Julia Herzensbrecher Band 56

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ÖFFNE DEIN HERZ, DANE von KAREN ROSE SMITH

Was muss geschehen, damit der wundervolle Kinderarzt Dane Cameron endlich Ja zu Maria sagt? Sie weiß, dass er auf tragische Weise Frau und Kind verloren hat. Und Maria will mit ihrer süßen Tochter kein Ersatz sein. Sie will ihn nur lieben – und von ihm geliebt werden …

DAS HERZ DER WÜSTE von MEREDITH WEBBER

Tag für Tag bewältigt Jenny die Herausforderungen als Ärztin im Wüstenreich Zaheer. Dabei gerät ihr eigenes Herz in Gefahr! Denn ihr Kollege Dr. Kamid weckt in ihr eine verloren geglaubte Sehnsucht. Sie ahnt nicht, dass er eigentlich Scheich Kamid ist – der Herrscher von Zaheer …

STÜRMISCHES WIEDERSEHEN AM MEER von MARION LENNOX

Mitten im Sturm klopft es an der Tür ihres Cottages. Als Mardie öffnet, steht sie Blake gegenüber. Was hat ihn zurück in den Küstenort gebracht, wo er doch in Sydney als Chirurg arbeitet? Und warum rast ihr Herz plötzlich so heftig wie damals?


  • Erscheinungstag 19.04.2025
  • Bandnummer 56
  • ISBN / Artikelnummer 9783751534161
  • Seitenanzahl 400
  • E-Book Format ePub
  • E-Book sofort lieferbar

Leseprobe

Karen Rose Smith

1. KAPITEL

Eigentlich hätte Dane Cameron von der Landschaft New Mexicos begeistert sein müssen. Er war schon mal hier im Südwesten gewesen, um an einem Ärztekongress teilzunehmen. Damals war er jedoch nicht aus dem Hotel herausgekommen. Jetzt hatte er das Gefühl, als ob jene Reise schon Ewigkeiten zurücklag. Damals war sein Leben noch erfüllt gewesen mit einer Arbeit, die er liebte … einer Frau … und einem Sohn …

Obwohl es schon fast fünf Uhr nachmittags war, stand die Sonne immer noch feurig rot und brennend am Himmel. Dane folgte der Wegbeschreibung, die ihm der Mann im Motel gegeben hatte, als er vorhin in diese Kleinstadt namens Red Bluff gekommen war. Am Büro des Sheriffs vorbei, über den Marktplatz und dann noch einige Häuserblocks weiter. Rechts sah er das Schild zur Familienpraxis von Red Bluff und bog auf den Parkplatz ein. Dort standen zwei Fahrzeuge, ein Jeep und eine Limousine.

Er hoffte, dass die Praxis noch offen war, denn er war gespannt auf seinen neuen Arbeitsplatz. Er spürte einen Eifer in sich, der ihn fast überraschte, nachdem er fast zwei Jahre lang wie betäubt eher existiert als wirklich gelebt hatte.

Als er mit großen Schritten zur Eingangstür der Praxis ging, fiel ihm auf, wie anders die Landschaft hier im Vergleich zum Nordosten war. Doch als er an der Eingangstür des Gebäudes ankam, interessierte es ihn mehr, was er dahinter antreffen würde.

Dane war zunächst beeindruckt von der Atmosphäre in der Eingangshalle. Überall gab es spanische und indianische Motive. Burgunderrot und Dunkelgrün waren die dominierenden Farben der Einrichtung. Er blieb am Fenster der Pförtnerloge stehen und sah, dass die Kabine dahinter leer war.

Eine Tür, an der Chilischoten hingen, stand offen, und Dane glaubte, Stimmen aus dieser Richtung zu hören. Er ging dem Geräusch nach und hielt vor einem Untersuchungszimmer inne, dessen Tür nur angelehnt war. Als er hineinsah, stockte er. Am Waschbecken stand eine ältere Frau.

Aber es war die andere, die jüngere Frau im weißen Kittel mit einem Stethoskop um den Hals, die seine Aufmerksamkeit weckte. Sie sprach mit ruhiger Stimme zu ihrer Patientin. Was ihn faszinierte, war ihre exotische Schönheit. Ihr Haar hatte die Farbe und den Glanz eines Zobels. Es war zum Pferdeschwanz zusammengebunden und reichte fast bis zur Taille hinunter. Die hohen Wangenknochen hatten eine feine Linienführung, ebenso die gerade Nase und das Kinn. Die Haut war braun, die vollen Brüste standen hoch, und die sanft geschwungenen Hüften zeichneten sich unter ihrem weißen Kittel ab.

Dane war ihre heisere Altstimme schon am Telefon aufgefallen, und er hatte sich gefragt, wie diese Frau wohl aussehen würde. Wenn dies die Ärztin war, mit der er arbeiten sollte … Er spürte in seinem Körper Regungen, die schon seit sehr langer Zeit nicht mehr zu seinem Leben gehört hatten.

Plötzlich hörte er aus dem Wartezimmer einen Tumult. „Dr. Youngbear! Kommen Sie schnell“, rief jemand von dort.

Dane erkannte sofort, dass es sich um einen Notfall handeln musste, und ging zurück in die Eingangshalle, wo er zwei Männer in grauer Uniform vorfand. Der Jüngere von beiden – er war wohl Ende zwanzig – hatte rote Flecken im Gesicht und auf den Armen, und seine Lippen waren geschwollen.

„Wespen haben ihn erwischt“, erklärte sein Partner hastig. „Er sagt, dass es ihm den Hals zuschnürt.“

Dane war zwar Kinderkardiologe, aber er erinnerte sich noch gut an seine Dienste in der Notaufnahme. Nach einer schnellen, flüchtigen Untersuchung war er sich sicher, dass der Mann einen anaphylaktischen Schock hatte.

„Ich bin Dr. Cameron“, sagte er den Männern und führte sie schnell den Flur hinunter in einen leeren Untersuchungsraum.

Die Stimmen hatten auch Maria Youngbear in den Flur gelockt. Sie ließ den Blick schnell über Dane wandern – über sein braunes Polohemd und seine kakifarbenen Hosen. Dann galt ihre ganze Aufmerksamkeit dem Mann, der gestochen worden war. „Rod! Was ist passiert?“

Bevor der junge Mann versuchen konnte zu antworten, sagte Dane kurz angebunden: „Dane Cameron. Unser Patient ist mehrfach gestochen worden. Ich brauche Epinephrin und Benadryl intramuskulär.“

Maria riss einen Moment lang ihre dunkelbraunen Augen auf. Dann ging sie zu dem Patienten. „Ich hole, was Sie brauchen“, sagte sie schnell zu Dane.

Bis Dane Rod geholfen hatte, sich auf den Untersuchungstisch zu legen, war Maria schon mit den Spritzen zurück.

Dane nahm sie ihr ab und verfluchte die Finger seiner rechten Hand, die er immer noch nicht wieder richtig krümmen konnte. In den letzten sechs Monaten, seit er sich entschieden hatte, die Stelle in Red Bluff anzunehmen, war er irgendwie beidhändig geworden, aber er war immer noch ungeschickt. Nachdem er Rods Arm mit einem alkoholgetränkten Tupfer abgewischt hatte, injizierte er das Medikament.

Dann griff er nach dem Stethoskop, das Maria auf einen Stuhl gelegt hatte, und untersuchte Rod gründlich. Nach einer Viertelstunde begann die Schwellung zurückzugehen, und das Gesicht des Hilfssheriffs war nicht mehr ganz so rot.

Dane gab dem jungen Mann noch eine Spritze. „Wie fühlen Sie sich jetzt?“

Der Patient verzog das Gesicht. „Besser. Mein Hals ist nicht mehr so zugeschnürt. Nur die Stiche tun noch höllisch weh.“

„Auf die Stiche werden wir kalte Kompressen legen. Sie werden bis morgen hier bleiben müssen, damit wir Sie noch weiter beobachten können. Es sei denn, Sie möchten lieber, dass ich einen Krankenwagen bestelle, um Sie ins Krankenhaus bringen zu lassen.“

Soweit er sich erinnern konnte, hatte Maria Youngbear ihm am Telefon gesagt, dass es in dieser Stadt kein öffentliches Krankenhaus gab.

„Nicht ins Krankenhaus“, murmelte Rod. „Ich bleibe lieber hier.“

„Wird er wieder gesund?“, fragte Wyatt Baumgardner, der andere Mann in Uniform.

„Sie haben ihn rechtzeitig hergebracht. Morgen müsste er wieder auf den Beinen sein.“

Maria hatte die ganze Zeit weder Dane noch Rod aus den Augen gelassen und sagte jetzt in sehr knappem Ton: „Dr. Cameron, ich möchte Sie draußen sprechen.“

Dane schaute sie wieder von oben bis unten an. Sie war schön. „In Ordnung.“ Zu Rod sagte er: „Ich bin gleich zurück.“

Draußen im Flur schaute Maria ihn von unten her an. „Sie haben ganz offensichtlich Führungsqualitäten, Dr. Cameron, und die sind auch in der Notfallmedizin sehr wichtig. Aber bevor Sie meine Praxis noch ein weiteres Mal einfach übernehmen, würde ich es zu schätzen wissen, wenn Sie das vorher mit mir besprechen. Ich muss noch nach einem Patienten sehen. Anschließend zeige ich Ihnen die ganze Anlage.“ Damit verschwand Maria Youngbear im nächsten Zimmer und schloss die Tür hinter sich.

Dane war ein paar Minuten lang sprachlos und wusste nicht, was er von der hübschen Ärztin halten sollte. Sie hatte ihn ganz offensichtlich zusammengestaucht. Etwa weil er einen Notfall versorgt hatte?

Eine halbe Stunde nachdem Wyatt ihn in dieser Gegend willkommen geheißen und mit einem freundlichen Händedruck verlassen hatte, informierte Rod Dane über alles Wissenswerte von Red Bluff.

Aus dem Geräusch einer sich öffnenden Tür und den anschließenden Stimmen im Flur schloss Dane, dass Maria mit ihrem Patienten fertig war.

Sofort danach kam eine Krankenschwester ins Untersuchungszimmer. „Dr. Youngbear ist jetzt frei. Ich kann solange auf Rod aufpassen.“

Dane nickte, vergewisserte sich, dass es Rod gut ging, und überließ ihn dann der Krankenschwester.

Die Tür zum Eckbüro stand offen. Maria saß mit gebeugtem Kopf an einem der Schreibtische und machte Notizen. Ihr Kittel war offen, und der dunkelbraun schimmernde Pferdeschwanz hing über ihrem roten Stricktop.

„Wäre es nicht einfacher, ein Diktiergerät zu benutzen?“, fragte Dane, als sie aufblickte.

„Nicht, wenn ich die Notizen nach dem Diktat selber schreiben muss.“

„Aber Ihre Sekretärin kann doch …“

„Ich habe keine Sekretärin, Dr. Cameron. Betsy Fulton ist meine Empfangsdame. Sie ist mit den Patienten, dem Schreiben der Rechnungen sowie dem Führen des Terminplans voll ausgelastet. Ich habe noch eine Krankenschwester, aber sie ist im Mutterschaftsurlaub. Joan springt nur so lange ein, bis sie zurückkommt.“ Sie zeigte auf den zweiten Schreibtisch im Zimmer. „Das ist Ihr Schreibtisch.“

Dane besah sich den Raum mit den beiden Schreibtischen, dem schwarzen Ledersofa, Bücherregalen und einem Aktenschrank. „Wir teilen uns ein Büro?“

Sie lehnte sich in ihrem Stuhl zurück und sah ihn prüfend an. „Dies ist keine Großstadtpraxis. Unser Raum ist begrenzt. Wenn Sie ein eigenes Büro brauchen, dann sind Sie hier am falschen Platz.“

Während sie sich gegenseitig schweigend beobachteten, merkte Dane zwei Dinge. Maria Youngbear übte eine Anziehung auf ihn aus, wie es seit sehr langer Zeit keine Frau mehr getan hatte. Aber sie ärgerte sich über ihn, und er fing an zu verstehen, warum sie das tat. Dies war ihr Reich, in das er eingedrungen war. Sie war verärgert, weil er ihre Position übernommen hatte.

„Ich bin nicht eines eigenen Büros wegen nach Red Bluff gekommen. Wie ich Ihnen schon am Telefon erklärt habe, bin ich gekommen, weil ich eine Abwechslung brauche. Wenn ich Ihnen vorhin auf die Füße getreten bin, dann habe ich das nicht beabsichtigt, aber ich werde mich nicht dafür entschuldigen, dass ich schnell gehandelt habe, als es nötig war.“

Ihre dunklen Augen weiteten sich etwas. Die Überraschung über seine schonungslose Ehrlichkeit stand ihr ins Gesicht geschrieben, aber dann lächelte sie ihn reumütig an und reichte ihm die Hand. „Warum fangen wir nicht einfach noch mal von vorne an? Ich bin Maria Youngbear. Willkommen in Red Bluff.“

Auch er reichte ihr die Hand. Dabei war ihm klar, dass sie genau spürte, wie steif seine Finger waren, als sie seine Rechte ergriff.

Am Telefon hatte er ihr zwar erzählt, dass er einen Unfall gehabt hatte, wodurch seine Hand stark beeinträchtigt sei. Er hatte jedoch auch beteuert, dass er das mit der linken Hand ausgleichen könne. Sie schien ihn trotzdem unbedingt einstellen zu wollen und hatte ihm gesagt, dass sie bei der Arbeit sicher Rücksicht auf seine Verletzung nehmen könnten.

„Wie ich Ihnen schon gesagt habe, ich kann die linke Hand genauso gut benutzen wie früher die rechte“, versicherte er ihr aufs Neue. „Im OP habe ich beide gebraucht, aber in dieser Familienpraxis werde ich gut zurechtkommen.“

„Haben Sie Krankengymnastik gemacht?“, erkundigte sie sich, als sie die unübersehbare Narbe bemerkte, die von den Fingern bis unter das Handgelenk verlief.

„Ich bin operiert worden. Das reicht.“ Er hoffte, sie würde merken, dass er darüber nicht sprechen wollte. Der Unfall, der ihm die Frau und den Sohn geraubt und ihn die Karriere gekostet hatte, war verbotenes Terrain.

Aber Maria Youngbear gehörte offensichtlich nicht zu den Menschen, die einen solchen Hinweis verstehen konnten. „Sie wollen nie mehr als Kinderkardiologe arbeiten?“

„Ich habe diese Stelle als Allgemeinmediziner angenommen, und genau das will ich auch sein.“

Als Maria sich vor über sechs Monaten Dane Camerons untadeligen Lebenslauf angesehen und ihn daraufhin telefonisch interviewt hatte, hatte er ihr nur gesagt, dass er nach Red Bluff gehen wolle, um seinem Leben eine neue Wende zu geben. Damit hatte er zwar ihre Neugier geweckt, und sie hätte gern noch ein paar Einzelheiten erfahren, aber sie hatte seine Privatsphäre respektiert und war nicht weiter in ihn gedrungen. Jetzt, wo sie ihn kennengelernt hatte, merkte sie, dass sein Wunsch nach beruflicher Veränderung nur die Spitze eines Eisbergs war, den er geflissentlich geheim hielt.

Als sie Dane in die blauen Augen sah, fühlte sie sich von den Stürmen ergriffen, die in ihm zu toben schienen.

Nur mit Schwierigkeiten konnte sie den Blick von ihm lösen. Sie schaute auf ihre Armbanduhr. Sie würde schon wieder zu spät kommen, um ihre Tochter von der Ranch ihrer Eltern abzuholen. Glücklicherweise hatten ihre Eltern Verständnis für die Arbeitszeit eines Arztes. Und zum Glück musste die zweijährige Sunny nur bei Menschen sein, die sie liebte. Wie so oft war Maria dankbar für diese Tochter, für dieses kostbare Geschenk aus einer Ehe, die schon zum Scheitern verurteilt gewesen war, bevor sie richtig angefangen hatte.

„Ich kann Sie noch kurz durch die Praxis führen, wenn Sie möchten“, sagte sie zu Dane. „Aber dann muss ich gehen. Ich muss meine Tochter abholen und uns beide für das Abschiedsfest von Dr. Grover zurechtmachen. Das ist der Arzt, der in den Ruhestand geht und dessen Platz Sie einnehmen. Joan wird heute Nacht hier bei Rod bleiben, und ich werde ab und zu herkommen, um nach ihm zu sehen.“

„Ich kann auch hier bleiben“, bot Dane an.

Maria fragte sich, ob er tatsächlich ein so engagierter Arzt war oder einfach nur ruhelos nach seiner langen Fahrt und seiner Ankunft in einer neuen Stadt. „Offiziell fangen Sie erst am Montag an. Es ist für die Verwaltung einfacher, wenn wir dabei bleiben.“ Das hörte sich zwar logisch an, aber in Wahrheit brauchte sie Zeit, um sich an seine Gegenwart zu gewöhnen und vor allem an die Vorstellung, neben diesem gut aussehenden Arzt zu arbeiten.

Nachdem Dane sie solange angesehen hatte, bis es ihr unangenehm wurde, erwischte er sie in einem Augenblick nachlassender Wachsamkeit. „Wie alt ist Ihre Tochter?“, erkundigte er sich.

Der Gedanke an Sunny zauberte ihr ein Lächeln auf das Gesicht. „Sie ist zwei Jahre und drei Monate alt.“

Dane sah auf Marias linke Hand, an der kein Ring zu sehen war.

„Ich bin geschieden.“ Maria wusste nicht, warum es ihr plötzlich wichtig war, ihn das wissen zu lassen.

Sie hatten beide einige Minuten lang geschwiegen, in denen sie Danes kräftige Gestalt von einem Meter neunzig, die fantastisch breiten Schultern, das dichte blonde Haar und die blauen Augen auf sich wirken ließ, als er sagte: „Die Führung durch die Praxis kann bis Montag warten. Haben Sie einen Dienstplan?“

Maria fühlte sich plötzlich hinter ihrem Schreibtisch in der schwächeren Position. Ihr wurde klar, dass es völlig anders sein würde, das Büro mit ihm statt mit Dr. Grover zu teilen. Er hatte eine so starke Ausstrahlung, dass die Luft im Raum zu knistern schien.

Hastig blätterte sie durch die Papiere im Ablagekorb auf ihrem Schreibtisch, nahm ein Blatt heraus und stand auf. „Dies ist unser Dienstplan.“

Als Dane ihr den Zettel aus der Hand nahm, berührte er mit den Daumen zufällig ihre Handfläche. Dabei lief ihr ein Kribbeln den Rücken hinunter. Sie versuchte, es zu ignorieren, aber da trafen sich ihre Blicke, und es wurde unmöglich, das zu leugnen, was zwischen ihr und Dane Cameron geschah. Sie suchte nach wichtigen Informationen, die sie ihm noch geben konnte, und es fiel ihr gerade noch rechtzeitig ein, dass sie ihn gar nicht zu Dr. Grovers Abschiedsparty eingeladen hatte.

„Dr. Grovers Fest heute Abend findet in der Cafeteria der Grundschule statt, für den Fall, dass Sie kommen möchten.“

Dane löste mit aller Kraft den Blick von ihr, schaute kurz auf den Dienstplan und steckte das Blatt dann in die Tasche seiner Kakihose. „Ich werde vorbeischauen, obwohl ich eigentlich kein Partymensch bin.“

„Ich dachte nur, es ist eine gute Gelegenheit, die Patienten von Red Bluff kennenzulernen. Dies ist eine sehr kleine Stadt, in der jeder jeden zu kennt.“

„Und Sie glauben, es würde der Praxis gut tun, wenn ich mich sehen lasse“, vermutete er.

„Wenn Sie kommen wollen, die Party fängt um acht Uhr an“, fügte sie nur hinzu. „Die Grundschule liegt am Fluss. Wo wohnen Sie?“

„Im Sagebrush Motel. Ich muss mir noch eine Wohnung suchen. Wissen Sie vielleicht eine für mich?“

Maria wohnte in einer Appartementanlage nur wenige Häuserblöcke von der Praxis entfernt. Die Wohnung neben ihr war frei, aber sie glaubte nicht, dass sie Tür an Tür mit diesem verführerischen Mann leben wollte, der Gefühle in ihr weckte, die sie selbst vor ihrer Scheidung nicht mehr gehabt hatte.

„Ich werde darüber nachdenken und Ihnen eine Liste machen.“

Dane nickte. Als er sich ein letztes Mal im Büro umschaute, sah er das eingerahmte Bild auf Marias Schreibtisch stehen. Es war ein Bild von Sunny.

„Ist das Ihre Tochter?“, fragte er.

An dem angespannten Unterton in seiner Stimme und dem Ausdruck in seinem Gesicht merkte Maria, dass es schmerzlich für ihn war, das Bild anzusehen.

„Ja, das ist sie“, bestätigte sie sanft.

„Sie ist hübsch.“

„Ja, das ist sie. Sie ist ein Schatz. Ich weiß nicht, was ich ohne sie anfangen würde.“

Als Dane sie wieder anschaute, hatte sie den Eindruck, dass er plötzlich gequält aussah. „Ich bin schon weg“, sagte er mit rauer Stimme. „Wenn wir uns nicht heute Abend sehen, dann Montagmorgen gegen acht Uhr. Ist die Praxis dann offen?“

„Die Empfangsdame kommt um acht. Mein erster Termin ist um neun.“

Dane nickte, drehte sich um und verließ das Büro. Als er den Flur hinunterging, hatte Maria die dumpfe Vorahnung, dass ihr Leben jetzt etwas komplizierter werden würde.

Es war schon fast halb neun, als Dane die Cafeteria der Grundschule betrat. Er hatte sich erst in letzter Minute entschieden zu kommen. Als er in das Gelächter und das Stimmengewirr eintauchte, redete er sich zwar ein, er sei nur aus Pflichtgefühl hier. Dennoch ertappte er sich dabei, dass er in der Menge nach Maria Youngbear Ausschau hielt.

Sein erster Eindruck war, dass er mit seinen marineblauen Hosen und seinem weißen Oxfordhemd zu fein angezogen war. Viele trugen kurze Hosen, wohl um die Julihitze besser ertragen zu können. Die Ventilatoren an der Decke surrten und wirbelten die gasgefüllten Luftballons herum, die an vielen Tischen befestigt waren. Auf zwei Tischen vorne im Saal standen zwei große Kochtöpfe mit Essen. Auf einem anderen Tisch gab es Bowle. Die Einwohner von Red Bluff saßen an den Tischen, aßen und tranken oder standen in Grüppchen herum.

Dane, der sich ein wenig verloren fühlte, schlenderte zu dem Tisch mit der Bowle hinüber. Er hatte den Raum gerade zur Hälfte durchquert, als sein Blick auf ihre dunkelbraune Haarpracht fiel. Maria hatte wirklich prächtiges Haar, vor allem wenn es wie jetzt nicht zum Pferdeschwanz zusammengebunden war. Er betrachtete ihre weiße Bauernbluse und ihren schwingenden, rot-weiß-blau geblümten Stufenrock, der ihr um die Fußgelenke schwang. Mit jeder Faser strahlte sie pulsierendes Leben aus.

Als wenn sie seinen Blick gespürt hätte, drehte sie sich um, und sie sahen sich gegenseitig in die Augen. Einen Moment lang blieb er wie angewurzelt stehen. Er sah nur, wie die vom Ventilator herumgewirbelte Luft mit ihrem Pony spielte.

Dann kam ein Kind auf sie zugelaufen und schlang die Arme um Marias Beine. Maria lachte, nahm das kleine Mädchen auf den Arm und kam zu ihm herüber.

Er erinnerte sich, wie er Keith genauso auf dem Arm gehalten hatte … Er erinnerte sich einfach an zu viele Dinge, die er verzweifelt zu vergessen versuchte.

Dennoch konnte er den Blick nicht von diesem hübschen Kind abwenden. Sunny war wirklich reizend in ihrem gelben Sommerkleidchen mit den Puffärmelchen. Sie trug kleine Sandalen, passend im Farbton. Eine Sehnsucht, die nie aufzuhören schien, zog ihm schmerzhaft das Herz zusammen.

Maria lächelte zu ihm hoch. „Da sind Sie also doch noch gekommen.“

„Als Alternative hätte ich mir Wiederholungen im Fernsehen anschauen können“, antwortete er sarkastisch.

Sie lachte, weil ihre kleine Tochter versuchte, ihrer Mutter den Daumen in den Mund zu stecken.

„Wie heißt sie?“, fragte Dane.

„Sunny.“

In diesem Moment stellte sich eine ältere Frau neben Maria. „Ist das unser neuer Doktor?“

„Dr. Cameron, darf ich Ihnen meine Mutter vorstellen? Carmella Eagle.“

Dane gab ihr die Hand.

Jetzt trat noch ein älterer Mann sowie ein Junge im Teenageralter zu ihnen.

Maria schmunzelte. „Dies sind mein Vater und mein Bruder Joe.“

Joe sah ihn abschätzend an. Aus seinen fast schwarzen Augen blickte er überhaupt nicht freundlich.

Mr. Eagle schüttelte Dane die Hand. „Wir freuen uns, Sie bei uns zu haben. Maria erzählte, dass Ihre Zeugnisse beeindruckend sind. Der Stadtrat ist ihrer Empfehlung, Sie einzustellen, ohne Zögern gefolgt.“

„Die Red-Bluff-Praxis wird sowohl aus privaten Geldern wie auch aus Steuereinnahmen der Stadt finanziert“, erklärte Maria. „Deswegen brauchten wir die Zustimmung des Stadtrats.“

Dane hatte das Gefühl, in ihren Augen zu versinken. „Ich scheine noch viel über Red Bluff lernen zu müssen.“

„Vielleicht gefällt Ihnen das Kleinstadtleben ja gar nicht“, sagte Joe abweisend.

„Ich habe noch nie in einer Kleinstadt gelebt. Dies ist also eine neue Erfahrung, und ich hoffe, sie gefällt mir.“

Marias Mutter klopfte ihm auf die Schulter. „Maria muss Sie bald mal mit zum Abendessen nach Hause bringen. Aber jetzt müssen wir gehen.“

Carmella umarmte und küsste ihre Enkeltochter. „Bis Sonntag, meine Kleine.“ Dann umarmte sie auch Maria. „Denk dran, dass Rita Maisbrot mitbringt und Teresa den Nachtisch macht.“

„Ich kümmere mich um den Salat“, versprach Maria, während sie die Umarmung ihrer Mutter erwiderte.

„Haben Sie eine große Familie?“, erkundigte Dane sich, als die Familie gegangen war.

„Drei Brüder und drei Schwestern. Und meine Mutter besteht darauf, dass jeder Sonntag ein Familientag ist.“ Maria sah unerhört sanft und weiblich aus.

„Wie lange praktizieren Sie schon hier?“, fragte er, während er sich fragte, wie alt sie wohl sein mochte. Sie hatte eine so zeitlose Schönheit, dass es ihm unmöglich war, ihr Alter zu schätzen.

„Seit vier Jahren. Es ist meine erste Stelle nach meiner Zulassung.“

„Haben Sie nie daran gedacht, mal woanders zu praktizieren?“, fragte er interessiert.

„Ja, früher mal … bevor Sunny geboren war. Aber meine Familie lebt hier, und hier sind auch meine Wurzeln. Beides bedeutet mir sehr viel.“

Dane hatte das Gefühl, dass sie noch etwas anderes sagen wollte über die Zeit „bevor Sunny geboren war“. Vielleicht hatte es etwas mit ihrer Ehe zu tun. Vielleicht aber auch nicht. Jedenfalls ging es ihn nichts an.

Sein Blick fiel wieder auf Sunny, und er sah, dass dem Kind fast die Augen zufielen. „Es sieht so aus, als ob es ihre Schlafenszeit ist.“

Maria lächelte. „Ja, ich muss sie nach Hause bringen. Aber erst will ich Sie noch Dr. Grover vorstellen. Er verlässt uns in ein paar Tagen, um eine zweimonatige Kreuzfahrt zu machen.“

In der nächsten halben Stunde lernte Dane nicht nur Dr. Grover und seine Frau kennen, sondern auch viele andere Bewohner von Red Bluff, die neugierig waren, wer und wie er wohl war.

„Ich muss jetzt wirklich gehen“, sagte Maria schließlich. „Ich will noch in der Praxis vorbei und nach Rod sehen.“

„Ich bringe Sie noch hinaus“, sagte Dane.

„Das ist nicht nötig. Ich weiß, Sie wollen sich unter das Volk mischen.“

„Davon ist mein Bedarf für heute Abend gedeckt.“

Während Maria auf dem Weg zur Tür sich noch von vielen Freunden verabschiedete, dachte Dane, dass seine Arbeit hier wohl sehr anders sein würde, als er es gewohnt war. Bisher hatte er immer nur Fremde behandelt. Wenn der Fall abgeschlossen war, hatte er die Patienten nie wieder gesehen. Aber hier in der Familienpraxis von Red Bluff dauerte die ärztliche Betreuung ein Leben lang.

Als sie draußen vor der Tür ankamen, merkte er, dass es sich sehr abgekühlt hatte. Es war fast kalt geworden.

„Wir sind zu Fuß hier“, eröffnete Maria. „Bis Montagmorgen also.“

Dane blieb stehen. „Ich lasse Sie doch in der Nacht nicht allein zur Praxis gehen.“

„Wir sind in Red Bluff, Dr. Cameron, nicht in New York City.“

„Das ist mir egal. Ich fahre Sie in die Praxis und dann nach Hause.“

„Es ist wirklich nicht weit.“

Als er ihr in die Augen sah, hatte er den Eindruck, dass sich in ihr ähnliche Gefühle regten wie in ihm. Zwischen ihnen beiden vibrierte eine eigenartige Spannung. So etwas hatte er bei Ellen nie empfunden. Seine Ehe war von Freundschaft, Zufriedenheit und Behaglichkeit bestimmt gewesen.

Aber daran sollte er jetzt lieber nicht denken. Wenn er an Ellen dachte, fiel ihm auch alles andere wieder ein, und das wollte er keinesfalls.

„Sie wird mit jedem Häuserblock schwerer werden“, warnte er und nickte Sunny freundlich zu. „Außerdem kann sie sich in dieser Nachtluft erkälten.“

Nach einer kleinen Bedenkpause gab Maria nach. „Vielleicht haben Sie recht. Wenn es Ihnen wirklich nichts ausmacht …“

„Bestimmt nicht“, versicherte er.

Dane ging auf seinen weißen Geländewagen zu. Mit der Fernbedienung öffnete er die Beifahrertür und wartete, bis Maria eingestiegen war. Dann schloss er seine Fahrertür auf. Eigentlich sollte sie das Kind nicht auf dem Arm behalten, sondern es in einen Kindersitz setzen, aber er wusste nur allzu gut, dass auch Kindersitze die Kinder nicht immer schützen konnten. Nichts hätte seinen Sohn schützen können.

Wenige Minuten später waren sie an der Praxis angekommen. Als Joan Sunny sah, nahm sie das Mädchen liebevoll auf den Arm. Sie nahm die Kleine mit, um ihr ein Comicheft zu geben, während Maria nach dem Hilfssheriff sah.

Dane schaute sich in der Praxis um, während Maria Rod untersuchte. Die Praxis war nicht groß, aber gut ausgerüstet.

Zwanzig Minuten später war Maria fertig. Sie gab Joan noch ein paar Anweisungen, nahm Sunny wieder auf den Arm und trug sie zu Danes Auto. Sie erklärte Dane, wie er fahren musste, und fünf Minuten später waren sie bei ihrer Wohnanlage.

Dane parkte das Auto, ging zur Beifahrertür und öffnete sie für Maria. „Ich nehme sie schon“, bot er an. Ohne das Kind war es für Maria einfacher auszusteigen.

Als Sunny sich mit dem Kopf an seine Schulter kuschelte, löste diese Geste einen unsagbaren Schmerz in ihm aus. Er hatte gehofft, dass ihm das nichts mehr ausmachen würde, hatte gehofft, dass ihm überhaupt alles nichts mehr ausmachen würde. Er war nach Red Bluff gekommen, um seinem Leben eine neue Wende zu geben, aber die alten Wunden waren offensichtlich noch nicht alle verheilt.

Sie gingen den Weg hinunter am Gebäude entlang, als er das Schild sah: Sierra Apartments. „Wohnungen frei“ stand darunter.

„In Ihrer Anlage sind noch Wohnungen zu vermieten?“

„Es ist sogar die Wohnung neben mir frei. Ich habe Ihnen doch eine Liste versprochen. Da stehen diese auch drauf. Ich wusste nur nicht, in welcher Preiskategorie Sie suchen.“

„Ich brauche bloß einen bequemen Platz, an dem ich es mir am Abend gemütlich machen kann.“

Der Geruch von Marias Parfum reizte ihn in dieser windstillen Nacht, während sie ihn durch einen Torbogen in eine Eingangshalle führte. „Wenn sie noch für einen Moment hereinkommen wollen, zeige ich Ihnen die Wohnung“, schlug sie vor, als sie die Schlüssel aus der Tasche holte. „Wenn Ihnen die Aufteilung gefällt, dann können Sie ja morgen die Vermieterin anrufen.“

„Das ist eine gute Idee.“ Dane wollte gerne sehen, wo sie wohnte, und ihm gefiel die Vorstellung, in ihrer Nähe wohnen zu können.

Maria betrat das Apartment und machte das Licht an.

„Wohin soll ich sie bringen?“, fragte Dane.

Maria führte ihn schnell durch ein sehr gemütlich aussehendes Wohnzimmer hindurch, das hellblau und grün eingerichtet war, in das dahinter liegende Schlafzimmer. Dort standen ein weißes Kinderbett sowie eine Kommode, und an den Wänden hingen ausgestopfte Wolken neben einem bunten Regenbogen.

„Ich nehme sie jetzt“, sagte Maria leise und legte die Arme um ihre schlafende Tochter. Einen Moment lang spürte Dane Marias Hand auf seiner Brust ruhen und musste schlucken. Er stellte sich vor, wie es wäre, ihr durch das Haar zu streichen und ihre warmen Lippen auf den seinen zu spüren. Er erschrak über sich selbst. Wahrscheinlich war er einfach in zu kurzer Zeit zu weit gereist.

Maria wich seinen Blicken aus, als sie Sunny in ihr Kinderbettchen legte, ihr die winzigen Sandalen sowie das Sommerkleidchen auszog und ihr ein Nachthemd über den Kopf zog. Dann küsste sie ihre Tochter auf die Wange.

Beim Anblick dieses einfachen Rituals und der Zärtlichkeit, die Maria für ihre Tochter hatte, zog sich in Dane alles zusammen. Er ging zurück ins Wohnzimmer und holte tief Luft.

Maria folgte ihm. „Möchten Sie etwas zu trinken haben?“, bot sie an.

Ein Whiskey mit Eis wäre jetzt genau das Richtige, dachte er, aber er wusste, dass er lieber einen klaren Kopf behalten sollte. „Nein danke.“ Dane sah sich gründlich um. „Sind alle Wohnungen so wie diese?“

„Die meisten schon. Hier ist die Terrasse. Einige Wohnungen haben drei Schlafzimmer, statt nur zwei, aber im Wesentlichen sind sie alle gleich.“

Dane bewunderte Marias Haar, wie es ihr über die Wangen und Schultern fiel. Die schwache Beleuchtung des Wohnzimmers sorgte für eine sehr gemütliche Atmosphäre, und der Wunsch, sie zu küssen, kam Dane überhaupt nicht mehr so abwegig vor.

Bevor er aber noch weiter darüber nachdenken konnte, machte er sich besser auf den Heimweg. „Ich gehe jetzt besser. Danke, dass ich mich habe umschauen dürfen. Ich werde die Hausverwaltung morgen anrufen.“

Er war schon auf dem Weg nach draußen, als Maria sagte: „Danke, dass Sie mich nach Hause gebracht haben, Dr. Cameron.“

Er blieb stehen und sah sich zu ihr um. „Ich heiße Dane, Dr. Youngbear.“

Sie lächelte. „Und ich Maria … Dane. Versuchen Sie, sich an diesem Wochenende auszuruhen. Ich werde Ihnen am Montag jede Menge Patienten vorstellen.“

„Es wird mir gut tun, wieder arbeiten zu können.“

Er konnte ihr an den Augen ablesen, dass sie noch Fragen hatte, aber das waren Fragen, die er nicht beantworten wollte, jetzt nicht und überhaupt nicht.

„Bis Montag also.“ Dann ging er.

2. KAPITEL

Einen Arm voller Lebensmittel und Sunny an der anderen Hand, kämpfte sich Maria durch den Torbogen der Wohnungsanlage zu ihrer Wohnungstür. Noch bevor sie dort ankam, ging die Tür der benachbarten Wohnung auf, und Dane kam heraus.

Sie hatte eine sehr unruhige Nacht verbracht, weil sie immer wieder die Augen und Gesichtszüge dieses Mannes vor sich gesehen hatte. Während ihrer Einkäufe mit Sunny war es ihr fast gelungen, diese Bilder aus ihrem Kopf zu verbannen, und jetzt …

Dane lächelte, und dieses Lächeln löste merkwürdige Gefühle in ihr aus, während er ihr strahlend einen Schlüssel zeigte. „Wir werden Nachbarn.“

Die Einkaufstüten auf ihrem Arm wurden immer schwerer, und Maria wollte sie vor ihrer Tür absetzen, um ihren eigenen Schlüssel zu suchen, aber Dane war schneller. Plötzlich stand er vor ihr und nahm ihr die Tüten ab.

„Lassen Sie mich Ihnen helfen.“

„Es geht schon, ich …“

Als er ihr die Tüten abnahm, berührte er sie mit der Hand zufällig an der Taille, was sie nervös machte. Sie kam sich vor wie ein unbeholfener Teenager.

„Sie können Hilfe nicht gut annehmen, stimmt’s?“ Forschend sah er sie an.

„Das hängt davon ab, wer mir hilft“, entgegnete sie etwas schnippisch, um sich nicht anmerken zu lassen, welche Anziehungskraft er auf sie ausübte. In den Jeans und dem roten Polohemd sah er fantastisch aus.

Maria suchte in den Taschen ihrer weißen Shorts nach ihrem Schlüssel, fand ihn endlich und steckte ihn ins Schloss. Als die Tür aufging, rannte Sunny vor ihr in die Wohnung.

Maria drehte sich um, um Dane ihre Einkäufe wieder abzunehmen, aber er kam ihr zuvor und trug sie selbst hinein.

Sunny stürzte sich auf das Sofa, wo einige ihrer Spielsachen lagen. Maria sah, wie Dane ihre Tochter beobachtete.

„Warum haben Sie sie Sunny genannt?“, fragte er.

Dieser Name hatte für Maria eine besondere Bedeutung, aber sie kannte Dane nicht gut genug, um ihm erzählen zu wollen, dass nur ihre Schwangerschaft sie nach der Scheidung hatte weiterleben lassen. Sie sagte darum nur: „Ich habe sie Sunny genannt, weil ich wusste, dass sie Sonne in mein Leben bringen würde, und das hat sie auch getan.“

In seinem Lebenslauf war keine Rede von einer Frau oder einer Familie, und auch in ihren Gesprächen hatte er diesbezüglich nichts erwähnt. Einen Ehering trug er jedenfalls nicht.

„Sind Sie schon mal verheiratet gewesen?“, fragte sie und war sich dabei bewusst, dass sie damit sehr privat wurde.

„Ich bin Witwer“, antwortete er kurz angebunden, während er ihre Einkäufe auf dem Esstisch absetzte. Dann ging er zu der Schiebetür aus Glas, durch die er auf die Landschaft hinter der Wohnanlage sehen konnte. Um das Thema zu wechseln, zeigte er auf die Terrasse, die an seine angrenzte. „Ich werde wohl Gartenmöbel kaufen müssen.“

Offensichtlich war seine Ehe ein Tabuthema, und Maria wollte es von jetzt an auch dabei belassen. „Werden Sie Ihre Möbel hierher bringen lassen?“

Dane schüttelte den Kopf. „Ich habe meine Wohnung, so wie sie ist, untervermietet. Das hielt ich für die beste Lösung, bis ich weiß, ob dieser Job der richtige ist. Ich habe erst mal nur das Nötigste mitgebracht. Wissen Sie, wo man hier günstig Möbel kaufen kann?“

Maria spürte, dass Danes Lebensweg zurzeit nicht sehr gerade verlief. „Es gibt ein paar Möbelgeschäfte, in denen ich sehr gern einkaufe“, sagte sie. „Ich fahre heute Nachmittag nach Albuquerque“, fügte sie hinzu. „Wenn Sie mitkommen möchten, kann ich Ihnen alles zeigen.“

Dane kam von der Terrassentür zurück ins Zimmer, und sein Blick fiel auf ihr Gesicht und dann auf ihre Hüften. Sie konnte die Wärme spüren, die von ihm ausging, und ihr Herz begann heftig zu klopfen. Dabei gibt es doch gar keinen Grund dafür, versuchte sie sich einzureden.

Plötzlich kam Sunny angelaufen und zog an Marias Shorts. „Mommy, Saft?“

Die Spannung war unterbrochen. Maria bückte sich, nahm Sunny auf den Arm und drückte sie an sich. „Apfelsinen- oder Preiselbeersaft?“, fragte sie ihre Tochter.

„Appelsine.“

Es tat Maria fast weh, wie Dane das Mädchen ansah. Er wirkte so unendlich traurig. „Was machen Sie mit Sunny, wenn wir nach Albuquerque fahren?“, fragte er.

„Mitnehmen. Wir sind während der Woche so viel voneinander getrennt, dass ich an den Wochenenden versuche, jede freie Minute mit ihr zu verbringen.“

„Das verstehe ich gut.“ In seinen Worten lag echtes Mitgefühl. Trotzdem lehnte er ihr Angebot ab. „Ich glaube, es ist besser, wenn ich Albuquerque allein erforsche. Ich möchte nicht, dass Sie sich meinetwegen Umstände machen.“

Diese Begründung hörte sich überzeugend an, doch Maria merkte, dass er ihre Tochter nicht um sich haben wollte. Maria war nie schüchtern gewesen, und wenn er ein Problem im Umgang mit Kindern hatte, dann wollte sie wissen, warum.

Sie setzte ihre Tochter ab. „Frag bitte deine Puppe, ob sie auch Apfelsinensaft haben möchte. Dann bekommt Ihr beide welchen.“

Sunny strahlte ihre Mutter an und lief zum Sofa zurück.

„Was stimmt mit meiner Tochter nicht, dass Sie sich in ihrer Nähe nicht wohlfühlen? Sie waren doch Kinderkardiologe. Wie können Sie da Kinder nicht mögen?“

„Darüber möchte ich nicht sprechen“, antwortete Dane kurz angebunden.

„Darüber müssen wir aber sprechen. Es kommen viele Kinder in meine Praxis.“ Wenn es um die Betreuung ihrer Patienten ging, war Maria nicht bereit, Abstriche zu machen.

„Ich werde kein Problem haben, Patienten zu behandeln“, erklärte er in schroffem Ton.

Maria spürte, wie Dane eine Mauer um sich errichtete, aber was sollte sie tun? „Dane, wir werden zusammenarbeiten“, sagte sie also nur.

„Genau. Wir werden zusammenarbeiten. Das gibt Ihnen aber nicht das Recht, Ihre Nase in mein Privatleben zu stecken.“

Es gab keinen Grund dafür, dass sie sich verletzt fühlte, aber seine Worte schmerzten sie doch. „Stimmt“, sagte sie einlenkend. „Ich werde das beherzigen.“

Sunny war mit der Befragung ihrer Puppe fertig. „Puppa möchte Appelsine.“

Dane sah Sunny wieder an. „Ich gehe jetzt besser. Wenn ich dieses Wochenende schon freihabe, sollte ich mich etwas umschauen.“

„In Red Bluff wird morgen mehr als sonst los sein.“

„Warum?“

„Ein Mal im Jahr findet hier das große Chili Festival statt. Das lockt immer viele Touristen an. Der Dorfplatz wird voller Stände sein mit Kunstgewerbe und Essen.“

„Hört sich interessant an. Das werde ich mir dann wohl anschauen müssen“, bemerkte er höflich.

Sie war eher der Ansicht, dass man dem Trubel ausweichen sollte. Aber auch das ging sie ja nichts an. „Wann werden Sie hier einziehen?“, fragte sie noch.

„Ich weiß noch nicht genau. Aber ich werde es Sie wissen lassen. Bis Montag also.“

„Bis Montag“, antwortete sie, während sie die Tür hinter Dane zumachte.

Zum ersten Mal nach langer Zeit musste Maria an ihren geschiedenen Mann denken. Dabei war Dane völlig anders als Tony. Tony war auch Arzt. Sie hatten sich an der medizinischen Fakultät kennengelernt und sich wahrscheinlich wegen ihrer gemeinsamen indianischen Abstammung zueinander hingezogen gefühlt. Sie schienen so viele Gemeinsamkeiten zu haben, und ihre Eltern waren ganz begeistert gewesen, als sie sich verlobten. Aber Tony hatte nie verstanden, dass Maria so an ihrer Familie hing. Sie hatten ein Jahr lang zusammen in der Praxis gearbeitet, als er Arbeit außerhalb von Red Bluff suchte. Er hatte sich einfach für ein medizinisches Projekt in Afrika gemeldet und wollte, dass sie mit ihm ging.

Aber Maria wollte ihre vertraute Umgebung und ihre geliebte Familie nicht verlassen. Sie hatten sich zwar ziemlich heftig gestritten, aber als Tony ihr die Unterlagen für eine Fernscheidung schickte, hatte sie sich zutiefst erschrocken. Sie merkte, dass sie ihn immer noch liebte, und wollte ihre Ehe retten, auch wenn sie dafür zu ihm nach Afrika fahren musste.

Also hatte sie ihn mit ihrem Besuch überrascht. Sie hatten sich auch wieder versöhnt … bis sie herausfand, dass er schon eine neue Freundin hatte. Da war sie tief verletzt wieder nach Hause geflogen und hatte erst ein paar Wochen später gemerkt, dass ihr letzter Versöhnungsversuch nicht ohne Folgen geblieben war. Sie war schwanger, was Tony nie gewollt hatte.

Und jetzt gab es diesen Dane Cameron, der von ihrer Tochter nichts wissen wollte.

Nun, das machte nichts. Sie waren lediglich Arbeitskollegen, und seine Geheimnisse interessierten sie nicht. Schließlich wollte sie ihm ja auch nichts von den ihren erzählen.

Als Dane am Sonntag losfuhr, war der Himmel herrlich blau. Die Landschaft hier im Süden schien seine Schmerzen auf eine Weise lindern zu können, wie die Gegend im Nordwesten es nie gekonnt hatte. Vielleicht lag es daran, dass sie so völlig anders war. Vielleicht lag es daran, dass mit ihr keine Erinnerungen verknüpft waren. Vielleicht lag es aber auch einfach nur daran, dass er bereit war, die Welt mit anderen Augen zu sehen.

Es war für ihn eine völlig neue Erfahrung, die Autofahrt so ziellos zu genießen.

Nach dem Unfall hatte er lange Zeit wie in Trance gelebt, bis ihm klar wurde, dass seine Karriere als Kinderkardiologe zu Ende war. Jedenfalls konnte er nicht mehr operieren. Ein Jahr lang hatte er als wissenschaftlicher Berater gearbeitet und wie ein Schlafwandler von seiner Erfahrung gelebt. Dann hatte er die Anzeige im Ärzteblatt gelesen und sich für diese Arbeit in Red Bluff interessiert. Die Vorstellung, hier neu anfangen zu können, hatte ihn während der ganzen Zeit, in der er auf seine Zulassung für New Mexico gewartet hatte, irgendwie beflügelt. Vergangenen Monat hatte er sie endlich bekommen, und jetzt war er hier, fuhr durch die Wüste, bewunderte die Tafelberge und Klippen und hoffte auf eine Zukunft, die seine Vergangenheit ersetzen konnte.

Am frühen Abend kam er nach Red Bluff zurück und sah die Schilder, die auf das Chili Festival hinwiesen. Statt in sein Motel zu fahren, parkte er sein Auto so nah wie möglich am Dorfplatz. Die Hauptstraße entlang hatten alle möglichen Händler ihre Stände aufgestellt, und vom Platz her hörte er Musik – Geigen, Gitarren und ein Tamburin.

Dane blieb an einem großen Stand vor dem Kaufhaus stehen. Einige Frauen begutachteten gründlich ein paar Töpferwaren. „Maria wird immer besser“, sagte eine der Kundinnen zu ihrer Nachbarin. „Ich habe jetzt schon fünf Stücke von ihr.“

Es gab sicher mehr als nur eine Frau namens Maria in Red Bluff …

Aber dann sah Dane sie hinter dem Stand, wie sie einer Dame Wechselgeld und eine Tüte gab. Bei ihrem Anblick fiel Dane nur ein Wort ein, und das war „lebendig“. Sie strahle solch eine Lebensfreude aus mit der Art, wie sie sprach, wie sie sich bewegte und wie sie sich kleidete.

Als Maria die Frau zu Ende bedient hatte, wandte sie sich an eine andere, die vor dem Stand stehen geblieben war. Sie musste ihn aus dem Augenwinkel heraus gesehen haben. Dann trafen sich ihre Blicke, doch sie schaute schnell wieder weg und konzentrierte sich auf die Kundin.

Die kaufte eine Vase und ging dann einen Stand weiter. Erst da schenkte Maria Dane ihre Aufmerksamkeit. „Kann ich Ihnen irgendwie helfen?“, fragte sie höflich.

Dane vermutete, dass sie noch verärgert war wegen seiner ablehnenden Haltung vom Vortag, aber er hatte keine Ahnung, wie er das ändern sollte. Er wollte doch nur nichts wieder ausgraben, was er so mühsam versucht hatte zu begraben. Er nahm einen blaugrün gestreiften Übertopf in die Hand. Auf dem Boden war über einem Y ein M eingraviert.

„Haben Sie die gemacht?“ Dabei zeigte er mit einer ausladenden Handbewegung auf die ausgestellten Teller und Vasen.

„Das ist ein Hobby von mir“, erklärte sie in einem immer noch sehr distanzierten Tonfall.

„Wo machen Sie denn diese Arbeiten?“

„Ich habe auf der Ranch meiner Eltern eine Werkstatt.“

„Und dieses Kaufhaus verkauft Ihre Produkte?“

„Dieses Kaufhaus und ein Geschäft in Albuquerque. Dort bin ich gestern Nachmittag gewesen.“

Dane hatte den Eindruck, dass Maria absichtlich die Rede auf den gestrigen Nachmittag brachte. Sie war ganz offensichtlich einer dieser Menschen, welche die Dinge direkt angingen und Probleme am liebsten sofort lösten. Dann trat eine Frau mit lockigem, roten Haar hinter den Stand.

„Ich löse dich jetzt ab, mein Schatz“, sagte sie und tätschelte Maria den Arm. „Sobald du mir gesagt hast, wer dieser gut aussehende Fremde ist“, fügte sie hinzu.

Dane hatte den Eindruck, dass Maria eine leichte Röte ins Gesicht stieg, als sie ihm Clara Harrihan vorstellte, die Einsatzleiterin der Polizeistation.

„Meine Schwester ist mit dem Besitzer des Kaufhauses verheiratet“, erläuterte Clara. „Also habe ich mich bereit erklärt, heute auszuhelfen. Ich hörte, Sie haben am Freitag das Leben von Rod Coolridge gerettet. Jetzt will jeder in der Stadt Sie kennenlernen.“

„Hier spricht sich alles schnell herum“, ergänzte Maria mit einem bedauernden Unterton.

„Das ist einer der vielen Vorteile, wenn man in Red Bluff lebt. Man braucht noch nicht mal ein Telefon“, erklärte Clara grinsend. „Ich weiß noch, als du Tony nach Afrika nachgeflogen bist. Das Gesprächsthema Nummer eins in der Stadt. Es wurde sogar drei zu zwei gewettet, dass du nach spätestens einer Woche zurück sein würdest. Und das warst du dann ja auch.“

Jetzt war Maria dunkelrot angelaufen. „Daran kannst du sehen, dass die ganze Stadt vor mir wusste, dass die Ehe am Ende war.“ Sie legte eine Hand auf den Geldbeutel, der auf dem behelfsmäßigen Ladentisch hinter den Töpferwaren lag. „Ich habe gerade Wechselgeld geholt. Damit müsstest du bis zum Schluss auskommen.“

Clara reagierte nicht. Sie war viel zu sehr mit Dane beschäftigt. „Haben Sie schon unser berühmtes Red Bluff Chili probiert?“

„Noch nicht. Aber ich werde das jetzt nachholen. Es war nett, Sie kennengelernt zu haben.“

„Die Freude ist ganz meinerseits. Ich werde mich nächstes Mal in der Praxis ganz bestimmt unter Ihrem Namen eintragen.“ Und mit einem verschmitzten Lächeln fügte sie hinzu: „Es kann nicht schaden, wenn Virgil ein wenig eifersüchtig wird. Bis bald also.“

Als Maria hinter dem Stand hervorkam, sah sie den Ausdruck in Danes Gesicht und musste lachen. „Wahrscheinlich werde ich drei Viertel meiner weiblichen Patienten an Sie verlieren, wenn alle so denken wie Clara.“

„Das hat sie nicht ernst gemeint.“

„Das hat sie völlig ernst gemeint. Clara und Virgil Harrihan sind erst kurz verheiratet, und Virgil ist alles andere als romantisch. Er ist ebenfalls Hilfssheriff bei unserer Polizei.“

Dane schüttelte den Kopf. „Sie müssen mich warnen, wenn Clara in die Praxis kommt. Ich möchte sie lieber mit Ihnen gemeinsam behandeln.“

Wieder musste Maria lachen, und die Spannung zwischen ihnen schien zu verschwinden. „Haben Sie schon gegessen?“, fragte er sie.

Sie schüttelte den Kopf. „Dazu hatte ich noch keine Zeit.“

„Könnten wir zusammen etwas essen?“

Sie schaute auf die Uhr. „Ich muss Sunny in einer halben Stunde abholen.“

„Wo ist sie denn jetzt?“

„Drüben in der Schule bei Joe. Er und ein paar andere Teenager spielen mit den Kindern, deren Eltern mit Ständen oder Veranstaltungen beschäftigt sind.“

Maria trug auch heute einen Rock, dieses Mal aus einem fließenden Material, unter dem sich ihre Hüften und Beine beim Gehen abzeichneten. Ihre Bluse war aus demselben Stoff. Der runde Ausschnitt und die weiten Ärmel unterstrichen ihre Weiblichkeit.

Es gab mehrere Stände, an denen Chili verkauft wurde, aber Maria ging zielstrebig zu dem, an dem es das ihrer Meinung nach beste Chili gab.

„Ernesto gewinnt jedes Jahr. Er betreibt mit seiner Frau ein Restaurant im Osten der Stadt. Es heißt ‚La Cantina‘. Vielleicht haben Sie es ja schon gesehen.“

„Da habe ich gestern Abend gegessen. Aber ich habe nur ein Steak bestellt und nichts Exotisches probiert.“

„Da werden wir wohl Ihre Geschmacksnerven etwas beleben müssen“, zog sie ihn auf.

Im Moment jedenfalls brauchte er gar nichts Belebendes mehr. Maria an seiner Seite war genug Belebung. Noch nie hatte er sich von einer Frau so angezogen gefühlt. Schon bei dem Gedanken an Maria, hatte er das Gefühl, Ellen zu betrügen.

Wenige Minuten später hielten sie beide je eine Plastikschüssel in der Hand. Dane aß nur drei Löffel voll und hatte bereits das Gefühl, dass ihm der Rauch aus den Ohren kommen müsse. Hustend bat er den Verkäufer am Stand um eine Flasche Wasser.

Erst als er diese halb leer getrunken hatte, sah er stirnrunzelnd zu Maria hinüber, die tapfer versuchte, ihr Lächeln zu unterdrücken. „Das schmeckt doch gut, oder?“

Ihre braunen Augen funkelten vor Vergnügen. „Dabei haben wir noch nicht mal die extrascharfe Version genommen.“

„Okay. Ich will kein Spielverderber sein und esse meine Portion auf. Aber dann gehen wir noch ein Eis essen.“

Sie kauften sich ein Zitroneneis und fanden am Rande des ganzen Rummels, der sich um den Platz herum abspielte, eine Bank. Die Musik, nach der einige Paare tanzten, klang angenehm durch die kühler werdende Abendluft zu ihnen herüber. Der Abendhimmel färbte sich purpurrot, und die Lichter gingen an. Als er mit dem Knie an Marias Rock kam, rückte sie von ihm ab.

Dennoch beugte er sich zu ihr hinüber. „Wie lange sind Sie schon geschieden?“

Sie aß einen Löffel Zitroneneis, und ihre Lippen glänzten. „Lange bevor Sunny geboren wurde.“

„Wusste Ihr Mann, dass Sie schwanger waren?“ Dane war selbst überrascht über seine direkte Frage.

Maria überlegte lange, bevor sie antwortete. „Als ich merkte, dass ich schwanger war, und es ihm erzählte, da wollte er mein Kind jedenfalls nicht mehr.“ Dane konnte den Schmerz heraushören, der in ihrer Stimme mitschwang.

„Dann muss er ein Idiot gewesen sein.“

Sie warf ihm einen Blick zu, der seine Worte bestätigte, und konzentrierte sich wieder auf ihr Zitroneneis. „Danke, dass Sie das gesagt haben. Aber ich war an der Situation wohl genauso schuld wie er. Als ich aufwachte und unsere Ehe retten wollte, war es für ihn zu spät.“

„Warum?“, fragte Dane, obwohl er wusste, dass er kein Recht hatte, sie danach zu fragen.

„Er war weitergegangen.“

„Und wenn auch …“

Sie schüttelte den Kopf. „Zu der Zeit lagen bereits zu viele Verletzungen zwischen uns. Und ich war so enttäuscht … Er war übrigens auch Arzt“, erklärte sie mit leiser Stimme. „Ich verstehe immer noch nicht, wie er an Abtreibung denken konnte. Das hätte ich nie gekonnt – unter gar keinen Umständen. Die Tatsache, dass er es überhaupt vorschlagen konnte, war nur ein weiterer Beweis dafür, dass er mich überhaupt nicht kannte.“ Die Erregung, die Dane in Marias Gesicht entdeckte, begleitete auch ihre Worte.

Zwei Nächte lang hatte Dane nun schon von Maria geträumt. Es waren erotische Träume gewesen, die sich gründlich von den Albträumen unterschieden, die er seit dem Unfall immer wieder gehabt hatte. Jetzt, wo er so dicht neben ihr saß und den blumigen Duft ihres Parfums einatmete, konnte er der Versuchung nicht mehr widerstehen, streckte die Hand aus und berührte eine der Haarsträhnen, die ihr über die Wangen hingen.

Sie schaute ihn an und schien wortlos zu fragen, ob er wusste, was er da tat.

Nein, er wusste es nicht.

Er strich ihr mit dem Handrücken über die Haut und spürte, wie sie zitterte. „In Ihnen lodert ein Feuer, Maria, das ich noch in keiner Frau bisher entdeckt habe.“

„Ich bin sicher, das bilden Sie sich nur ein“, murmelte sie. „Sie haben zu viel Chili gegessen.“

Sie lächelte ihn unsicher an, und sein Verlangen, sie zu küssen, wurde immer stärker. Er konnte an nichts anderes mehr denken.

„Die Leute werden reden“, warnte sie flüsternd, als er näher an sie heranrückte.

Im Hintergrund hörte man Gitarren, der Geruch von Chili, frisch gebackenen Maisfladen und Pommes frites zog durch die Luft. „Was werden sie denn reden?“

„Sie werden sagen, dass ich schon zu lange ohne einen Mann lebe, dass Sie das ausnutzen und dass ich für meine Tochter ein schlechtes Beispiel bin.“

Sie rückte nicht von ihm ab, und Dane schloss daraus, dass sie sich von ihm genauso angezogen fühlte wie er sich von ihr. Aber sie hatte mit ihren Worten eine Grenze gezogen, die er respektieren musste.

Schweren Herzens ließ er ihr Haar los, und dann zwang er sich, auch den Blick von ihr zu lösen.

Er griff zum Eisbecher, den er neben sich abgestellt hatte, und löffelte ihn gewissenhaft leer. Während das Eis ihm im Mund schmolz, versuchte er, das Verlangen einzudämmen, das ihm durch den ganzen Körper loderte, seit er Maria berührt hatte. Die Stille zwischen ihnen wurde nur von der Musik erfüllt, bis Wyatt Baumgardner mit einem breiten Lächeln auf dem Gesicht zu ihnen herüber kam. Statt der Polizeiuniform trug er Jeans, einen Cowboyhut und ein Hemd im Westernstil.

„Hi, Doc“, sagte er zu Dane. „Rod ist auch hier irgendwo. Er will Ihnen danken, dass Sie ihm das Leben gerettet haben.“

„Ich habe nur meine Arbeit gemacht“, erwiderte Dane.

Zu Maria gewandt lüftete Wyatt seinen Hut. „Ich dachte, du tanzt vielleicht eine Runde mit mir. Wie wär’s?“

Es tanzten bereits mehrere Paare. Die Nacht war hereingebrochen, und die bunten Lampions verbreiteten eine Art Karnevalsatmosphäre. Dane fiel auf, dass Wyatt und Maria ungefähr gleich alt waren, sie waren beide Mitte dreißig. Ob sie wohl miteinander gehen? durchzuckte es ihn.

Maria sah Dane erwartungsvoll an, als wenn sie darauf wartete, dass er Einspruch erhob. Oder wartete sie darauf, dass er selbst Anrecht auf diesen Tanz anmeldete? Aber er hatte nicht vor zu tanzen. Sie war für ihn die verkörperte Vitalität, und er hätte sie gern in den Armen gehalten. Er hätte gern noch viel mehr mit ihr gemacht.

Also nickte er nur in Richtung Tanzfläche. „Gehen Sie ruhig und amüsieren Sie sich“, sagte er.

Maria sah ihn herausfordernd, ja fast wütend an und sagte dann zu Wyatt: „Ich tanze sehr gern mit dir.“

Sie stand auf, stellte ihren Eisbecher auf die Bank und ergriff die Hand, die Wyatt ihr entgegenstreckte. Der Polizist führte sie zur Tanzfläche unter den bunten Lampions, und Maria strahlte ihn an, als er ihr zum Tanz den Arm um die Taille legte.

Aber sie tanzte eigentlich nur automatisch. Nach wenigen Minuten schaute sie Wyatt über die Schulter zur Bank hinüber. Dane beobachtete sie, und sie fragte sich, was ihm wohl durch den Kopf ging. Er war kurz davor gewesen, sie zu küssen, und sie hätte ihn auch gelassen, so leichtsinnig das auch in aller Öffentlichkeit gewesen wäre.

Während sie dagegen mit Wyatt tanzte, merkte sie, dass ihr das Herz nicht höher schlug, ihr Puls nicht raste, und dass keine Schauer ihr über die Haut liefen. Als Dane sie vorhin berührt hatte, hatte sich ihre ganze Welt schneller gedreht, und sie hatte kaum noch zu atmen gewagt.

Was war es bloß, was sie an Dane Cameron so faszinierte?

Wyatt drehte sie herum, und sie folgte mühelos seinen komplizierten Schritten. Als sie wieder zur Bank hinüber schauen konnte, auf der sie mit Dane gesessen hatte, sah sie, dass er gegangen war.

3. KAPITEL

Dane stand an der Theke des Untersuchungszimmers und überflog die Notizen, die Maria über einen ihrer Patienten gemacht hatte. Es war schon merkwürdig, wie schnell er sich in die tägliche Routine in der Praxis eingearbeitet hatte. Heute war erst sein vierter Tag, und es kam ihm vor, als wenn er schon seit Ewigkeiten hier war. Er schaute sich Virgil Harrihan an. Bei seinem letzten Besuch am Montag hatte Maria ihm ein Medikament gegen Sodbrennen verschrieben.

„Das Mittel hilft nicht, Doc“, sagte der Patient jetzt schon zum zweiten Mal.

„Sie nehmen es doch erst seit ein paar Tagen, Mr. Harrihan“, gab Dane zu bedenken.

„Nennen Sie mich ruhig Virgil, Doc. Ich weiß, dass es vom Chili am Sonntag hätte kommen können, aber ich habe das Problem schon länger.“

„Haben Sie das Dr. Youngbear am Montag gesagt?“

„Nun, nicht so genau. Ich habe ihr nur gesagt, dass es nach dem Chili anfing. Ich wollte mir nicht wieder ihren Vortrag darüber anhören, dass ich abnehmen muss. Den hat sie mir schon im letzten Jahr gehalten, als ich zur Routineuntersuchung hier war. Clara hat mir danach einen Monat lang nur langweiliges Essen vorgesetzt.“

Dane unterdrückte ein Lächeln. „Gutes Essen ist der Schlüssel zu einer guten Gesundheit“, sagte er in strengem Tonfall.

„Ja, aber was hat man denn von einer guten Gesundheit, wenn das Leben keinen Spaß mehr macht?“

Dane hatte Virgil während ihrer Unterhaltung gründlich untersucht und nichts Außergewöhnliches gefunden. Dennoch … „Ich habe in Ihrer Akte gelesen, dass Ihr Vater an einem Herzinfarkt gestorben ist.“

„Stimmt. Kippte eines Tages beim Autowaschen einfach um. Dabei war er erst achtundfünfzig Jahre alt.“

Dane blätterte weiter durch Virgils Unterlagen auf der Suche nach den Ergebnissen einer Blutuntersuchung, konnte aber keine finden.

„Clara hat mir erzählt, dass Sie aus New York sind“, sagte Virgil.

„Eigentlich stamme ich aus Connecticut.“

„Sie waren wahrscheinlich auf einer dieser tollen Universitäten, oder?“

„Ich weiß zwar nicht, was Sie toll nennen, aber sie war gut.“

Virgils ohnehin kräftige Gesichtsfarbe wurde noch etwas roter. „Und warum sind Sie dann zu uns gekommen?“, bohrte er weiter. Er war fest entschlossen herauszufinden, was er wissen wollte.

Dane klappte Virgils Akte zu. „Ich brauchte eine Abwechslung.“

„Ihre Hand ist irgendwie steif. Hat das was damit zu tun?“ Wer immer es bisher gemerkt hatte, hatte ihn nicht darauf angesprochen, aber Virgil war offensichtlich sehr direkt.

„Ich war Kinderkardiologe, aber mit dieser Hand konnte ich nicht mehr operieren.“

Virgil zog die Augenbrauen hoch. „Mann! Wie ist das denn passiert?“

„Ich hatte einen Unfall.“ Und damit wollte Dane die Unterhaltung beenden. „Ich brauche Ihre Blutwerte. Sie können morgen zur Blutuntersuchung ins Krankenhaus fahren, aber Sie dürfen vorher zwölf Stunden lang absolut nichts essen und – außer Wasser – auch nichts trinken.“

„Glauben Sie, es ist nicht nur Sodbrennen?“

„Ich möchte nur mehr Anhaltspunkte haben. Nehmen Sie bitte weiter das Medikament, das Dr. Youngbear Ihnen verschrieben hat.“

„Was halten Sie von ihr?“, fragte Virgil weiter.

Das Gespräch nahm eine unerwartete Wende. „Ich habe erst ein paar Tage mit ihr gearbeitet, aber …“

„Sie ist eine gute Ärztin. Das meine ich nicht.“

„Was meinen Sie dann?“, fragte Dane und sah Virgil fest an.

Der Polizist zuckte die Schultern. „Clara hat mir erzählt, dass Sie zusammen bei dem Chili Festival waren. Maria ist eine hübsche Frau. Ich dachte nur, dass da vielleicht nicht nur das Chili gekocht hat.“

Dane wusste nicht, ob Virgils Einschätzung der Lage ihn ärgerte oder eher amüsieren sollte. Tatsache war, dass das Verhältnis zwischen ihm und Maria seit Sonntag etwas gespannt war. Er war ohne sich zu verabschieden einfach gegangen, und damit hatte er sie offensichtlich verärgert. Denn als er am Montagmorgen in die Praxis gekommen war, war sie äußerst distanziert gewesen und seitdem nicht über Höflichkeitsfloskeln hinaus gegangen.

Jetzt suchte er nach einer diplomatischen Lösung, um Virgil in seine Schranken zu weisen. „Mr. Harrihan …“

„Virgil“, verbe...

Autor

Meredith Webber
Bevor Meredith Webber sich entschloss, Arztromane zu schreiben, war sie als Lehrerin tätig, besaß ein eigenes Geschäft, jobbte im Reisebüro und in einem Schweinezuchtbetrieb, arbeitete auf Baustellen, war Sozialarbeiterin für Behinderte und half beim medizinischen Notdienst.
Aber all das genügte ihr nicht, und sie suchte nach einer neuen Herausforderung, die sie...
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Marion Lennox
Marion wuchs in einer ländlichen Gemeinde in einer Gegend Australiens auf, wo es das ganze Jahr über keine Dürre gibt. Da es auf der abgelegenen Farm kaum Abwechslung gab, war es kein Wunder, dass sie sich die Zeit mit lesen und schreiben vertrieb. Statt ihren Wunschberuf Liebesromanautorin zu ergreifen, entschied...
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