihr Bein ihn berührten.

Er versuchte, den Kontakt zu ignorieren. Um sich abzulenken, fragte er: „Bist du die einzige Köchin im Restaurant?“

„Ja, es ist so klein, dass mehr nicht nötig wären. Der Inhaber hat noch eine Ersatzkraft, falls ich mal krank werde oder aus einem anderen Grund ausfalle. Aber das passiert nur selten.“

Er nahm einen Löffel Pudding und hätte fast aufgestöhnt über die herrliche Mischung aus Zimt, Rosinen und in Soße getränktem Brot. „Das schmeckt ja herrlich.“ Er schüttelte ungläubig den Kopf. „Ich hätte nie gedacht, dass du Spaß am Kochen hast, Camille, aber du bist wirklich gut.“

„Es macht mich glücklich, zu sehen, wie es den Menschen mundet.“ Sie strahlte ihn an. „Komm doch mal vorbei und sieh dir das Restaurant an, bevor du wieder fährst. Ich meine, falls du Zeit hast.“

„Ich will es versuchen.“

Als er sie so betrachtete, musste er wieder einmal daran denken, wie sehr sich ihre Familie irrte, wenn sie glaubte, Camille verstecke sich hier mit gebrochenem Herzen. Ganz im Gegenteil: Sie schien ihr Glück gefunden zu haben.

„Ich will dir ein Geheimnis verraten, Matthew. Ich habe ein ernsthaftes Gespräch mit dem Inhaber des Restaurants geführt. Wir haben von Tag zu Tag mehr Gäste, und ich würde gern die Speisekarte erweitern und jeden Tag ein Spezialgericht anbieten – gute alte Hausmannskost. Er ist sich unsicher, ob er damit Profit machen kann, aber ich bin überzeugt, es wäre ein Erfolg. Da er sich nicht entscheiden kann, habe ich angeboten, ihm das Restaurant abzukaufen.“

Das klang doch ganz so, als habe sie sich entschieden, für immer hier in Cochise County zu bleiben.

„Und wie hat er darauf reagiert?“

„Er will darüber nachdenken. Das verstehe ich natürlich. Er betreibt das Restaurant jetzt schon seit zwanzig Jahren, aber in letzter Zeit hat er des Öfteren laut darüber nachgedacht, sich zur Ruhe zu setzen, damit er und seine Frau reisen können. Ich hoffe nun sehr, dass er sich entschließt zu verkaufen.“

Matthew leerte die Schale und stellte sie zurück auf den Tisch. „Das wäre eine große Verantwortung“, sagte er. „Ganz zu schweigen von dem Geld, das du investieren müsstest.“

„Davon habe ich genug.“

Sie prahlte nicht damit, sondern stellte es nur fest. Keiner der Hollisters prahlte je mit seinem Bankkonto – vielleicht mit einem Pferd oder einer Kuh, aber nie mit Geld.

„Ich habe gehört, die Gastronomie ist ein sehr riskantes Geschäft.“

„Das stimmt schon, aber dieses Restaurant ist alteingesessen. Und falls die Idee mit dem Spezialgericht nicht angenommen wird, kann ich mich wieder auf die Schnellgerichte konzentrieren – so wie es immer gewesen ist.“

„Was würde deine Familie dazu sagen? Hast du es ihnen schon erzählt?“

„Machst du Witze? Natürlich nicht. Du bist der Einzige, der davon weiß. Ich hoffe, du hältst dicht. Zumindest noch eine Weile.“

„Meine Lippen sind versiegelt.“

Sie lachte. „Danke. Es ist ja nicht so, als wollte ich es ihnen für immer verheimlichen. Aber zuerst einmal will ich abwarten, ob Norman überhaupt bereit ist zu verkaufen.“

„Ich will ehrlich sein, Camille – ich glaube nicht, dass die Familie über deine Pläne sonderlich glücklich sein wird.“

„Das glaube ich auch nicht, aber das ist in Ordnung.“ Sie nahm seine Hände und verwob ihre Finger mit seinen. „Ich muss etwas tun, das mich glücklich macht, Matthew, weißt du. Ich glaube, du kannst das verstehen, oder?“

„Natürlich, aber du musst nicht mich überzeugen, sondern die anderen.“

„Das ist wohl wahr, aber ich würde mich besser fühlen, wenn du mir sagen könntest, dass du die Idee nicht für vollkommenen Unsinn hältst.“

Camille wollte seine Zustimmung. Das hätte er nie von ihr erwartet – vielleicht, weil Renee oder die wenigen anderen Frauen, die er nach ihr gehabt hatte, nie etwas auf seine Meinung zu ihren Plänen gegeben hatten. Ihnen war nur die eigene Meinung wichtig gewesen.

Ehe er begriff, was er tat, ließ er seine Daumen über ihre Handrücken gleiten. „Es ist alles andere als Unsinn, Camille. Und ich finde, du hast alles Recht der Welt, deine eigenen Träume zu verfolgen.“

Bestürzt sah er, dass es in ihren Augen verdächtig feucht wurde. Sie beugte sich spontan vor und drückte ihre Lippen an seine Wange. „Danke, Matthew – dafür, dass du so süß bist.“

Sein Widerstand bröckelte nicht, er brach einfach komplett zusammen. Plötzlich waren seine Hände in ihrem Haar, und er schob seine Gastgeberin ein wenig von sich.

„Ich bin nicht süß, Camille“, knurrte er. „Und ich möchte keine Tränen in deinen Augen sehen, sondern Feuer! Feuer und Verlangen!“

Mit einem Ausdruck ungläubigen Staunens – über sich selbst? Über ihn? – musterte sie ihn. „Oh, Matthew!“, flüsterte sie. „Küss mich. Bitte!“

Wie sollte er da widerstehen? Wortlos zog er sie in seine Arme und drückte seine Lippen auf ihre.

Die Vereinigung hatte nichts Zartes, Tastendes. Es war wie die Vereinigung von Winden zu einem Sturm. Er war befangen und suchte hungrig ihre Lippen, hörte kaum ihr leises Stöhnen und spürte nicht, wie sie die Arme um seinen Nacken schlang.

Erst als sie beide zusammen auf die Couch sanken, er halb über ihr, kam er wieder zu sich. Aber auch dann noch ließ er sich Zeit, seine Lippen von ihren zu lösen.

„Ich … äh … ich glaube, das ist etwas mehr als ein Kuss geworden.“ Seine Stimme war rau, aber Camille schien es nicht zu bemerken. Sie verstärkte den Druck ihrer Arme um seinen Nacken und zog ihn wieder an sich.

„Ich bin froh, dass es mehr geworden ist“, gestand sie leise. „Ich möchte sehr viel mehr als einen Kuss von dir, Matthew.“

In ihm rangen die Gefühle. „Du weißt nicht, was du da sagst.“

Er wollte sich von ihr lösen, aber sie hielt ihn – bis es irgendwann leichter wurde, der Versuchung ihrer Lippen nachzugeben, als zu versuchen, ihren Armen zu entkommen.

Diesmal nahm er sich Zeit, um ihre Lippen gründlich zu erkunden. Er hatte gehofft, es langsam angehen zu können, würde die Glut der Leidenschaft verglimmen lassen, aber das Gegenteil war der Fall: Sein Verlangen wurde immer weiter angefacht.

Als es ihm schließlich gelang, sich von ihr zu lösen, war die Gier nach ihr schon fast schmerzlich geworden. Er hatte das Gefühl, nie wieder genug Luft in seine Lungen zu bekommen.

„Es tut mir leid, Camille, aber das sollte nicht sein.“ Er strich sich das Haar aus der Stirn und versuchte, sich zu räuspern. „Das hier … was auch immer es war … hätte nie passieren dürfen.“

Er hatte erwartet, dass sie wütend reagieren würde oder zumindest gekränkt, aber sie setzte sich nur auf und strich ihm leicht über die Wange.

„Das glaubst du ebenso wenig wie ich“, sagte sie mit einem leichten Lächeln.

Er rang noch um eine passende Antwort, als sie sich plötzlich abwandte und begann, das Geschirr zusammenzustellen.

„Was machst du denn?“, fragte er irritiert.

„Sieht man das nicht? Ich räume den Tisch ab.“

Er war fassungslos. Noch vor wenigen Momenten waren sie kurz davor gewesen, Sex miteinander zu haben, und nun stellte sie das Geschirr zusammen, als wäre nichts gewesen?

„Das ist alles, was du dazu zu sagen hast?“

Sie nahm das Tablett auf. „Nein. Ich sage, du bist sehr müde. Geh zu Bett.“

Einen Moment lang erwog er, sie bei der Hand zu packen und sie mit in sein Bett zu nehmen. Das Problem dabei war: Er wusste, sie würde sich nicht dagegen wehren. Und später, wenn das Feuer erloschen war, würde sie ihn dafür hassen.

Sie verließ das Wohnzimmer ohne ein weiteres Wort.

Matthew unterdrückte einen Fluch und begab sich in sein Zimmer. Er wusste, es würde Stunden dauern, bis er endlich schlafen könnte.

Sonntag war der einzige Tag der Woche, an dem das Restaurant geschlossen war. Camille nutzte die Zeit für gewöhnlich, Dinge zu erledigen, zu denen sie sonst nicht kam.

Nach der Kirche fuhr sie nach Benson und kaufte einen großen Vorrat an Lebensmitteln, bevor sie zurück nach Red Bluff fuhr. Sie hatte gerade alles ins Haus getragen, als ihr Telefon klingelte.

Sie erkannte die Nummer ihrer Mutter und machte es sich rasch auf der Veranda gemütlich, bevor sie das Gespräch annahm.

„Hi, Mom. Wie geht’s?“

„Hallo, Darling! Wir sind gerade mit dem Sonntagsessen fertig, und da dachte ich, ich rufe mal bei dir an.“

„Mir geht es bestens. Und dir?“

Camille hörte ihre Mutter seufzen. Es klang müde. Oder traurig. Das war ungewöhnlich.

„Alles in Ordnung. Wir hatten viel zu tun – wir haben alle Rinder aus der Prescott-Gegend heruntergeholt. In Flagstaff schneit es schon. Wir wollten nicht riskieren, dass Kühe mit ihren Kälbern in einen Schneesturm kommen.“

Camille hätte ihre Mutter daran erinnern können, dass es nicht nötig war für sie, Stunden im Sattel zu verbringen, aber sie wusste, es wäre vergebliche Liebesmüh gewesen. Maureen liebte es, draußen zu sein, zu reiten und mit den Rindern zu tun zu haben. Das hielt sie schon ihr ganzes Leben so, und das war es, was sie während der langen Ehejahre so besonders mit Joel verbunden hatte.

„Habt ihr sie alle von den Wiesen herunterbekommen?“, erkundigte Camille sich.

„Nein, wir müssen morgen früh noch einmal los, aber morgen Abend sollten wir dann fertig sein.“

„Hier ist es noch sehr warm“, sagte Camille. „Ich nehme an, es wird erst gegen Weihnachten kühler.“

Es entstand eine etwas längere Pause, bevor Maureen vorsichtig sagte: „Du hast sicher noch nicht darüber nachgedacht, ob du zu Weihnachten nach Hause kommen möchtest?“

„Ich kann Norman zu der Zeit hier nicht im Stich lassen.“

„Aber es macht dir nichts aus, deine Familie über Thanksgiving und Weihnachten im Stich zu lassen.“ Maureen seufzte noch einmal. „Ich verstehe dich einfach nicht, Camille. Falls du glaubst, die Leute reden immer noch darüber, dass Graham Danby sich von dir getrennt hat, dann irrst du dich.“

Camille fluchte wenig damenhaft. „Mom, ich habe es dir doch schon hundertmal gesagt: Der Kerl bedeutet mir nichts mehr. Er hat mir einen Riesengefallen damit getan, dass er seinen Ring zurückverlangt hat. Ich bin jetzt glücklicher, als ich es je gewesen bin. Würde Graham mir heute über den Weg laufen, würde ich mich bei ihm dafür bedanken, dass er mehr Verstand gehabt hat als ich. Er hat begriffen, dass wir nicht zusammengehören – ich habe etwas länger zu dieser Erkenntnis gebraucht.“

Maureen schnaubte verächtlich. „Das würde ich dir vielleicht glauben, wenn ich nicht deine Tränen gesehen hätte, als du deine Sachen gepackt und Three Rivers verlassen hast. Du warst doch am Boden zerstört.“

„Nicht ich habe gelitten, sondern mein Stolz“, versicherte Camille ihr. „Weißt du, ihr seid doch alle willkommen, Weihnachten hier auf Red Bluff zu verbringen. Ich glaube, es ist Platz genug für alle da, auch für die Babys.“

„Ha! Wir bräuchten einen Bus, um alle unterzubringen. Aber ich könnte deine Einladung vielleicht annehmen – zumindest für ein paar Tage. Die Jungs gehen mir wirklich auf die Nerven.“

Camille runzelte die Stirn. Es sah ihrer Mutter so gar nicht ähnlich, sich über ihre Söhne zu beklagen. Schon gar nicht jetzt, wo endlich jeder seine Familie gegründet hatte. „Was haben meine Brüder getan, um dir auf die Nerven zu gehen?“

„Sie tun ständig so, als könnte ich jederzeit zusammenbrechen. Ich mag nicht mehr wie vor zehn Jahren aussehen, aber ich bin wirklich noch nicht reif für den Schaukelstuhl!“

„Sie meinen es doch nur gut mit dir, Mom.“

„Vielleicht. Aber ich glaube nicht, dass das der Grund für ihr Verhalten ist. Besonders Joseph. Joe glaubt, Joels Tod sei immer noch traumatisierend für mich. Keiner von ihnen hält sich an meine Worte, die Sache jetzt endgültig auf sich beruhen zu lassen. Sie können einfach nicht aufhören, sich weiter damit zu beschäftigen, bis sie vielleicht irgendwann einmal einen Schlussstrich ziehen können.“ Sie atmete tief durch. „Tut mir leid, Camille. Du willst das alles gar nicht hören. Und ich will eigentlich auch nicht darüber reden. Erzähl doch – wie läuft es mit Matthew?“

Camille setzte sich auf. „Matthew?“

„Ja, Matthew. Blake hat mir erzählt, dass er bei dir im Haus wohnt. Aber ich nehme an, du siehst nicht viel von ihm. Ich weiß, wie die Männer zu tun haben, wenn sie das Vieh in den Süden bringen.“

„Na ja, ich sehe ihn abends, wenn er ins Haus kommt. Ich habe ihn bekocht und … und dafür gesorgt, dass er alles hat, was er braucht.“

„Das ist gut. Ich hatte gehofft, dass du nett zu ihm bist.“

Camille runzelte die Stirn. „Was soll das denn heißen? Hast du allen Ernstes gedacht, ich wäre nicht nett zu ihm?“

„Ach, ich weiß nicht. Ich hatte immer den Eindruck, dass er dir gegen den Strich geht.“

Ihr ging nur eines gegen den Strich: dass es nicht zu mehr als zu heißen Küssen zwischen ihnen gekommen war. Erstaunlich, dass sie Jahre gebraucht hatte, um zu dieser Erkenntnis zu gelangen.

„Keine Ahnung, wie du darauf kommst“, sagte sie betont leichthin.

„Du hast dich sehr gefreut, als Renee und er sich haben scheiden lassen.“

„Nur, weil sie sich schrecklich verhalten hat“, verteidigte Camille sich. „Matthew hätte gleich begreifen sollen, dass sie nicht die Richtige für ihn war.“

„So wie du gleich hättest begreifen sollen, dass Graham nicht der Richtige für dich war?“ Die Spitze konnte Maureen sich nicht verkneifen.

„Genau“, konterte Camille trocken. Sie seufzte, als ihr die Bilder des vergangenen Abends durch den Sinn schossen. „Eigentlich habe ich sogar meinen Spaß an Matthew. Er ist so ganz anders, als ich ihn in Erinnerung hatte.“

„Anders? In welcher Hinsicht?“

Der unsichere schlaksige Junge war zu einem sehr selbstsicheren sexy Mann geworden. Diese Wahrnehmung behielt Camille dann doch für sich und sagte nur: „Früher war er immer sehr schweigsam. Daran hat sich nicht viel geändert, aber ich habe jetzt gemerkt, dass er einen feinen Sinn für Humor hat und gut zuhören kann.“ Sie lachte leise. „Vielleicht lässt er mich auch nur reden, damit er selbst nichts sagen muss.“

Maureen schwieg so lange, dass Camille schon dachte, die Verbindung sei unterbrochen worden, aber dann sagte ihre Mutter: „Es freut mich, dass du gern mit ihm zusammen bist, Darling. Ich muss dir ja nicht sagen, wie viel Matthew der Familie bedeutet. Und er ist … na ja, ich bin mir nicht sicher, ob er je über seine schreckliche Kindheit hinweggekommen ist.“

Camille hatte nichts davon vergessen, was Matthew ihr über seine Kindheit erzählt hatte, und sie fragte sich unwillkürlich, wie es unter den Umständen sein konnte, dass er sich zu einem derart verantwortungsbewussten Mann entwickelt hatte. Hätte sie ihn gefragt, hätte er wahrscheinlich den ganzen Verdienst daran Joel zugeschoben, aber das wäre sicher nicht ganz richtig. Er war schon als hart arbeitender, vertrauenswürdiger Mann nach Three Rivers gekommen. Joel hatte seine Haltung nur noch verstärkt.

„Gestern Abend erwähnte er eine Schwester“, sagte sie. „Ich wusste gar nicht, dass er Geschwister hat. Keiner hat sie je erwähnt. Hat er noch Kontakt zu ihr?“

„Nicht oft. Das letzte Mal war gleich, nachdem du nach Red Bluff gegangen bist. Blake hatte einen Bullen in Kalifornien gekauft und schickte Matthew hinüber, um ihn abzuholen. Dabei hatte er eine Gelegenheit, bei Claire vorbeizufahren.“

„Ich verstehe.“ Camille hielt es für angezeigt, das Thema zu wechseln, bevor ihre Mutter auf die Idee kam, ihr Interesse an Matthew sei doch etwas ungewöhnlich. „Ich nehme an, ihr macht auch eine große Halloweenparty. Haben die Kinder schon ihre Kostüme?“

Maureen lachte leise. „Abigail und Andrew gehen als Katzen mit langen Schwänzen und Schnurrbarthaaren. Das ist natürlich das Wichtigste.“

„Wie süß!“ Camille stimmte in das Lachen mit ein. „Und was ist mit Nick und Hannah? Wahrscheinlich finden die beiden, sie seien schon zu alt, um mit den Kleinen zu feiern, oder?“

„Ganz und gar nicht. Die beiden genießen es, ihre jüngeren Geschwister herumzukommandieren. Außerdem hat Viv versprochen, die beiden zu einer Party zu lassen, die nur für Teens ist.“

Der fehlende Kontakt zu ihren Neffen und Nichten war eigentlich das Einzige, was Camille auf Red Bluff vermisste. Allerdings wäre es mit Sicherheit auch nicht leicht, auf Three Rivers zu leben und die Einzige ohne eine eigene Familie zu sein.

Mit achtundzwanzig noch Single und ohne Kinder zu sein war sicher nicht das, was Camille sich für ihr Leben erhofft hatte, aber nun hatte es sich so ergeben, und sie wollte sich nicht darüber beklagen, sondern ihre Unabhängigkeit genießen. Das war immer noch besser, als an einem gebrochenen Herzen zu leiden.

„Hast du Emily-Ann in letzter Zeit gesehen?“, erkundigte Camille sich.

„Nein, aber Katherine trifft sie regelmäßig. Sie vermisst dich, das weiß ich.“

Emily-Ann war seit Schulzeiten Camilles beste Freundin gewesen. Sie betrieb ein kleines Café in Wickenburg. „Ich vermisse sie auch. Ich hoffe, sie kann mich hier bald einmal besuchen.“

„Emily-Ann ist knapp bei Kasse“, bemerkte Maureen. „Ich bezweifle, dass sie mehr als einen Tag oder zwei vom Café wegbleiben kann.“

Camilles Freundin war zuverlässig und konnte hart arbeiten. Sie wäre eine ideale Kraft für das Schnellrestaurant in Dragoon, aber trotz aller Probleme, die hinter ihr lagen, würde Emily-Ann niemals Wickenburg verlassen. Die Stadt war ihr Zuhause.

„Ich würde schon dafür sorgen, dass sie keinen Cent ausgeben muss, Mom.“

„Das habe ich nicht anders von dir erwartet. Wieso lädst du sie nicht zu Thanksgiving ein?“, schlug Maureen vor. „Du könntest mit ihr nach Tucson fahren, und ihr könntet Weihnachtseinkäufe machen.“

„Das ist eine gute Idee.“

„Gut. Ich …“

Im Hintergrund waren plötzlich Stimmen zu hören.

„Sollten wir auflegen, Mom?“

„Äh … ja, ich glaube schon. Blake braucht mich für irgendetwas. Ich hab dich lieb, Camille. Kümmere dich gut um Matthew.“

„Mach ich. Hab dich auch lieb.“

Camille beendete das Gespräch. Die Worte ihrer Mutter blieben ihr im Ohr.

Kümmere dich gut um Matthew.

Was würde Maureen wohl denken, wenn sie wüsste, wie gern Camille sich um Matthew kümmern wollte? Würde sie glauben, Camille wolle etwas haben, das ihr für immer verwehrt bleiben würde? Am vergangenen Abend bei dem Kuss hatte sie geglaubt, er würde endlich die Barrieren fallen lassen, die er zwischen ihnen errichtet hatte. In dem kurzen Moment hatte er nichts zurückgehalten, und sie war der Gier seiner Lippen mit demselben unbändigen Verlangen begegnet.

Noch nie hatte sie sich so sehr nach der Liebe eines Mannes gesehnt wie bei ihm. Doch Matthew hatte sich von ihr gelöst und so getan, als sei das Ganze ein Fehler gewesen. Hatte er recht?

In den vergangenen Jahren hatte sie viel über sich gelernt und begriffen, wo ihr Fehler bei Graham gewesen war. Sie hatte ihre Lektion gelernt. Und jetzt? Was war mit Matthew?

Großer Gott! Nicht in ihren kühnsten Träumen hätte sie erwartet, dass seine Zeit in Red Bluff mehr für sie bedeuten würde, als einen Gast im Haus zu haben. Sie hatte erwartet, es mit einem wortkargen Mann zu tun zu haben, und sie hatte sich vorgenommen, ihm möglichst aus dem Weg zu gehen.

Und dann? Als sie Matthew müde vor ihrer Tür stehen gesehen hatte, da war sie wie vom Blitz getroffen worden. Sosehr sie sich auch bemühte, sie wurde die Gefühle nicht los, die sein Anblick in ihr geweckt hatte.

Es nützte wenig, zu wissen, dass er nicht ihretwegen hierhergekommen war. Außerdem war er seit zehn Jahren geschieden und solo. Den Mann drängte eindeutig nichts danach, wieder zu heiraten. Was sollte also schon dabei herauskommen, wenn sie eine kurze Affäre mit ihm einging? Nichts Gutes. Matthew hatte recht, und sie wusste es.

Aus irgendeinem Grund wollte ihr Herz aber nicht auf ihre vernünftigen Gedanken hören.

5. KAPITEL

Nachdem die Männer den ganzen Tag über das Terrain sondiert hatten, fanden sie immerhin sechs der zehn fehlenden Stiere. Matthew war zufrieden mit der Ausbeute, denn sie hätten auch Pech haben und kein einziges Tier entdecken können.

„Wann impfen wir die neuen Rinder und verpassen ihnen die Ohrmarken?“, fragte Pate, als er den Truck mit dem beladenen Viehanhänger zurück zur Ranch lenkte.

Matthew hätte nichts dagegen gehabt, die Augen für einen Moment zu schließen, aber da Pate kein Loch in dem unebenen Sandweg ausließ, war an Schlaf nicht zu denken. Müde ließ er den Blick aus dem Fenster gleiten. Der Anblick der Wüste im Licht der Dämmerung hatte etwas Magisches. Teile des Areals waren überraschend grün für diese Gegend. Wieder andere Gegenden bestanden nur aus felsigen Schluchten, in denen Hunderte von großen Kakteen ihre Arme in den hohen, endlosen Himmel reckten.

Wie viel von diesem Land mochte Camille schon gesehen haben? Interessierte es sie? Oder ging es ihr nur um das Haus und darum, ihre Ruhe zu haben? Am vergangenen Abend hatte er den Eindruck gehabt, dass sie schon gern ein Cowgirl wie ihre Mutter und ihre Schwester gewesen wäre. Bloß schien ihr der Mut zu fehlen, es zu versuchen.

Am vergangenen Abend … Himmel, er wollte, er könnte endlich aufhören, daran zu denken. Sein Verstand schien jede Sekunde des leidenschaftlichen Kusses auf ewig abgespeichert zu haben. Und wenn er hundert Jahre alt würde – an diesen Moment würde er sich gewiss immer erinnern.

„Findest du nicht, wir sollten schon ein paar der anderen Rinder auf die Weide lassen?“, wollte Pate wissen. „Curly und Abel verfüttern tonnenweise teures Heu.“

Da Pate von allen Männern hier am wenigsten Erfahrung hatte, zwang Matthew sich, geduldig mit ihm zu sein. Schließlich erinnerte er sich nur zu gut daran, auch einmal jung und unerfahren gewesen zu sein.

„Und sie werden noch weiter so viel verfüttern, bis wir unser Projekt abgeschlossen haben“, erklärte er. „Dazu gehört auch, noch die letzten vier Stiere zu finden.“

„Pate, wieso machst du dir einen Kopf wegen des Heus?“, wollte Scott von der Rückbank aus wissen. „Es wird dir doch nicht vom Lohn abgezogen.“

„Nein, aber ich will, dass der Boss mir den Lohn auch weiterhin zahlen kann. Deswegen möchte ich nicht, dass Three Rivers unnötig Geld ausgibt.“

TooTall stöhnte. „Keine Sorge, wir finden die vier Stiere morgen. Stimmt’s, Matthew?“

TooTall dachte immer positiv und war ein Mann weniger Worte. Meist nannte er Matthew Gelbhaar, aber jetzt hatte er ihn bei seinem richtigen Namen genannt – dies bewegte Matthew zu einem trockenen Lächeln.

„Du hast immer recht, TooTall. Ich wüsste nicht, was wir ohne dich täten.“

„Heißt das, du lässt mich hier auf Red Bluff bleiben, um mit dir zu arbeiten?“

Matthew drehte sich um und sah den Mann verwirrt an. „Wovon redest du? Wir kehren in spätestens zwei Wochen nach Three Rivers zurück.“

„Ja, aber du kommst wieder hierher.“

„Erst im nächsten Winter.“

TooTall schüttelte den Kopf. „Nein, du kommst eher. Und dann bleibst du.“

TooTall hatte zwar immer etwas Mystisches an sich, aber sogar für seine Maßstäbe war diese Art von Vorhersage absurd.

Matthew musste trotz aller Müdigkeit lachen. „Du liegst vollkommen daneben, TooTall. Ich habe keinen Grund, wieder nach Red Bluff zu kommen – es sei denn, Blake will sich von mir begleiten lassen, wenn er herkommt, um nach dem Rechten zu sehen.“

TooTall schüttelte mit ernster Miene den Kopf. „Du irrst dich, Matthew. Also was ist? Darf ich mit dir kommen und hier als deine rechte Hand wirken?“

Matthew hätte sich keinen Mann vorstellen können, den er lieber in dieser Position gesehen hätte, und um die Gefühle des Mannes nicht zu verletzen, sagte er: „Okay, TooTall, falls deine Prophezeiung wahr wird, sollst du meine rechte Hand sein.“

„Versprochen?“

„Ich kann es dir schriftlich geben“, versicherte Matthew ihm.

„Ein Kreuz über dem Herzen ist mir mehr wert.“

Da Matthew sah, wie ernst es dem Cowboy war, bekreuzigte er sich. „Okay. Bist du nun zufrieden?“

TooTall nickte.

Pate lachte lauthals. „Mein Gott, was für ein Blödsinn! Der Kerl hat bestimmt Agave gekaut!“

Matthew warf dem jungen Mann einen durchdringenden Blick zu. „Worüber lachst du? Niemand hat Agave gekaut – außer du selbst vielleicht. Und sollte ich dich je dabei erwischen, trete ich dir in den Hintern, damit du wieder zu Verstand kommst. Alles klar?“

Pate wurde augenblicklich ernst. „Ja, ja, natürlich.“

Eine halbe Stunde später befanden sie sich wieder auf der Ranch. Die vier Männer machten sich daran, die Stiere und die Pferde abzuladen. Als sie endlich die Tiere versorgt hatten, begab Matthew sich müde hinüber zum Haus. In diesem Moment klingelte sein Telefon.

Es war Blake, der sich nach dem Stand der Dinge erkundigen wollte.

„Wir machen Fortschritte“, erklärte Matthew, nachdem er sich einen Platz auf einem der Korbstühle der Veranda gesucht hatte. „Ich nehme an, wir können die Stiere übermorgen auf den Weg bringen. TooTall hat prophezeit, dass wir die letzten vier morgen finden.“

Blake lachte. „Und dieser Kerl hat bekanntlich immer recht.“

Matthew beabsichtigte nicht, auch die zweite Prophezeiung zu erwähnen, denn diese war einfach zu merkwürdig, geradezu unheimlich.

„Ich schicke einen Mann, der die Stiere abholt“, versicherte Blake ihm. „Brauchst du sonst noch irgendetwas? Reichen Futter und Heu?“

„Alles im grünen Bereich.“

„Und das Wasser? Ich nehme an, ihr seid noch nicht dazugekommen, die Brunnen zu kontrollieren?“

Matthew fuhr sich müde mit der Hand über das Gesicht. „Nein, aber das machen wir noch.“

Blake fluchte unterdrückt. „Ich hätte dir wenigstens zwei weitere Männer mitgeben sollen, Matthew. Es ist zu viel zu tun, und du hast zu wenig Leute. Ich will ja nicht, dass du zusammenbrichst.“

„Keine Sorge, dazu kommt es schon nicht.“

Nach kurzem Zögern setzte Blake hinzu: „Die Ranch wächst, und Holt sagt mir immer wieder, dass mehr Rinder auch mehr Männer voraussetzen. Ich glaube, er hat recht.“

Matthew massierte sich die geschlossenen Lider. „Planst du, hier das ganze Jahr Rinder zu halten?“

„Merkwürdig, dass du das ansprichst. Mom und ich haben uns gerade darüber unterhalten. Es würde bedeuten, noch einmal sehr viel zu investieren, aber ich glaube schon, es könnte sich bezahlt machen. Wieso fragst du?“

TooTalls Prophezeiung ging ihm nicht aus dem Kopf, aber das konnte er wohl schlecht sagen. „Ich dachte es mir, weil du fünfhundert Rinder dazugekauft hast.“

„Hmmm. Was hältst du denn von der Idee? Sag mir ehrlich deine Meinung. Die ist mir sehr wichtig, ganz gleich, ob ich zustimme oder nicht.“

„Also ich glaube, ich habe hier noch gar nicht das ganze Areal gesehen. So kann ich nicht sagen, wie viele Rinder das Land ernähren könnte.“

Blake überlegte einen Moment. „Du hast mich da gerade auf eine Idee gebracht … Doch bevor du dich aufregst, lass mich erst einmal ausreden! Sobald ihr mit den Rindern fertig seid, möchte ich, dass du dir ein paar Tage Zeit nimmst, um dir das Land genauer anzusehen. Offen gestanden habe ich mich auch seit Jahren nicht darum gekümmert. Und da du schon einmal vor Ort bist, wäre das doch die perfekte Gelegenheit.“

Großer Gott, nein! Er wollte nicht länger hier bleiben als unbedingt nötig. „Das muss ja nicht ich machen“, warf Matthew ein. „Jeder der anderen könnte sich hier umsehen und dir berichten.“

Blake lachte. „Na klar, als ob ich deren Urteil vertrauen könnte! Was glaubst du, wieso du der Vorarbeiter der Ranch bist? Weil du so gut aussiehst?“

„Wohl kaum!“

„Korrekt. Du hast einen scharfen Blick und den Verstand eines Ranchers. Aber wir reden später weiter. Kat hilft den Zwillingen gerade in ihre Katzenkostüme, und sie wollen, dass ich zusehe.“

„Katzenkostüme?“

Blake lachte, und Matthew begriff, dass der Älteste der Hollisterbrüder wohl eine schwere Verantwortung trug. Doch er war zugleich auch ein glücklicher Mann, seit Katherine und die Kinder in sein Leben getreten waren.

„Donnerstag haben wir Halloween, und Mom veranstaltet eine ihrer großen Partys. Die Kinder können es kaum erwarten. Tut mir leid, dass du nicht dabei sein kannst. Ich werde ein paar Bonbons auf dein Wohl verspeisen.“

„Danke, Blake, aber ich glaube, es ist mir lieber, Holt trinkt einen Bourbon für mich.“

„Das sage ich ihm. Ich bin sicher, den Gefallen tut er dir gern. Bis später, Matthew.“

Autor

Jennifer Greene

Seit 1980 hat die US-amerikanische Schriftstellerin Jennifer Greene über 85 Liebesromane veröffentlicht, die in über 20 Sprachen übersetzt wurden. Unter dem Pseudonym Jennifer Greene schreibt die Autorin Jill Alison Hart seit 1986 ihre Romane. Ihre ersten Romane wurden 1980 unter dem Namen Jessica Massey herausgegeben, das Pseudonym Jeanne Grant benutzte...

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