Familie ist das wahre Glück - 5 herzerwärmende Liebesromane

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Wenn Herzen zueinander finden, dann ist der eigentliche Verwandtschaftsgrad egal – denn Familienglück ist immer kostbar!

JOB GESUCHT – FAMILIE GEFUNDEN von MARIE FERRARELLA

KLEINE FAMILIE – GROSSES GLÜCK von RAEANNE THAYNE

AUF UMWEGEN INS GROSSE GLÜCK von KAREN TEMPLETON

PLÖTZLICH EINE KLEINE FAMILIE von MELISSA SENATE

MEIN HERZ IST FREI von CATHERINE SPENCER


  • Erscheinungstag 03.04.2025
  • ISBN / Artikelnummer 9783751537070
  • Seitenanzahl 720
  • E-Book Format ePub
  • E-Book sofort lieferbar

Leseprobe

IMPRESSUM

Job gesucht – Familie gefunden erscheint in der Verlagsgruppe HarperCollins Deutschland GmbH, Hamburg

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Geschäftsführung: Katja Berger, Jürgen Welte
Leitung: Miran Bilic (v. i. S. d. P.)
Produktion: Christina Seeger
Grafik: Deborah Kuschel (Art Director), Birgit Tonn,
Marina Grothues (Foto)

© 2011 by Marie Rydzynski-Ferrarella
Originaltitel: „A Match for the Doctor“
erschienen bei: Harlequin Enterprises Ltd., Toronto
Published by arrangement with HARLEQUIN ENTERPRISES II B.V./S.àr.l.

© Deutsche Erstausgabe in der Reihe BIANCA , Band 1872
Übersetzung: Patrick Hansen

Umschlagsmotive: Harlequin Books S.A., Roman Rybalko / Getty Images

Veröffentlicht im ePub Format in 04/2023

E-Book-Produktion: GGP Media GmbH , Pößneck

ISBN 9783751521888

Alle Rechte, einschließlich das des vollständigen oder auszugsweisen Nachdrucks in jeglicher Form, sind vorbehalten.
CORA-Romane dürfen nicht verliehen oder zum gewerbsmäßigen Umtausch verwendet werden. Sämtliche Personen dieser Ausgabe sind frei erfunden. Ähnlichkeiten mit lebenden oder verstorbenen Personen sind rein zufällig.

Weitere Roman-Reihen im CORA Verlag:
BACCARA, BIANCA, JULIA, ROMANA, HISTORICAL, TIFFANY

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PROLOG

Maizie Sommers lehnte sich in ihrem Drehsessel zurück und musterte die modisch gekleidete Frau, die mit entschlossenem Gesicht in ihr Büro marschiert war. Seit ihre Besucherin aufgetaucht war, hatte die Immobilienmaklerin kein Wort gesagt. Das war jetzt zehn Minuten her, und die Frau redete noch immer auf sie ein.

Ruth Cassidy war drei Jahre älter als sie und nicht gekommen, um ein Haus zu kaufen oder zu verkaufen. Sie war hier, weil sie einen Mann brauchte. Genauer gesagt, einen Ehemann. Und zwar für ihre hübsche und äußerst wählerische achtundzwanzigjährige Tochter.

Obwohl Maizie die Nichte ihres verstorbenen Ehemanns in den letzten fünfzehn Jahren nur selten gesehen hatte, mochte sie Kennon sehr.

Ruth dagegen war ihr nicht so sympathisch. Aber daran war Ruth selbst schuld. Von Anfang hatte sie keinen Zweifel daran gelassen, dass Maizie in ihren Augen nicht gut genug für ihren älteren Bruder Terrence war. Im Gegensatz zu Maizie hatte Ruth ihn niemals Terry genannt.

Sie sprach noch immer und schien so schnell nicht aufhören zu wollen.

Maizie stand auf, ging ans Fenster und schaute suchend auf die Hauptstraße hinaus.

Verblüfft drehte Ruth sich zu ihrer Schwägerin um. „Was tust du da?“, fragte sie scharf.

Maizie würdigte sie keines Blicks, sondern starrte weiter nach draußen. „Ich will sehen, welcher von den Reitern als Erster kommt.“

„Welche Reiter? Was redest du da?“ Ruth stellte sich neben sie und starrte verwirrt auf den Verkehr, der mitten am Vormittag gemächlich vorbeiströmte.

„Die vier Reiter der Apokalypse“, antwortete Maizie und betrachtete Ruth. Ihre Schwägerin sah noch immer gut aus. Und sie hielt sich noch immer für etwas Besseres. „Du bist hier, redest mit mir und bittest mich sogar um einen Gefallen. Das kann nur bedeuten, dass die Hölle zufriert oder der Weltuntergang kurz bevorsteht. Und die Hölle kann ich von hier aus nicht sehen.“

Ruth kniff die Augen zusammen und seufzte dramatisch. „Sehr witzig. Aber das habe ich mir vielleicht selbst eingebrockt, was?“

„Vielleicht?“, wiederholte Maizie sanft.

Ruth hob die Hände. „Okay, okay, ich bin selbst schuld, ich weiß.“ Ihr war deutlich anzusehen, wie schwer ihr die nächsten Worte fielen. „Es tut mir leid, aber ich fand nun mal, dass Sandra Herrington für meinen Bruder die bessere Wahl gewesen wäre. Sie war reich und stammte von den Pilgervätern ab. Ihre Vorfahren sind auf der Mayflower aus England nach Amerika gekommen.“

Maizie kannte den Stammbaum ihrer einstigen Rivalin. Und Terry hatte ihr oft genug dafür gedankt, dass sie ihn vor Sandra Herrington und einem Leben in unendlicher Langeweile bewahrt hatte. „Ja, ich weiß“, sagte sie.

Ruth runzelte die Stirn. „Ich habe mich geirrt, okay?“

Maizie hatte sich nie für ein Genie gehalten, aber sie war nicht naiv. „Das sagst du nur, weil du meine Hilfe brauchst.“

Ruth schien widersprechen zu wollen, doch dann zuckte sie hilflos mit den Schultern. „Vielleicht hätte ich nicht herkommen sollen, aber ich habe gehört, dass du und deine Freundinnen nebenbei so eine Art Partnervermittlungsagentur betreibt …“

Maizie schüttelte den Kopf. „Es ist keine Agentur. Theresa, Cecilia und ich haben beruflich mit vielen Menschen zu tun.“ Die drei Frauen kannten sich seit der dritten Klasse. „Deshalb haben wir einfach nur die Augen aufgehalten. Für den Fall, dass wir jemandem begegnen, der möglicherweise zu einer unserer Töchter passt.“

Sie lächelte zufrieden. Die Kundenlisten nach geeigneten Kandidaten zu durchforsten war ihre Idee gewesen. Und sie hatten damit Erfolg gehabt. Inzwischen lebten ihre drei Töchter und Theresas Sohn Kullen in festen Beziehungen und waren jeweils glücklich liiert oder schon verheiratet. „Und es hat sich gelohnt“, fügte sie stolz hinzu.

Ruth setzte sich wieder und warf Maizie einen flehentlichen Blick zu. „Ich brauche jemanden für Kennon. Sie hat so viele Jahre an einen schrecklichen Mann vergeudet, der sich aus heiterem Himmel in eine andere Frau verliebt und sie von einem Tag zum anderen sitzen lassen hat. Seit einem Jahr arbeitet sie nur noch und hat kein einziges Date gehabt. Ich möchte nicht, dass sie allein bleibt.“

„Kein einziges Date?“, wiederholte Maizie. Du meine Güte, das kam ihr bekannt vor. „Und sie hat es dir erzählt?“

„Eine Mutter weiß so etwas einfach.“ Ruth berichtete, dass sie Kennons Assistenten Nathan ausgehorcht hatte. Sie hatte ihn mit ihrem Kokoskuchen bestochen.

In Maizies Kopf arbeitete es bereits. In ihr regte sich der jahrhundertealte Instinkt. „Hat Kennon noch ihr Einrichtungsgeschäft?“

„Sie wohnt praktisch dort.“ Hoffnungsvoll beugte Ruth sich vor. „Warum fragst du?“

„Zufällig habe ich ein sehr schönes, aber vollkommen leeres Haus an einen Witwer verkauft, der dort gerade eingezogen ist. Er braucht dringend jemanden, der es ihm einrichtet.“ Sie legte die Hände auf die Tastatur ihres Computers und holte sich die benötigte Information auf den Bildschirm. „Er kommt aus der Gegend von San Francisco und hat zwei kleine Töchter.“ Sie wartete auf die Reaktion ihrer Schwägerin.

Ruths Augen wurden groß. „Zwei Töchter. Das verschafft mir einen Vorsprung. Ich wäre praktisch schon Großmutter. Damit kann ich leben.“ Sie lächelte. „Womit verdient er seinen Lebensunterhalt?“

Maizie lächelte. „Er ist Herzchirurg.“

„Ein Arzt?“ Ruths Augen leuchteten. „Maizie, ich glaube, ich liebe dich. Und ich verzeihe dir alles.“

„Gut zu wissen“, sagte Maizie trocken.

Aber wie immer entging der Schwester ihres verstorbenen Ehemanns der sarkastische Unterton.

Manche Dinge ändern sich nie, dachte Maizie, während sie schon nach Dr. Simon Sheffields Handynummer suchte.

1. KAPITEL

„Warst du etwa die ganze Nacht hier?“

Etwa zehn Sekunden, nachdem er das Licht eingeschaltet hatte, starrte Nathan LeBeau entgeistert auf die junge Frau, die es sich auf dem weißen Ledersofa im Büro des Einrichtungsgeschäfts so bequem wie möglich gemacht hatte. Seine schlanke, aristokratische Hand lag auf der schmalen Brust, als hätte er Angst, sein Herz könnte zerspringen.

„Wie soll ich dich denn mit meinem unermüdlichen Fleiß beeindrucken, wenn du deine Nächte hier verbringst?“ Er ging ans einzige Fenster und öffnete die hellblaue Jalousie. „Du kannst von Glück sagen, dass du nicht gerade 911 wählst.“

„Warum sollte ich 911 wählen?“, murmelte Kennon Cassidy blinzelnd und rieb sich den schmerzenden Nacken.

„Weil du mich halb zu Tode erschreckt hast.“ Nathan warf sein dunkelbraunes Haar über die Schulter. Er trug es so lang, um wie ein begnadeter Dirigent auszusehen.

Kennon Cassidy, seine Arbeitgeberin, aber eigentlich eher seine gute Freundin und Förderin, setzte sich auf und sah ihren hochgewachsenen und manchmal recht anstrengenden Assistenten an. „Wie spät ist es?“

Nathan betrachtete sie. „Ich würde sagen, es ist eine ganze Weile her, dass deine Kutsche sich in einen Kürbis verwandelt hat.“

Kennon lächelte. „Nathan, du guckst einfach zu viele Märchenfilme.“

„Nicht freiwillig. Etwas anderes dürfen Rebecca und Stuart sich nicht ansehen, wenn ich auf sie aufpasse. Ich kann es kaum erwarten, dass die beiden in die Pubertät kommen und gegen meine biedere Schwester rebellieren.“

Nathan stützte eine Hand auf die Hüfte und musterte die schlanke, etwas zerzaust aussehende Blondine, die ihn vier Jahre zuvor trotz seiner zwei linken Hände eingestellt hatte. „So kann es nicht weitergehen, weißt du?“

Ihre Blicke trafen sich. „Stimmt. Als Erstes muss ich diesen süßlichen Geschmack auf der Zunge loswerden. Ich bin nämlich mit einem Hustenbonbon im Mund eingeschlafen.“ Kennon stand auf, betrachtete ihr Spiegelbild im Fenster und schüttelte sich. Sie sah grauenhaft aus. Sie unterdrückte ein Gähnen und versuchte sich zu erinnern, wann sie eingeschlafen war. „Ich wollte mich nur mal eine Minute hinlegen und die Augen zumachen.“

„Aus der Minute sind Stunden geworden.“

„Wie spät ist es?“, wiederholte sie. „Im Ernst.“

„Morgen“, antwortete er. Sie runzelte die Stirn. „Wenn du es genau wissen willst, wir haben Dienstag. Acht Uhr dreißig. Vierter Mai. Im Jahre des Herrn zweitausendund…“

Kennon hob eine Hand. „Ich weiß, welches Jahr wir haben. Ich bin nicht Rip Van Winkle.“

„Bei dem hat es auch damit angefangen, dass er nur ein kurzes Nickerchen machen wollte.“ Nathan warf einen Blick in das aufgeschlagene Skizzenbuch, das auf dem Schreibtisch lag. „Hast du an den Entwürfen für das Haus der Prestons gearbeitet?“

Das hatte sie vorgehabt. Aber eigentlich hatte sie eher an ihrem Selbstwertgefühl gearbeitet. Obwohl sie Nathan wie den Bruder liebte, den sie nie gehabt hatte, wollte sie das Thema mit ihm nicht vertiefen.

Es war schon schlimm genug, dass ihr Assistent ihre Trennung von Pete mitbekommen hatte. Genauer gesagt, Petes Trennung von ihr. Zugegeben, sie war nicht gerade bis über beide Ohren in den Mann verliebt gewesen, aber es beunruhigte sie, dass sie nichts gemerkt hatte.

Nach zwei gemeinsamen Jahren hatte Pete eines Morgens verkündet, dass er sich in eine andere Frau verliebt hatte. In eine Blondine ohne Gewissen, aber dafür mit großem Busen, die er noch dazu sechs Wochen später geheiratet hatte. Dass die beiden jetzt auch noch ein Kind bekamen, hatte sie härter getroffen, als sie erwartet hatte.

„Ja, das habe ich“, erwiderte sie, dankbar für die Ausrede, die Nathan ihr lieferte. „Ich habe am Haus der Prestons gearbeitet.“

Er schob das Skizzenbuch zur Seite. „Okay, lass mal sehen.“

Leider gab es nichts zu sehen. Im ersten Jahr auf dem College hatte sie bessere Ideen gehabt als jetzt. „Was?“

„Deine Entwürfe.“

„Ich glaube, du verwechselst da etwas, Nathan. Ich unterschreibe deine Gehaltsschecks, nicht du meine.“

„Dir ist nichts eingefallen, oder?“, fragte er.

Sie zuckte mit den Schultern und wich seinem Blick aus. „Nichts, was meine Zeit wert wäre.“

„Mal wieder, was?“ Er ging um sie herum und schaute ihr ins Gesicht.

Kennon wusste, dass Nathan es nur gut meinte, aber im Moment ging er zu weit. „Nathan, ich habe schon eine Mutter. Zwei Mütter brauche ich nicht.“

„Ich bin nur ein Freund, der nicht will, dass du einem Kerl nachtrauerst, mit dem du dich gar nicht erst hättest abgeben dürfen.“

Aber sie hatte sich mit ihm abgegeben. Zwei Jahre meines Lebens, dachte sie wütend. „Ich will nicht über ihn reden.“

Nathan nickte anerkennend. „Ich auch nicht. Jetzt spritz dir etwas Wasser ins Gesicht, leg Make-up auf und zieh dich um“, befahl er und öffnete einen Schrank, der normalerweise Hängeordner, zurzeit jedoch einen marineblauen Rock mit Nadelstreifen und ein weißes Top mit kurzen Ärmeln enthielt.

Er nahm die Sachen heraus, reichte sie ihr und schob sie aus dem Büro. „Wir wollen doch, dass du dich von deiner besten Seite zeigst.“

Kennon blieb stehen. „Wir? Wen genau meinst du damit?“

„Dich und mich natürlich“, erwiderte er mit Unschuldsmiene. „Bist du am frühen Morgen immer so misstrauisch?“

„Nur wenn du mich herumkommandierst.“

„Schön.“ Nathan wich zurück. „Wenn du lieber wie ein ungemachtes Bett aussehen und unsere Kunden abschrecken willst. Mir doch egal. Ich kann mich auch wieder auf die Couch meiner Schwester legen und mich von den kleinen Monstern als Trampolin missbrauchen lassen.“

Seufzend gab sie auf. „Ich spritze mir Wasser ins Gesicht, lege Make-up auf und ziehe mich um.“

„Braves Mädchen.“

Kennon verschwand im hellblau gekachelten Bad und schloss die Tür.

„Übrigens!“, rief er ihr nach. „Du bist in einer Stunde mit einem neuen Kunden verabredet. In Newport Beach.“

In einer Stunde? Kennon hasste es, sich abhetzen zu müssen.

Und dann fiel ihr etwas ein. „Ich habe für heute Vormittag gar keinen Termin abgemacht.“

„Aber ich.“

Nicht, dass Nathan keine Termine vereinbaren durfte. Aber wenn er es tat, informierte er sie immer. Genauer gesagt, er prahlte damit, denn er war äußerst stolz darauf, dass er sein Gehalt wert war und neue Kunden an Land zog.

„Wann? Ich war gestern den ganzen Tag hier – und die ganze Nacht – und habe nicht gehört, dass du einen Termin vereinbart hast. Und es hat auch niemand hier angerufen.“

„Es ist so etwas wie eine Überweisung.“

Inzwischen hatte Kennon sich umgezogen. Sie öffnete die Tür, warf Nathan einen fragenden Blick zu und legte Make-up auf. „So? Von wem?“ Ihre Wangen waren blass. Sie brauchte dringend etwas Sonne.

„Ist das wichtig? Hauptsache, wir haben einen neuen Kunden. Einen glücklichen und zufriedenen Kunden.“

Sie legte den Lippenstift hin. Hier war etwas faul. „Von wem?“, wiederholte sie.

„Ursprünglich von deiner Tante Maizie.“

„Ursprünglich.“ Warum gab Nathan sich so geheimnisvoll? „Und der Vermittler ist …?“

„Für dich uninteressant“, unterbrach er sie.

„Nathan. Wer ist diese rätselhafte Person, und warum um alles in der Welt machst du es so spannend?“, fragte sie scharf.

„Der Vermittler ist deine Mutter“, murmelte er. „Zufrieden?“

„Meine Mutter?“, wiederholte Kennon verblüfft. „Und Tante Maizie? Die beiden reden miteinander? Seit wann das denn?“

Das konnte nicht sein. Ihre Mutter sprach nicht mit ihrer Tante. Kennon und Nikki, ihre Cousine und Maizies einzige Tochter, vermuteten, dass es damit zu tun hatte, dass Ruths Bruder die falsche Frau geheiratet hatte. Anstatt sich – wie Ruth es wollte – für Sandra Herrington zu entscheiden, hatte er Maizie geheiratet. Ruth war überzeugt gewesen, dass Maizie nicht gut genug für ihn war.

Kennons Mutter war nicht die Einzige gewesen. Aber Kennon vergötterte ihre Tante und hatte Nikki mehr als einmal versichert, wie sehr sie sie um ihre unkonventionelle Mutter beneidete.

„Wenn du tauschen möchtest, sag Bescheid“, hatte Nikki erwidert, weil ihre Mutter sie mal wieder unter die Haube hatte bringen wollen. Inzwischen beklagte sie sich nicht mehr, denn mittlerweile war Nikki mit einem einfühlsamen und noch dazu äußerst attraktiven Mann verheiratet.

Kennon hatte gehört, dass Tante Maizie daran nicht ganz unschuldig war.

Wenigstens das kann ich meiner Mutter nicht vorwerfen, dachte Kennon lächelnd. Ruth Connors Cassidy war auf dem Gebiet nicht aktiv. Jedenfalls nicht mehr, seit die Söhne ihrer Freundinnen nicht mehr auf dem Markt waren.

Aber Tante Maizie konnte einfach nicht davon lassen. Was, wenn ihre Mutter zu Tante Maizie gegangen war, um …

Nein. Kennon zügelte ihre Fantasie. Das würde ihre Mutter nicht tun. Außerdem war das Thema Männer für sie erledigt. Zur Hölle mit ihnen. Außer Nathan. Aber der war für sie wie ein Bruder.

Stirnrunzelnd betrachtete sie sich in dem kleinen ovalen Spiegel über dem Waschbecken. „Ich sehe schrecklich aus. Warum gehst du nicht für mich?“

Nathan schüttelte den Kopf. „Erstens stimmt das nicht, und zweitens besteht der Kunde darauf, mit der Chefin zu sprechen. Falls dein Verstand noch etwas vernebelt ist, darf ich dich darauf hinweisen, dass dieses Geschäft dir gehört.“

„Was weißt du noch über ihn?“

„Nur, dass deine Tante ihm das Haus verkauft hat und der Mann noch keine Möbel besitzt. Er will, dass du es ihm einrichtest.“

Na ja, vielleicht war das hier genau das, was sie brauchte. Ein neues Projekt. Ein komplettes Haus einzurichten, könnte ein beträchtliches Honorar einbringen. „Okay, gib mir die Adresse, dann mache ich mich auf den Weg.“

„Hier ist sie.“ Nathan zog einen Zettel aus seiner Westentasche. „Ich habe dir sogar eine Straßenkarte ausgedruckt.“ Er entfaltete den Zettel und gab ihn ihr. „Schließlich weiß ich, dass du mit der modernen Technik auf Kriegsfuß stehst.“

„Das stimmt überhaupt nicht“, widersprach sie. „Ich lasse mir nur ungern von einem Navigationsgerät vorschreiben, wie ich fahren muss.“ Kennon warf ihm einen finsteren Blick zu. „Du kommandierst mich schon genug herum.“

„Das liebst du doch“, erwiderte er ungerührt.

„Gut, dass du mich immer wieder daran erinnerst.“

Das dachte Kennon auch dann noch, als sie im Wagen saß. Obwohl es zum Haus, das sie einrichten sollte, nur sieben Meilen waren, fühlte sie sich, als hätte sie dreißig hinter sich. Auf einer schlechten Straße. Einen neuen Kunden zu treffen war das Letzte, was sie jetzt wollte. Aber in ihrer Situation war kein Auftrag zu klein. Und Nathan hatte erzählt, dass der Mann genug Möbel brauchte, um das ganze Haus zu füllen. Hoffentlich hatte es mehr als ein Zimmer.

Kennon, wo ist dein Optimismus geblieben? Wie konntest du bloß zulassen, dass dieser Mistkerl dich so aus der Bahn wirft? Nathan hat recht. Die Trennung war ein Geschenk des Himmels. Sie hat dich davor bewahrt, einen Riesenfehler zu begehen. Du hast nicht Pete geliebt, sondern das Bild, das du dir von ihm gemacht hast! Jetzt vergiss ihn endlich!

Nach einem Blick auf Nathans Karte bog sie rechts ab. Gleich hinter der Ecke stand ein imposantes Haus mit zwei Stockwerken.

Kennon stieg aus, ging zur hohen Eingangstür und läutete. Im Haus erklangen die ersten Takte von Verdis Zigeunerchor.

Na ja, wenigstens ist es kein Trauermarsch, dachte sie.

2. KAPITEL

Stirnrunzelnd zog Simon Sheffield sich hastig an. Sein Wecker hatte nicht geklingelt. Oder falls doch, so hatte er ihn im Halbschlaf ausgeschaltet, um dem störenden Geräusch zu entgehen.

Kaum war er wach, kehrte die innere Unruhe zurück. Sofort stellte er sich wieder die Frage, die ihn seit einer Woche quälte. War es ein kolossaler Fehler gewesen, die Mädchen aus ihrer gewohnten Umgebung zu reißen und hierher umzuziehen?

Aber hatte er überhaupt eine andere Wahl gehabt? San Francisco war voller Erinnerungen, und Simon gehörte nicht zu den Menschen, die in Erinnerungen Trost fanden. Im Gegenteil, sie taten ihm weh.

So sehr, dass es ihm schwerfiel, sich auf seine Arbeit zu konzentrieren. Und in seinem Beruf durfte er sich durch nichts und niemanden ablenken lassen.

Aber immer wieder musste er an Nancy und all die Dinge denken, die sie zusammen unternommen hatten, all die Pläne, die sie gemeinsam geschmiedet hatte. Nancy war das Licht seines Lebens gewesen. Und im Leben all derjenigen, die sie gekannt hatten. Nancy war die Verkörperung von Hoffnung und Zuversicht gewesen, ein Mensch, der mit einer Berührung und einem Lächeln heilen konnte. Eine Frau, für die nichts unmöglich war.

Aber selbst sie konnte nicht von den Toten auferstehen.

Und er war schuld an ihrem Tod.

Weil sein Pflichtgefühl und sein Anstand ihn davon abgehalten hatten, das Versprechen zu halten, das er den Ärzten ohne Grenzen gegeben hatte. Als begabter und begehrter Herzchirurg hatte Simon sich sofort bereit erklärt, fünfzehn Tage an der Ostküste Afrikas zu arbeiten. Doch als er abreisen sollte, hatte es bei Jeremy Winterhaus, einem seiner Patienten, nach einer Bypass-Operation gesundheitliche Probleme gegeben. Simon hatte sich für Mr. Winterhaus verantwortlich gefühlt und die neue OP keinem Kollegen überlassen wollen.

Nancy, selbst Ärztin, hatte ihn gedrängt, bei seinem Patienten zu bleiben, war sofort eingesprungen und an seiner Stelle nach Ostafrika geflogen.

Und drei Tage später ums Leben gekommen, als nach einem starken Seebeben ein Tsunami die Küstenregion überschwemmt und sie und über zwei Dutzend Menschen mit sich fortgerissen hatte.

Edna hatte frühmorgens an seine Tür geklopft und ihm mit rot geweinten Augen die schreckliche Nachricht überbracht. Edna O’Malley war früher Nancys Nanny gewesen und kümmerte sich jetzt um seine beiden Töchter Madelyn und Meghan. Sie war ins Schlafzimmer gekommen und hatte mit ihrer sanften, leisen Stimme erzählt, was passiert war. Von einer Sekunde zur anderen war die Welt, die er kannte, zerstört.

„Unsere Nancy ist von einem Tsunami aufs Meer hinausgerissen worden, Doctor“, hatte sie gesagt.

Fassungslos hatte er sie angestarrt und gewusst, dass nichts mehr so sein würde, wie es gewesen war.

Dreizehn Monate später war die Wunde in seinem Herzen noch immer nicht verheilt. Er wusste, dass er irgendwo von vorn anfangen und die schmerzhaften Erinnerungen tief in sich einschließen musste, bis er stark genug war, sich ihnen zu stellen. Er durfte so nicht weitermachen, das war er seinen Töchtern schuldig.

Weil auch sie ihn an Nancy erinnerte, hätte er Edna am liebsten in San Francisco zurückgelassen. Aber er brauchte jemanden, der die Mädchen betreute, wenn er im Krankenhaus war. Jemanden, dem er vertraute. Als Herzchirurg hatte er keinen geregelten Arbeitstag und keine Zeit, ein neues Kindermädchen zu suchen.

Außerdem brauchte auch Edna eine Aufgabe, die ihr half, die Trauer zu überstehen. Simon wusste, dass sie Nancy über alles geliebt hatte. Und sie liebte die Mädchen. Alle drei zu verlieren hätte die Frau umgebracht, und er wollte nicht noch einen Menschen auf dem Gewissen haben.

Morgens aufzustehen fiel ihm noch immer unglaublich schwer. Denn wenn er die Augen aufschlug, vergaß er für den Bruchteil einer Sekunde, was geschehen war.

Aber dann kehrte die Erinnerung zurück. Mit einer solchen Wucht, dass es ihm einen Moment lang den Atem raubte. Aber nach und nach wurde es einfacher. Nicht besser, nur einfacher. Mehr konnte er sich nicht erhoffen, das war ihm klar.

Wenn er seinen Patienten und der Klinik, in der er arbeitete, nützen wollte, musste er ein neues Leben beginnen. Und daher war es keine gute Idee, zur ersten Besprechung mit Dr. Hale, dem Chefarzt der Chirurgie im Blair Memorial, zu spät zu kommen.

Als die Türglocke sich mit ihrer grässlichen Melodie meldete, zuckte er zusammen.

Was denn noch? Verärgert schlüpfte Simon in seine Jacke und stopfte die fertig gebundene Krawatte in die Tasche. Er hasste die Dinger und trug sie nur, wenn es sich absolut nicht vermeiden ließ.

Ein Niesen verriet, dass Edna bereits auf dem Weg nach vorn war. Obwohl sie behauptete, dass es ihr gut ging, kündigte sich bei ihr eine schwere Erkältung an.

Immer wenn es regnet …

„Ich gehe schon, Edna!“, rief er. Sie hatte so früh schon alle Hände voll zu tun. Madelyn war acht, Meghan sechs, und die beiden für die Schule fertigzumachen, war harte Arbeit.

Doch als typisch englische Nanny war Edna trotz ihrer siebenundsechzig Jahre nicht zu bremsen. Nicht dick, aber auch nicht gerade schlank, eilte sie in ihren altmodischen, äußerst praktischen Schuhen durchs Haus. „Ich bin noch nicht tot, Doktor“, erwiderte sie spitz und unterdrückte ein Husten.

Simon schüttelte den Kopf. „Wenn Sie so weitermachen, sind Sie es bald.“

Edna warf ihm einen tadelnden Blick zu. „Ich hoffe, dass Sie Ihre Patienten einfühlsamer behandeln, Doktor.“ Sie öffnete die schwere Tür und musterte die junge Frau, die davor stand, von Kopf bis Fuß. Dann wandte sie sich ab und nieste lauter, als man es einer Person ihrer Größe und Figur zugetraut hätte.

„Gesundheit“, sagte Kennon. „Ich bin mit Dr. Simon Sheffield verabredet.“

Edna nieste zum dritten Mal, zog ein Taschentuch heraus und putzte sich die Nase, bevor sie die junge Besucherin erneut einer kritischen Betrachtung unterzog. Sie zerknüllte das Taschentuch und stopfte es in die Schürze. „Ich fürchte, der Doktor macht keine Hausbesuche, Miss. Nicht einmal in seinem eigenen Haus. Sie müssen sich schon an seine Sprechzeiten im Krankenhaus oder in der Praxis halten.“

Hier liegt ganz offenbar ein Missverständnis vor, dachte Kennon. „Aber ich bin nicht krank“, begann sie. Weiter kam sie nicht.

„Schön für Sie“, erwiderte die Nanny und senkte die Stimme. „Mir geht es leider nicht so gut.“

Kennon setzte eine mitfühlende Miene auf und fragte sich, was das mit ihrem Termin zu tun hatte. Hatte Nathan etwas falsch notiert? Aber noch bevor sie der erkälteten Frau antworten konnte, nahm sie aus den Augenwinkeln eine Bewegung wahr.

Ein Mann, auf den die Beschreibung „groß, dunkelhaarig und attraktiv“ hundertprozentig passte, kam an die Tür, hinter ihm zwei sehr lebhafte kleine Mädchen, die offensichtlich seine Töchter waren. Sie hatten seine blauen Augen und das dichte Haar. Aber seins war dunkel, ihrs war blond und lockig. Und anders als ihr Vater runzelten sie nicht die Stirn, sondern starrten sie neugierig an.

„Wer ist das, Daddy?“, fragte die Jüngere und schaute sie mit den blauesten Augen an, die Kennon jemals gesehen hatte.

„Eine Lady, die etwas verkaufen will“, antwortete er und schob Edna und seine Töchter behutsam hinter sich. So attraktiv sie auch war, und was immer sie ihm verkaufen wollte, er hatte keine Zeit für Vertreterinnen. „Es tut mir leid, ich bin in Eile“, entschuldigte er sich höflich. „Und ich möchte auch nichts kaufen.“

„Und ich habe nicht vor, Sie in fünf Minuten zu etwas zu überreden“, versicherte sie dem gut aussehenden Arzt.

Ein Haus einzurichten brauchte Zeit, und obwohl sie ihre Kunden beim Möbelkauf begleitete und sie dabei beriet, lag die letzte Entscheidung immer bei ihnen. Schließlich mussten sie mit dem leben, was sie aussuchten. Auf den verwirrten, leicht verärgerten Ausdruck, der über das Gesicht des Mannes huschte, war Kennon nicht vorbereitet.

Die Frau wollte ihm also tatsächlich etwas verkaufen. Ein Zeitschriftenabonnement? Oder ein mehrbändiges Lexikon? Er schaute auf den ziemlich großen Aktenkoffer in ihrer Hand.

Oder kam sie von einem Arzneimittelhersteller und wollte ihn abfangen, bevor ihre Kollegen ihn in der Praxis aufsuchten? Er wusste, wie hartnäckig Pharmareferenten sein konnten, und bisher hatte er immer dafür gesorgt, dass seine Sekretärinnen ihre Anrufe entgegennahmen und ihnen versprachen, dass „jemand“ sich bei ihnen melden würde.

Besuchten sie und ihre Kollegen die Ärzte jetzt schon zu Hause? Ungewöhnlich, aber keineswegs unwahrscheinlich. Er hatte gehört, dass in der Branche eine mörderische Konkurrenz herrschte und die Pharmareferenten unter riesigem Erfolgsdruck standen.

Und diesmal hatten sie ihre attraktivste Vertreterin geschickt. Er fragte sich, ob die junge Frau auch noch intelligent war. Frech war sie jedenfalls, das musste er ihr lassen. Außerdem hatte sie die längsten Beine, die ihm jemals begegnet waren.

„Wow“, murmelte er. „Und ich dachte, Ihre Kollegen in San Francisco sind aufdringlich.“

„Genau das ist der Punkt, Doktor. Ich bin nicht aufdringlich“, entgegnete Kennon gelassen. „Letztendlich entscheiden Sie ganz allein, was Sie kaufen. Ich berate Sie nur bei der Auswahl und mache Vorschläge.“

Sie hatte die aufregendste Figur, die er jemals gesehen hatte. Aber er würde seinen Patienten keine Medikamente ihrer Firma verschreiben, nur weil ihre Verpackung reizvoller war als die eines anderen Herstellers. Er verordnete nur Präparate, an deren Wirksamkeit er glaubte.

Außerdem musste er die Frau so schnell wie möglich loswerden. Simon unterdrückte eine scharfe Erwiderung, nahm den Arm der zierlichen Blondine und schob sie wieder nach draußen. „Bestimmt gibt es für das Produkt, das Sie anbieten, einen Markt, aber im Moment bin ich wirklich nicht interessiert.“

Tante Maizie, du solltest diese Leute wirklich auf ihren Geisteszustand untersuchen lassen, bevor du mich zu ihnen schickst.

Hinter dem Mann standen seine kleinen Mädchen und sahen sie mit großen, blauen Augen an. Das kleinere lächelte ihr schüchtern zu.

Die beiden waren süß. Hoffentlich waren sie auch adoptiert, denn Geisteskrankheiten wurden vererbt, und bei einem solchen Vater würden sie kein leichtes Leben haben.

Kennon sah den Arzt an. „Wir können das hier nicht zwischen Tür und Angel erledigen, Dr. Sheffield. Sie sind offenbar zu beschäftigt, und ich brauche etwas Zeit, um meinen Job richtig zu machen.“ Er starrte sie an, als würde sie plötzlich Latein sprechen, also probierte sie es anders. „Normalerweise versuche ich, ein paar Dinge über einen Kunden in Erfahrung zu bringen, bevor ich anfange.“

Der Mann wirkte noch immer verwirrt und schien sich nur mühsam zu beherrschen.

„Es ist mir sehr wichtig, dass Sie mit meiner Arbeit einverstanden sind. Nicht nur damit Sie mich weiterempfehlen, sondern auch weil ich gern zufriedene Klienten habe.“

Er hatte gehört, dass Pharmareferenten sich Informationen über das Privatleben von Ärzten besorgten und sie dann wie alte Freunde ansprachen, anstatt sie lediglich wie potenzielle Absatzmärkte für die Produkte ihres Arbeitgebers zu behandeln. Diese Vertreterin war wirklich ein Prachtexemplar ihrer Branche. Er hätte sie gern gefragt, für welchen Hersteller sie arbeitete, aber dann würde sie wahrscheinlich gar nicht mehr verschwinden. „Es tut mir leid, aber ich habe wirklich keine Zeit dafür.“

Kennon schaute an den ziemlich breiten Schultern des Doktors vorbei ins Innere des Hauses. Es war wunderschön. Wunderschön und kahl. Kein Zweifel, der Mann brauchte Möbel. Und sei es auch nur, um seinen Töchtern ein Gefühl von Stabilität zu vermitteln. „Aber Ihr Haus ist leer“, protestierte sie. „Sie brauchen Möbel.“

„Was haben die denn damit zu tun?“

„Alles“, beharrte sie. Na gut, vielleicht sollte sie noch mal von vorn anfangen. Offenbar kam der Mann nicht ganz mit. „Ich bin Kennon Cassidy.“ Sie streckte die Hand aus. „Die Innenarchitektin“, erklärte sie, als er ihre Hand einfach ignorierte. Sie wartete darauf, dass ihm ein Licht aufging und seine faszinierend blauen Augen aufleuchteten, doch das taten sie nicht.

„Maizie Sommers hat Ihnen gesagt, dass ich komme.“ Sie atmete tief durch. Noch immer keine Reaktion. „Sie hat mir erzählt, dass Sie ein Haus haben, das dringend eingerichtet werden muss.“

Endlich schien es bei ihm zu klingeln. „Oh. Maizie“, wiederholte er und erinnerte sich an die attraktive, kultivierte Frau, die ihm geholfen hatte, „das richtige Haus für Ihre Mädchen“ zu finden. Die Maklerin hatte ihn und seine Töchter vor der Obdachlosigkeit bewahrt. Einen Moment lang klammerte er sich an den vertrauten Namen wie ein Ertrinkender an einen Rettungsring, der plötzlich vor ihm aufgetaucht war.

Simon nickte. Hätte er die junge Frau einfach reden lassen, anstatt sie dauernd zu unterbrechen, hätte dieses Missverständnis vielleicht nicht so viel Zeit gekostet. Er beschloss, seinen Fehler wiedergutzumachen, indem er sie engagierte. Aber nicht jetzt. Er hatte einen Beruf, und ein Herzchirurg nützte niemandem, wenn er kein Krankenhaus hatte, in dem er operieren durfte.

„Ich fürchte, ich muss unseren Termin verlegen. Ich werde nämlich im Blair Memorial Hospital erwartet.“ Vielleicht schuldete er ihr eine etwas ausführlichere Erklärung. „Ich bin eingeladen worden, mich dem Ärzteteam anzuschließen. Aber wenn ich mein erstes Treffen mit meinem zukünftigen Chefarzt versäume, könnte die Einladung zurückgezogen werden.“

Das klang plausibel. Kennon nickte. „Natürlich. Ich verstehe. Ich gerate auch dauernd in Terminschwierigkeiten.“ Sie wühlte in ihrer Handtasche nach einer Visitenkarte und gab sie ihm. „Rufen Sie mich an, dann vereinbaren wir einen neuen Termin. Falls ich nicht im Büro bin, wird Ihr Anruf auf mein Handy oder zu mir nach Hause umgeleitet.“

Simon nahm die Karte und lächelte matt. „Danke für Ihr Verständnis. In letzter Zeit war alles ein wenig hektisch, und wir sind gerade erst hierher umgezogen.“

Kennon nickte wieder. „Sie brauchen mir nichts zu erklären, Dr. Sheffield. Meine Tante hat mir alles erzählt.“

„Ihre Tante?“, fragte er überrascht.

Auf der Fahrt nach Newport Beach hatte Kennon sie angerufen. Sie hasste es, unvorbereitet zu einem Klienten zu fahren, also hatte sie ihre Tante um ein paar Hintergrundinformationen gebeten.

Maizie hatte erzählt, dass der Mann Chirurg war und zwei kleine Töchter hatte. Madelyn und Meghan. Außerdem hatte sie erwähnt, dass er aus San Francisco hergezogen war, und hinzugefügt, dass er Witwer war. Aber sie hat mir verschwiegen, dass er atemberaubend gut aussieht, dachte Kennon.

Vermutlich hatte Maizie ihr eine freudige Überraschung bereiten wollen.

Aber ihre Tante konnte nicht wissen, dass sie ihr Leben ändern wollte. Sie war nicht mehr auf dem Markt für Singles, sondern sehnte sich nach nichts als Ruhe und Frieden. Und dazu passten Männer nicht mehr. Egal, wie sie beschaffen waren. Kurz gesagt, sie hatte keinerlei Interesse an einer Beziehung mehr.

„Oh“, sagte Simon. „Ihre Tante ist eine sehr nette Frau.“

„Ja, das ist sie.“

„Dr. Sheffield!“, rief die Nanny hinter ihm. Sie klang leise und heiser.

„Gleich, Mrs. O’Malley“, erwiderte er, ohne sich nach ihr umzudrehen. „Es tut mir wirklich leid. Es war ein Missverständnis“, versicherte er Kennon. „Ich habe gehört, dass Pharmareferenten sehr gerissen und ziemlich rücksichtslos …“

„Und Sie halten mich für gerissen und rücksichtslos“, unterbrach sie ihn lächelnd.

„Natürlich nicht. Ich wollte nur …“ Er verstummte. Wie kam er dazu, sich für etwas zu entschuldigen, das er gar nicht gesagt hatte?

Kennon lachte. Wer hätte gedacht, dass dieser attraktive Mann so verlegen sein konnte? „Bitte, Doktor, vergessen Sie es einfach.“

„Dr. Sheffield!“, rief Edna wieder. Diesmal hörte sie sich noch schwächer an.

Und dann gab es ein dumpfes Geräusch. Als wäre ein großer Koffer umgefallen. „Daddy!“, schrie Madelyn ängstlich.

Simon fuhr herum und sah, dass die Nanny seiner Kinder mit dem Gesicht nach unten auf dem Fußboden lag.

„Beeil dich!“, flehte Madelyn und winkte mit beiden Händen. „Beeil dich, Daddy. Edna ist tot!“

Neben ihr hielt Meghan sich die Augen zu und begann zu weinen. Herzzerreißend.

3. KAPITEL

Simon eilte zu Edna, kniete sich neben sie, tastete nach dem Puls und atmete auf. Ihr Herz schlug schnell, aber kräftig.

„Sie ist nicht tot“, beruhigt er seine Tochter und zeigte auf die Brust der ohnmächtigen Nanny, die sich gleichmäßig hob und senkte.

Madelyn war nicht überzeugt. „Warum sind ihre Augen dann zu?“

„Weil sie schläft.“ Meghan betonte das letzte Wort und sah ihre Schwester an, als wäre es nicht ungewöhnlich, dass eine alte Frau das Bewusstsein verlor und ohne Vorwarnung umfiel.

„Keine schlechte Erklärung“, sagte Simon und staunte darüber, wie vernünftig seine jüngere Tochter reagierte. Meghan betrachtete es als Lob und strahlte ihre Schwester an.

Abgesehen von einigen kurzen Worten zur Begrüßung war Simon es nicht gewohnt, mit seinen Töchtern zu reden. Dafür war Nancy zuständig gewesen. Seit ihrem Tod sah er sich völlig neuen Herausforderungen gegenüber und hatte so gut wie keine Ahnung, wie er damit umgehen sollte. Für ihn waren Kinder meistens etwas Rätselhaftes.

Aber seine Mädchen schauten ihn erwartungsvoll an. „Edna ist in Ohnmacht gefallen“, erklärte er. „Sie fühlte sich seit ein paar Tagen unwohl und hat sich vermutlich zu schnell umgedreht.“

Madelyns Augen waren noch immer riesig. „Ist sie … wird Edna … wieder gesund?“, fragte sie stockend. „Sie wird doch nicht … du weißt schon.“ Sie zuckte mit den schmalen Worten, als brächte sie das Wort nicht über die Lippen. „Wie Mommy“, flüsterte sie schließlich.

Seit einem Jahr versuchte Simon verzweifelt, sich seine Trauer nicht anmerken zu lassen, aber er war nicht blind. Ihm war nicht entgangen, dass Nancys Tod Madelyn härter getroffen hatte als Meghan. Natürlich hatte seine Jüngste geweint, aber dann hatte sie ihre Zuneigung fast mühelos auf Edna übertragen. Aber Meghan war erst sechs und wusste noch nicht, welche Tiefschläge das Leben einem verpassen konnte, wenn man am wenigsten damit rechnete.

„Kann ich helfen?“, fragte eine sanfte Stimme hinter ihm.

Simon wurde bewusst, dass er die attraktive Innenarchitektin vergessen hatte. Wahrscheinlich war er der erste Mann, der das getan hatte.

„Ja, Sie können die Mädchen zurückhalten“, befahl er, bevor er die Nanny hochhob und aufstand. Seine Arme zitterten leicht, und er fühlte einen unerwarteten Schmerz in den Oberschenkeln. Für ihr Alter war Edna ganz schön schwer.

Kennon hörte, wie Simon Sheffield aufatmete. Vermutlich war er froh, dass er sich nicht blamiert hatte. Staunend beobachtete sie ihn. Es gab nicht viele Männer, die so entschlossen reagiert hätten. Die meisten hätten die bewusstlose Frau liegen lassen, bis sie wieder zu Bewusstsein kam, oder Hilfe geholt. Aber der Arzt hatte sie einfach auf die Arme genommen und sich aufgerichtet. Wie ein Gewichtheber.

Kennon legte jedem Mädchen eine Hand auf die Schulter und hielt sie zurück, bis ihr Vater sich wieder in Bewegung setzte. Dann führte sie Meghan und Madelyn hinter ihm ins Wohnzimmer.

Erst jetzt bemerkte sie, dass der Doktor mindestens ein Möbelstück besaß. Ein Sofa, das in dem großen Raum mit der hohen Decke vollkommen fehl am Platz wirkte. Es war kastanienbraun, wuchtig und an mehreren Stellen durchgesessen. Und vor allem passte es beim besten Willen nicht in dieses Haus.

Eine Leihgabe?

Hin und wieder mietete ihre Tante ein Möbelstück, um den Objekten, die sie vermittelte, eine wärmere Atmosphäre zu verleihen. In diesem Fall war es ihr nicht gelungen. Das Sofa sah nicht hell und fröhlich aus, sondern abgenutzt und reif für den Sperrmüll.

Aber es war bestimmt bequemer als der Fußboden, und allein darauf kam es im Moment an.

Madelyn war noch immer nicht beruhigt. „Ist sie wirklich nicht tot?“, fragte die Achtjährige besorgt.

Kennon lächelte ihr zu. „Dein Vater ist Arzt, Liebes, und kann sehen, ob jemand lebt oder nicht.“ Sie beugte sich zu dem Mädchen hinab. „Und wenn du genau hinschaust, kannst du sehen, dass Ednas Brust sich hebt und senkt. Das bedeutet, dass sie atmet. Und wenn deine Nanny atmet, lebt sie noch.“

Madelyn unterdrückte ein Schluchzen und nickte ernst. „Okay“, sagte sie, aber ihre Augen schimmerten feucht. „Es ist nur, weil Mommy …“

„Schon gut“, sagte ihr Vater scharf. Er wollte sein Privatleben nicht vor einem wildfremden Menschen ausbreiten. Er hatte Edna vorsichtig aufs Sofa gelegt und warf noch einen prüfenden Blick auf sie, bevor er die Innenarchitektin, die seine Maklerin ihm geschickt hatte, etwas genauer betrachtete. Obwohl sie zwischen seinen Töchtern stand, wirkte sie vollkommen entspannt. Das war etwas, was er noch nie geschafft hatte. „Miss …“ Er verstummte, als ihm aufging, dass ihm eine wesentliche Information fehlte. „Wie heißen Sie noch?“

„Cassidy. Kennon.“ Wieder lächelte sie den Mädchen zu. „Ich weiß, es ist kein Name, den man sich leicht merkt.“

Der Doktor runzelte die Stirn. Oder sah er immer so finster aus? Falls ja, wäre es sehr schade, denn er sah einfach zu gut aus, um sein Gesicht permanent in Falten zu legen.

„Leicht oder nicht“, sagte er. „Das ist keine Entschuldigung für schlechte Manieren.“

Kennon fragte sich, ob er auch zu seinen Töchtern so streng war.

Ihr eigener Vater war Colonel bei den US-Marines gewesen und hatte selbst nach seiner Pensionierung so gelebt, als wäre er noch bei Militär. Er war der distanzierteste Mensch, den sie kannte. Es war, als wäre sie bei einem Fremden aufgewachsen. Als Kind hatte sie sich immer nach seiner Anerkennung und Zuneigung gesehnt. Vielleicht hatte sie sich deshalb gleich beim ersten Mal in den falschen Mann verliebt.

Sie hörte, wie Simon seufzte, und schaute sofort zum Sofa hinüber. „Stimmt etwas nicht?“

Sein Stirnrunzeln vertiefte sich. „Abgesehen davon, dass ich in einer halben Stunde bei meinem Chefarzt im Krankenhaus sein muss, meine Mädchen zur Schule müssen und meine Haushälterin krank und bewusstlos ist?“, entgegnete er mit sarkastischem Unterton. „Nein, es ist alles in bester Ordnung.“

Kennon nahm es ihm nicht übel. Sich in seiner Situation ein sonniges Gemüt zu bewahren, das wäre wohl zu viel verlangt. Viele Männer waren ohne ihre Frauen verloren, und er bildete da keine Ausnahme. Irgendwie machte es ihn menschlich.

„Sie wissen nicht zufällig, wo ich eine zuverlässige junge Frau finde, die meine Töchter zur Schule bringt und sich danach um meine Haushälterin kümmert, bis ich nach Hause komme?“ Sein Tonfall ließ erkennen, dass er nicht wirklich mit einer Antwort rechnete. Er ließ einfach nur Dampf ab, während er nach einer Lösung für sein Dilemma suchte.

Kennon zögerte. Sie hatte sich den ganzen Vormittag frei gehalten, um genug Zeit für ihren neuen Klienten zu haben. Normalerweise war sie ein hilfsbereiter Mensch, aber sie war sich nicht ganz sicher, ob Simon Sheffield einfach nur frustriert oder immer so unfreundlich war.

Aber wenn es um Kinder ging, hatte sie immer ein weiches Herz gehabt, und seine Töchter waren süß. Der Mann war in einer wirklichen Notlage, und wenn Kennon ihm half, würde er sich vielleicht verpflichtet fühlen, sie als Innenarchitektin zu engagieren.

Nein, er war nicht der Typ, der sich zu etwas verpflichtet fühlte oder nach der Devise „Auge um Auge, Zahn um Zahn“ lebte. Es sei denn, er hatte eine Pistole in der Hand und stand exakt zehn Schritte von seinem ebenfalls bewaffneten Gegner entfernt.

Trotzdem, er brauchte Hilfe, sie hatte Zeit und liebte seine Töchter. Als Einzelkind hatte sie sich schon früh mit Babysitten etwas Taschengeld verdient, und ihre Mutter war fest davon überzeugt, dass Kennon eine wunderbare Mutter wäre. Leider ging dieses Lob immer mit der Klage einher, wie schade es doch war, dass sie noch keine eigene Familie gegründet hatte.

Eines Tages vielleicht. Und falls ihre biologische Uhr ablief, während sie noch auf den Richtigen wartete, machte das auch nichts. Heutzutage konnte man selbst als alleinstehende Frau ein Kind adoptieren.

Warum nicht? Was hatte sie denn schon zu verlieren, wenn sie dem Mann half? Kennon traf eine Entscheidung. „Ich“, sagte sie.

Verwirrt sah er sie an. „Sie … was?“

„Ich bin die zuverlässige Person, nach der Sie suchen. Ich kann sie sein. Ich meine, ich bin sie.“ Was hatte dieser Mann bloß an sich, dass sie in seiner Gegenwart Sprachprobleme bekam?

Kennon atmete tief durch und fing noch mal von vorn an. „Ich kann Ihre Mädchen zur Schule bringen, wenn Sie mir sagen, auf welche Schule sie gehen. Und danach kann ich wieder herkommen und bei Ihrer Haushälterin bleiben, bis Sie zurück sind.“ Der Doktor sah nicht begeistert aus. „Falls Sie sich Sorgen machen, weil Mrs. O’Malley allein ist, während ich mit den Mädchen unterwegs bin, kann ich meinen Assistenten anrufen. Nathan bleibt hier, bis ich zurückkomme.“

„Warum?“, fragte Simon und musterte sie unverblümt.

Vermutlich hätte er sich hervorragend mit ihrem Vater verstanden. Zu schade, dass ihr Dad nach der Scheidung jeglichen Kontakt abgebrochen hatte. Kennon wusste nicht, was Simon wissen wollte. Sie hatte ihm gerade viel über sich erzählt. „Wie bitte?“

„Warum wollen Sie das tun? Meine Töchter zur Schule bringen und Ihren Assistenten auf Edna aufpassen lassen?“ Wo er herkam, blieben die Leute unter sich und boten niemandem ihre Hilfe an, erst recht nicht wildfremden Menschen.

Kein Zweifel, er war ein misstrauischer Typ. So langsam taten ihr seine Töchter wirklich leid. „Weil Sie gerade gesagt haben, dass …“

Er winkte ab. „Ich weiß, was ich gesagt habe, aber wir kennen uns doch gar nicht.“

War das der einzige Grund? Sie lachte unbeschwert. „Wir werden uns schnell kennenlernen, wenn ich Ihr Haus einrichte.“ Sie hatte ihm bereits erklärt, dass sie möglichst viel über ihn wissen musste, wenn sie ihre Arbeit gut machen wollte. Oder hatte er gar nicht zugehört? „Ich würde sagen, das geht am besten, wenn ich mich kopfüber in Ihr Leben stürze.“

Die Vorstellung schien die jüngere seiner Töchter zu faszinieren. Meghan begann zu kichern. „Darf ich Ihnen dabei zusehen?“

Kennon konnte nicht widerstehen und streichelte dem kleinen Mädchen die Wange. Meghan war süß, und am liebsten hätte sie sie an sich gezogen, aber sie beherrschte sich im letzten Moment. Aus eigener Erfahrung wusste sie, dass Kinder nicht gedrückt werden wollten. Die Großtante ihrer Mutter hatte keine Rücksicht darauf genommen.

„Das sagt man nur so“, antwortete Kennon lachend und sah Simon erwartungsvoll an. Er hatte ihr noch nicht geantwortet. „Mein Angebot steht noch.“

In seiner Lage konnte er es sich nicht leisten, wählerisch zu sein. Maizie Sommers hatte ihn an seine verstorbene Mutter erinnert, und wenn die Maklerin dieser überaus zuvorkommenden Innenarchitektin vertraute, konnte er es wohl auch. Das war immer noch besser, als jemanden aus der Zeitung zu nehmen.

Er nickte resigniert, holte den Hausschlüssel heraus und reichte ihn der Frau. Ihren Namen hatte er schon wieder vergessen. „Danke. Ich weiß Ihre Hilfe zu schätzen. Übrigens, Sie brauchen Ihren Assistenten nicht anzurufen.“

Er klang fast, als wäre er ihr wirklich dankbar. Ein kleines Lächeln dazu wäre nicht schlecht gewesen, aber sie hatte das Gefühl, dass Simon Sheffield nicht sehr oft lächelte. Sie steckte den Schlüssel ein. „Und der Name der Schule?“

„Saint Elizabeth Ann Seton“, flüsterte Edna matt.

„Edna, du lebst ja!“, rief Madelyn erleichtert und umarmte ihre Nanny.

Meghan kletterte zu den beiden aufs Sofa und warf sich auf ihre Schwester.

„Nehmt ihr nicht die Luft, Mädchen“, ermahnte Simon sie streng. Dann zog er seine Töchter von ihr weg. „Wie fühlen Sie sich?“, fragte er und maß ihren Puls. Noch immer schnell, aber schon kräftiger.

„Es ist mir so peinlich“, erwiderte Edna mit noch immer schwacher Stimme.

„Das muss Ihnen nicht peinlich sein“, widersprach er forsch. „Ich möchte, dass Sie sich ein paar Stunden ausruhen … bis ich zurückkomme.“

Bestürzt sah Edna ihn an. Sie wollte sich aufsetzen, schaffte es jedoch nicht und ließ sich aufs Sofa zurückfallen. „Aber die Mädchen …“

„Die sind versorgt“, versicherte Simon der Nanny und drehte sich zu der Frau um, die sich als wahres Himmelsgeschenk erwiesen hatte – wenn man an so etwas glaubte. „Die Schule ist an der …“

Kennon hob eine Hand. „Ich bin hier aufgewachsen und weiß, wo die Saint Elizabeth Ann Seton School ist.“ Behutsam schob sie die Mädchen zur Haustür. „Und das Krankenhaus, in dem Sie arbeiten, ist das Blair Memorial, haben Sie gesagt?“

„Ja, warum?“, fragte er misstrauisch.

Wirklich kein vertrauensseliger Mensch, dachte sie. War er von Natur aus so, oder gab es einen Grund dafür?

„Nichts Besonderes. Ich wollte Ihnen nur erzählen, dass das Blair Memorial einen großartigen Ruf hat. Meine Cousine ist Kinderärztin und arbeitet eng mit dem Blair zusammen. Dr. Nicole Connors.“ Er zog eine Augenbraue hoch, und sie erriet, was er dachte. „Ja, zufällig ist sie die Tochter Ihrer Maklerin. Stimmt, die Welt ist klein, jedenfalls in dieser Gegend.“ Sie wandte sich wieder ihren Schützlingen zu. „Okay, Mädchen, wir müssen uns beeilen, wenn wir vor dem Mittagessen in der Schule sein wollen.“

„Mittagessen?“, rief Madelyn entsetzt. „Ist es schon so spät?“

„Das habe ich nur so gesagt“, versicherte sie dem Mädchen zum zweiten Mal an diesem Tag. Sie legte den beiden eine Hand auf die Schulter, ging mit ihnen nach draußen und drehte sich noch mal zum Doktor um. „Ich bin so schnell wie möglich zurück“, versprach sie ihm für den Fall, dass er Angst hatte, sie würde nicht auf direktem Weg zur Nanny zurückkehren.

Simon nickte. „Ich auch.“

Als die Frau mit dem Mundwerk wie ein Maschinengewehr die Tür schloss, fühlte er sich, als hätte er gerade einen Wirbelsturm der höchsten Kategorie überstanden.

Aber wenigstens stehe ich noch, sagte er sich. Und das musste doch schon einiges wert sein.

Das Blair Memorial Hospital war exakt so, wie Dr. Edward Hale es Simon am Telefon beschrieben hatte. Auf allen medizinischen Fachgebieten erstklassig, zählte es in der Herzchirurgie zu den besten Adressen des Landes. Sogar ein Gamma-Knife zur Strahlentherapie stand den Ärzten zur Verfügung. Von solchen hochmodernen Operationsmethoden hatten die Kollegen im letzten Jahrhundert nur träumen können.

Noch vor gar nicht so langer Zeit hätte Simon sich auf die vielfältigen Möglichkeiten gefreut, die sich ihm hier boten. Aber inzwischen bekam er Schuldgefühle, wenn er etwas anderes als tiefe Trauer empfand.

Nancy hätte nicht gewollt, dass du dich so fühlst. Die innere Stimme hörte sich im Moment an wie die von Edna, denn die Nanny hatte seine verstorbene Frau fast noch besser gekannt als er.

Er wusste, dass die Stimme – und Edna – vermutlich recht hatten. Nancy hätte darauf bestanden, dass er ein neues Leben begann. Aber das konnte er nicht. Sein Körper und seine Seele waren in der Vergangenheit gefangen, und er war unfähig, sich ein Leben ohne seine Partnerin, seine Helferin und seine Seelengefährtin vorzustellen.

Denk an die Mädchen. Sie brauchen dich.

Diesmal klang die Stimme wie die von Nancy.

Erst jetzt bemerkte Simon, dass der Chefarzt der Chirurgie ihm mit zufriedenem Gesicht die Hand schüttelte. „Damit wäre wohl alles gesagt. Außer willkommen an Bord, Doktor. Ich glaube, dies ist der Beginn einer wunderbaren Freundschaft.“ Er strahlte Simon an, ließ ein perfektes Gebiss aufblitzen und erklärte das Zitat. „Das ist aus Casablanca . Entschuldigen Sie, aber ich bin ein großer Kinofan. Meine Frau hat eine weniger schmeichelhafte Bezeichnung dafür, aber mir gefällt Kinofan besser. Ja, ja, unsere geliebten Ehefrauen durchschauen uns mühelos, nicht wahr?“

Hale lachte fröhlich, aber dann wurde er schlagartig wieder ernst. „Oh mein Gott, es tut mir leid. Ich habe ganz vergessen, dass Sie erst kürzlich Ihre Frau verloren haben“, sagte er und vermied das schreckliche Wort Tod . „Verzeihen Sie mir, Doktor. Das war äußerst taktlos.“

Simon schüttelte den Kopf und tat sein Bestes, um sich gedanklich in eine andere Umgebung zu versetzen. Das tat er jetzt seit einem Jahr, sobald das Gespräch auf Nancy kam. „Kein Problem“, erwiderte er und hoffte inständig, dass der Mann das Thema wechseln würde.

Doch danach sah es nicht aus. Besorgt legte Hale ihm eine Hand auf die Schulter und sah ihm forschend in die Augen. „Wie kommen Sie zurecht?“, fragte der Chefarzt freundlich. „Brauchen Sie etwas?“

Ja, ich brauche meine Frau.

Simon zwang sich, den Kopf zu schütteln. „Nein, es geht mir gut“, log er tapfer. „Aber es ist sehr freundlich von Ihnen, mich zu fragen.“ Er warf einen Blick auf die Uhr. Drei Stunden waren vergangen. Hatte die Besprechung so lange gedauert? Es war ihm viel kürzer vorgekommen. „Meine Haushälterin ist krank, und wenn es Ihnen nichts ausmacht, würde ich gern nach ihr schauen.“

„Natürlich, natürlich.“ Hale erhob sich und schüttelte ihm erneut die Hand. „Lassen Sie es mich wissen, wenn wir etwas für Sie tun können. Ansonsten freuen wir uns darauf, Sie in der Klinik zu sehen. Sagen wir, am Donnerstag?“, schlug er hoffnungsvoll vor. „Dann brauchen Sie nicht mit einer vollen Arbeitswoche einzusteigen. Selbst an ein hochmodernes Krankenhaus muss man sich erst gewöhnen.“

„Donnerstag ist mir recht.“

„Und falls Sie etwas brauchen oder einfach nur mal reden wollen, rufen Sie mich an. Meine Tür und mein Telefon stehen Ihnen immer offen.“ Er klopfte seinem neuen Kollegen auf den Rücken. „Ich arbeite nach einer ganz einfachen Regel. Glückliche Ärzte sind gute Ärzte. Ich möchte, dass Sie glücklich sind, Dr. Sheffield.“

„Das weiß ich zu schätzen.“ Aber Sie kommen dreizehn Monate zu spät. „Nochmals danke, Sir.“ Und damit ging er davon.

Als er um eine Ecke bog, beschleunigte Simon seine Schritte.

Er musste so schnell wie möglich nach Hause, um sich zu überzeugen, dass es Edna gut ging und es kein Fehler gewesen war, sie dieser Innenarchitektin zu überlassen.

Kennon Cassidy hatte zwar eine äußerst zuvorkommende Art, aber er hatte gehört, dass erfolgreiche Hochstapler immer sehr gewinnend auftraten. Obwohl sich im Haus nichts Wertvolles befand, wäre ihm wohler, wenn er sich selbst um Edna kümmern konnte.

Zurück in seinem Schneckenhaus.

4. KAPITEL

Vorsichtshalber war Simon auf dem Weg zur Saint Elizabeth Ann Seton School hinter der Frau hergefahren. Außerdem hatte er danach die Direktorin angerufen. Obwohl Schwester Therese ihm bestätigt hatte, dass seine Töchter sicher in ihren Klassenzimmern angekommen waren, ärgerte er sich über seinen Leichtsinn. Wie hatte er sich nur auf eine Frau verlassen können, über die er nichts wusste?

Nun ja, das stimmte nicht ganz. Er wusste immerhin, dass sie Innenarchitektin war und sein Haus einrichten wollte. Dass die sehr sympathische Maklerin sie empfohlen hatte. Und dass sie … äußerst attraktiv war.

Simon erstarrte. Woher war der Gedanke denn gekommen?

Seit der Tsunami ihm Nancy und seine gewohnte Existenz geraubt hatte, ertappte er sich häufig dabei, wie ein Schlafwandler zu leben. Er hatte das Gefühl, dass er nur noch das Nötigste tat. Dass er nur noch funktionierte.

Er musste sich wieder in den Griff bekommen.

Wenn nicht, würde er niemandem nützen, am wenigsten sich selbst. Und er musste nicht nur an seine Patienten denken, sondern auch an seine Töchter.

Er war selten zu Hause gewesen, aber das hatte ihm kein schlechtes Gewissen bereitet, denn Nancy und Edna waren immer für die Mädchen da gewesen. Seit Nancys Tod war alles anders. Er musste ein besserer Vater werden, auch wenn er nicht wusste, wie er das anstellen sollte.

Für Madelyn und Meghan hatte er alle Zelte hinter sich abgebrochen. Er hatte sich eine neue Stelle in einem Krankenhaus gesucht, praktisch über Nacht ein Haus gekauft und die Mädchen in einer angesehenen Privatschule angemeldet.

Aber würde ihn jemand fragen, welche Farbe sein Oberhemd hatte oder was seine Töchter an diesem Tag trugen, hätte er keine Antwort darauf. Meistens nahm er seine Umgebung gar n...

Autor

Marie Ferrarella
<p>Marie Ferrarella zählt zu produktivsten US-amerikanischen Schriftstellerinnen, ihren ersten Roman veröffentlichte sie im Jahr 1981. Bisher hat sie bereits 300 Liebesromane verfasst, viele davon wurden in sieben Sprachen übersetzt. Auch unter den Pseudonymen Marie Nicole, Marie Charles sowie Marie Michael erschienen Werke von Marie Ferrarella. Zu den zahlreichen Preisen, die...
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Rae Anne Thayne
<p>RaeAnne Thayne hat als Redakteurin bei einer Tageszeitung gearbeitet, bevor sie anfing, sich ganz dem Schreiben ihrer berührenden Geschichten zu widmen. Inspiration findet sie in der Schönheit der Berge im Norden Utahs, wo sie mit ihrem Ehemann und ihren drei Kindern lebt.</p>
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Karen Templeton
<p>Manche Menschen wissen, sie sind zum Schreiben geboren. Bei Karen Templeton ließ diese Erkenntnis ein wenig auf sich warten … Davor hatte sie Gelegenheit, sehr viele verschiedene Dinge auszuprobieren, die ihr jetzt beim Schreiben zugutekommen. Und welche waren das? Zuerst, gleich nach der Schule, wollte sie Schauspielerin werden und schaffte...
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Melissa Senate
<p>Melissa Senate schreibt auch unter dem Pseudonym Meg Maxwell, und ihre Romane wurden bereits in mehr als 25 Ländern veröffentlicht. Melissa lebt mit ihrem Teenager-Sohn, ihrem süßen Schäfermischling Flash und der spitzbübischen Schmusekatze Cleo an der Küste von Maine im Norden der USA. Besuchen Sie ihre Webseite MelissaSenate.com.</p>
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Catherine Spencer
<p>Zum Schreiben kam Catherine Spencer durch einen glücklichen Zufall. Der Wunsch nach Veränderungen weckte in ihr das Verlangen, einen Roman zu verfassen. Als sie zufällig erfuhr, dass Mills &amp; Boon Autorinnen sucht, kam sie zu dem Schluss, diese Möglichkeit sei zu verlockend, um sie verstreichen zu lassen. Sie wagte den...
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