Historical Saison Band 116

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2 Romane von CHRISTINE MERRILL

DAS DUBIOSE ANSINNEN DES DUKES

Eigentlich könnte alles so schön sein: Madeline und ihr Gatte Evan, der Duke of Fallon, sind einander endlich näher gekommen – und sogar ein Kind ist jetzt unterwegs. Doch dann fällt Maddie aus allen Wolken. Evan verlangt, dass sie sich bis zur Niederkunft aufs Land zurückzieht. Will er sie etwa loswerden?

DIE SUSSE RACHE DER JUNGEN WITWE

Selina ist fassungslos: Alex Conroy, der Duke of Glenmoor, bietet ihr die Ehe an. Dabei ist er nicht nur schuld am Tod ihres Mannes, sondern trägt auch die Verantwortung dafür, dass sie nun völlig mittellos dasteht. Ihr bleibt nichts anderes übrig, als seinen Antrag anzunehmen. Doch insgeheim schmiedet sie einen Racheplan …



  • Erscheinungstag 19.04.2025
  • Bandnummer 116
  • ISBN / Artikelnummer 9783751531955
  • Seitenanzahl 400
  • E-Book Format ePub
  • E-Book sofort lieferbar

Leseprobe

Christine Merrill

1. KAPITEL

„Vermutlich ist es das Beste, dass der alte Duke gestorben ist. Er war gebrechlich und hat sehr gelitten. Aber für uns ändert sich durch seinen Tod nichts.“

Ihr Vater irrte sich. Sein Tod änderte alles. Doch Madeline Goddard lächelte ihn nur ausdruckslos an und nickte folgsam. Aus Widerstand erwuchs nichts Gutes. Wenn sie in den zwanzig Jahren als Mathew Goddards Tochter eines gelernt hatte, dann dies.

Er fuhr fort: „Laut Ehevertrag wirst du den Duke of Glenmoor noch vor deinem einundzwanzigsten Geburtstag heiraten, und als Mitgift erhält er die Ländereien und den Fluss zwischen seinem und unserem Anwesen. Allerdings wird in dem Dokument nicht der Name des Mannes, sondern nur sein Titel genannt.“

Wieder nickte sie und sprach ein stummes Dankgebet, weil die vertraglich bestimmte Person nicht länger ein Mann war, der sich mit dreiundsiebzig Jahren noch immer verzweifelt einen Erben wünschte. Mochte er in Frieden ruhen, aber hätte er den Vertrag durchsetzen wollen, hätte er dies besser vor einem Jahr getan, als er noch bei Kräften gewesen war. Angesichts des immensen Altersunterschieds war es unvernünftig gewesen zu warten, bis sie fast volljährig war und ihn hätte zurückweisen können. Einen Moment lang ließ sie ihre Selbstbeherrschung fahren und erschauerte beim Gedanken daran, wie knapp sie davongekommen war.

Ihre Mutter, die ihr in der Kutsche gegenübersaß, reichte ihr schweigend ein Schultertuch, damit sie es als Frösteln kaschieren konnte.

„Der neue Duke ist ebenso gut wie der alte, dessen bin ich gewiss“, fügte ihr Vater hinzu, ohne ihren Abscheu zu bemerken. „Unerfahren, versteht sich. Er hat nicht damit gerechnet zu erben und ist lediglich ein Cousin zweiten Grades des alten Dukes. Doch sein Stammbaum ist tadellos. Und natürlich sind Vermögen und Ländereien nach wie vor dieselben.“

Der neue Duke war angeblich neunundzwanzig. Wenigstens etwas, das Maddie nicht mit Grausen erfüllte. Und wenn das Gerede über Stammbäume sie an Zuchtstuten und Deckhengste denken ließ, so war sie klug genug, derlei Gedanken für sich zu behalten.

„Die Feier heute Abend wird zu Glenmoors Ehren vom Duke of Fallon ausgerichtet. Zwischen den beiden besteht eine interessante Verbindung. Glenmoors verwitwete Mutter hat den Vater des gegenwärtigen Fallon geheiratet, und die zwei Männer sind wie Brüder aufgewachsen. Stellt euch nur vor, zwei Dukes unter einem Dach.“

Kurz sah Maddie die beiden Sippen in Form eines komplizierten Diagramms aus sich überkreuzenden Linien vor sich: zwei ursprünglich gerade verlaufende Stammbaumäste, die sich in unerwartete Richtungen verzweigt hatten, um zwei mächtige Männer in derselben Familie zusammenzuführen. Wie hoch war die Wahrscheinlichkeit, dass so etwas geschah? Vermutlich höher als gedacht. Die vornehmsten Familien Englands kannten sich alle und heirateten so ungeniert untereinander, dass es fast inzestuös anmutete.

Da ihr Vater keinen Titel besaß, war die Wahrscheinlichkeit, dass sie auf Glenmoor traf, deutlich geringer als die, dass Glenmoor und Fallon einander kannten. Die wenigen Morgen Goddard-Land, die an den Glenmoor-Besitz grenzten, erhöhten die Wahrscheinlichkeit wiederum. Was indes ihre Chance anging, gleich beiden Dukes zu begegnen, wie es heute Abend vermutlich geschähe …

Während sie Wahrscheinlichkeiten berechnete, entstand eine dramatische Pause im Gespräch, die gefüllt werden wollte. „Wie interessant“, steuerte ihre Mutter bei und stieß Maddie sanft mit der Schuhspitze an, um ihr eine Bemerkung zu entlocken.

Abermals lächelte sie ihren Vater an und sagte: „Ganz recht.“

Das genügte ihm anscheinend, denn er nahm den Faden wieder auf, ließ sich in epischer Breite über die Verbindung der beiden Herren aus, verglich deren Besitzungen und betonte, dass sie für Maddie wie Familienmitglieder sein würden.

Genau darum ging es letztlich. Ihre Heirat sollte unverbrüchliche Bande schmieden, um den Status aller Goddards zu erhöhen. Sie würde zur Duchess aufsteigen und ihren Eltern dadurch Zutritt zu den feinsten Häusern Englands verschaffen.

Während ihr Vater seinen Sermon fortsetzte, versuchte Maddie, ruhig zu atmen, um nichts von der Panik preiszugeben, die mit jeder zurückgelegten Meile wuchs. Der ganze Plan war schierer Wahnwitz. Es war unzumutbar, von ihr zu erwarten, dass sie einen alten Mann heiratete, den sie kaum kannte, oder ihren Verlobten wechselte wie ein Paar Schuhe, nachdem der erste das Zeitliche gesegnet hatte. Bestimmt würde sich der neue Duke nicht auf das Arrangement seines Vorgängers einlassen.

Ihr Blick fiel auf den Griff des Kutschenschlags. Ein Ruck nach unten, ein leichter Stoß, und sie wäre zur Tür hinaus und über alle Berge. Aber da sie kein Ziel vor Augen hatte, standen ihre Chancen auf Flucht nicht gut. Vermutlich würde sie stolpern und sich in den Rädern verfangen. Sie würde sich verletzen, wenn nicht gar Schlimmeres geschähe.

Und eine Bagatelle wie der Umstand, dass sie nur haarscharf mit dem Leben davongekommen war, würde ihren Vater nicht daran hindern, seine Pläne durchzusetzen. Sich auszumalen, wie er sie derangiert und schlammverschmiert in den Ballsaal von Fallon schleifte, fiel ihr leichter, als von einem neuen, selbstbestimmten Leben weit weg von hier zu träumen.

Wobei Tagträume nie ihre Stärke gewesen waren. Zahlen lagen ihr mehr als Fantasien. Ins Leere zu starren und zu versuchen, Pi bis auf die letzte Dezimalstelle zu berechnen, war ihr lieber, als an ihr künftiges Los als Ehefrau eines Mannes zu denken, der womöglich ein noch größerer Tyrann als ihr Vater war. Oder auch nicht. Vielleicht würde sie mehr Freiheit genießen als bisher.

Freiheit.

Das Wort ließ sie seufzen, war es ihr doch ebenso fremd wie der Duke of Glenmoor.

Ihr Vater hielt in seinem Monolog inne, um sie durchdringend zu mustern. „Was ist mit dir, Mädchen?“

„Gar nichts“, versicherte sie rasch. Jedenfalls nichts, das ihren Vater interessiert hätte.

„Gut.“ Er nickte. „Heute Abend musst du dich von deiner besten Seite zeigen. Bald wirst du den Mann kennenlernen, der unser aller Leben verändern wird.“

Solange Evan Bellwether denken konnte, hatte er gewusst, dass er der Duke of Fallon werden würde. Und damit gingen gewisse Grundsätze einher. Sein Vater hatte ihm stets vor Augen gehalten, dass sein Wort Gesetz sein werde, sobald er zum Duke aufgestiegen sei, und niemand es wagen werde, ihm zu widersprechen. Zu ärgerlich, dass sein Stiefbruder Alex, der ebenfalls einen Titel besaß, von derselben Anmaßung beseelt war.

„Ich bin ein erwachsener Mann, und ich will nicht heiraten. Du kannst mich nicht zwingen.“ Sie befanden sich in der Bibliothek von Fallon Hall, und wie üblich hatte Alex die Nase in ein Buch gesteckt und ignorierte trotzig die Tatsache, dass er der Ehrengast der heutigen Feier war und in Kürze die Frau kennenlernen würde, die seine Braut sein sollte.

„Gib nicht mir die Schuld“, sagte Evan zu Alex’ Hinterkopf. „Dein Vorgänger hat diese Absprache getroffen.“

Verärgert schlug Alex das Buch zu und wandte sich um. „Und Cousin Theodore ist nicht hier, denn er ist tot. Und da du dich auf seine Seite schlägst, gebe ich eben dir die Schuld.“

„Dem Dokument zufolge hat der Duke of Glenmoor sein Einverständnis gegeben. Als der nächste Glenmoor bist du durch deine Ehre verpflichtet, dich an die Absprache zu halten.“ Und wie sein Vater ihm von klein auf eingebläut hatte, waren Verpflichtungen, welche die Ehre betrafen, unverbrüchlicher als Stahl.

Doch obwohl Alex ein Ehrenmann war, hatte seine Erziehung ihn auf ein Dasein ohne Titel vorbereitet, nur sich selbst verpflichtet. „Ich könnte die Familie des Mädchens mit einer Entschädigung dazu bringen, von dem Vertrag zurückzutreten.“ Mit einem letzten sehnsüchtigen Blick legte er das Buch beiseite.

„Das könntest du“, pflichtete Evan ihm skeptisch bei. „Im Grunde wäre das kein Wortbruch. Aber du bist der letzte Duke …“

„Dann werde ich es so machen“, unterbrach Alex ihn erleichtert lächelnd. „Wie viel wird es mich deiner Meinung nach kosten, mich aus diesem Schlamassel zu befreien? Ich habe keinen Blankoscheck dabei, aber sicherlich reicht auch ein Schuldschein, um die Goddards dorthin zurückzuschicken, woher sie gekommen sind, wo immer das ist.“

„Norfolk.“ Evan seufzte. Zwar verstand sein Stiefbruder prinzipiell, über wie viel Macht er verfügte, jedoch musste er noch lernen, sie möglichst geschickt einzusetzen. „Hast du schon einmal darüber nachgedacht, weshalb dein Cousin dieses Arrangement getroffen hat?“

„Ich nehme an, der alte Bock wollte einen Erben, um zu verhindern, dass der Titel mir zufällt“, entgegnete Alex und seufzte ebenfalls. „Uns beiden war klar, dass dieses Schicksal schlimmer als der Tod wäre. Und nun ist er tot, und ich …?“ Finster starrte er den Siegelring an seiner Hand an, als wäre dieser für die gegenwärtige Lage verantwortlich.

„Das war ein Grund, aber es gibt einen weiteren. Die Goddards, die du zum Teufel jagen möchtest, werden auf ein kleines Anwesen zurückkehren, das an den Glenmoor-Besitz grenzt. Wenn du die Tochter heiratest, erhältst du eine Mitgift. Dich erwarten mehrere Morgen Land direkt neben deinem, und das Mädchen besitzt ein kleines Vermögen, das bis zu ihrer Hochzeit treuhänderisch verwaltet wird. Die Konditionen dieser Transaktion sind vorteilhaft für dich.“

„Transaktion?“ Alex lachte kurz und trocken. „So nennst du das Joch, das mich lebenslang an eine Fremde binden würde?“

„So nenne ich es, denn eine solche ist es“, konterte Evan und rang sich ein Lächeln ab. „Als armer Schullehrer magst du geglaubt haben, aus Liebe heiraten zu können. Aber jetzt bist du ein Duke.“

„Ich war kein armer Schullehrer, sondern Oxford-Professor.“

„Und nun zählst du zu den einflussreichsten Männern Englands“, meinte Evan in der Hoffnung, Alex möge endlich die Wahrheit akzeptieren. „Als solcher gehört dein Leben nicht länger dir. Da es im besten Interesse deines Anwesens liegt, diese …“, er blickte auf das Dokument, das zwischen ihnen auf dem Schreibtisch lag, „… Madeline Goddard zu ehelichen, solltest du es tun.“

„Deiner Meinung nach“, ergänzte Alex und warf ihm einen mokanten, missbilligenden Blick zu, wie Evan ihn bei seinen Professoren an der Universität kennen und fürchten gelernt hatte.

Er rief sich sein Alter und seinen Titel ins Gedächtnis, straffte sich und legte die Fakten dar. „Als jemand, der dazu erzogen worden ist, die Verantwortungen der Adelswürde zu tragen, kann ich dir versichern, dass Romantik in der Ehe keinen Platz hat. Du darfst ausschließlich an einen Erben und die Vorteile denken, welche die Verbindung zur Familie des Mädchens dir verschaffen kann. Ist das Licht erst gelöscht, gleicht eine Frau der anderen. Diese hier bringt wenigstens Land mit, das dir dienlich ist.“

„Habe ich nicht schon genug Land?“ Alex seufzte müde.

„Mehr ist besser. Ich habe den betreffenden Landstrich abgeritten, so wie du es hättest tun sollen. Er wird von einem reizenden Flüsschen durchzogen, an dem deine Pächter im Süden ihr Vieh tränken. Bislang musstest du für die Nutzung eine jährliche Gebühr an Goddard zahlen, doch das würde sich durch die Eheschließung ändern.“

„Dann werde ich eben das Land kaufen, ohne das Mädchen zu nehmen“, antwortete Alex und bedachte ihn abermals mit jenem mokanten Blick. „Wenn Goddard ohnehin bereit ist, mir das Land zu überlassen, sollte es nur eine Frage des Geldes sein, um das Ziel auch ohne Heirat zu erreichen.“

Evan knurrte gereizt. „Das wäre eine Lösung. Aber sie berücksichtigt weder die schriftliche Vereinbarung noch die Gefühle des Mädchens.“

Alex lachte. „Ich argwöhne, dass sie ungefähr dasselbe empfindet wie ich. Sofern sie kein Einfaltspinsel ist, dürfte der Gedanke, einen vollkommen Fremden zu ehelichen, sie mit Grausen erfüllen.“

„Einen fremden Duke, meinst du.“

Wieder lachte Alex. „Die Vorstellung, ein mysteriöser Duke zu sein, hat ihren Reiz, aber ich hatte eher meinen älteren Cousin im Sinn, der ihr erster Verlobter war. Der Gedanke, dass er sich in seinem Alter eine so junge Frau nehmen wollte, ist noch abstoßender als der, dass sie nun einfach an den nächsten Mann in der Reihe verschachert wird. Wenn Goddard bereit ist, seine Tochter derart auszubeuten, will ich nichts mit ihm zu schaffen haben, mag sein Land auch noch so gut sein.“

Evan seufzte. „Wenn du darauf bestehst, kann ich dich wohl schwerlich überreden. Aber das Mädchen wird mitsamt Familie auf dem heutigen Ball erscheinen, und sie erwarten, dich kennenzulernen.“

„Wenn es so weit ist, werde ich mit der Kleinen reden und ihr versichern, dass ich nicht beabsichtige, ihr eine Ehe aufzuzwingen“, schloss Alex mit einer Endgültigkeit, die unerschütterlich klang. „Jetzt geh und begrüße deine Gäste. Ich werde mich gleich hinzugesellen, um wie angekündigt zu verfahren und den Eklat möglichst klein zu halten. Danach können wir beide unser Leben fortführen, als wäre nichts von alledem je geschehen.“

2. KAPITEL

Kurze Zeit später hielt die Kutsche der Goddards vor einem prachtvollen Haus am Londoner Stadtrand. Die weiße Steinfassade leuchtete im Licht Dutzender Fackeln, gehalten von Lakaien in grüner, mit schimmernden Goldtressen besetzter Livree.

Trotz ihrer Furcht verspürte Maddie aufrichtige Erregung angesichts des glanzvollen Hauses sowie der Speisen und Tänze, die sie im Innern erwarteten. Sie hatte bereits die Gesellschaftszimmer so manch herrschaftlichen Hauses frequentiert, war jedoch nie zu einer Feier in einem solchen eingeladen worden, schon gar nicht als Ehrengast.

Das indes stellte sie vor ein Problem. Zwar gehörte dieses Haus dem Duke of Fallon, aber Glenmoor besaß ein ganz ähnliches. Falls sie ihn heiratete, würde sie Herrin über ein Stadthaus und einen Landsitz werden. Der ton würde von ihr erwarten, extravagante Feste wie dieses auszurichten.

Der Gedanke war beängstigend. Da ihre Familie es nicht für nötig befunden hatte, sie debütieren zu lassen, wusste sie kaum etwas über Veranstaltungen wie diese. Und davon, wie man eine solche ausrichtete, hatte sie erst recht keine Ahnung.

Und was sollte sie mit einem Haus voller Dienstboten anfangen? Ihre Familie war nicht arm, doch so vornehm wie diese war sie auch nicht. Ihre Mutter brauchte lediglich eine Köchin und eine Handvoll Dienstmädchen, um den Goddard-Haushalt zu führen. Ein Herrenhaus dieser Größe mochte über zehnmal mehr Personal verfügen, als sie es gewohnt war, und alle würden ihrer Aufsicht unterstehen.

Sie konnte nur hoffen, dass ihr Duke eine engelsgleiche Geduld besaß, denn sie würde eine Menge lernen müssen, um ihm eine angemessene Gattin zu sein.

Ihr Duke.

Inzwischen standen sie oben auf der Treppe zum Ballsaal. Während ein Lakai ihre Familie ankündigte, starrte Maddie auf das Menschenmeer hinab in dem Bemühen, den Mann auszumachen, der am ehesten der Duke of Glenmoor sein mochte. Als ihr Name fiel, schaute ein Mann auf, als hätte er ihre Ankunft sehnlichst erwartet.

Sie unterdrückte ein Seufzen, als ihre Blicke sich trafen. Sie war gerettet. Falls dies der Mann war, den sie heiraten sollte, so lächelte ihr das Schicksal ausnahmsweise einmal zu. Ja, es lächelte nicht nur, sondern strahlte sie so wohlwollend an, dass es sie damit für ein Leben voller Erniedrigungen und Enttäuschungen entschädigte.

Zahllose Male hatte sie sich eingeredet, es spiele keine Rolle, wie der neue Duke aussehe, solange er bloß nicht alt genug sei, um ihr Vater zu sein. Doch nun, da sie ihn gesehen hatte, befand sie, dass es sehr wohl eine Rolle spielte. Sie wollte einen Gatten, der so attraktiv wie dieser Mann war. Einen Gatten mit markantem Kinn, gerader Nase und glatter Haut, die von der Sonne mit einem Hauch Bronze überzogen worden war. Einen Gatten mit strahlend blauen Augen, die aufzuleuchten schienen, wenn er lächelte. Mit feinen Linien in den Augenwinkeln, die darauf hindeuteten, dass er mit seinem Lächeln nicht geizte. Einen Gatten mit goldblondem, leicht gewelltem Haar. Oh, könnte sie ihn nur einmal sehen, wenn er eines Haarschnitts bedurfte, um ihn dabei zu ertappen, wie er sich die Strähnen ungeduldig seufzend aus der Stirn strich.

Selbst in seiner Unvollkommenheit wäre er vollkommen.

Sie lächelte ihn an und schritt langsam die Treppe hinab, wobei sie gegen den Drang ankämpfte, die Stufen hinabzuspringen und sich ihm in die Arme zu werfen. Dabei gab sie sich redlich Mühe, die übrigen jungen Damen im Saal zu ignorieren. Viele von ihnen waren schöner als sie, und sie alle waren eleganter. Ihm dürfte kaum entgangen sein, dass sie sich nicht mit den Londoner Schönheiten messen konnte, die er gewohnt war.

Doch das war unerheblich. Schließlich war alles arrangiert. Ihr erstes Treffen war lediglich eine Formalität, ein Schritt auf dem Weg zum Traualtar.

Am Fuße der Treppe blieb sie vor ihm stehen und gestand sich einen letzten Blick zu, ehe sie die Augen niederschlug und möglichst tief und ehrerbietig knickste. „Euer Gnaden.“ Ihre Stimme klang erstickt und kam selbst ihr fremd vor. Wenigstens konnte sie so das aufgeregte Zittern überspielen, das sie zu überwältigen drohte.

„Miss Goddard.“ Sein Tonfall war warm und freundlich. „Und Mr. und Mrs. Goddard. Willkommen.“ Er lud sie mit einer Geste ein, tiefer in den Saal zu treten. „Champagner?“ Er winkte den nächstbesten Lakaien herbei, der ein Tablett mit Gläsern trug.

Maddie richtete sich auf und schüttelte höflich den Kopf. Zu Hause erlaubte ihr Vater ihr nicht einmal, unverdünnten Wein zu trinken, und sie bezweifelte, dass er es guthieße, wenn sie im Rahmen dieses wichtigen Ereignisses etwas Stärkeres als Limonade zu sich nähme.

„Ich bestehe darauf“, beharrte der Duke lächelnd, ehe er kaum hörbar etwas anfügte, das verdächtig klang wie: „Sie werden ihn brauchen.“

Sie nahm das Glas entgegen und nippte gehorsam.

Er nickte zufrieden. Und dann wandte sich dieser Märchenprinz von ihr ab und rief: „Glenmoor!“ Dabei schaute er sich suchend im Saal um.

Kurz war sie hoffnungslos verwirrt, als ein anderer Mann vortrat, so dunkel, wie dieser hier blond war. Auch der andere war durchaus attraktiv mit seinen intelligenten braunen Augen, seinem einnehmenden Lächeln und seiner glatten, von keinen Sorgen gefurchten Stirn. Aber er war nicht das, was sie sich unter einem Duke vorstellte, und er vereinnahmte den Saal auch nicht so wie der Märchenprinz vor ihr.

Widerstrebend richtete sie den Blick auf den blonden Mann und erkannte ihren Fehler. Er hatte sie begrüßt wie ein Gastgeber und nicht erwartet, ihr vorgestellt zu werden, sondern genau gewusst, wer sie war. Und er hatte einen Dienstboten herbeibefohlen, als gehörte ihm das Haus. Dieser schöne, edelmütige Gentleman war der Duke of Fallon.

Sie hatte sich dem falschen Duke gegenüber wie ein liebestoller Schafskopf aufgeführt.

Hastig stürzte sie den Rest ihres Champagners hinunter und rang sich ein Lächeln für den Mann ab, der nun vor ihr stand und den sie heiraten sollte. Am Rande nahm sie wahr, dass Fallon, den sie nicht mehr anzusehen wagte, sie einander vorstellte. Mechanisch knickste sie vor ihrem Verlobten. Auch ihn wagte sie nicht anzuschauen, weil sie fürchtete, er könnte ihr die Enttäuschung ansehen.

„Miss Goddard“, sagte er in einem Ton, der so befangen klang, wie sie sich fühlte. „Darf ich um den nächsten Tanz bitten?“

„Sehr gern.“ Sie ließ sich von ihm auf die Tanzfläche führen, derweil die Musikanten einen Walzer anstimmten.

Einen Walzer hatte sie nie zuvor getanzt. Er war viel zu intim, als dass er ihr in ihrem bisherigen behüteten Leben gestattet worden wäre. Zulässig war er vermutlich nur deshalb, weil sie ihn mit ihrem künftigen Bräutigam tanzte. Doch obwohl sie beide dem Takt folgten, harmonierten sie nicht, so wie ein schlecht aufeinander abgestimmtes Pferdegespann.

Der Duke mühte sich redlich und tanzte tapfer weiter, wobei er sie auf die gegenüberliegende Saalseite zulenkte, fort von ihren Eltern. Dort zog er sie von der Tanzfläche und sah erleichtert lächelnd auf sie hinab. „Miss Goddard, bitte verzeihen Sie mir, aber ich wollte ohne fremde Einmischung mit Ihnen reden. Dieses ganze Vorhaben … wir beide … verheiratet aufgrund eines Papiers, das keiner von uns unterzeichnet hat … das ist lachhaft. Finden Sie nicht auch?“

„Ja“, erwiderte sie und seufzte erleichtert, nur um sich sogleich die Hand vor den Mund zu schlagen, denn das Wort war ihr unbedacht entschlüpft. Wie gut, dass ihr Vater es nicht gehört hatte. Sie konnte sich die Strafe vorstellen, die ihr dafür blühte, dass sie die ausgefeilten Pläne gefährdete, durch die ihre Familie gesellschaftlich aufsteigen sollte.

Der Duke tätschelte ihr die Schulter, als spürte er ihre Beklommenheit. „Sorgen Sie sich nicht wegen Ihrer Eltern. Ich werde mich um alles kümmern, einen Vergleich schließen und gewährleisten, dass Ihnen Ihr guter Ruf erhalten bleibt. So können Sie einen Mann Ihrer Wahl heiraten.“

Bis jetzt hatte er sich gut geschlagen, doch seine letzte Äußerung war so weit entfernt von der Wirklichkeit, dass Maddie fast gelacht hätte. Was immer nun aus ihr werden würde, sie würde kein Mitspracherecht haben. Ihr Vater würde für sie entscheiden, so wie zuvor, und sie würde gehorchen. Es würde keine Diskussion, keine Brautwerbung und erst recht keine märchenhafte große Liebe geben.

„Danke“, sagte sie. Schließlich meinte er es gut. Ihr fehlten die Worte, um ihm darzulegen, in welcher Bredouille sie sich befand: dass diese kurze, missglückte Unterredung für alles Kommende verantwortlich gemacht werden würde. Und es lag auch nicht in seiner Macht, sie vor den Schlägen zu bewahren, die ihr drohten, sobald ihr Vater herausfände, dass das Unterfangen gescheitert war und sie keinen für die Familie ruhmreichen Titel heimtragen würde.

Sie hatte heute Abend nur eine einzige Aufgabe gehabt und kläglich versagt.

Glenmoor ahnte nichts von dem Aufruhr in ihrem Herzen, offenbar überzeugt davon, dass dieser Ausweg sie ebenso froh stimmte wie ihn. „Möchten Sie nicht die Feier genießen, während ich Ihren Vater aufsuche und ihm alles erkläre?“, erkundigte er sich und lächelte sie erneut gutmütig an. „Es wird getanzt, versteht sich, und es gibt Erfrischungen. Aber wenn Sie lieber einen Moment allein sein möchten, so gelangen Sie durch die Tür in Ihrem Rücken in den Garten. Er ist herrlich bei Mondschein.“

„Das wäre wunderbar“, antwortete sie und starrte die offenen Flügel der verglasten Doppeltür an, so wie sie vorhin den Kutschenschlag angestarrt hatte. Keiner hier kannte sie. Niemandem würde es auffallen, sollte sie fliehen. Ihre Eltern würden sie erst in einigen Minuten vermissen. Wie weit würde sie kommen, bis ihre Abwesenheit bemerkt würde?

Wahrscheinlich nicht weit. Aber wenn sie es nicht versuchte, wäre sie eine leichte Beute. Man würde sie aufspüren und nach Hause schaffen, wo sie die Enttäuschung ihrer Mutter und die Wut ihres Vaters zu spüren bekäme.

Flüchtig schaute sie sich um und vergewisserte sich, dass ihre Eltern sie nicht beobachteten, bevor sie zur Tür hinaus in die Nacht schlüpfte. Der Duke hatte recht; der Garten war wunderschön, selbst bei Dunkelheit. Die Luft war erfüllt vom schweren Duft der Rosenrabatten entlang der Wege, die zu einer efeubewachsenen Mauer am Fuße eines sanft abfallenden Hangs führten.

Mit dem Blick folgte sie der langen Steinmauer, die hundert Fuß in beide Richtungen lief. Sie könnte nach links zu den Stallungen und Kutschen oder nach rechts zur Vorderseite des Hauses laufen. Auf beiden Routen würde sie Menschen begegnen, die sie in der Annahme, sie hätte sich verlaufen, zu ihren Eltern zurückschicken würden.

Es gab eine dritte Option: geradewegs über die Mauer ins Unbekannte. Vielleicht lag dahinter eine Straße. Sie könnte in die Stadt zurücklaufen und sich bei einer Freundin verstecken. Sie dachte an ihre einstige Gouvernante Miss Harrison, die in Cheapside wohnte. Maddie könne sie gern besuchen, falls sie einmal in der Gegend sei, hatte sie regelmäßig versichert.

Allerdings war Maddie nicht in der Gegend. Sie war meilenweit entfernt und hatte in ihrem Retikül nichts Wertvolleres als ein Seidentaschentuch, um sich eine Fahrt quer durch London zu erkaufen.

Umso mehr Grund, sich gleich auf den Weg zu machen.

Sie würde Miss Harrison anflehen, sie zu verstecken. Vielleicht könnten sie gemeinsam ein paar Empfehlungsschreiben fälschen, sodass sie eine Anstellung als Gouvernante fände. Sie könnte ihr restliches Leben in irgendeinem Klassenzimmer verbringen und Kindern Mathematik beibringen. Es wäre ein glücklicheres Los, als mit dem nächstbesten Mann vermählt zu werden, der ihrem Vater gelegen kam, und entschieden besser als die Strafe, die ihr blühte, sollte man sie heute Nacht zu fassen bekommen.

Doch zuerst musste sie die Mauer überwinden. Nach einem letzten Moment des Zögerns griff sie nach dem Efeu und begann zu klettern.

Evan stand in der Nähe der Tür und plauderte geistesabwesend mit den Goddards, doch seine Gedanken schweiften zu dem Mädchen, das in den Garten hinausgegangen war. Ihr Zusammentreffen war kurz, aber befremdlich gewesen. Sie hatte ihn so erwartungsvoll und eindringlich angesehen, dass ihm war, als hätten sie sich ausführlich unterhalten, obwohl kaum etwas gesagt worden war. Ihr Schweigen ihm gegenüber war gespannt gewesen, als lauschte sie Worten, die er gar nicht geäußert hatte.

Vermutlich war es bloß ein Hirngespinst gewesen, hervorgerufen durch ihre großen grünen Augen und das dazu passende arglose Lächeln. Als er von der Frau erfahren hatte, die Alex heiraten sollte, war er davon ausgegangen, sie wäre eine Art Sonderling. Wenn ihr Vater Land anbot, um sie zu verheiraten, vertraute er offenbar nicht darauf, dass sie sich auf dem Heiratsmarkt behaupten und einen angemessenen Gatten finden konnte, indem sie mit einem hübschen Gesicht und gefälligen Manieren aufwartete.

Doch Madeline Goddard war von einer lieblichen, natürlichen Schönheit, mit der sie das Herz selbst des zynischsten Lords erobert hätte. Ihre Attraktivität war umso bemerkenswerter, als sie nicht von künstlicher Finesse und Verzweiflung geprägt war, so wie bei vielen Londoner Debütantinnen, wenn der einundzwanzigste Geburtstag nahte und sie immer noch keinen Gatten vorweisen konnten. Womöglich lag es daran, dass Miss Goddard geglaubt hatte, einer abgesicherten Zukunft entgegenzublicken. In dem Fall war sie von Alex eines Besseren belehrt worden.

Er fragte sich, ob sein Bruder es sich anders überlegen mochte, nun, da er das Mädchen gesehen hatte. Es gäbe Schlimmeres, als ein solch betörendes Geschöpf zu heiraten.

Doch anscheinend hatte er sich nicht besonnen. Interessiert hatte Evan den kurzen Austausch verfolgt, bei dem hauptsächlich Alex geredet hatte. Miss Goddard hatte seine Zurückweisung reglos und stumm hingenommen, ohne auch nur zu blinzeln. Hätte sie nicht in Tränen ausbrechen müssen? Oder vor Erleichterung juchzen?

Stattdessen war sie vollkommen unbewegt geblieben. Hatte sie überhaupt begriffen, was gerade geschehen war? Vielleicht stand sie unter Schock. Nachdem Alex geendet hatte, war sie durch die verglasten Türen hinaus in den Garten gehuscht, vermutlich, um ungestört zusammenzubrechen, wozu sie jedes Recht gehabt hätte.

Evan konnte sich genau vorstellen, wie enttäuscht sie war, auch wenn sie es taktvoll verbarg. Da sie unter seinem Dach verschmäht worden war, fühlte er sich außerdem verantwortlich, so als hätte er sie persönlich gekränkt. Er sollte Wiedergutmachung leisten, und sei es nur, indem er ihr ein Taschentuch reichte, damit sie sich die Tränen trocknen konnte.

Alex durchquerte just den Saal, um mit ihren Eltern zu sprechen. Vor die Wahl gestellt, entweder weiterhin mit Goddard zu parlieren oder sich um dessen Tochter zu kümmern, entschied Evan sich für das Mädchen. Goddard entpuppte sich zusehends als aufgeblasener Hinterwäldler, und Evan bezweifelte, dass der Bursche die bevorstehende Abfuhr so unbewegt und würdevoll wie seine Tochter erdulden würde. Er sah Alex warnend an, um ihm stumm nahezulegen, die Neuigkeit an einem stilleren Ort als dem Ballsaal zu überbringen, und entschuldigte sich. Den Saal hinter sich lassend, ging er hinaus in den Garten, um nach Miss Goddard zu suchen.

Er hätte eine Anstandsdame mitnehmen sollen, um seine Einmischung zu legitimieren. Aber war das wirklich nötig? Er hatte nicht vor, länger als ein paar Augenblicke mit ihr hier draußen zu verbringen, und musste womöglich nicht einmal mit ihr sprechen. Falls sie Kummer litte, würde er kehrtmachen und ihr eine Matrone als Beistand schicken. Falls nicht, würde er sie allein lassen und niemandem etwas verraten, sodass ihr die Peinlichkeit erspart bliebe, von ihm ertappt zu werden.

Nicht erwartet hatte er das, was er stattdessen vorfand, nämlich nichts. Die Terrasse war ebenso leer wie die Bänke unter den Lauben. Auch die von Rosen gesäumten Wege lagen verlassen da. Niemand wandelte auf den Trittsteinen, die den Goldfischteich umgaben.

Das konnte nicht sein. Er hatte sie hinausgehen sehen und die Tür im Auge behalten, während er darauf zugesteuert war. Sie war nicht wieder hereingekommen. War sie durch ein Fenster ins Haus gestiegen? Weshalb hätte sie das tun sollen? Verbarg sie sich vielleicht vor ihren Eltern?

Da er diese kennengelernt hatte, konnte er es ihr kaum verdenken. Aber früher oder später würde sie sich ihnen stellen müssen. Sie konnte sich nicht ewig im Garten verschanzen. Systematisch schritt er die Wege ab, spähte unter Büsche und widerstand dem Drang, ihren Namen zu rufen. Er sollte ins Haus zurückkehren. Diese Sache ging ihn schließlich nichts an.

Geschah ihm ganz recht. Wieso hatte er auch eine Feier ausrichten müssen, um die Darsteller dieser kleinen Farce miteinander bekannt zu machen? Ihnen allen drohte eine öffentliche Zurückweisung, die morgen in den Skandalblättern stehen würde.

Er hatte das Ende des letzten Weges erreicht und folgte der Grundstücksmauer hinter dem Haus. Von dem Mädchen war weiterhin keine Spur zu sehen, weder links noch rechts.

Plötzlich raschelte es über ihm in den Blättern, und ein Schrei ertönte. Ein Tanzschuh trudelte herab und traf ihn seitlich am Kopf, gefolgt von einem Fuß, Seidenröcken und Dunkelheit.

3. KAPITEL

Zu ihrer Verteidigung konnte Maddie anführen, dass sie geprüft hatte, ob der Efeu sie hielt, bevor sie hinaufgeklettert war, und er hatte einen durchaus soliden Eindruck gemacht. Aber sie hätte oben auf der Mauer nicht innehalten und zurückblicken dürfen. So hatte sie den Duke of Fallon den Weg entlang auf sich zukommen und unter die Rosenbüsche spähen sehen, als hätte er etwas verloren.

Sein seltsames Gebaren hatte sie verwundert. Mehr noch, es hatte ihr einen Vorwand geliefert, ihn abermals zu betrachten. Vermutlich war es unfein, ihn anzustarren. Andererseits war es ebenso unfein, auf seine Gartenmauer zu steigen. Doch war sie erst einmal geflohen, würde sie ihn nie wiedersehen. Dies war die letzte Gelegenheit, sich an seinem Anblick zu erfreuen, und sie wollte sie nicht ungenutzt verstreichen lassen.

Im Licht des Mondes war er sogar noch attraktiver als bei Kerzenschein. Die Schatten, die der sanfte Schimmer warf, betonten seine hohen Wangenknochen und sein scharf geschnittenes Profil. Sie konnte sich einen leisen Seufzer nicht verkneifen, als er sich an der Mauer entlang der Stelle näherte, an der sie hinaufgeklettert war.

Hatte er sie entdeckt? Anscheinend nicht. Er hielt den Blick starr geradeaus gerichtet, ohne nach oben zu schauen, wo sie an der Mauerkrone hing. Sie schloss die Faust fester um die Ranken, woraufhin sich ein grüner Blätterteppich vom Gestein löste. Der Schreck fuhr ihr in die Glieder. Ihre Füße rutschten aus der Spalte, in der sie Halt gefunden hatte, und schon stürzte sie hinab und zog den Efeu mit sich.

Zum Glück – oder leider – federte der Duke ihren Sturz ab. Einer ihrer Füße traf ihn am Kopf, sodass er benommen zu Boden ging. Sie fiel mit ihm, umwogt von entblößten Unterröcken und Blattwerk, und landete mit dem Gesäß im Gras, während der Duke sich herumrollte und sich auf Hände und Knie stützte, das Gesicht noch immer unter ihren Röcken begraben.

„Oje.“

Prompt kam ihre Mutter herbeigeeilt, dicht gefolgt von Maddies Vater und dem Duke of Glenmoor.

„Was zum Teufel geht hier vor sich?“, polterte ihr Vater, was nie ein gutes Zeichen war. Vom Klang seiner Stimme angelockt, drängten sich neugierige Gäste in der Tür des Ballsaals, um einen Blick auf den Skandal zu erhaschen, den Maddie verursacht hatte.

Sie wagte nicht, ihrem Vater ins Gesicht zu schauen. Stattdessen starrte sie die Hand an, die der Duke of Glenmoor ihr im Näherkommen entgegenstreckte. Die andere reichte er dem Mann neben ihr, der nach wie vor wie betäubt wirkte und offenbar nicht wusste, wie ihm geschah.

Als keiner von ihnen reagierte, seufzte Glenmoor, packte sie beide kurzerhand und zog sie mühelos hoch. „Miss Goddard, sind Sie wohlauf?“, fragte er mit weit mehr Geduld, als sie erwartet oder verdient hatte.

„Ja“, erwiderte sie atemlos und lächelte ihn nervös an, ehe sie den anderen Duke musterte, der vor sich hin stammelte.

„Ich h…habe nicht … Ich weiß nicht, wie …“

„Was zum Teufel soll das heißen …?“

Glenmoor unterbrach die wütende Tirade ihres Vaters. „Ich halte es für angeraten, den Vorfall in deinem Studierzimmer zu besprechen, Fallon. Mr. Goddard?“ Mit einer autoritären Geste brachte er alle zum Schweigen. „Vielleicht wäre es das Beste, wenn die Damen sich ebenfalls in aller Abgeschiedenheit erholten. Lassen Sie sich von einem Lakaien zum Musiksalon geleiten.“

Also nicht ins Damen-Separee. Dabei hätte Maddie dieses dringend aufsuchen müssen, denn ihr Rock war bestimmt schlammig und ihr sorgsam frisiertes Haar voller Blätter, und gewiss waren ihre Strümpfe eingerissen. Doch das Damen-Separee würde zum Bersten voll mit weiblichen Gästen sein, die aufgeregt plappernd darüber spekulierten, was als Nächstes geschehen mochte.

„In den Musiksalon“, wiederholte ihre Mutter mit besorgter Miene, und auf ihre scheuchende Geste hin folgten sie den Männern, die über Maddies Schicksal entscheiden würden.

Evan saß im Sessel hinter dem Schreibtisch in seinem Studierzimmer. Es war der Platz im Haus, der seiner Meinung nach das höchste Maß an Autorität verströmte, und dennoch kam er sich vor wie ein ungezogenes Kind, als er seinen Stiefbruder ansah, der auf der gegenüberliegenden Zimmerseite saß. Womöglich wuchs Alex allmählich in seine Rolle als Glenmoor hinein, denn er hatte den Zwischenfall mit einer Souveränität gemeistert, die Evan nicht aufbrachte. Alex hatte Mr. Goddard unbeirrt in die angrenzende Bibliothek verbannt, um sich im Gespräch mit Evan Klarheit über die Lage zu verschaffen, bevor er dem aufgebrachten Mann entgegentreten würde.

„Ich bin unschuldig, sei versichert“, ergriff Evan das Wort und unterdrückte den Drang, gereizt mit der Faust auf den Schreibtisch zu schlagen. „Sie ist auf mich herabgestürzt wie ein Panther aus einem Dschungelbaum.“

Alex starrte ihn unverwandt an, jeder Zoll der enttäuschte ältere Bruder. „Ein Panther. Ich hatte auf eine bessere Erklärung gehofft.“

„Ich habe keine. Ich habe nichts getan. Ich bin hinaus in den Garten gegangen, um nach ihr zu suchen …“

„Ohne Begleitung.“

„Mein erster Fauxpas. Aber ich wollte überhaupt nicht mit ihr reden. Ich wollte mich nur vergewissern, dass sie wohlauf ist.“ Sie hatte ihm leidgetan, weil er sie für eine unfreiwillige Spielfigur im wie immer gearteten Geschehen des heutigen Abends gehalten hatte. Nun allerdings war er sich dessen nicht mehr so sicher. „Ich habe sie nicht finden können und bin der Mauer gefolgt. Sie muss in den Efeu über mir geklettert sein.“

„Wie gut, dass Goddard nicht hier ist, denn das wird er dir niemals glauben.“ Alex schüttelte den Kopf.

„Das ist alles, was ich ihm sagen kann.“

„Du wurdest mit dem Kopf unter ihrem Rock erwischt.“ Alex sah ihn an, die Stirn skeptisch gerunzelt.

„Es war keine Absicht.“ Er versuchte zu vergessen, wie sich ihr Seidenstrumpf und ihre gleichfalls seidige Haut an seiner Wange angefühlt hatten, denn damit würde er seinen Bruder auch nicht überzeugen können.

„Das spielt keine Rolle. Du hast eine Grenze überschritten, die kein Mann vor der Hochzeit überschreiten sollte, und du wurdest von mehr Zeugen ertappt, als sich zum Stillschweigen verpflichten lassen. Die Kleine mag ein Mauern erklimmender Schwachkopf sein, doch du bist ihr gegenüber in der Pflicht. Du weißt, was du zu tun hast.“

„Du erwartest von mir, sie zu heiraten?“ Noch immer konnte er nicht fassen, wie rasant die Dinge eskaliert waren.

„Vor der Feier hast du mir erklärt, sie sei eine erstklassige Partie“, erinnerte Alex ihn.

„Für dich“, entgegnete er.

„Aha.“

„Wegen des Landes.“

„Nun wirst eben du das Land von Goddard erhalten und es mir verkaufen.“ Alex lächelte zufrieden. „Laut dem, was ihr Vater mir vorhin erzählt hat, ist die Vereinbarung gar vorteilhafter, als du angenommen hast. Nach der Hochzeit wird Miss Goddard durch den Fonds ihres Großvaters reich werden. Sie ist ein hervorragender Fang.“

„Dann heirate du sie“, fuhr Evan ihn an. Von seiner aufmunternden Nachsicht war nichts mehr übrig.

„Um dich aus der Misere zu befreien, in die du dich selbst hineinmanövriert hast?“ Es war eine Rolle, die er Alex oft genug aufgezwungen hatte, als sie jünger gewesen waren. Wie peinlich, ausgerechnet jetzt daran erinnert zu werden.

„So habe ich es nicht gemeint.“

„Du weißt, dass du das Geld dringender brauchst als ich.“ Alex sagte dies behutsam, aber nachdrücklich.

„Keine Ahnung, was das heißen soll“, log Evan.

Alex sah ihn abermals voll brüderlicher Enttäuschung an. „In London ist es ein offenes Geheimnis, dass in deinen Schatullen gähnende Leere herrscht. Es war nett von dir, mir zu Ehren ein Fest zu veranstalten, aber es ist mir ein Rätsel, woher du das Geld dafür genommen hast.“

Alles war mit einem Kredit finanziert worden. Schlimmer noch, es war vergebens gewesen, da aus der Verbindung zwischen Alex und Miss Goddard nichts geworden war. Nun saß er in seiner eigenen Falle. „Ich habe getan, was mir notwendig erschien“, sagte er achselzuckend.

„Und ebendas musst du auch jetzt tun“, erwiderte Alex sanfter. „Du wirst das Geld nehmen, das ich dir für das Mitgiftland gebe, ebenso wie das Vermögen, das Miss Goddard in die Ehe einbringt, und damit neu anfangen. Dies könnte die bestmögliche Lösung für deine Probleme sein.“

Alles war möglich, nahm er an. Es ärgerte ihn, dass diese Lösung ehrenvoll und pragmatisch zugleich war, und es beschämte ihn, dass er überhaupt Hilfe brauchte. Immerhin hatte sein Vater ihm beigebracht, welche Pflichten einem Duke oblagen und welches Betragen sich für ihn ziemte. Wieso also schaffte er es nicht allein? „Ich wurde dazu erzogen, dies zu tun“, murmelte er, mehr zu sich selbst als zu Alex.

„Und ich nicht.“ Alex nickte. „Aber aufgrund deiner Erziehung weiß ich, dass du in dieser verzwickten Lage das Richtige tun wirst. Die Ehre verlangt, dass du das Mädchen heiratest.“

Als sie Studenten gewesen waren, hatte Alex für jedes komplizierte Problem eine gewiefte Lösung gefunden, was Evan ebenso sehr befremdet wie geärgert hatte. Dieselbe Scharfsicht legte er jetzt an den Tag, indem er das Dilemma auf das Wesentliche reduzierte. Die Ehre verlangte eine Hochzeit.

Sein Vater hatte ihm von Geburt an eingeschärft, wie wichtig ein guter Ruf sei und dass es diesen um jeden Preis zu schützen gelte. Wer von anderen respektiert werden wolle, müsse zuerst sich selbst respektieren. Evan würde nicht mit dem Wissen leben können, dass er seinen eigenen oder Miss Goddards Ruf besudelt hatte, auch wenn es unbeabsichtigt geschehen war.

Und was, wenn er von ihr hereingelegt worden war? Egal, er war selbst schuld, weil er sich von der vermeintlichen Arglosigkeit ihrer großen Augen und ihres erwartungsvollen Lächelns hatte täuschen lassen. Nun, er würde seinen Trugschluss nach Herzenslust bereuen können, denn sie würden ein Leben lang Zeit haben, darüber zu disputieren.

„Du sagtest, dass sich jedes Mädchen aus gutem Hause als Gattin eigne“, führte Alex ihm vor Augen.

„Wenn die Zeit reif ist“, hielt Evan dagegen. „Ich habe nicht damit gerechnet, dass es heute Abend so weit sein würde.“

„Tja, du wartest doch nicht etwa auf eine Liebesheirat, oder?“ Sein Bruder sah ihn skeptisch an.

„Natürlich nicht“, beteuerte er hastig. „Der alte Fallon würde sich im Grabe umdrehen, wenn ich so töricht wäre, mich in einer Entscheidung wie der Ehefrage von Gefühlen leiten zu lassen.“

„Also überwinde deinen Stolz und sei vernünftig. Das Mädchen hat dich in den Fängen, so oder so. Sie ist reich, hübsch und von anständiger Abstammung. Heirate sie, und fertig.“

Evan seufzte. So formuliert, schien es tatsächlich nur folgerichtig zu sein. Und wenn sein Vater ihm eines eingebläut hatte, dann den Grundsatz, dass man als Duke seine Entscheidungen mit eiskaltem Kalkül treffen müsse. „Hol den Vater herein, und lass uns alles arrangieren. Wenn mir wirklich keine Wahl bleibt, sollten wir es hinter uns bringen.“

Seit einer Stunde gingen Männer im Studierzimmer des Dukes ein und aus. Zuerst waren die beiden Dukes allein gewesen, danach hatte Fallon sich mit Maddies Vater unterhalten, und später hatten sich alle drei zusammengefunden. Überraschenderweise hatte es kein Geschrei gegeben, zumindest keines, das Maddie von ihrem Platz aus hatte hören können. Während sie wartete, spähte sie aus dem Musiksalon zur geschlossenen Tür des Studierzimmers hinüber. Einmal hatte sie all ihren Mut zusammengenommen und zu ihrem Vater gesagt: „Vielleicht, wenn ich mich entschuldigen würde …“

Weiter war sie nicht gekommen, denn ein einziger finsterer Blick ihres Vaters hatte sie verstummen lassen und ihr alles vermittelt, was sie wissen musste.

Als ihr Vater aus dem Studierzimmer trat, bedachte er sie und ihre Mutter mit einem zufriedenen Seufzen. „Es ist entschieden. Du wirst den Duke of Fallon noch diese Woche per Sondergenehmigung heiraten.“

„Aber ich dachte …“ Was hatte sie gedacht? Dass ihr Fluchtversuch so ruchlos gewesen wäre, dass niemand sie mehr nehmen würde?

Stattdessen sollte sie mit diesem blonden Gott vermählt werden.

Wie durch ihre Gedanken heraufbeschworen, erschien Fallon, warf nur einen Blick in ihre Richtung und seufzte, ehe er an ihr vorbei den Korridor entlangschritt.

Sie starrte ihm hinterher, versucht, nach ihm zu rufen, um ihn dazu zu bewegen, kehrtzumachen und mit ihr zu reden, und sei es nur kurz. Es erschien ihr ungerecht, zum dritten Mal in ihrem jungen Leben verlobt zu sein, ohne dass ihr ein Antrag unterbreitet worden war. Wie die beiden vorangegangenen, war auch diese Verlobung von Männern vereinbart worden, die keine Rücksicht darauf nahmen, was sie selbst sich für ihre Zukunft wünschte.

Ihr Vater trat neben sie, wippte auf den Absätzen vor und zurück und wirkte höchst selbstgefällig. „Damit hätte ich zu Beginn des Abends nicht gerechnet, aber da Glenmoor sich dem ursprünglichen Plan verweigert hat, war deine Lösung ein Geschenk des Himmels. Zwar ist Fallon nicht so reich, doch der Titel ist alt und angesehen. Alles in allem bin ich stolz auf dich, meine Liebe.“

„Ich habe das nicht geplant“, antwortete sie hastig. Es war stets riskant, ihrem Vater zu widersprechen, aber da er guter Stimmung war, mochte es ausnahmsweise einmal folgenlos bleiben. Auf gar keinen Fall konnte sie zulassen, dass alle glaubten, der Ausgang dieses Abends wäre beabsichtigt gewesen. „Ich wollte fliehen.“

Das Wippen hörte abrupt auf. Ihr Vater wandte sich ihr zu, und alles Wohlwollen schwand aus seiner Miene. „Fliehen?“

Sie hatte zu viel preisgegeben. „Natürlich wäre ich nirgendwohin gegangen“, wiegelte sie ab. „Ich bin nur hinaus in den Garten geflohen.“

„Nun, das wirst du nicht noch einmal tun.“ Seine Augen wurden schmal. „Du bekommst einen besseren Ehemann, als du verdient hast, und du wirst mir diese Sache nicht verderben. In einer Woche wirst du heiraten, und wenn ich dich bis dahin in deinem Zimmer einsperren muss. Ist das klar?“

Diesmal wagte sie nicht, mehr zu äußern als ein leises: „Ja, Vater.“

In den Tagen vor der Hochzeit sah Evan seine Verlobte gar nicht und seinen zukünftigen Schwiegervater viel zu oft. Der Mann fand immerzu einen Vorwand, um ihn fast täglich aufzusuchen und ihm Fragen zu stellen, die auch schriftlich hätten geklärt werden können. Hatte Evan die Genehmigung eingeholt? Verliefen die Vorbereitungen für das Hochzeitsmahl zu seiner Zufriedenheit? Aß er lieber Lachs als Krabben?

Die Antworten lauteten ja, ja und egal. Jede Begegnung nagte an Evans Langmut, doch er bemühte sich, dies zu verbergen. Es würde die Ehe nicht leichter machen, wenn er sowohl seine Verlobte als auch deren Familie schon zu Beginn gründlich satthätte.

Vor allem jedoch wollte er dem vorangegangenen Duke nacheifern und seinen Titel auf die ihm anerzogene Weise würdigen. Sein Vater war zweimal verheiratet gewesen. Zuerst mit der Tochter eines Earls, um einen Erben mit einem angemessen erhabenen Stammbaum zu zeugen. Danach mit einer Frau, die ihr Erbe freudig gegen Adelsstand und Sicherheit eingetauscht hatte. Zwar hatte die Verbindung nicht auf Zuneigung gefußt, doch Alex’ Mutter war die ideale Duchess gewesen, elegant, kultiviert und beliebt.

Sofern es Evan gelänge, beide Ziele mit einer einzigen Ehe zu erreichen, befände er sich auf dem besten Weg, die Wünsche seines Vaters zu erfüllen. Er hatte die Familie überprüft, als er noch geglaubt hatte, Alex würde in diese einheiraten. Obwohl Goddard keinen Titel innehatte, gab es an der Herkunft des Mädchens nichts zu bemängeln. Wenn sie in der Erwartung erzogen worden war, eines Tages eine Duchess zu werden, dürfte sie über die entsprechenden Umgangsformen verfügen. Und da er von Alex bereits einen Scheck für das Land erhalten hatte, das Teil der Mitgift war, stand außer Frage, dass die Heirat ihn reicher machte.

Es hatte sich befremdlich angefühlt, von Alex Geld anzunehmen. Aber es war weniger beschämend gewesen als das Darlehen, das Evan von seinem Bruder erhalten hatte, als seine Ausgaben das letzte Mal seine Einnahmen überstiegen hatten. Damals wie heute hatte Alex ihm geholfen, ohne Fragen zu stellen, und ihn wie einen geliebten, wenn auch verantwortungslosen jüngeren Bruder behandelt.

So war es gewesen, seit ihre Familien sich vereint hatten, als Alex zwölf und Evan zehn gewesen war. Alex hatte Evans mangelnden Zahlensinn gleich erkannt und ihm im Unterricht geholfen. Dabei war es geblieben, als sie herangewachsen waren und Evan mit den Büchern des Fallon-Anwesens betraut worden war.

Es war ihm peinlich, sich einzugestehen, dass er sich trotz all der Bildung, die sein Vater ihm in Vorbereitung auf die Herzogswürde hatte angedeihen lassen, im Umgang mit Geld nach wie vor schwertat.

Evan spähte zu seinem Bruder hinüber, der als Trauzeuge neben ihm vor dem Altar von St. George’s stand, und suchte nach den richtigen Worten, um ihm für seine Unterstützung zu danken. „Du weißt, dass du mir für das Goddard-Land viel zu viel gezahlt hast.“

„Die Summe beinhaltet mein Hochzeitsgeschenk“, entgegnete Alex und ließ den Blick durch die Kirche schweifen. Sie war überraschend voll, bedachte man, wie wenig Zeit für die Vorkehrungen geblieben war. Mit einem Nicken wies er auf die Menschenmenge. „Hat dein Schwiegervater das arrangiert?“

„Das ist er erst in einigen Minuten“, wandte Evan ein. „Und ja. Er glaubt, er könne das Wohlwollen des ton mittels eines ordinären Schauspiels gewinnen.“

Alex lächelte. „Da wünsche ich ihm viel Glück. Und dir ebenfalls, denn er wird dich belagern, kaum dass der Geistliche die Trauung vollzogen hat.“

„Er wird feststellen, dass manche Dinge nicht käuflich sind, unter anderem meine Gunst.“ Evan schaute zum Portal hinüber, in dem just die Familie Goddard erschien. Womöglich war er nicht der Einzige, der seiner Zukunft beklommen entgegenblickte. Während Miss Goddard den Mittelgang entlang zu ihm geführt wurde, um das Ehegelöbnis abzulegen, wirkte sie …

Er starrte sie an in dem Bemühen zu ergründen, was sich in ihrer rätselhaften Miene spiegelte. Schrecken, befand er. Ihr graute genauso sehr wie ihm vor dieser Ehe. Doch wenn sie so empfand, hätte sie den Vorfall im Garten nicht inszenieren dürfen.

Unwillkürlich presste er die Lippen zu einem grimmigen Strich zusammen.

Sie schien unter seinem missmutigen Blick zu schrumpfen.

Er holte tief Luft, stieß sie seufzend aus und entspannte seine Züge. Es brachte nichts, sie noch mehr zu verschrecken. Wenn sie beide schon heiraten mussten, sollte er sich anstrengen, die Hochzeit möglichst unspektakulär über die Bühne zu bringen und die Ehe einigermaßen erträglich zu gestalten.

Sein Vater hatte ihm versichert, dass das Eheleben sich nicht allzu sehr vom Junggesellendasein unterscheiden müsse. Er brauche keinen Umgang mit seiner Gattin zu pflegen, sofern er dies nicht wünsche. Auch werde er ihretwegen seinen gesellschaftlichen Umgang nicht aufgeben müssen. Das hatte sein Vater in seiner zweiten Ehe demonstriert, indem er so wenig Zeit wie möglich mit Alex’ Mutter verbracht hatte.

Allerdings hatte sein Vater zu diesem Zeitpunkt bereits einen Erben gehabt. Wenigstens eine Weile lang würde Evan seiner Braut ein mehr als nur oberflächliches Interesse entgegenbringen müssen.

Doch dagegen sah er nicht an. Sie war ein liebreizendes Mädchen von schlanker Gestalt und bewegte sich voller Anmut. Zumindest, wenn sie nicht gerade auf ihn herabpurzelte. Der Gedanke ließ ihn lächeln, und er sandte das Lächeln in ihre Richtung, eine stumme Ermutigung.

Flüchtig umspielte auch ihre Lippen ein Lächeln, bevor der besorgte Ausdruck zurückkehrte. Während der Bischof die Zeremonie vollzog, stand sie reglos da und rezitierte ihren Teil des Ehegelübdes so leise, dass sie kaum zu hören war.

Auch Evan sprach sein Gelübde, und er tat es mit klarer Stimme, um ihren Mangel an Lautstärke wettzumachen. Als der Moment kam, da er seine Braut küssen sollte, neigte er sich vor und küsste sie flüchtig auf die Lippen, die sie zu einem betörenden überraschten „O“ geschürzt hatte.

Es war angenehm.

Vor dem Altar war kein Platz für Leidenschaft. Er sollte nicht einmal daran denken, wozu ein Kuss führen mochte. Aber vielleicht war es gar nicht so übel, mit Madeline Goddard verheiratet zu sein. Die kommende Nacht mochte recht erquicklich werden.

Von der Kirche aus ging es zu dem Saal, den Goddard für das Hochzeitsmahl angemietet hatte. Während um sie her ausgelassen gefeiert wurde, war seine frischgebackene Ehefrau noch stiller als in der Kirche. Sie nahm die Speisen, die ihr gereicht wurden, höflich nickend entgegen und schob sie auf ihrem Teller umher, ohne zu essen.

Die Menschen um sie her bemerkten ihr Schweigen nicht, denn ihr Vater füllte alle Gesprächslücken zur Genüge. Er schwadronierte munter vor sich hin, in seliger Ignoranz der Tatsache, dass er sich zum Narren machte. Alex, der neben dem Burschen saß, tat sein Bestes, auch einmal zu Wort zu kommen. Vermutlich war er erleichtert darüber, dass nicht er derjenige war, der Goddard künftig würde ertragen müssen.

Diese Bürde würde Evan zufallen. Aber nicht heute. Heute würde er den Mann einfach nicht beachten und den pflichtbewussten Gatten spielen, der nur Augen für seine Braut hatte.

Wieder musterte er die Frau an seiner Seite und dachte an die bevorstehende Nacht. Seine Braut war unschuldig, davon war er überzeugt. Erfahrene Frauen hatten eine gewisse Ausstrahlung, die ihr fehlte. Statt ihm unter gesenkten Lidern hervor Blicke zuzuwerfen, starrte sie unverwandt auf ihren Teller. Und die Röte auf ihren Wangen war nicht etwa Rouge, sondern Folge des peinlichen Gebarens ihres Vaters.

Sie würde unbedarft, aber willfährig sein. Im Gegenzug würde er bedächtig und achtsam vorgehen. Hoffentlich hatte ihre Mutter sie über ihre Pflichten aufgeklärt, sodass er ihr mit seinem Tun keinen allzu großen Schrecken einjagte. Doch bald schon … Endlich …

Er lächelte ihr aufmunternd zu und dachte an die Befriedigung, die seiner harrte.

Sie spürte seine Aufmerksamkeit offenbar, denn sie schaute auf, sah ihn mit ihren großen grünen Augen an und blinzelte langsam, als suchte sie den Grund für sein Interesse zu begreifen. Rasch schaute sie wieder weg, hantierte mit ihrer Gabel, als wäre diese bleischwer, und wartete offenbar darauf, dass er das Interesse an ihr verlor.

Maddie versuchte zu fassen, wie grundlegend sich ihr Leben binnen weniger Tage gewandelt hatte. Der Duke war bei Tageslicht genauso attraktiv wie bei Kerzenschein. Blendend attraktiv. Im sonnigen Strahlen seines Lächelns kam sie sich fade wie ein Teichhuhn vor. Wenn man sie in der Öffentlichkeit zusammen sähe, würden die Leute über den Unterschied zwischen ihnen tuscheln und sich fragen, weshalb er sich kein hübscheres Mädchen ausgesucht habe.

Sie nahm einen tiefen Schluck Champagner und spürte, wie ihr die Bläschen geradewegs zu Kopf stiegen. Wahrscheinlich war er ebenso intelligent, wie er schön war. Was hatte sie einem solchen Mann schon zu sagen? Sollte er allerdings wie ihr Vater sein, würde er sich ohnehin nicht mit ihr unterhalten wollen. Sie spähte den Tisch entlang. Hätte er nur eine Schwester, eine Mutter oder eine andere Verwandte gehabt, die ihr in ihrem neuen Heim Gesellschaft hätte leisten können. Doch die Verwandtschaft ihres Gatten bestand allein aus seinem Bruder, dem Duke, der neben ihrem Vater saß.

Ihre Blicke trafen sich, und er lächelte ihr zu und hob sein Glas wie zu einem stummen Trinkspruch. Sie nahm einen weiteren Schluck. Wie schade, dass aus dieser Partie nichts geworden war, denn Glenmoor wirkte gutmütig und weit weniger einschüchternd als ihr frischgebackener Ehemann.

Allerdings empfand sie bei seinem Anblick nicht jene seltsam prickelnde Unruhe, die ihren Körper und ihren Geist befiel, wann immer sie an ihren Gatten dachte. Aber womöglich wäre es ihr leichter gefallen, einen Mann zu heiraten, der nicht gar so aufregend war.

Das Hochzeitsmahl neigte sich dem Ende zu, und ihr Teller war so gut wie unberührt. Am Abend zuvor war ihre Mutter zu ihr gekommen und hatte ihr peinlich detailreich erklärt, was in der Hochzeitsnacht von ihr erwartet wurde. Es war ihr hanebüchen erschienen, wie eine Geschichte, um Jungfrauen zu Sittsamkeit anzuhalten.

Doch ihre Mutter hatte ihr versichert, es sei wahr, werde jedoch nicht lange dauern und außerdem im Dunkeln stattfinden.

Maddie nahm noch einen Schluck, der zwar ihre Nerven beruhigte, den Rest von ihr jedoch taumeln ließ, als sie sich von der Tafel erhob.

Ihr Gatte spürte anscheinend, dass sie Hilfe brauchte, denn er nahm sie beim Arm und geleitete sie hinaus zu einer Kutsche, auf deren Schlag ein imposantes grünes Wappen prangte. Sein Familienwappen, nahm sie an. Sie blinzelte im Sonnenlicht, während sie den Schriftzug über dem Wappen zu entziffern versuchte.

Fallon nickte, als billigte er ihr Interesse. „‚Nil moror ictus‘“, las er ihr vor. „Das heißt: ‚Schläge fechten mich nicht an.‘“

Den Kopf zur Seite geneigt, dachte sie über seine Antwort nach, die zweierlei bedeutete. Erstens, wenn ihn Schläge nicht anfochten, war er vermutlich nie hart genug geschlagen worden.

Und zweitens traute er ihr offenbar nicht zu, Latein zu beherrschen. Es war unangebracht, enttäuscht zu sein, weil er ihre Bildung unterschätzte. Womöglich war Latein keine gängige Sprache für Mädchen. Sie hatte es mehr aus Langeweile denn aus Notwendigkeit gelernt. Wenn er gern seine Überlegenheit zur Schau stellte, war er vielleicht tatsächlich wie ihr Vater, und in dem Fall sollte sie sich eines Kommentars lieber enthalten.

„Oh“, sagte sie daher lediglich in einem Tonfall, der Dankbarkeit ob der Belehrung suggerierte, und ließ sich von ihm in die Kutsche helfen. Seine Hand an ihrem Ellbogen fühlte sich überraschend intim an und brachte sie neuerlich aus dem Konzept. Als er sie losließ, wusste sie nicht recht, ob sie erleichtert oder enttäuscht sein sollte.

Er nahm ihr gegenüber Platz, sodass er sie ansehen konnte, was sie umso nervöser stimmte. Nun, da sie allein waren, widmete er ihr seine volle Aufmerksamkeit. Was ging ihm wohl durch den Kopf? Und wichtiger noch, was hielt er von ihr?

Schließlich ergriff er das Wort. „Was genau hast du eigentlich während des Balls auf der Mauer getrieben? Hattest du geplant, dich auf mich zu stürzen?“

Sie bemühte sich, ihre Enttäuschung ob der Frage zu verhehlen, mit der er die ihren hinreichend beantwortete. Er glaubte, sie hätte ihm eine Falle gestellt. Das hätte sie nicht verwundern sollen. Ein so wichtiger Mann wie er wähnte sich vermutlich stets im Mittelpunkt des Geschehens. Sie widerstand dem Drang, die Augen zu verdrehen. „Ich habe Vögel beobachtet“, erklärte sie und begegnete seinem Blick.

„Nachts?“ Er hob eine Braue.

„Eulen“, ergänzte sie.

„Aha.“ Er runzelte die Stirn, und sogleich bereute sie ihre unbedachte Replik. „Und steht zu erwarten, dass sich so etwas wiederholt?“

„Nein“, sagte sie und fragte sich zugleich, ob das stimmte. Sie hatte schon vor jenem Abend erwogen davonzulaufen, doch zum Handeln bewogen hatte sie erst das jähe Ende ihrer Verlobung. Sie hatte kein Ziel vor Augen gehabt, hatte nur dem Zorn ihres Vaters entrinnen wollen. Aber jetzt?

Sie hatte keine Ahnung, was für ein Mensch ihr frischgebackener Ehemann war. Scheu lächelte sie ihn an.

Er nickte zufrieden, und damit endete das Gespräch. Kurz darauf erreichten sie das Haus, aus dem sie vor nicht einmal einer Woche hatte fliehen wollen, und sie wurde den versammelten Dienstboten vorgestellt.

„Dies ist Mrs. Miller“, verkündete Fallon und trat mit ihr zu der Haushälterin am Anfang der Reihe. „Sie wird dir das Haus und deine Räumlichkeiten zeigen.“ Er bedachte sie beide mit einem strahlenden Lächeln und verbeugte sich tief vor Maddie, als wäre die erzwungene Ehe mit ihm eine große Ehre. „Wenn du mich nun bitte entschuldigst? Ich habe einiges zu erledigen.“ Er wandte sich ab und schritt den Korridor entlang, der, wie sie wusste, zu seinem Studierzimmer führte.

Sie starrte ihm nach und wünschte, er würde einige Minuten erübrigen, um sich mit ihr zu unterhalten, damit sie ihn vor der unausweichlichen Nacht besser kennenlernte. Aber da sie in seiner Gegenwart vor Nervosität kaum ein Wort herausbrachte, wäre es ohnehin nur eine Verschwendung seiner wertvollen Zeit gewesen.

Während die Haushälterin ihr das Erdgeschoss zeigte, war Maddie in Gedanken schon im Schlafzimmer und malte sich aus, was heute Abend dort passieren würde. Es kam ihr unvorstellbar vor, all die Dinge, die ihre Mutter geschildert hatte, mit einem Fremden zu tun.

Als sie die Treppe zum Familienflügel erklommen, dachte Maddie an das Eingangspo...

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